Pestizide

15. Juni 2018 15:17; Akt: 15.06.2018 23:01 Print

«Trinkwasser-Initiative hätte schädliche Folgen»

Der Bundesrat empfiehlt die Initiative «Für sauberes Trinkwasser» ohne Gegenvorschlag zur Ablehnung. Umweltorganisationen sind empört.

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Schweizer Bauern setzen bei ihrer Arbeit auf die Hilfe von Pflanzenschutzmitteln. 20 Minuten zeigt, in welchen einheimisch produzierten Lebensmitteln Pestizide zurückbleiben können. In der Schweiz werden jährlich 2200 Tonnen Pestizide ausgebracht – auch für die Produktion von Äpfeln. Gegen den Apfelschorf, der bei den Früchten bräunliche Flecken verursacht, wird Captan gespritzt. Ein potenziell krebserregendes Gift. Greenpeace entdeckte bei einer Untersuchung 2015 in vier von acht konventionellen Schweizer Äpfeln Rückstände von Pestiziden, darunter Captan. Die Schweizer Grenzwerte wurden aber eingehalten. Laut der Stiftung Vision Landwirtschaft ist der hohe Pestizid-Einsatz bei Obst darauf zurückzuführen, dass die Händler makellose Ware forderten. Die Hauptquelle für das Schweizer Trinkwasser ist das Grundwasser: 80 Prozent wird aus dem Untergrund gepumpt. An jeder fünften Trinkwasserfassung wird laut der nationalen Grundwasserbeobachtung jedoch der Toleranzwert bei Pestiziden von 0,1 Mikrogramm pro Liter überschritten. Die Stiftung Vision Landwirtschaft hält in einer Analyse fest, «dass laut einer zunehmenden Anzahl von Studien die permanente Pestizidexposition über Nahrungsmittel einen relevanten Risikofaktor für Krebs, Parkinson, oder Entwicklungsstörungen bei Kindern» darstellt. «Angesichts des sehr verbreiteten Einsatzes von Pestiziden im Weinbau» untersuchte im Juni der Verband der Schweizer Kantonschemiker 156 Schweizer und 99 ausländische Weine. Laut dem Verband verwenden Schweizer Weinbauern häufiger verschiedene Pestizide als ihre ausländischen Kollegen, weil die Reben bereits gegen das Gift resistent geworden sind. Das Fazit der Untersuchung: Nur 20 von 255 Proben waren völlig frei von Pestiziden. Sechs Weine überschritten die Grenzwerte, wobei es sich ausschliesslich um Schweizer Weine handelte. Neonikotinoide sind Nervengifte und gehören zu den effektivsten Mitteln der Schädlingsbekämpfung. Schweizer Bauern verwenden es für die Behandlung von Rüben oder Raps. Laut Bundesrat sind die Rückstände in den essbaren Pflanzenteilen «sehr gering bis nicht nachweisbar». Zu schaffen machen sie den Bienen, die als Bestäuber mit dem Gift in Kontakt kommen. Im Honig sind ist das Mittel für den Menschen in der Regel unbedenklich. Laut Studien könnten Neonikotinoide aber schuld am Bienensterben sein, da die Bienen ihre Orientierung und das Gedächtnis verlieren.

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Die Volksinitiative «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung – Keine Subventionen für den Pestizid- und den prophylaktischen Antibiotika-Einsatz» will Bauern die Direktzahlungen streichen, wenn sie Pestizide einsetzen. Zudem darf der Tierbestand nur so gross sein, dass die Tiere mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter ernährt werden können. Auch der prophylaktische Antibiotika-Einsatz wäre verboten.

In seiner Sitzung hat nun der Bundesrat seine Position zur Initiative beschlossen. Er spricht sich klar dagegen aus, wie es in einer Mitteilung heisst. «Die Trinkwasserinitiative hätte weitreichende schädliche Folgen für die Schweizer Landwirtschaft und Ernährungssicherheit», so der Bundesrat.

Zahl der Betriebe würde sinken

Einerseits würde die Produktion durch den kompletten Verzicht auf Pestizide und zugekauftes Futter auf vielen direktzahlungsberechtigten Betrieben stark abnehmen. «Anderseits besteht das Risiko, dass Betriebe vermehrt aus dem Direktzahlungssystem aussteigen und ihre Produktion im Rahmen des gesetzlichen Spielraums intensivieren.»

Der Bundesrat anerkennt jedoch, dass die Volksinitiative wichtige Anliegen aufnimmt. Diese strebe der Bund aber bereits selber mit verschiedenen agrarpolitischen Massnahmen wie beispielsweise dem Aktionsplan Pflanzenschutzmittel an. Hier will der Bundesrat aufgrund der Initiative nun handeln: «Aufgrund der inhaltlichen und terminlichen Überschneidung soll diese Massnahmen-Strategie als Alternative zur Volksinitiative im Rahmen des laufenden Prozesses der Agrarpolitik ab 2022 verstärkt und ergänzt werden.»

Verzicht auf Pflanzenschutzmittel fördern

Demnach soll die maximale Anzahl Tiere pro Fläche gemäss Gewässerschutzgesetz reduziert werden und im ökologischen Leistungsnachweis nur noch Pflanzenschutzmittel mit geringem Umweltrisiko zugelassen werden. Zudem schlägt der Bundesrat vor, den Verzicht auf Pflanzenschutzmittel verstärkt mit Direktzahlungen zu fördern.

Kein Verständnis für die Haltung des Bundesrats hat man bei Greenpeace. «Der Bundesrat foutiert sich um die Sorgen der Bevölkerung.» Greenpeace appelliert an das Parlament, «seine Arbeit zu machen und von sich aus einen Gegenvorschlag auszuarbeiten».


Doch nicht nur Umweltverbände üben Kritik. Der Schweizerische Verein des Gas- und Wasserfaches SVGW findet: «Der Bundesrat scheint vor der Agrarlobby eingeknickt zu sein.» Den Plan der Regierung, Trinkwasserschutzmassnahmen in der Agrarpolitik 2022 aufzunehmen, hält der Verein für ungenügend. «Es ist offensichtlich, dass der Trinkwasserschutz in der parlamentarischen Diskussion von Partikularinteressen verdrängt und am Ende zwischen Stuhl und Bank fallen wird.»

Auch wenn der Verein findet, die Initiative gehe zu weit, hält er fest: «Ohne indirekten Gegenvorschlag mit konkreten Massnahmen müssen wir uns ernsthaft überlegen, die Trinkwasserinitiative im Abstimmungskampf zu unterstützen, obwohl sie weit über die Trinkwasserthematik hinausgeht.»

(pam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ulrich am 15.06.2018 15:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich habe die Verhinderungspolitik satt

    Natürlich will der Bauernverband und der von ihm beeinflusste Bundesrat und die SVP alles so bleiben lassen, wie es war. Die Umwelt und unsere Gesundheit ist Ihnen völlig gleichgültig. Aber mir ist es nicht. Und ich werde klar für die Änderung stimmen! Meinen und unseren Kindern zugute.

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  • Raimond G. am 15.06.2018 15:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nichts anderes erwartet

    Dem Bundesrat ist die Landschaft wichtiger als die Umwelt und uns als Einwohner. Ich werde die Initiative ganz bestimmt annehmen.

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  • pewte am 15.06.2018 15:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    naja

    ich wette, man hätte den gleichen effekt mit der hälfte der pestizide und würde der natur weniger schaden...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Markuss 1855 am 28.06.2018 18:15 Report Diesen Beitrag melden

    Eine weitere Initiative

    die, falls sie angenommen wird, was durchaus möglich wäre, mit grosser Sicherheit nicht umgesetzt wird. Und falls doch, so verwässert das es sowieso nicht`s bringt. Verlieren tut ja nur die Bevölkerung, da kann man getrost darauf verzichten. Einige wenige stopfen sich dafür die Taschen voll, da will den niemand verzichten.

  • mani am 19.06.2018 15:16 Report Diesen Beitrag melden

    Ein sicheres Geschäft

    Wer die Initiative ablehnt bekommt mehr AHV oder sonst ein Zückerchen. So glaubt der Bundesrat Abstimmungen zu gewinnen. Und dank schleichender Vergiftung des Trinkwassers braucht's die AHV weniger lang, die Agrarlobby verkauft mehr Pestizide und die Pharmalobby kann mehr Krebsmedikamente verkaufen. Aus wirtschaftlicher Sicht....

  • Blenni am 19.06.2018 03:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaubwürdiger Bundesrat

    Ein weiteres Mal beweist der Bundesrat seine Unglaubwürdigkeit. Nach dem unglaublichen Entscheid zu den Rüstungsexporten, wird er auch beim Trinkwasser unglaubwürdig!

  • Norbert Verter am 18.06.2018 10:57 Report Diesen Beitrag melden

    Die Bauern tun was sie wollen

    Solange die Bauern tun uns lassen können was sie wollen wird allmählich alles vergiftet. Das kümmert die überhaupt nicht. Es sollte umgehend ein Verbot geben ,dass man alles im Boden vergiften darf. Und vor allem auch die Böden mit ihren Potenztraktoren verdichten werden. Den Tieren die Hörner abbrennt usw. die Liste ist gross. Es sollte endlich einfach etwas dagegen gemacht werden. Was sind das für Menschen die einfach zusehen. Die Bauern sollten sich schämen.

  • Mistfink am 18.06.2018 08:29 Report Diesen Beitrag melden

    Ehrliche Verdrossenheit

    Die Schweiz geht es gut und das ist doch erfreulich. Wir sind ein sauberes Land und alles verläuft in rechtlicher Stattlichkeit. Ein paar Spinner in diesem Land können nicht recht haben wegen diesem ungiftigen Pestiziden. Was jammern wir noch. Einfach Ironie.