Initiative

22. August 2018 12:17; Akt: 22.08.2018 12:25 Print

Bundesrat lehnt Pestizid-Verbot ab

Die Regierung hat sich mit der Anti-Pestizid-Initiative befasst. Er empfiehlt sie ohne Gegenvorschlag zur Ablehnung.

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121'620 Personen haben die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» unterschrieben. Sie fordern ein Verbot von Pestiziden. Auch der Import behandelter Lebensmittel soll verboten werden. Gemäss Markus Ritter, dem Präsidenten des Bauernverbands, würde die Initiative zu einer Preiserhöhung bei Lebensmitteln von 20 bis 30 Prozent führen. Die Landwirtschaft reduziere den Verbrauch bereits heute. Bauern setzen bei ihrer Arbeit immer wieder auf die Hilfe von Pflanzenschutzmitteln. Etwa 2200 Tonnen werden jährlich auf den Böden verteilt. 20 Minuten zeigt, in welchen einheimisch produzierten Lebensmitteln Pestizide zurückbleiben können. Auch für die Produktion von Äpfeln werden Pestizide eingesetzt. Gegen den Apfelschorf, der bei den Früchten bräunliche Flecken verursacht, wird Captan gespritzt, ein potenziell krebserregendes Gift. Greenpeace entdeckte bei einer Untersuchung 2015 in vier von acht konventionellen Schweizer Äpfeln Rückstände von Pestiziden, darunter Captan. Die Schweizer Grenzwerte wurden aber eingehalten. Laut der Stiftung Vision Landwirtschaft ist der hohe Pestizid-Einsatz bei Obst darauf zurückzuführen, dass die Händler makellose Ware forderten. Die Hauptquelle für das Schweizer Trinkwasser ist das Grundwasser: 80 Prozent wird aus dem Untergrund gepumpt. An jeder fünften Trinkwasserfassung wird laut der nationalen Grundwasserbeobachtung jedoch der Toleranzwert bei Pestiziden von 0,1 Mikrogramm pro Liter überschritten. Die Stiftung Vision Landwirtschaft hält in einer Analyse fest, dass «laut einer zunehmenden Anzahl von Studien die permanente Pestizidexposition über Nahrungsmittel einen relevanten Risikofaktor für Krebs, Parkinson, oder Entwicklungsstörungen bei Kindern» darstellt. «Angesichts des sehr verbreiteten Einsatzes von Pestiziden im Weinbau» untersuchte im Juni der Verband der Schweizer Kantonschemiker 156 Schweizer und 99 ausländische Weine. Laut dem Verband verwenden Schweizer Weinbauern häufiger verschiedene Pestizide als ihre ausländischen Kollegen, weil die Reben bereits gegen das Gift resistent geworden sind. Das Fazit der Untersuchung: Nur 20 von 255 Proben waren völlig frei von Pestiziden. Sechs Weine überschritten die Grenzwerte, wobei es sich ausschliesslich um Schweizer Weine handelte. Neonikotinoide sind Nervengifte und gehören zu den effektivsten Mitteln der Schädlingsbekämpfung. Schweizer Bauern verwenden es für die Behandlung von Rüben oder Raps. Laut Bundesrat sind die Rückstände in den essbaren Pflanzenteilen «sehr gering bis nicht nachweisbar». Zu schaffen machen sie den Bienen, die als Bestäuber mit dem Gift in Kontakt kommen. Im Honig sind ist das Mittel für den Menschen in der Regel unbedenklich. Laut Studien könnten Neonikotinoide aber schuld am Bienensterben sein, da die Bienen ihre Orientierung und das Gedächtnis verlieren.

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Geht es nach dem Willen der Initianten des Westschweizer Vereins Future 3.0, ist der Einsatz von Glyphosat und Co. hierzulande bald verboten. Ihre Volksinitiative, die 120’000 unterschrieben haben, fordert ein Verbot synthetischer Pestizide in der Schweiz. Auch die Einfuhr von pestizidhaltigen Lebensmitteln soll gestoppt werden.

Dem Bundesrat geht das zu weit: In seiner am Mittwoch verabschiedeten Botschaft spricht er sich gegen die Initiative aus. Die Initiative nehme zwar Anliegen auf, die bereits heute mit den agrarpolitischen Massnahmen angestrebt würden, heisst es in der Mitteilung. Sie würde jedoch den Handlungsspielraum der Schweizerischen Land- und Ernährungswirtschaft zu stark einschränken. Der Bundesrat habe bereits im Juni beschlossen, mit einem Massnahmenpaket im Rahmen der Agrarpolitik ab 2022 die Risiken von Pestiziden in der Landwirtschaft zu verkleinern, ohne die Produktion zu stark einzuschränken.

Bundesrat warnt vor Einkaufstourismus

Bei einer Annahme der Initiative würden laut dem Bundesrat zwar weniger synthetische Stoffe aus der Landwirtschaft in Ökosysteme gelangen. «Gleichzeitig würde aber die Land- und Ernährungswirtschaft mit gravierenden Einschränkungen konfrontiert und die heutige Qualität von Lebensmitteln wäre in Frage gestellt. Die Gewährleistung der Sicherheit und Hygiene entlang der Lebensmittelkette würde ohne Einsatz synthetischer Pestizide, zu denen auch Reinigungs- und Desinfektionsmitteln (Biozide) gehören, erschwert.»

Weiter schreibt die Regierung, die Inlandproduktion werde aufgrund von tieferen Erträgen, Lagerverlusten bei Rohstoffen und verarbeiteten Produkten sinken. Das Angebot und die Vielfalt an Lebensmitteln werde wesentlich sinken, da der Anbau von bestimmten Kulturen mit den verfügbaren Methoden in der Schweiz nur begrenzt oder nicht mehr möglich wäre. «Die Wahlfreiheit für Konsumenten wäre dadurch stark eingeschränkt. Entsprechend müsste mit einem höheren Einkaufstourismus gerechnet werden, da auch viele Lebensmittel zu kommerziellen Zwecken nicht mehr importiert werden könnten.» Zudem würde das Importverbot teilweise im Widerspruch zum WTO-Recht und zu den Freihandelsabkommen der Schweiz stehen.

Auch ein Nein zur Trinkwasser-Initiative

Im Juni hat der Bundesrat bereits die sogenannte Trinkwasser-Initiative zur Ablehnung empfohlen – ebenfalls ohne Gegenentwurf. Sie verlangt, dass nur noch diejenigen Landwirtschaftsbetriebe mit Direktzahlungen unterstützt werden, die keine Pestizide einsetzen und ohne prophylaktischen Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung auskommen.

(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Wulline am 22.08.2018 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    Gut, kann ich wählen gehen

    Der Bundesrat findet es also ok, dass wir mit pestizide verseuchtes Gemüse essen und unsere Insekten ausrotten.

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  • Johen am 22.08.2018 12:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gegenvorschlag

    ich wäre für eine deklarationspflicht für behandelte lebensmittel. zbsp sollte da draufstehen: "wurden mit pestiziden behandelt" "genmanipuliertes lebensmittel"

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  • Mula am 22.08.2018 12:35 Report Diesen Beitrag melden

    Märchen von Bauern

    So viel zu: Schweizer Produkte sind Bio und viiiel Gesünder als importiere Waren.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • flower_kings am 22.08.2018 17:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hoch lebe...

    Der Lobbyismus in den Wandelhallen...:-/ Ironie off... Auch wenn bei den nächsten Wahlen andere Köpfe kommen würden..., die Lobbyisten bleiben, wie schon eh und je...

  • TOBI am 22.08.2018 16:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja ja...

    Da der Bundesrat nichts unternimmt, Babynahrung, die mit Arsen und anderen Giften verunreinigt sind nicht verbietet und die Industrie in die Pflicht nimmt, werde ich natürlich auch Abstimmen, man kann Raten was ich Abstimmen werde... Ist ja klar das die Regierung auf der Seite ist, von wo er Geschmiert wird.

  • cannizzaro am 22.08.2018 16:48 Report Diesen Beitrag melden

    Das Perpetuum-mobile

    Ich bin entsetzt, entäuscht, schockiert, genervt über dieses Gremium das eigentlich für das Wohl der Bevölkerung sorgen müsste. WIR bezahlen eure Löhne, WIR erwarten Respekt und erwarten Achtung für uns und unsere Familien. Schon gar nicht wollen WIR uns mit solchen fadenscheinigen Begründungen für dumm verkaufen lassen. Wie jemand vor mir schon geschrieben hat, mit Kranken lässt sich viel Geld verdienen. Die Chemieindustrie vergiftet uns, und sie verkauft uns dann die Medikamente, so ist für das System immer Nachschub da. Ärzte+Spitäler+Krankenkassen+Lobby+Bestatter usw haben immer Job.

  • Moi am 22.08.2018 16:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was für eine Überraschung

    Alles Pussies!!! Tja, das VR-Honorar ist eben doch wichtiger als die Gesundheit der Menschen in der CH!

  • Chili am 22.08.2018 16:44 Report Diesen Beitrag melden

    Buntes rad

    Ich lehne inzwischen den Bundesrat ab. Nüzt aber genauso wenig wie wenn der Bundesrat die Initiative ablehnt. Ich nehm sie an. Wir werden auf allen Ebenen vergiftet. Es reicht.