Sexueller Missbrauch

02. April 2019 18:36; Akt: 02.04.2019 19:20 Print

Lehrlinge missbraucht – Kunden stürzen Bäcker

Obwohl ein Lehrmeister seine Lehrtöchter sexuell missbrauchte, darf er weiterhin Ausbildner sein. In den sozialen Medien machen nun Boykott-Aufrufe die Runde.

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Ein Bieler Bäcker (56) ist letzten Freitag vom Regionalgericht Berner Jura-Seeland zu einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten verurteilt worden. Dies, weil er zwei Lehrtöchter sexuell missbraucht hat, indem er eine Notlage ausgenutzt hat. Die Strafe ist bedingt, die Probezeit beträgt zwei Jahre, wie «Le Matin» und das «Bieler Tagblatt» berichten. Trotz des Schuldspruchs darf der Lehrmeister aber auch in Zukunft als Ausbildner tätig sein – die Richterin sah von einem Entzug der Lehrlingsbetreuung ab.

Das Urteil sorgt für eine Welle der Empörung. Auf Facebook und Instagram wird der Justiz vorgeworfen, versagt zu haben. Auch wird zum Boykott des Geschäfts aufgerufen. So schreibt ein User auf Facebook: «Ich lade alle meine Freunde aus Biel dazu ein, die Bäckerei zu boykottieren. Am schlimmsten ist es, dass er weiterhin ausbilden darf.»

«Liebe Richter, was geht in euren Köpfen vor?»

Auf einer Insta-Story ist auch zu sehen, wie ein junger Mann vor der Traditionsbäckerei Halt macht und ihr seinen Mittelfinger entgegenstreckt. In einer weiteren Story wurde der Boykott-Aufruf mit einem Kotz-Smiley versehen. In einem Kommentar auf Facebook heisst es etwa: «Das Gericht denkt, dass die Rückfallgefahr nicht hoch sei und, dass er weiter Lehrlinge ausbilden darf. Liebe Richter, was geht in euren Köpfen vor?»

Eine Bielerin sagt zu 20 Minuten: «Die News haben sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Viele wollen den Laden nun boykottieren. Auch ich gehe nicht mehr hin.» Dazu beigetragen habe ein Boykott-Aufruf der über 700-mal geteilt wurde, der inzwischen jedoch nicht mehr auffindbar auf Facebook sei.

Bäcker zieht die Reissleine

Der öffentliche Protest zeigt Wirkung. Der Bäcker erklärte am Dienstag per Facebook: «Ich ziehe mich aus sämtlichen operativen Aufgaben in der Bäckerei zurück und gebe die Leitung vollumfänglich meinem Bruder ab. Ich habe mich zudem entschieden, nie mehr als Lehrlingsausbildner tätig zu sein.» Dies, obwohl er noch kurz vor der Urteilsverkündung angab, ein stolzer Ausbildner zu sein und dass er die Hand ins Feuer lege, dass etwas Ähnliches nicht mehr vorkomme.

Weiter schreibt er, dass seine Taten unentschuldbar seien. «Ich bereue es zutiefst, was ich getan habe und möchte mich in aller Form bei meiner Familie, den betroffenen Personen, meinen Freunden, meinen Mitarbeitenden und meinen Kunden entschuldigen.» Seine Mitarbeitenden und seine Freunde hätten von den Vorfällen nichts gewusst. «Meine Frau und meinen Bruder habe ich nach Eingang der Anzeige informiert.»

Boykott sei nicht spürbar

Die Bäckerei hat Kommunikationsexpertin Janine Geigele mit der Krisenkommunikation beauftragt. Auf Anfrage gibt Geigele an: Die Bäckerei sei «ein Traditionsunternehmen, mit einer sehr treuen Kundschaft. Glücklicherweise ist bisher kein Boykott spürbar.»

Auf Anfrage, was die Justiz von den Reaktionen auf das Urteil hält, heisst es beim Regionalgericht Berner Jura-Seeland: «Das Gericht hat das Urteil im Rahmen der öffentlichen Urteilseröffnung mündlich begründet. Das Gericht äussert sich nach der Urteilseröffnung nicht mehr zum Fall und kommentiert auch keine allfälligen Reaktionen auf das Urteil.»


*Namen der Redaktion bekannt

(qll/jk)