«Von ganzem Herzen»

11. April 2013 19:06; Akt: 12.04.2013 09:15 Print

Bundesrat entschuldigt sich bei Verdingkindern

Simonetta Sommaruga hat sich im Namen der Landesregierung bei den Fürsorge-Opfern in der Schweiz entschuldigt. An einem Gedenkanlass spricht sie von einer Verletzung der menschlichen Würde.

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Verdingkinder in der Schweiz.

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An einem Gedenkanlass für ehemalige Verdingkinder in Bern hat Justizministerin Simonetta Sommaruga am Donnerstag die Betroffenen im Namen des Bundesrates um Entschuldigung gebeten.

«Es ist an der Zeit, dass wir etwas tun, was man Ihnen allen, den ehemaligen Verdingkindern und den weiteren Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen bisher verweigert hat», sagte Sommaruga. «Für das Leid, das Ihnen angetan wurde, bitte ich Sie im Namen der Landesregierung aufrichtig und von ganzem Herzen um Entschuldigung.»

Bei den Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen hatte sich 2010 bereits Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf entschuldigt. Damals ging es in erster Linie um Personen, die ohne Gerichtsurteil «administrativ versorgt» worden waren. Im Sommer 2011 kündigte der Bundesrat an, er wolle sich bei den ehemaligen Verdingkindern entschuldigen.

Gegen das Verdrängen und Vergessen

Bis in die 60er-Jahre waren in der Schweiz Waisen und Kinder armer Familien bei Bauern untergebracht worden, wo sie für Kost und Logis hart arbeiten mussten. Viele Betroffene berichten von schweren Misshandlungen und behördlicher Willkür.

Was den Verdingkindern geschehen sei, könne kein Wort ungeschehen machen, und möge es noch so gut gewählt sein, sagte Sommaruga. Sie sprach von einer Verletzung der menschlichen Würde. «Wir können nicht länger wegschauen. Denn genau das haben wir bereits viel zu lange getan.» Wer wegschaue, stelle sich blind. Und nichts sei gefährlicher für eine Gesellschaft als blinde Flecken.

Wie reif eine Gesellschaft sei, zeige sich daran, wie sie mit ihrer Vergangenheit umgehe, stellte Sommaruga fest. «Deshalb soll dieser Tag auch ein Bekenntnis sein: ein Bekenntnis zum Hinschauen und ein Aufruf gegen das Verdrängen und Vergessen.»

Diskussion über Entschädigung

Die Geschichte der Verdingkinder und anderer Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen soll denn auch historisch und rechtlich aufgearbeitet werden. Offen bleibt die Frage der finanziellen Entschädigung. Dazu gab Sommaruga am Donnerstag nichts bekannt. Sie sagte lediglich, es stellten sich auch finanzielle Fragen.

Um alles weitere soll sich nun alt Ständerat Hansruedi Stadler kümmern, den Sommaruga im Dezember zum Delegierten für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen ernannt hatte. Stadler habe den Auftrag, einen Prozess einzuleiten, damit sämtliche offenen Punkte und Fragen zügig angegangen würden, sagte die Bundesrätin. Er werde bereits in den nächsten Wochen zu einem Runden Tisch einladen.


Ein ehemaliges Verdingkind in Bern (Video: Keystone)

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • SL am 12.04.2013 13:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Urgrossmutter

    Meine Urgrossmutter wurde als Kleinkind zum Verdingen weggegeben. Es muss grauenvoll gewesen sein. Als sie mit 18 endlich nach Hause kam wurde sie In eine Ehe gezwungen. Sie bekam als Kind keine Liebe und auch nicht als Ehefrau. Als Mutter konnte sie keine geben.... Eine Tochter dreht durch, ein Sohn und die andere Tochter erzogen ihr Kinder ohne Liebe.Das Ganze wird von Generation zu Generation weitergegeben ohne das man sich damit auseinandersetzt. Die Entschuldigung des BR finde ich einen guten Anfang, es ist jetzt an uns sich mit der Geschichte auseinand-er zusetzen, Groll nützt da wenig

  • g.fischler solothurn am 11.04.2013 23:30 Report Diesen Beitrag melden

    gerichte schweiz

    habe ihren beitrag im srf gesehen. als ehemaliges heimkind habe ich die rechtliche aufarbeitung bis nach strassburg an den egmr absolviert und muss leider sagen,trotz eindeutigen beweisen, dass ich menschenunwürdig von den schweizern behörden und gerichten sowie vom europäischen gerichtshof behandelt wurde. wenn ein rechtsstaat sowie die schweiz die menschenrechte nicht respektiert, ist er kein rechtsstaat. habe mir einsicht in alle meine akten nach über 30 jahren erkämpft.

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  • Zeuge der Tat am 12.04.2013 06:46 Report Diesen Beitrag melden

    Und die Hölle wird auf euch Herabregnen

    Ich bedaure das man Kinder, damals so herzlos und Brutal behandelt hat. Die Heutigen Verdinkinder die unter uns sind werden aber mit Ritalin vollgepumpt damit Sie Mund sowie Hirntot macht. Genau die kann man am Besten manipulieren sowie auch Herumkomandieren. Was ich komisch finde ist das Italien zum Beispiel nicht mal gewusst hat was Ritalin ist.... Es sollte beruhigen und die Konzentration fördern. Aber das genau, stimmt nicht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Andreas Jost am 14.04.2013 06:09 Report Diesen Beitrag melden

    Wie blind kann Mensch sein?

    Stimmt, von einer Entschädigung zu sprechen und zu denken, dass man mit Geld die Dinge ungeschehen machen könne, ist blanker Unsinn. Dennoch halten Behörden für alles die hohle Hand hin und handeln grundsätzlich nach dem Prinzip, dass Strafe sein muss. Wenn es plötzlich die Behörden selbst betrifft, welche sich strafbar verhalten haben, dann soll es plötzlich unverschämt sein, wenn die Opfer Leistungen verlangen?! Wäre es nicht der Inbegriff totaler Arroganz, würde ich es als lächerlich bezeichnen, dass es immer noch Menschen gibt, die Notwendigkeit einer Schadensregulierung in Abrede stellen.

  • Ruedi Wermuth am 12.04.2013 20:22 Report Diesen Beitrag melden

    Typisch oder etwa nicht?

    Sprüche wie von Ihr gewohnt ist. Geht es um Schweizer wird traurig geschaut, langsam und traurig geredet. Bei ausländer, Asylanten, Zuwanderer, sofort Feuer und Flamme Geld wird verteilt, Geld das einfache, nicht gutbetuchte Schweizer gebrauchen könnten. Bei Schweizern wird verschoben, verdreht, von einem Amt zum anderen geschickt und vertröstet bis zum geht nicht mehr. Es sind leider nur Schweizer. die können warten, vermutlich bis der letzte Deckel zugemacht wird.

  • Fabienne am 12.04.2013 14:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verdingkinder 

    Ich finde die entschuldigung gut. Ob geld helfen kann ist fraglich, aber vielen verdingkindern geht es auch heute finanziell nicht gut und sie wären ev froh über etwas mehr geld. Die bauern waren auch nicht immer reich und mussten teils auf die verdingkinder zurückgreifen weil sie sich garnichts anderes leisten konnten. Das kapitel ist genauso schwarz, wie die schwarzen brüder im tessin und die kinder der landstrasse. Alle diese geschichten dürfen nicht in vergessenheit geraten.

    • Marcel Schaffer am 13.04.2013 07:27 Report Diesen Beitrag melden

      Genauer betrachtet

      Das war keine Entschuldigung, bei Weitem nicht ! Sie sagte wortwörtlich: "Wir bitten um Entschuldigung..." Es hätte eher heissen sollen: "Wir entschuldigen uns in aller Form für das, was Euch einst angetan wurde..." Dazwischen liegt ein riesengrosser Unterschied. Das waren nichts mehr als schäbige und nichtssagende Floskeln.

    • Werner, Wald am 14.04.2013 11:12 Report Diesen Beitrag melden

      Wie wahr!

      Marcel Schaffer : Danke für diesen hervorragenden Beitrag!

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  • George R am 12.04.2013 13:44 Report Diesen Beitrag melden

    Immer nur Geld.

    Eine Entschuldigung finde ich gut. Aber eine Entschädigung fände ich komplett falsch. 1. Lebt kaum mehr jemand von ihnen. 2. Haben die Leute heute nichts damit zu tun. Also ich werde keine Strafe entgegennehmen, für etwas das ich nicht gemacht habe

    • Daniel Schafroth am 13.04.2013 13:59 Report Diesen Beitrag melden

      Normale Verantwortung vom Staat

      Lieber Georg R Es geht hier nicht um sie, sondern Menschen, die im nachhinein ein Teil von ihrem Verdienst zugesprochen bekommen. Nicht wirklich der Gegenwert, aber trotzdem symbolisch einen anständigen Betrag. Der Staat übernimmt, genau so wie in anderen Sachen, die schon lange fällige Verantwortung. Für, die die gestorben sind, kommt diese Nachzahlung zu spät, das kann man aber gut in eine Stiftung hineinfliessen lassen. Ganz viele der ehemaligen verdingten, haben sich durchs Leben durchgekämpft und eine gute Lebensgrundlage geschaffen. Leider haben es viele nicht geschafft.

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  • SL am 12.04.2013 13:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Urgrossmutter

    Meine Urgrossmutter wurde als Kleinkind zum Verdingen weggegeben. Es muss grauenvoll gewesen sein. Als sie mit 18 endlich nach Hause kam wurde sie In eine Ehe gezwungen. Sie bekam als Kind keine Liebe und auch nicht als Ehefrau. Als Mutter konnte sie keine geben.... Eine Tochter dreht durch, ein Sohn und die andere Tochter erzogen ihr Kinder ohne Liebe.Das Ganze wird von Generation zu Generation weitergegeben ohne das man sich damit auseinandersetzt. Die Entschuldigung des BR finde ich einen guten Anfang, es ist jetzt an uns sich mit der Geschichte auseinand-er zusetzen, Groll nützt da wenig