Schönfärberei

09. Februar 2016 14:07; Akt: 09.02.2016 15:51 Print

Bundesbeamte änderten 5500 Wikipedia-Artikel

Angestellte des Bundes versuchten offenbar, Wikipedia-Einträge schönzufärben. Die Enzyklopädie hat darum sogar Computer des Bundes gesperrt.

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Nicht nur für Politiker eine wichtige Informationsquelle: In der Schweiz zählt Wikipedia zu den fünf am häufigsten besuchten Internetseiten. (Archivbild) (Bild: Keystone/Christian Beutler)

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Der Edit-Button machts möglich: Allein im letzten Jahr wurden 398 deutschsprachige Wikipedia-Artikel von Computern der Bundesverwaltung aus verändert. In den fünf Jahren zuvor werkelten Bundesangestellte an über 1500 Artikeln, seit dem Jahr 2003 waren es insgesamt über 5500.

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Die «Nordwestschweiz» hat alle anonymen Wikipedia-Änderungen der vergangenen fünf Jahre ausgewertet, die sich dem mit 25'000 angeschlossenen Computern entstandenen Netzwerk der Bundesverwaltung zuordnen lassen. Die Auswertung stützt sich auch auf ein Computerprogramm des Norwegers Jari Bakken, das Eingriffe bei der Online-Enzyklopädie erfassbar macht.

Ausser Rechtschreibefehler zu korrigieren oder ihr Wissen zu teilen, nutzten Bundesangestellte manchmal die Offenheit der digitalen Enzyklopädie, um Einträge gezielt schönzufärben. Die «Nordwestschweiz» stiess auf über 50 entsprechende Artikel, teilweise wurden diese mehrfach abgeändert. So wurde in einem Eintrag über die Schweizer Luftwaffe Passagen über gescheiterte Flugzeug-Beschaffungen entfernt oder ideologisch aufgeladen. Damit sie nicht auffliegen, arbeiten Schreiber mitunter während Monaten an einem Artikel. Stück für Stück entfernen sie einzelne Informationsbrocken.

Wikipedia reagierte mit Sperrungen

Die Manipulationen blieben nicht unbemerkt: Sie führten dazu, dass Wikipedia mehrfach gegen die Bundesverwaltung vorging – und alle Staats-Computer sperrte. Laut Wikipedia wurde der IP-Adressblock der Bundesverwaltung in den vergangenen beiden Jahren gleich mehrfach gesperrt. Ausschlaggebend für diesen administratorischen Akt waren eine Serie anonymer und unpassender Artikeländerungen. Wikipedia erkannte bei den Benutzern aus der Bundesverwaltung «kein Wille zur enzyklopädischen Mitarbeit», so die Begründung.

Das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation BIT bestätigte die Sperrungen. Die Bundeskanzlei wollte von gesteuertem Vorgehen allerdings nichts wissen. Es gebe «keine zentralen Richtlinien oder Prozesse für die Bundesverwaltung», um Wikipedia-Artikel zu bearbeiten. Allenfalls sei es möglich, dass Bundesämter vereinzelt solche kennen, hiess es aus Bern.

Die Schwierigkeit von Kontrollen

Wie viele Einträge insgesamt schöngefärbt werden, weiss niemand. Schätzungen dazu gibt es keine. Die Wikipedia-Community ist sich jedoch einig: Verstärkte Kontrollen wären kaum zielführend. Das Onlinelexikon lebt davon, offen für alle zu sein. Der Schweizer Förderverein Wikimedia setzt lieber auf Aufklärung.

Es empfehle sich, Artikel kritisch zu lesen. Gemäss Wikimedia-Präsident Patrick Kenel solle jeder Nutzer die Inhalte und ihre Entstehung bestmöglich beurteilen können. Die sogenannten Versionsgeschichten eines Artikels helfen dabei, den Schreibprozess nachzuvollziehen.

Spitzenreiter George W. Bush

15 Jahre nach der Gründung von Wikipedia ist in dem Onlinenachschlagewerk niemand umstrittener als der frühere US-Präsident George W. Bush. Der Eintrag über den inzwischen 69-jährigen Politiker wurde bereits 45'862 bearbeitet und führt damit die Rangliste an, wie Wikipedia mitteilte.

(nag)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ruedi am 09.02.2016 14:15 Report Diesen Beitrag melden

    Jetzt versteh ich auch....

    wieso jedes Jahr immer mehr Bundes-Beamte eingestellt werden müssen, bei so viel Arbeit ist das ja auch kein Wunder :-)

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  • Tinu am 09.02.2016 14:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aufgeblähte Verwaltung

    Und wieder ein Beweis mehr, dass unsere Bundesverwaltung aufgebläht ist. An Wikipedia über Monate rumwerkeln gehört bestimmt nicht zum zentralen Aufgabengebiet.

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  • Roland am 09.02.2016 14:21 Report Diesen Beitrag melden

    haben die nichts besseres zu tun?

    Das gibt dem gängigen Vorurteil noch mehr Aufwind, dass Beamte, insbesondere auf Bundesebene, nichts wirklich Produktives leisten und dazu auch noch fette Löhne kassieren, vom Steuerzahler berappt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Wikipedianer am 10.02.2016 15:05 Report Diesen Beitrag melden

    Gegendarstellung aus Wikipedia-Sicht

    Im Artikel hat es etliche Fehler. Ich lege allen Lesern ans Herz, die Gegendarstellung im Wikipedia-Kurier (mit Google einfach zu finden) zu lesen.

  • B. Und am 10.02.2016 10:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und was sagt uns das?

    Das beweist mal wieder, dass es in der Staatsverwaltung immer noch zuviele unterbeschäftigte Angestellte gibt! Wir in der Privatwirtschaft haben schlicht keine Zeit, uns während der Arbeitszeit mit solchem zu beschäftigen. Und wo erkennen wir jetzt ein grosses Sparpotenzial?

  • Wilhelm Tell am 10.02.2016 07:54 Report Diesen Beitrag melden

    Früher wurden solches bestraft.

    Schade, dass der Staat immer öfter manipuliert. Und das bezahlen wir noch mit der Bundessteuer, MWST, Benzinsteuer, .... Das provoziert das Volk.

  • G. Niesser am 10.02.2016 07:19 Report Diesen Beitrag melden

    Weniger Arbeitende - mehr Freizeit

    Wenn man all diese Bundesbeamten entlassen würde, könnte man mit den eingesparten Lohnkosten zusätzlich noch dreimal mehr Angestelle der Privatwirtschaft abbauen und diesen damit gleich ein bedingungloses Grundeinkommen finanzieren:-)

  • Xadi am 10.02.2016 06:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Von wegen Redefreiheit

    Auch das nennt man Zensur, was der Bund hier betreibt.