Sondersetting

28. November 2013 12:09; Akt: 28.11.2013 13:25 Print

Carlos kostete den Kanton schon eine Million Franken

Eigentlich hätte Carlos bis zu seinem 22. Altersjahr im Sondersetting bleiben sollen. Doch schon jetzt kostete der verurteilte Messerstecher den Kanton Zürich eine Million Franken.

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Carlos beim Thaiboxen während seines ersten Sondersettings. Das Bundesgericht entschied am 18. Februar 2014, dass der 18-Jährige nicht mehr eingesperrt werden darf. In der Woche vom 10. Februar 2014 wurde Carlos zurück ins Gefängnis Limmattal nach Dietikon verlegt, weil sich das Personal im MZU geweigert haben soll, weiterhin mit dem renitenten Insassen zu arbeiten. Das Amt für Justizvollzug wollte aufgrund des Amtsgeheimnisses entsprechende Informationen gegenüber der NZZ nicht kommentieren. Am 7. Februar 2014 konnte Carlos das Bezirksgefängnis aufgrund eines Umbaus nach zwei Wochen verlassen und wurde wieder ins (Bild: Screenshot) verlegt. Am 27. Dezember 2013 lehnte das Zürcher Obergericht die Beschwerde des 18-Jährigen gegen die vorsorgliche Versetzung nach Uitikon ab. Wie am 22. Dezember bekannt wurde, hatte die Schwester von Carlos Strafanzeige gegen frühere Ärzte ihres Bruders eingereicht. Diese hätten ihn im Alter von 16 Jahren in der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli in Zürich (Bild) mit Medikamenten vollgepumpt und. Der Oberjugendanwalt Marcel Riesen steht ebenfalls in der Kritik. Er soll über das Sondersetting von Carlos bestens Bescheid gewusst haben. Bis Ende August 2013 wurde Straftäter Carlos im Rahmen eines Sondersettings behandelt. Dazu gehörte auch Thaibox-Unterricht. Damit ist vorerst allerdings Schluss, denn der Jugendliche wurde Anfang November ins Massnahmenzentrum Uitikon verlegt. Der 18-jährige Carlos (vorn) hat bei einer Messerattacke eine Person schwer verletzt. Vorbestraft ist er wegen Raub, Gewaltdelikten, Drohung, Waffenbesitz und Drogenkonsum. Jugendanwalt Hansueli Gürber (hinten im Bild) liess ihm die Sonderbehandlung zukommen, die pro Monat 29'000 Franken kostete. Nach der Publikation seines Falls wurde der Straftäter zu seiner eigenen Sicherheit wieder weggesperrt. Hier liegt er im Schlafzimmer der Vierzimmerwohnung, in der er auf Kosten der Jugendanwaltschaft gelebt hatte. Die Wohnung teilte er sich mit seiner Betreuerin, die sich rund um die Uhr um ihn kümmerte. Eine Lehre wolle er nicht absolvieren, weil er sonst zu wenig Zeit fürs Thaibox-Training habe, sagte er damals. Ein Team von zehn Personen befasste sich mit Carlos und kümmerte sich um ihn. Hier trafen sie sich mit ihm zur Lagebesprechung. Der heute 20-jährige A. Y. (Name der Redaktion bekannt) wurde am 14. Juni 2011 von Carlos mit einem Messer niedergestochen. Ein Stich traf seine Lunge, der andere ging nur knapp an seiner Wirbelsäule vorbei. Y. ist empört über die Sonderbehandlung, die der Täter erhalten hat, während er noch keinen Rappen Schmerzensgeld bekommen hat.

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Der Zürcher Regierungsrat steht hinter der Spezialbehandlung für den jugendlichen Straftäter Carlos. Einzig durch das Sondersetting sei es gelungen, bei Carlos über ein Jahr Stabilität und Verlässlichkeit zu erzeugen. Zwar seien die Kosten hoch, wegen des Ausnahmecharakters aber «vertretbar und verhältnismässig».

Carlos wurde immer wieder in unterschiedlichste Institutionen eingewiesen. Von Oktober 2006 bis zur Aufhebung des Sondersettings Ende August 2013 entstanden Vollzugskosten von 998'199 Franken, wie der Zürcher Regierungsrat am Donnerstag in einer Antwort auf eine Anfrage aus dem Kantonsrat schrieb.

«Hohe Rückfallgefahr»

Diese Kosten setzen sich zusammen aus verschiedenen Aufenthalten in Gefängnissen, im Aufnahmeheim in Basel, in mehreren offenen Institutionen, in psychiatrischen Kliniken sowie aus den Ausgaben für die Spezialbehandlung.

Die rund 20 Einweisungen hätten jedoch nicht den gewünschten Erfolg gebracht, schreibt der Regierungsrat weiter. Auch die psychiatrischen Gutachten seien bei Carlos von einer «hohen Rückfallgefahr für einschlägige Delinquenz» ausgegangen.

Gemäss Regierungsrat verbesserte sich bei Carlos die Situation einzig durch die Spezialbehandlung. Das Sondersetting sei damit sowohl mit den jugendstrafrechtlichen Bestimmungen als auch mit den erzieherischen Grundsätzen vereinbar.

Ziele vereinbart

Mit Carlos seien während der Spezialbehandlung auch Ziele vereinbart worden: Anschluss an die Normalität der Gesellschaft, Einhalten einer Tagesstruktur, Nachholen des Schulstoffs, Training von Grundwerten wie Fairness, Selbstdisziplin und Respekt.

Auch alltägliche Dinge wie Waschen, Kochen und Einkaufen sollten erlernt werden. Als Fernziel wurde eine Ausbildung im Sportbereich angepeilt.

Lockerung vorgesehen

Als die Jugendanwaltschaft die Spezialbehandlung eingeführt hatte, war Carlos 16 Jahre alt. Man sei nicht davon ausgegangen, dass dieses Setting unverändert bis zur Vollendung des 22. Altersjahres weitergeführt würde, heisst es in der Mitteilung.

Es sei geplant gewesen, die Eins-zu-eins-Betreuung zu lockern, sobald es die Verhältnisse erlaubt hätten. Dadurch wären auch die monatlichen Kosten von 29'200 Franken gesunken.

Nach Angaben des Regierungsrats belaufen sich die durchschnittlichen Kosten für die 130 untergebrachten Jugendlichen auf 410 Franken pro Tag beziehungsweise 12'300 Franken pro Monat. Ein Platz in einer psychiatrischen Klinik kostet im Schnitt fast 30'000 Franken, wie es im am Donnerstag veröffentlichten Bericht der Justizkommission des Kantonsrats heisst.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ralph Meier am 28.11.2013 13:00 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn man bedenkt...

    ...wievielen Menschen mit diesem Geld hätte geholfen werden können, Menschen, die wirklich bedürftig sind...! Anstatt auf einem Boxtraining zu beharren, sollte dieser Typ körperlich arbeiten, dann ist er nämlich am Abend auch müde und kann erst noch seinen Unterhalt selber verdienen...

  • Mike R am 28.11.2013 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    Zurück zahlen

    Und wann beginnt er mit der Rückzahlung. Inkl. Zinsen? Ich denke ich kenne die Antwort. NIE.

  • Marc'O am 28.11.2013 12:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kuschelrichter

    Unsere stolzen Richter spinnen. Die Leben in einer anderen Welt. Unglaublich. Eine Schande

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ruedi Wermuth am 28.11.2013 21:50 Report Diesen Beitrag melden

    Echt Schweiz.

    Verrückt, für Verbrecher, Gauner und deren Wohlbefinden werden Millionen ausgegeben, solchen Vögeln wird das Geld in Allerwertesten geschoben, damit ist das Geld gut angelegt. In der Schweiz gibt es Menschen, die das in den Sand gesetztes Geld bitter nötig haben, aber überall abgewiesen werden. Ein riesen Aufsehen als «Carlos» mit Vater den Hungersstreik begonnen haben. Nicht nur 3 Tage im .Hungerstreik lassen, Geld sparen. Leider wurde wieder über den Vogel geschrieben obwohl «Carlos» die Druckerschwärze nicht wert ist die dafür verbraucht wurde.

  • Tommy am 28.11.2013 20:36 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht Kosten Problem

    Die Kosten sind doch gar nicht das eigentliche Problem! Der Grund wieso ich (und ich nehme an auch viele andere) wütend sind, ist dass er völlig verwöhnt wird! Andere Varianten wären z.T. noch teurer. Und einige Teile der Therapie machen vielleicht auch Sinn. Aber wie bitte soll ein 46 fränkiges Deo verhindern, dass er bei der nächsten Kleinigkeit wieder jemanden absticht?!? Und Thaibox-Training bei einem anderen Gewalttäter? Das ist nicht dasselbe wie Karate bei einem Meister der Selbstkontrolle! So einen sollte man von der Gesellschaft fernhalten und nicht noch gefährlicher im Kampf machen!

  • antonmeier am 28.11.2013 17:44 Report Diesen Beitrag melden

    Unbegreiflich, sorry.

    Wenn man Aktionen befürworten kann, die einem selber nichts kosten, ist dies ja kein Problem. Selber über dreissig Tausend Franken verdienen, aber Steuergelder von arbeitenden mit ein paar Tausend Franken Lohn verschenken. Eine Million Franken, wie lange muss ich dafür arbeiten, um dieses Geld für Wohnen, wohlfühlen und Hobby ausgeben zu können?

  • Müller Hans am 28.11.2013 17:03 Report Diesen Beitrag melden

    Meinungen scheiden sich

    Ich verstehe die Menschheit nicht. Er hat jemanden mit dem Messer angegriffen für mich ist er nicht ein Opfer der Medien oder des Rechtssystem. Viel ehre hätte er länger weggesperrt werden sollen beim Gerichtsentscheid. Man sollte ihn freilassen und dann wenn er Wiederhollungstäter wird sollte man ihn 25 Jahre wegsperren. Wenn nicht dann hat sich das Vertrauen gelohnt. Aber nein dann jammern ja alle wieder warum man ihn nicht weggesperrt hat warum das wieder passiert ist...

  • Patrick S. am 28.11.2013 16:58 Report Diesen Beitrag melden

    Verstehe

    @Souffleur Es stimmt natürlich schon, dass die Strafe alles andere als gerecht war und somit die Justiz einen Fehler gemacht hat. Aber gerade deswegen kann ich ihnen nicht voll und ganz zustimmen. Denn so wie ich das sehe, wurde er nur einmal bestraft. Beim ersten Mal wurde er dafür belohnt. Ausserdem finde ich das die Aufregung der Leute mehr als gerecht ist, zumal es ohne sie wahrscheinlich nie zur eigentlichen Bestrafung gekommen wäre.