Zeitumstellung

27. März 2019 07:04; Akt: 27.03.2019 07:04 Print

Wird die Schweiz jetzt wieder zur Zeitinsel?

Das EU-Parlament hat entschieden: Die Zeitumstellung wird abgeschafft. Es droht ein Flickenteppich, und die Schweiz ist mittendrin.

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Das Europaparlament hat am Dienstag über eine Abschaffung der umstrittenen Zeitumstellung abgestimmt. Nun ist klar: Die Zeitumstellung soll ab 2021 verschwinden. Ein sinnvoller Entscheid, findet SVP-Nationalrätin Yvette Estermann – aber nur, wenn sich der Bundesrat für die Einführung der Normalzeit in der Schweiz entscheide. Eine ewige Sommerzeit hingegen würde sie bekämpfen, so Estermann. Diese führe zu Schlaf- und Konzentrationsstörungen und sei ökonomisch unsinnig. SP-Nationalrat Matthias Aebischer sagt, oberste Priorität habe, dass es alle gleich machten. Aus bildungspolitischen Gründen sei er für die Normalzeit: «Sonst müssten Schüler im Wintern bis zur Pause im Dunkeln sitzen.» Eingeführt wurde die Sommerzeit 1973 in Europa anlässlich der Ölkrise und mit dem Gedanken, Energie zu sparen. Mit der Zeitverschiebung sollte eine Stunde Tageslicht für Unternehmen und Haushalte gewonnen werden. Die Schweiz führte die Sommerzeit 1981 ein, um sich den Nachbarländern anzupassen. Vorher war sie in einer Volksabstimmung abgelehnt worden. Fachleute zweifeln mittlerweile am Nutzen: Zwar schaltet man im Sommer abends seltener das Licht an, ... ... dafür wird im Frühling und im Herbst in den Morgenstunden mehr geheizt. Laut einer Studie des deutschen Büros für Technikfolgenabschätzung von 2015 liegt die Einsparung bei weniger als 0,03 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs. Der Rückgang der für Beleuchtung nötigen Energie liegt bei 0,21 Prozent. Zudem führt es zu gesundheitlichen Problemen, wenn an der Uhr gedreht wird. Man sagt, im Durchschnitt benötigen Menschen ein bis zwei Tage, bis die innere Uhr wieder richtig tickt. Müdigkeit, ... ... verminderte Leistungsfähigkeit und ... ... vermehrte Herzinfarkte sind die Folge. Ein Schlafforscher nannte das einst «Jetlag unter erschwerten Bedingungen». Doch nicht jeder ist nach ein bis zwei Tagen wieder im Rhythmus. Vor allem ältere Menschen, Kinder oder Menschen mit Schlafstörungen tun sich damit eher schwer – die Eingewöhnungsphase kann bei ihnen bis zu sieben Woche dauern. Auch das Schlaganfallrisiko und ... ... die Infektanfälligkeit sind in den Tagen nach der Umstellung erhöht. Zudem ... ... wurde nach der Umstellung im Frühling eine erhöhte Fehlgeburtenrate bei künstlich befruchteten Frauen festgestellt. Der Körper wird während der Sommerzeit von der Natur zum selben Stand der Sonne fit gemacht, auch wenn er eine Stunde eher geweckt wird. Das liegt daran, dass die Wirkung des Stresshormons Cortisol nicht der veränderten Uhrzeit, sondern dem Sonnenaufgang folgt. Nach der Zeitumstellung im Frühling schläft man in den ersten Tagen durchschnittlich 40 bis 50 Minuten weniger. Zudem schläft man nach der Umstellung sowohl im Herbst wie im Frühling deutlich unruhiger. Nach der Umstellung im Herbst werden sprunghaft mehr Winterdepressionen diagnostiziert. Das liegt wohl daran, dass dadurch der Winter schlagartig fassbar wird, was eine Art psychologischen Schock auslösen kann. Die Menstruation kann bei Frauen, die nicht hormonell verhüten, bis zu zehn Tage später einsetzen. Die Verschiebung des Zyklus kann bis zu drei Monate andauern. Da sich Wildtiere am Sonnenlicht orientieren und keine Zeitumstellung kennen, kommt es bis zu vier Wochen nach der Zeitumstellung zu überdurchschnittlich vielen Wildtierunfällen. Mehrere Studien haben zudem ergeben, dass am Montag nach der Zeitumstellung generell mehr Unfälle passieren. Schuld daran: Der Sekundenschlaf, die morgendliche Dunkelheit und die verwirrte innere Uhr. Doch nicht nur der Mensch, auch das Vieh hat Mühe mit der Zeitumstellung. Eine Kuh kann nicht einfach eine Stunde später gemolken werden, wenn bereits 20 bis 25 Liter Milch im Euter warten. Sonst drohen Euterentzündungen. Die Bauern behelfen sich damit, dass sie die Melkzeit bereits ein paar Tage vor der Sommerzeit schrittweise nach vorne verlegen. Das funktioniert.

Zum Thema
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Die Zeitumstellung soll in der EU ab dem Jahr 2021 Geschichte sein. Das hat das EU-Parlament am Dienstag entschieden. Damit beginnen die Streitereien: Jedes Land muss für sich nun entscheiden, ob es die ewige Sommer- oder die ewige Winterzeit will. Die Länder rund um die Schweiz sind sich nicht einig. Wird das Land nun wieder zur Zeitinsel, wie es zwischen 1980 und 1981 der Fall war?

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Möglich sei alles, sagt Jürg Niederhauser vom Eidgenössischen Institut für Metrologie. «Dass sich Deutschland und Frankreich anders entscheiden, ist nicht ausgeschlossen», sagt er. «Die Staaten haben aber ein Interesse daran, sich zu koordinieren.» Im Moment seien entsprechende Gespräche in Gang. Frankreich und Österreich seien eher für die Normalzeit – also die ewige Winterzeit –, Deutschland sei unentschlossen.

Bevölkerung will Sommerzeit

Grosse Teile der Bevölkerung wünschen sich eher die Sommerzeit. In einer Online-Umfrage der EU sprachen sich 80 Prozent der Teilnehmer für die ewige Sommerzeit aus. Die Schweiz habe immer darauf geschaut, keine Zeitinsel zu werden, sagt Niederhauser. «Bei einer Umstellung würde man schauen, sie in Übereinstimmung mit den Nachbarstaaten vorzunehmen. Nach jetzigem Stand wäre das ab 2021 der Fall.»

Der Bundesrat kann die Abschaffung der Zeitumstellung in Eigenregie beschliessen, wenn er sich für die ewige Winterzeit entscheidet. Die ist die gesetzliche Zeit. Eine Umstellung zur ewigen Sommerzeit bedürfte hingegen einer Gesetzesänderung und würde die Möglichkeit des Referendums eröffnen. «In diesem Fall würde es ganz sicher zu einer Abstimmung kommen», so Niederhauser.

Kommt das Referendum?

SVP-Nationalrätin Yvette Estermann kündigt bereits Widerstand an, sollte der Bundesrat die ewige Sommerzeit beschliessen. «Dagegen würde ich mit allen demokratischen Mitteln vorgehen», sagt sie. Die Abschaffung der Zeitumstellung und der Entscheid des EU-Parlaments seien sinnvoll – aber nur, wenn die Normalzeit eingeführt werde. «Ärzte und Schlafforscher warnen vor der ewigen Sommerzeit», sagt Estermann. Sie führe zu Unfällen und Konzentrationsstörungen.

SP-Nationalrat Matthias Aebischer sagt, Priorität habe, dass es alle Staaten gleich machten. Die Schweiz müsse nur schon aus praktischen Überlegungen mitziehen. Wenn er auswählen könnte, wäre er für die Normalzeit – aus bildungspolitischen Überlegungen: «Schüler müssten sonst im Winter bis zur grossen Pause im Dunkeln sitzen.» Das sei zudem für die Arbeit unattraktiv – auch wenn er früher als Journalist gearbeitet habe, die eher später mit der Arbeit begännen: «Damals wäre mir das natürlich entgegengekommen», so Aebischer mit einem Schmunzeln.

Noch nicht beschlossen

Noch ist die Abschaffung der Zeitumstellung nicht in trockenen Tüchern. Der EU-Rat hat das letzte Wort. Er entscheidet im Juni über das Geschäft. Die Uhren würden erstmals 2021 nicht mehr umgestellt. Diese Frist würde laut dem Metas genügen, um eine Gesetzesänderung zu beschliessen und eine allfällige Abstimmung abzuhalten.

Die Sommerzeit wurde ursprünglich als Reaktion auf die Ölkrise von 1973 eingeführt, um Energie zu sparen. In den Nachbarländern trat die jährliche Umstellung auf die Sommerzeit 1980 in Kraft. In der Schweiz wurde dieselbe Umstellung 1978 an der Urne verworfen, sodass das Land ab 1980 eine Zeitinsel war. Lange wähnte dieser Zustand nicht: Ein rasch auf den Weg gebrachtes Gesetz führte zur Einführung der Zeitumstellung im Jahr 1981, eine Initiative dagegen kam nicht zustande.

Dass mit der Sommerzeit der Energieverbrauch gedrosselt werden kann, gilt mittlerweile als widerlegt. Das deutsche Umweltbundesamt stellte etwa fest, dass die Umstellung keinen messbaren Einfluss hat, andere Studien kamen gar zu einem gegenteiligen Schluss. Als Argument für die Sommerzeit wird häufig angeführt, dass am Abend länger Tageslicht herrscht, was den Freizeitaktivitäten der meisten Menschen entgegenkommt. Dafür ist es beim Einschlafen wärmer – und am Morgen länger dunkel, was dem Schlafrhythmus insbesondere junger Menschen weniger entspricht.

(ehs)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Seraina am 27.03.2019 07:30 Report Diesen Beitrag melden

    Kantonale Regelung für die CH

    In der Schweiz sollte dies unbedingt neu kantonal geregelt werden... Ironie off

    einklappen einklappen
  • Peter M am 27.03.2019 07:20 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Problem

    Irgendjemand in der EU wird das schon für uns bestimmen und Bern sagt Ja und Amen dazu.

    einklappen einklappen
  • Fred am 27.03.2019 07:21 Report Diesen Beitrag melden

    Umfrage lässt gar keine Schlüsse zu

    Vergesst die sog. Online-Umfrage zur Zeitumstellung in der EU. Daran nahmen gerade mal 5 Mio EU-Bürger also ganze 1% teil, davon 3 Mio aus D. Daraus irgendwas oder gar die Mehrheit der EU-Bürger wünscht dauerhaft Sommerzeit, zu schliessen ist Mumpiz.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Roli am 27.03.2019 13:48 Report Diesen Beitrag melden

    Ein paar Fragen

    Wie viele von euch reisen täglich über die Grenze oder habt Telefonkonferenzen mit dem benachbarten Ausland? Falls ja, ist es unmöglich eine Stunde Zeitunterschied einzurechnen? Wie konnte man nur mit GB geschäften all die Jahre? Muss Portugal die gleiche Zeit haben wie Lettland?

  • Peter Zyler am 27.03.2019 13:32 Report Diesen Beitrag melden

    Wer hat an der Uhr gedreht?

    Ich sehe sie schon plastisch vor mir, die Zeiten, an denen wir nach Österreich reisen (via Lichtenstein) und dabei 2 mal an der Uhr drehen müssen.

  • Captain Hindsight am 27.03.2019 13:31 Report Diesen Beitrag melden

    Eigenständig handeln

    Ich bin dafür, dass in der Schweiz die Zeit so gilt, dass es 12:00 Uhr ist, wenn die Sonne über Bern am Höchsten steht. Unabhängig davon, was die EU entscheidet.

  • Böhmer am 27.03.2019 13:30 Report Diesen Beitrag melden

    Einzig richtige (Winter)Zeit

    Dass die meisten die Sommerzeit wollen ist doch eine rein Subjektive entscheidung. Sommer heisst schön warm, lange hell und die Lebensfreude ist grösser. Der Winter ist kalt, nass und düster. Die meisten schnallen halt nicht, dass der Sommer genau gleich schön sein wird mit gleichvielen Sonnenstunden. Aber für den Rhytmus und den Alltag ist und bleibt die "Winterzeit" die richtige. Ich hoffe dass das die Bürger, auch der EU, erkennen werden. Andernfalls werden sehr sehr viele Leute spätestens nach einem Jahr ausgebrannt sein... und keine Ahnung haben warum!

  • M.B. orig. am 27.03.2019 13:30 Report Diesen Beitrag melden

    Etwas Sinnvolles abschaffen

    Diese immer wieder zitierte Umfrage ist ein schlechter Witz, mehr nicht. Noch Nichtrepäsentativer geht es eigentlich gar nicht. Jeder, der sich auf diese Umfrage stützt, gehört mit Ignoranz bestraft. Meiner Meinung ist die Zeitumstellung eine hervorragende Sache, die das Tageslicht wirklich gut nützt. Wenn sie abgeschafft wird kann es für Mitteleuropa eigentlich nur die Normalzeit wieder geben (unser Mittag ist eh schon nach 12 geschoben), keine osteuropäische Zeitzone. Überhaupt monatelang dunkle Schul- und Arbeitswege...