Surfen im Zug

06. September 2013 19:46; Akt: 08.09.2013 03:31 Print

Bundesrat will nichts gegen Funklöcher tun

von Christoph Bernet - Bahnkunden nerven sich über den schlechten Mobilfunkempfang in Zügen – doch die Regierung legt die Hände in den Schoss.

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Bahnkunden nerven sich über den schlechten Empfang. (Bild: Keystone)

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Pendler kennen die Szenen: Da will man auf dem Arbeitsweg schnell noch ein paar E-Mails beantworten – und fliegt immer wieder aus dem Netz. BDP-Nationalrat Bernhard Guhl hat deshalb den Bundesrat in einer Motion aufgefordert, die Verbreitung von WiFi im öffentlichen Verkehr voranzutreiben. Doch die Regierung schreibt nun, sie sehe keinen Grund für eine Praxisänderung und verweist auf die laufenden Bemühungen von SBB, PostAuto Schweiz und Swisscom. Guhl gibt sich mit dieser Antwort nicht zufrieden: «Es kann nicht sein, dass man im Hochtechnologie-Land Schweiz auf langen Zugfahrten nicht richtig arbeiten kann.»

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Die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) wollen bis 2016 in allen Fahrzeugen drahtloses Internet anbieten. «Städtische Verkehrsbetriebe operieren bei tiefem Tempo und in Gebieten mit optimaler Netzanbindung. Dort ist WiFi technisch relativ einfach machbar», erklärt SBB-Sprecher Daniele Pallecchi.

Nahe bei der Lokomotive schneller surfen

Die SBB hingegen sehen sich auf ihrem Schienennetz mit schwierigeren Voraussetzungen konfrontiert. «Für stabile und schnelle WiFi-Netze in den Wagen müssten sich unsere Züge ausschliesslich in Gebieten mit optimaler Netzabdeckung bewegen, was nicht möglich ist», erläutert Pallecchi. WiFi-Netze soll es auch in Zukunft nur in den Bahnhöfen geben.

Die Strategie der SBB ziele deshalb darauf ab, den Reisenden übers Mobilfunknetz eine höhere Bandbreite zu bieten. Deshalb werde man bis Ende 2014 alle Wagen mit einem Repeater ausstatten, der das Empfangssignal im Wageninnern verstärkt. Er empfiehlt Bahnkunden, die auf ihrem Smartphone im Internet surfen wollen, sich möglichst nahe zur Lokomotive zu setzen. Dort sei der Empfang am besten.

Mobilfunkprovider müssen vorwärts machen

Die SBB seien sich dem gewachsenen Bedürfnis ihrer Kunden nach mobiler Kommunikation bewusst, sagt Daniele Pallecchi. Beschwerden von Bahnreisenden nehme das Unternehmen ernst. «Letztendlich sind wir aber auf die Mobilfunkprovider angewiesen, die wir laufend zu Verbesserungen der Netzabdeckung und Netzqualität entlang des Schienennetzes drängen.»

Swisscom-Sprecher Olaf Schulze nennt technische Hindernisse als wichtigsten Grund für die zum Teil ungenügende Bandbreite in den Zügen: «Das Handysignal, das aussen herrscht, kommt nur zu einem sehr geringen Teil im Wageninnern an», erläutert er. Auch die hohe Geschwindigkeit von Zügen sei ein Problem, da ein Bahnkunde alle paar Sekunden in den Empfangsbereich einer anderen Antenne wechsle, erklärt er. «Häufig ist gar nicht die Netzabdeckung das Problem: Wenn sie beispielsweise die Bahnstrecke Bern-Olten zu Fuss zurücklegen würden, wäre der Empfang praktisch lückenlos.»

Zu strenge Grenzwerte für Strahlung

Bernhard Guhl sieht ein weiteres Problem im strengen Grenzwert für Handystrahlung. Diese Obergrenze liege in der Schweiz rund zehnmal tiefer als im europäischen Ausland, was eine lückenlose Netzabdeckung verhindere. Olaf Schulze bestätigt: «Dieser Grenzwert führt dazu, dass wir deutlich mehr Antennen aufstellen müssen, um einen guten Empfang zu gewährleisten». Doch selbst bei sehr guter Netzabdeckung sei kein störungsfreier Mobilfunkempfang möglich, meint er. Wenn 600 Smartphone-User in einem abgeschlossenen Raum mit 200 Stundenkilometern unterwegs seien, stosse man mit den heute verfügbaren Technologien an Grenzen.

Um den Druck von den chronisch überlasteten Datennetzen im Zug zu nehmen, wollen die SBB bis Ende 2015 rund 100 Bahnhöfe mit WLAN ausrüsten. Wie der «Tages-Anzeiger» berichtete, stecke folgende Idee dahinter: Bahnreisende können sich so Zeitungen, Filme und Podcasts auf ihre Handys laden, bevor sie in den Zug steigen. Diesen Plan hält Bernhard Guhl für Bevormundung: «Das ist wie wenn man den Bahnkunden sagen würde, doch bitte bereits am Bahnhof aufs WC zu gehen, weil man im Zug keine Toiletten zur Verfügung stellen will.» Die Bahnkunden müssten selber entscheiden können, wann und wo sie aufs Internet zugreifen wollen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • M. am 06.09.2013 20:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Im Zug?

    Schlechter Empfang im Zug? Ich nerve mich primär über die schlechte Gesprächsqualität ausserhalb vom Zug. Ich finde es echt eine Katastrophe wie schlecht dieser Handy Empfang geworden ist. Besser da mal was machen.

  • Brienzer am 06.09.2013 20:35 Report Diesen Beitrag melden

    Überflüssig

    Wie der Bundesrat richtig sagt, ist die Verbreitung des (für gut organisierte Leute völlig unnötigen) WiFi im ÖV Sache der SBB usw. Die resourcenfressende Diskussion darüber gehört genausowenig in Regierung und Parlament wie damals die lächerliche Weinerei um die ach so traditionsreiche Cervela.

  • J. Meyer am 06.09.2013 22:03 Report Diesen Beitrag melden

    Wozu soll das gut sein?

    Mir scheint, das es mittlerweile ein elemtares Bedürfnis geworden ist, ständig in irgendeiner Form erreichbar zu sein mit dem Rest der Welt. Ich möchte nicht früher gegen heute ausspielen, obwohl es sicher gute Vergleiche gäbe, sondern lediglich feststellen, das all diese Erreichbarkeit auch ihren Preis hat. Nicht in Zahlen, das kann sich ja fast jeder leisten, sondern wegen der Gesundheit. Solch eine Erreichbarkeit fördert auch Stress in grösserem Ausmass. Statt beim Pendeln zu entspannen, stresst man sich schon, bevor man die Arbeitsstelle erreicht oder man kommt noch kaputter heim.

Die neusten Leser-Kommentare

  • J. Meyer am 07.09.2013 20:31 Report Diesen Beitrag melden

    @Daniel Lenzin

    Sofern es eine Empfehlung darstellen soll, kann ich auch Ihren Kommentar ("Muss doch jeder selber wissen was er tut oder lässt!") in diese Richtung biegen, wo der Eintscheid jedem selbst überlassen ist. Also auch das Trinken, Rasen, Rauchen u was weiss ich alles noch. Doch dann bitte schön soll man auch nicht klagen, wenn die Allgemeinheit auch für solches Tun u Lassen solidarisch mitzahlt. Aber natürlich gebe ich Ihnen recht, ein jeder sollte selbst wissen, was tun u lassen, das stimmt schon. Daran halte ich mich schliesslich auch, drum ist mir weniger Stress u mehr Entspannung lieber.

  • Walti am 07.09.2013 09:46 Report Diesen Beitrag melden

    Ist das die Aufgabe des Bundes?

    Heutzutage verlangt jede(r),, dass JEDES Bedürfnis vom Bund übernommen wird! Der Bund dies, der Bund soll jenes, der Bund soll.... Wacht auf Bürger!

  • der Deutsche am 07.09.2013 08:58 Report Diesen Beitrag melden

    selber schuld - wenn man für einen ..

    solchen 'Nicht' Service auch noch zahlt. In den Zügen wird als WLAN Anbieter nur SwissCom präsent sein. Hie und da kann man aber mit 3G arbeiten (ZH-ZG Strecke). Denn wie bereits mehrfach in anderem Kontext gepostet - so lange man NUR einem Anbieter forciert werden a.) die Kunden abgezockt und b.) der Service ist so gut wie nicht existent. Die Bahn hat Ihre eigenen Netze an jedem Bahnhof - und es ist nicht möglich, hier einen Zugang für Service public' zu öffnen? Wenn ich mich richtig erinnere, werden die Funkgespräche (Zugführer-Leitzentrale) zusätzlich via Oberleitung unterstützt. usw

  • Daniel Lenzin am 07.09.2013 00:50 Report Diesen Beitrag melden

    @J.Meyer

    Mit welchem Recht, geben Sie hier Empfehlungen für die Gesundheit der Fahrgäste ab? Muss doch jeder selber wissen was er tut oder lässt!

  • Hans Klarsicht am 06.09.2013 22:20 Report Diesen Beitrag melden

    Macht nix

    Im Gegenzug wird es trotzdem teurer. Wenn es nach Bundesrätin Leuthard geht viel viel teurer. Immer gleiches für immer höhere Beträge.