Einführung am 1. Januar

26. Dezember 2011 11:57; Akt: 26.12.2011 14:22 Print

Chaos um neue Spital-Finanzierung

von Valérie Favez, SDA - In wenigen Tagen tritt die überarbeitete Spitalfinanzierung in Kraft. Noch ist aber nicht überall klar, wer wie viel zu bezahlen hat. Kleinere Spitäler fürchten gar die Schliessung.

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An der Arbeit der Ärzte ändert sich per 1. Januar 2012 nicht viel - an der Finanzierung der Spitäler hingegen schon. (Bild: Keystone)

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Die neue Spitalfinanzierung tritt am 1. Januar 2012 in Kraft. Sie verspricht mehr Transparenz und mehr Wettbewerb. Theorie und Praxis liegen jedoch weit auseinander; die Einführung gestaltet sich derzeit chaotisch. Zudem besteht die Gefahr, dass die Spitalversorgung mittelfristig rationalisiert wird.

Ein Kernpunkt der neuen Spitalfinanzierung ist die flächendeckende Einführung leistungsbezogener Fallpauschalen (DRG). Hinzu kommt die Gleichstellung öffentlicher und privater Spitäler auf den kantonalen Spitallisten. Bei gelisteten Spitälern wird die Patientenrechnung künftig zu 55 Prozent vom Kanton und zu 45 Prozent von der Krankenkasse bezahlt.

Die Umsetzung des revidierten Krankenversicherungsgesetzes ist jedoch weit von der Theorie entfernt. Die Spitalplanung und Festlegung der Tarife sind in zahlreichen Kantonen noch nicht unter Dach und Fach.

Die Versicherer und die Spitäler haben bis zum 31. Dezember Zeit, sich auf die Basistarife, die «baserate» zu einigen. Wiederholt seien jedoch Verhandlungen gescheitert, sagte Michael Jordi, Zentralsekretär der Kantonalen Gesundheitsdirektoren-Konferenz.

Unterschiedliche Verhandlungspartner

Derzeit führen drei Gruppen separat voneinander Tarifverhandlungen mit den Listenspitälern: Einerseits tarifsuisse, die Tarifgestaltungstochter des Kassenverbands santésuisse, dann die drei Kassen Helsana, KPT und Sanitas und schliesslich noch die Krankenkasse Assura.

Erst am 23. Dezember meldeten Helsana, KPT und Sanitas den erfolgreichen Abschluss von einjährigen Tarifverträgen mit 250 der insgesamt 331 Listenspitälern. Aufgrund der gemachten Erfahrungen würden danach die Tarife angepasst.

Gemäss tarifsuisse bestehen derzeit von ihrer Seite her unterschriebene oder unterschriftsreife Verträge mit 81 Prozent der Listenspitäler vor. Wo noch keine Tarife haben verhandelt werden können, treten provisorischen Tarife in Kraft, die die Kantone bestimmen müssen.

«Jetzt müssen die Kantone Feuerwehr spielen und provisorische Tarife festlegen, von denen man nicht weiss, ob sie die tatsächlichen Kosten decken», erklärt Jordi im Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA. Diese Tarife hätten aber keine präjudizierende Wirkung. Sie stellten lediglich sicher, dass Spitalleistungen ab dem 1. Januar abgerechnet werden könnten.

Dilemma der Privatkliniken

Die ganzen Unsicherheiten sind vor allem für die Privatspitäler ärgerlich. Je nach dem, ob sie auf der Spitalliste figurieren oder nicht, fallen die Rechnungen unterschiedlich aus. Die kantonalen Mittel fallen weg, wenn ein Privatspital nicht gelistet ist. Hat es jedoch einen Vertrag mit einer Krankenkasse erhält es über die Grundversicherung einen Sockelbeitrag.

«Versicherte werden dadurch verunsichert. Sie wissen nicht, ob ihre Krankenkasse einen Spitalaufenthalt in einer Privatklinik bezahlt», sagt der Gesundheitsökonom Luc Schenker. Zudem würden einige Privatspitäler nur für spezifische Behandlungen auf der Liste aufgeführt. Privatspitäler fürchten deshalb um ihre Kunden. Für Michael Jordi sind dies jedoch Kinderkrankheiten, die schon bald behoben werden können.

Drohende Spitalzusammenlegungen

Die öffentlichen Spitäler hingegen werden den Druck mehr von Seiten der Fallpauschalen spüren. Diese orientieren sich an den günstigsten Spitälern. Deshalb stellt sich für die Spitäler die Frage, wer Kostenüberschreitungen deckt.

«Die öffentlichen Spitäler werden wahrscheinlich von den Kantonen unterstützt», erklärt Schenker im Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA. Dennoch kämen sie nicht darum herum, ihre Budgets zu senken.

Ein Spital mit Spezialisten und einer Versorgung rund um die Uhr braucht laut Schenker ein Einzugsgebiet von 250'000 bis 300'000 Einwohnern, um bestehen zu können. Gewissen kleinen Spitälern drohe daher eine Redimensionierung oder gar die Schliessung.

Simon Hölzer, Direktor von SwissDRG beruhigt: «Das Ziel ist nicht, Spitäler zu schliessen». Ziel sei, ein Vergleichsinstrument einzuführen, um zu sehen, wo die Produktivität gut ist, und um die Unterschiede zwischen den Spitälern zu verstehen.

Auch für Pierre-François Cuénoud von der Vereinigung Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH können die Spitäler mit der Unterstützung der Kantone rechnen: «Diese haben den Auftrag, die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung zu sichern. Sie können nicht allzu viele Spitäler fallen lassen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Marcel am 26.12.2011 20:29 Report Diesen Beitrag melden

    Arzt - Löhne nach unten korrigieren

    Vorallem müssen die Arzt-Praxen reduziert werden, welche in den letzten 10 Jahren wir Pilze aus dem Boden geschossen sind - alle provitieren / hängen am Pfropf des CH-KK-System.

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  • Böller am 26.12.2011 14:37 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn

    meine Krankenschwester auf meinem Zimmer genauso schöne Augen hat wie die OP-Schwester rechts vorne im Bild, ist es mir herzlich egal wer wieviel zahlt :)

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  • Kurt Aegeri am 26.12.2011 14:42 Report Diesen Beitrag melden

    Betrug

    Ob über Steuern oder Prämien: finanzieren tun es die, welche am wenigsten davon haben - die Patienten. Ärzte, Spitäler, Apotheken, Gerätehersteller (MRI usw.) uhd weitere Schnittstsellen machen dank unserer Wirtschaftsfilzparteien nach wie vor den grossen Reibach, während sie fleissig jammern. Und damit man daran nichts ändern muss, schiebt man weiterhin den Schwarzen Peter auf die Patienten, die angeblich dauernd zum Arzt rennen. Und die Prämien- resp. SteuerzahlerInnen glauben es brav und lassen sich betrügen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Vera am 28.12.2011 00:41 Report Diesen Beitrag melden

    Vorsorge

    Also ich höre selten was von empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen um rechtzeitig Krankheiten zu erkennen. Das spart Kosten. Gesund leben ist wichtig, aber je nach Veranlagung kann man trotzdem krank werden.

  • Beat Regenscheit am 27.12.2011 09:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kompetenz

    Es müsste viel mehr Kompetenz den Pflegefachleuten oder Physios, Therapeuten abgegeben werden , sodass der Arzt nicht wegen jedem Pflaster noch seine Sicht & Unterschrift draufsetzen muss. Da könnte man pro Station mind. ein Arzt sparen. Das wären ca. eine Miliarde pro Jahr.

  • Andy Zeidler am 27.12.2011 08:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Herr

    In Deutschland funktioniert ist nicht und in anderen Ländern auch nicht...!!!Fragt mal die Leute die schin damit gearbeitet haben...Eine Katastrophe und wir übernehmen sie...!!!!

  • draga am 27.12.2011 07:47 Report Diesen Beitrag melden

    Operation als Anreiz?!

    DRG,bzw. Fallpauschale haben keinen eindeutigen Einfluss auf die Gesamtkosten, so viel steht fest. Die Gründe dafür mögen verschieden sein. So wäre interessant zu untersuchen ob nach DGR Einführung die Anzahl der OP zu nimmt. Mit DRG werden ökonomische Anreize halt anders gesetzt. Wer profitiert??? Vielleicht die profilierende Projektleiter; Patienten und Prämienzahler kaum....

  • S.F. am 27.12.2011 04:43 Report Diesen Beitrag melden

    Arztpraxen unter die Lupe

    Bei den Arztpraxen sollte endlich mal ein Riegel vorgeschoben werden.Bsp. Ich habe eine chronische Mittelohrentzündung,einst bin ich zum Notfall ins Spital,da ich wieder Ohrenschmerzen hatte,dort bekam ich Antibiotika,anstatt mich im Spital zu einem Spezialisten zuschicken,bekam ich einen Hinweis, zu meinem Hausarzt zugehen,der sollte mir doch eine Überweisung zu einem HNO Doktor geben,dort wurde ich dann nach fast 2 Wochen untersucht,der Dok. gab mir eine Überweisung für ein CT machen,nach dessen Auswertung er mich dann wieder zu einem Spezialisten nach Aarau überwiessen hat,3xDok.

    • Draga am 27.12.2011 08:25 Report Diesen Beitrag melden

      Paradebeispiel

      Eben, das sind die falsche Anreize. Das System soll verstaatlicht werden wie im U.K. und Sweden, funktioniert sehr effizient. Nun, wird hier bei Patienten der Eindruck erweckt mit vielen Spezialisten steigt auch der Qualität der Versorgung, oft ist das für den Patient ein Schuss nach hinten. Im Prinzip geht es dabei vielfach um deren Löhne, um die Amortisation von Praxen und Geräten.

    • Schweizer am 27.12.2011 10:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Schauder

      @Draga. Hallo ausgerechnet U.K ? Die haben monatelange Wartezeiten und schicken ihre Leute nach Belgien,Frankreich und NL. zur Operation. Kann mir kein Land vorstellen welches ein schlechteres Krankensystem hat. Vielleicht kostet es wenig aber es taugt auch nicht viel.

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