Ferien-Konto

26. April 2019 11:55; Akt: 26.04.2019 11:55 Print

Darum hamstern Angestellte oft ihre Ferien

von P. Michel - Viele Arbeitnehmer häufen eine grosse Zahl an Ferientagen an. Schuld seien die Chefs, sagen Gewerkschafter.

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Beim Bundesamt für Polizei haben die Bundesangestellten im Durchschnitt 14,1 Tage – also fast drei Wochen – Ferien angespart. Vor vier Jahren waren es noch 10 Tage. Die Spitzenreiter beim Sammeln von Ferienguthaben sitzen im Aussendepartement: Sie hatten letztes Jahr 15,8 Ferientage auf dem Konto, die sie nicht bezogen hatten.

Das Phänomen ist auch in der Privatwirtschaft bekannt: Der Verband Swissmem registriert zunehmend Anfragen von Mitarbeitern, die ihr angespartes Ferienguthaben zu Geld machen wollen – was im Arbeitsverhältnis nicht erlaubt ist. Wie viele Angestellte ihre Ferien aufsparen, dazu führt das Bundesamt für Statistik keine Zahlen. Das Problem der Ferienberge werde sich aber weiter verschärfen, sagt Thomas Geiser, emeritierter Arbeitsrechtsprofessor an der Universität St. Gallen.

Haben Firmen ein Interesse an Ferienbergen?

Ein Grund dafür sei, dass Unternehmen tendenziell mehr Ferien gewähren. Laut Bundesamt für Statistik hatte der durchschnittliche Angestellte 2017 5,1 Wochen Ferien. Offenbar nutzten nicht alle Angestellten die Guthaben aus oder sie verlieren den Überblick. Eine andere Erklärung sei, dass Firmen ein kurzfristiges Interesse an Ferienbergen hätten, weil sie so dieselbe Arbeit auf weniger Köpfe verteilen könnten.

Dies ist auch der Hauptgrund für Luca Cirigliano, Sekretär beim Gewerkschaftsbund. Er erhalte viele Meldungen von Angestellten, bei denen die Chefs Ferien zum gewünschten Zeitpunkt nicht akzeptieren. «Die Freiheit des Arbeitnehmers bei den Ferien und Arbeitszeiten mitzubestimmen, wird zunehmend aufgeweicht.»

Gewerkschaften üben Kritik

Ein grosses Problem sei auch die Überzeit: «Ich kenne Personen, die ein paar Hundert Überstunden angehäuft haben, wobei der Chef verlangt, dass sie diese zuerst kompensieren – für eigentliche Ferien bleibt dann keine Zeit mehr.» Für die Gesundheit der Arbeitnehmenden sei dies verheerend: «Das Minimum von vier Wochen ist schon zu wenig. Es ist zentral, dass sich Angestellte immerhin in dieser Zeit erholen können.»

Unternehmensberaterin Brigitte Kraus stellt fest, dass es Arbeitnehmer gibt, die gar nicht in die Ferien wollen. «Für Unternehmen ist das eine unangenehme Situation, niemand schickt seine Mitarbeiter gern in die Zwangsferien.» Möglicherweise gebe es Angestellte, die gar nicht wüssten, was sie in den Ferien anstellen sollen und deshalb ihr Guthaben anhäufen. Für sie ist klar: «Es ist Aufgabe eines Chefs, frühzeitig den Zeitpunkt der Ferien mit den Mitarbeitern zu planen.»

So rechtfertigen sich die Arbeitgeber

«Ferienguthaben verfallen erst nach fünf Jahren», betont Fredy Greuter, Sprecher des Arbeitgeberverbandes. Es könne in Einzelfällen vorkommen, dass der Arbeitgeber einen Ferienstopp oder Überstunden anordne, etwa wenn dringende Aufträge anstünden. Doch während fünf Jahren bleibe dem Arbeitnehmer genug Zeit, seine verschobenen Ferien einzulösen.

«Es wäre stossend, wenn Ferien dauernd nicht bewilligt würden. Das ist jedoch nicht der Fall.» Indem der Arbeitgeber selbstverständlich mit Rücksicht auf die Arbeitnehmer den Zeitpunkt der Ferien bestimme, könne er auch für einen schrittweisen Abbau von aufgelaufenen Ferienguthaben sorgen.

Wer freiwillig Ferien anhäuft, um einmal länger zu verreisen, dem empfiehlt der Verband Angestellte Schweiz unbezahlten Urlaub. «Vielleicht muss man auch noch Gleitzeitguthaben abbauen und kann so die Ferien etwas verlängern.»

Was beim Thema Ferien erlaubt ist und was nicht, lesen Sie in der Box.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • EineFrau am 26.04.2019 12:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ferien

    Ich arbeite um zu leben und lebe nicht um zu arbeiten...niemals würde ich mir Ferien auszahlen lassen und dann erst noch Steuern drauf zahlen! Lieber bei der Kündigung / Pension 1-2 Monate früher und bezahlt gehen.

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  • Leser 1 am 26.04.2019 12:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ferien?

    In vielen Firmen sind es ja auch keine Ferien mehr, sondern nur "zeitreduzierte" Arbeit. Man soll Mails checken, antworten, über Mobile erreichbar sein. Kann auch sein, dass viele dann lieber ganz verzichten.

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  • Andreas am 26.04.2019 12:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verjährung...?

    Können sie den Gesetzesartikel bekanntgegeben, der besagt, dass Ferienguthaben Verjähren. Vielen Dank

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Listo am 27.04.2019 17:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    6 Wochen bezahlter Urlaub

    Wir hatten die Chance über 6 Wochen Ferien abzustimmen.... Naja ob wir nochmals so doof wären?

  • AN am 27.04.2019 16:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Augenwischerei

    Wenn die Firmen immer mehr Leute einsparen, ist es nicht verwunderlich, dass sich die Ferienkonti der verbleibenden Mitarbeiter ansparen. Die Arbeitsabläufe sind nicht so viel effizienter geworden, um eine Person vollkommen zu ersetzen! Nach den Ferien hat man meistens, zwei Wochen, um nur Mails zu beantworten und zu bearbeiten. Ferienablösungen gibt es ja fast nicht mehr. Das Tagesgeschäft wird auf die verbleibenden Mitarbeiter abgewälzt, und die restliche Arbeit holt man nach den Ferien mit ein paar Überstunden nach.

  • Frei macher am 27.04.2019 15:25 Report Diesen Beitrag melden

    Leben...

    Macht Ferien und anstatt Lohnerhöhung verlangt Ferien, geht raus, sozialisert, teilt euch....

  • A.E. am 27.04.2019 14:53 Report Diesen Beitrag melden

    Was sind Ferien?

    Ferien? Heutzutage wird man in den Ferien, bei Krankheit, am Wochenende und an Feiertagen am Handy angerufen. Und wehe man ist nicht erreichbar...

    • Marco Fischer am 27.04.2019 15:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @A.E.

      In meinem Freundes-und Bekanntenkreis wird in den Ferien niemand "gestört" vom Arbeitgeber aus.

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  • Sven-elektriker am 27.04.2019 11:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    5 wochen? Auf dem Bau?

    5 wochen ferien im Baugewerbe? Als Lehrling oder Ü50, aber nicht der Büezer zwischen 20 und 50. Ansonsten sind 4 Wochen die Regel.

    • Zimmermann am 27.04.2019 12:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Sven-elektriker

      wenn du auf dem Bau arbeitest und nur 4 Wochen Ferien hast machst du garantiert etwas falsch. Ich arbeite selber als Zimmerman und habe minimum 5 Wochen Ferien. und ich habe keine Zeit Ferien zu nehmen ist auch eine blöde ausrede. zumindest im Büezeralter wo man als anständiger Arbeiter kein problem hat eine Stelle zu finden. Den du Arbeitest nicht für das wohlergehen deines Chefes sondern für dich.

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