Konsum

26. Januar 2015 05:58; Akt: 26.01.2015 05:58 Print

Billig oder bio? Die Schweiz hat eine Shopping-Kluft

von J. Büchi - Tiefpreis-Poulet vom Discounter versus vegane Superfoods aus dem Reformhaus: Noch nie waren die Einkaufsgewohnheiten der Schweizer so unterschiedlich.

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«Migros- oder Coop-Kind?»: Früher entschied sich das Konsumverhalten der Schweizer im Wesentlichen an dieser Frage. Heute gehen die Einkaufsgewohnheiten der Schweizer Konsumenten deutlich stärker auseinander: Superbillige Lebensmittel boomen genauso wie top-exklusive.

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So liefern sich Hard-Discounter auf der einen Seite einen Preiskrieg um die billigsten Tiefkühlwaren. Erst kürzlich drückte Aldi den Preis für eine Pizza Margherita auf 99 Rappen. Nach der Aufhebung des Mindestkurses gibts die Billig-Pizza sogar für 85 Rappen. Dass die Tiefpreis-Strategie aufgeht, zeigt sich unter anderem daran, dass die Discounter laufend expandieren. Lidl Schweiz, der seine ersten Schweizer Shops 2009 einweihte, wird in wenigen Tagen in Wangs SG seine hundertste Filiale eröffnen.

Gute Zeiten erleben auf der anderen Seite aber auch Gourmetgeschäfte und Reformhäuser. «Kundenzahl und Umsätze steigen seit Jahren kontinuierlich», freut sich etwa Stefan Rot, Geschäftsführer der Müller Reformhaus Vital Shops. Insbesondere vegane Produkte und natürliche Zusätze für Smoothies seien derzeit stark nachgefragt. Für Weizengraspulver, Matcha-Tee oder Chia-Samen – sogenannte Superfoods – griffen die Kunden tief in die Taschen. Auch bei Globus Delicatessa heisst es: «Für Artikel, die einen Mehrwert bieten, sind Kunden bereit, viel Geld auszugeben.» Gefragt seien «spannende und spezielle Produkte, die Qualität, Einzigartigkeit und Hintergrundgeschichten aufweisen».

Geiz ist nicht für alle geil

Konsumpsychologe Christian Fichter bestätigt, es gebe eine zunehmende Kluft zwischen sehr preissensiblen und sehr anspruchsvollen Konsumenten. Die beiden Trends hätten einen direkten Zusammenhang: «Erst als Hard-Discounter wie Aldi und Lidl hierzulande ihre Filialen eröffneten, kam die Geiz-ist-geil-Mentalität so richtig in der Schweiz an.» Dies habe gleichzeitig eine Gegenreaktion provoziert: «Viele Leute wollten ein Zeichen setzen: Indem sie in Gourmetgeschäften und Bioläden einkaufen, signalisieren sie, dass sie sich hochwertige Lebensmittel leisten können und wollen.»

Zudem habe die Bewegung der sogenannten Lohas – Personen mit einem besonders gesunden und nachhaltigen Lebensstil (von englisch «lifestyles of health and sustainability») – durch die diversen Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre Auftrieb erhalten. Viele Leute hätten sich gefragt: «Will ich wirklich ein chemiegetränktes Billigpoulet auf dem Tisch?» Bei ihnen stehe der Gesundheitsgedanke im Vordergrund.

Steigende Nachfrage erwartet

Auch Stefan Rot vom Müller Reformhaus führt den Boom in seinen Geschäften darauf zurück. «Die Tendenz zu billig produzierten Lebensmitteln auf der einen Seite wird den Trend zu hochwertigen Produkten auf der anderen Seite weiter verstärken», ist er überzeugt.

Auf eine weiterhin steigende Nachfrage stellen sich auch Aldi und Lidl ein. «Anfänglich mit Argwohn betrachtet, sind wir nun nach 10 Jahren eine fixe Grösse in der Schweizer Detailhandelslandschaft», freut sich Aldi-Sprecher Philippe Vetterli. Man spreche inzwischen Kunden jeden Alters an – von Studenten über Familien bis hin zu Senioren.

Lohn und kulturelle Zugehörigkeit ausschlaggebend

Den Spagat zwischen beiden Kundengruppen wagt Coop. «Die Kundenbedürfnisse sind in den letzten Jahren vielfältiger geworden», sagt Sprecher Ramón Gander, «deshalb haben wir stark in den Ausbau und die Struktur unseres Sortiments investiert.» Sowohl das Prix-Garantie-Sortiment als auch das Fine-Food-Angebot entwickle sich «erfreulich».

Die unterschiedlichen Vorlieben der Konsumenten haben ihre Ursache laut Psychologe Christian Fichter zwar auch in der sich öffnenden Lohnschere: «Während sich Schweizer Doppelverdiener-Paare fast alles leisten können, müssen Working Poors jeden Rappen zweimal umdrehen.» Allerdings gebe es durchaus Leute aus der oberen Mittelschicht, die ebenfalls in Aldi und Lidl einkaufen – das Einkommen sei also nicht die einzige Erklärung. Ein weiterer Faktor sei etwa die kulturelle Zugehörigkeit. «Leute mit Migrationshintergrund reagieren tendenziell etwas weniger sensitiv auf Gesundheitsbotschaften als Schweizer.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mami am 26.01.2015 08:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Freiwillig ????

    Sorry.... Mich Macht es traurig,wie man immer auf Menschen hinunter schaut,welche in Aldi oder in Deutschland einkauft! Traurig und wütend. Wir sind eine 4köpfige Familie und mit dem Lohn meines Mannes und ein wenig von mir können wir nicht einkaufen,wie ihr. Es reicht ja so fast nicht. Wiesst ihr wie gerne ich beim Metzger oder im Reformhaus einkaufen würde? Aber wo sparen,wenn nichts da ist? Denkt mal über eure arrogante Haltung nach? Und vielleicht auch,weshalb die Leute da einkaufen,wo sie einkaufen....

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  • Gerhard Mächt am 26.01.2015 06:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gruusigfood

    Zieht man von den 99 Rappen für die Pizza dann Löhne, Produktionskosten, Logistik, Verpackung usw ab kann man sich fragen wieviel dann noch für Zutaten übrigbleibt. Also das was schlussendlich im Konsumentenmagen landet :) Bon Appetit!

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  • Qsi am 26.01.2015 07:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fair Trade & Bio

    Ich achte grundsätzlich auf Fair Trade und Bio, kann aber sehr gut nachvollziehen, dass es sich schlichtweg nicht alle leisten können, auch noch für Nachhaltigkeit und fairen Handel zu bezahlen. Von daher verurteile ich niemanden, der sich das nicht leisten kann, aber es ist eigentlich eine traurig, dass wir in einem so reichen Land Workingpoor's haben, die gezwungen sind auf Qualität und Nachhaltigkeit verzichten zu müssen!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • saa am 27.01.2015 22:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ja genau!

    kein geld für? ja genau! vielleicht einfach mal weniger ausgehn oder mal keine neuen kleider kaufen...

  • christina am 27.01.2015 22:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ich mag regional, muss aber nicht immer bio sein

    mir persönlich sind regionale produkte sehr wichtig, weil wir unsere bauern unterstützen sollten und keine graue energie verschwenden sollte. wenn es dann produkte aus dem ausland sein müssen finde ich fairtrade wichtig(lieber max havelar bananen statt chiquita). es gibt tolle bio produkte, vorallem wenn man auf gewisse schlechte inhalte (z.b. eier aus bodenhaltung/palmöl) verzichten möchte. trotzdem finde ich es absolut okay gewisse produkte in deutschland zu holen. wieso sollte ich z.b. für ein hochwertiges shampoo (z.b. lavera) drei mal so viel bezahlen wenn ich es im dm günstig kriege. und apropos nicht freiwillig billig produkte kaufen, weil man vier kinder hat; vlt zu erst über familienplanung nachdenken, wenn man es sich nicht leisten kann und dann den kindern billigware vorsetzen muss. wäre ja gerade wichtig der jungen generation beizubringen weswegen gute, faire und regionale produkte wichtig sind.

  • Marianne am 27.01.2015 22:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und die Produzenten?

    mit 85 Rappen die Kosten decken? unmöglich! Der Konsument schätzt die Gute Qualität nicht von Lebensmitteln und diese hat seinen Preis!! Möglichst Ökologisch, Nachhaltig und Billig soll es sein. Die heutigen Landwirte werden nur noch gefordert und erhalten weder rechten Lohn noch respekt dafür!

  • nina am 27.01.2015 21:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wir machen es gleich

    auch wir kaufen vieles in Deutschland ein, da wir auch aufs Geld schauen müssen. Dafür können wir unseren Kindern mal eine extra Freude mit einer Kleinigkeit machen oder mit ihnen mal auswärts essen gehen, dies aber in deutschland.

    • Gianchen am 27.01.2015 22:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Lebensende?

      Ihr könntet also nicht mehr leben wenn der Euro wieder 1.60 wäre?

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  • Pascal Marty am 27.01.2015 20:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eigene Entscheidungen

    Hallo zusammen. Warum müssen alle Personen immer gleich in verschiedene "Ebenen" eingestuft werden.? Lasst doch alle Leute dorf einkaufen wo sie wollen oder nicht anderst können. Was ist wenn man am sparen ist und einfach im Aldi oder Lidl einkaufen will.? Man sieht wirklich immer wieder das diese eben genannten Läden sehr viel im K-Tipp sehr gut abschneiden, also wiso darf man nicht dort einkaufen und wird nicht gerade abgestuft.? Schon mal darüber nachgedacht.?

    • Karl Kunz am 28.01.2015 00:19 Report Diesen Beitrag melden

      Die TK-Pizza für 6.99 ist kaum besser!

      Schaut euch auf den Parkplätzen von Lidl und Aldi um. Alles Bettler? Oder Leute, die auch ein Mal preiswert einkaufen gehen ohne Skrupel zu haben? Eine Pizza für 99 Rappen für 4 Personen kein Problem, aber selbst gemacht, braucht etwas Köpfchen und Arbeit. Aber bei den letzteren 2 Dingen "löscht" es vielen schon ab.

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