Coiffeusen-Tieflohn

23. August 2019 04:52; Akt: 23.08.2019 11:16 Print

«Um zu überleben, bin ich auf Trinkgeld angewiesen»

Billig-Konkurrenz und Tieflöhne: Coiffeusen haben Ende Monat wenig im Portemonnaie – trotz Dauerstress. Betroffene wehren sich.

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Acht Coiffeusen haben sich an 20 Minuten gewandt: Trotz der langen Arbeitstage reiche das Geld kaum, um alle offenen Rechnungen zu bezahlen. «Ich kann nichts zur Seite legen und bin aufs Trinkgeld angewiesen, um zu überleben», sagt etwa L. Der Lohn einer weiteren Coiffeuse wurde um 200 Franken reduziert, da sie die vom Gesamtarbeitsvertrag der Branche (GAV) vorgesehene monatliche Umsatzschwelle von 9500 Franken knapp verfehlte. Das ist legal laut GAV. Für die Coiffeusen ist klar: Das Umsatzsystem ist ungerecht. «Ein Problem sind auch Gutscheine, wie sie beispielsweise Gidor in grossen Mengen an potenzielle Kunden abgibt», sagt Coiffeuse K. Die Rabatte würden vom Umsatz abgezogen. «Wenn 10 Kunden einen Gutschein haben, verlierst du 100 Franken Umsatz pro Tag. Wie willst du die 9500 Franken erreichen? Das ist unfair.» Die 10-Franken-Gutscheine beurteilt das Unternehmen Gidor anders als die Coiffeusen. «Gutscheine sind verkaufsfördernde Massnahmen. Damit können Angestellte neue Kunden gewinnen und den Umsatz steigern.» Leena Schmitter von der Gewerkschaft Unia sagt: «Die Preise stehen wegen Low-Cost-Salons und grossen Ketten unter Druck.» Sie kritisiert auch Gidor: «Wir kennen Fälle, die zeigen, dass Gidor tiefe Grundlöhne hat, damit – zusammen mit der Umsatzbeteiligung – der Mindestlohn nicht überschritten wird.» Gidor weist die Kritik von sich. So seien die Mindestlöhne in jedem Fall gesichert und bei entsprechendem Umsatz einer Angestellten falle ihr Lohn sogar deutlich höher aus – was regelmässig vorkomme.

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B. M.* schneidet vor allem Herren die Haare – im Viertelstundentakt. Wegen der tiefen Preise komme sie sonst nicht auf genügend Umsatz. «Wenn wir monatlich nicht rund dreimal so viel einnehmen, wie wir verdienen, haben wir mit Konsequenzen zu rechnen. Kommt das mehrmals vor, wird uns mit der Kündigung gedroht», erzählt S. L*, die – wie M. bis vor kurzer Zeit auch – im Kanton Zürich bei einer Coiffeurkette arbeitet.

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Zusammen mit sechs weiteren Coiffeusen haben sie sich an 20 Minuten gewandt, um aufzurütteln. Denn trotz der langen Tage reiche das Geld kaum, um alle offenen Rechnungen zu bezahlen. Eine aktuelle Lohnabrechnung zeigt, dass L. brutto 3600 Franken verdiente. Ende Monat blieben nach allen Abzügen nur rund 3200 Franken. «Ich kann nichts zur Seite legen und bin aufs Trinkgeld angewiesen, um zu überleben», sagt L.

Reduzierte Basislöhne

Der Lohn einer weiteren Coiffeuse wurde um 200 Franken reduziert, da sie die vom Gesamtarbeitsvertrag der Branche (GAV) vorgesehene monatliche Umsatzschwelle von 9500 Franken knapp verfehlte. Das ist legal: Der GAV sieht in einem solchen Fall um 400 Franken beziehungsweise 200 Franken reduzierte Mindestlöhne vor, und zwar in den ersten beiden Jahren nach dem Abschluss der Lehre.

«Gerade in kleineren Städten oder abgelegenen Filialen ist es unmöglich, auf diesen Umsatz zu kommen», erzählt N. K.*, eine weitere Angestellte. Doch auch Coiffeusen mit viel Berufserfahrung und guten Umsätzen würden kaum mehr als 4000 Franken verdienen. So liegt etwa der Grundlohn von D. L.*, die seit Jahren auf dem Beruf arbeitet, bei nur 3350 Franken. Hinzu kommt eine Umsatzbeteiligung, welche gemäss GAV bei gelernten Coiffeusen ab dem fünften Berufsjahr zu einem Brutto-Basislohn von 4000 Franken führen muss. Trotz knapp 11'500 Franken Umsatz bleiben L. nach allen Abzügen nur gut 3600 Franken.

Für die Coiffeusen ist klar: Das Umsatzsystem ist ungerecht. «Ein Problem sind auch 10-Franken-Gutscheine, wie sie beispielsweise Gidor in grossen Mengen an potenzielle Kunden abgibt», sagt Coiffeuse K. Die Rabatte würden vom Umsatz abgezogen. «Wenn 10 Kunden einen Gutschein haben, verlierst du 100 Franken Umsatz pro Tag. Wie willst du die 9500 Franken erreichen? Das ist unfair.»

Gewerkschaften: Low-Cost-Salons drücken die Löhne

Leena Schmitter von der Gewerkschaft Unia sagt: «Die Preise stehen wegen Low-Cost-Salons und grossen Ketten unter Druck.» Kleine Salons könnten nicht mehr mithalten. Unter der Situation litten die Angestellten, deren Löhne oft nicht oder nur knapp zum Leben reichten. Zu den verbreiteten Abzügen bei Berufseinsteigern sagt Schmitter: «Das Ganze ist legal, aber total unfair. Coiffeusen erhalten gerade so wenige Kunden, dass sie den Soll-Umsatz nicht erreichen.»

Schmitter kritisiert auch die Salon-Kette Gidor, die über 90 Filialen in der Schweiz betreibt: «Wir kennen Fälle, die zeigen, dass Gidor tiefe Grundlöhne hat, damit – zusammen mit der Umsatzbeteiligung – der Mindestlohn nicht überschritten wird.» Gidor gehe so bis an die Grenzen des Erlaubten, und die Coiffeusen müssten hart arbeiten, um einen angemessenen Lohn zu erhalten.

«Mindestlöhne bei Gidor in jedem Fall gesichert»

Gegenüber 20 Minuten weist die Gidor-Geschäftleitung die Kritik entschieden zurück. Ihre Angestellten erhielten zusätzlich zum Grundlohn Umsatzprämien und Verkaufsprovisionen. Bei zu tiefem Umsatz würden Ausgleichszahlungen geleistet. So seien die Mindestlöhne in jedem Fall gesichert. Bei entsprechendem Umsatz einer Angestellten falle ihr Lohn sogar deutlich höher aus – was regelmässig vorkomme.

Die 10-Franken-Gutscheine beurteilt das Unternehmen anders als S. und K. «Gutscheine sind verkaufsfördernde Massnahmen. Damit können Angestellte neue Kunden gewinnen und den Umsatz steigern. Somit wirken sich solche Gutscheine auf langfristige Sicht oftmals positiv auf die Einkommen der Coiffeusen aus.»

Ein Zusammenhang zwischen angedrohten Kündigungen und einem Nicht-Erreichen der GAV-Umsatzschwelle von 9500 Franken gebe es nicht. «Eine positive Umsatzentwicklung liegt im Interesse unseres Unternehmens und der Mitarbeiter, weil damit die Betriebskosten gedeckt und die langfristige Konkurrenzfähigkeit sichergestellt werden.» Kündigungen kämen wie in jedem Unternehmen vor, hätten jedoch mit ausbleibender Leistung und nicht mit dem Umsatzziel zu tun.

Überraschungskontrollen neu eingeführt

Der Branchenverband Coiffure Suisse begründet die schwierige Situation vieler Angestellten damit, dass auf dem Markt zurzeit ein grosser Konkurrenzkampf herrsche. Dienstleistungen würden zu sehr niedrigen Preisen angeboten. Ein effektives Mittel gegen Lohndumping sei der neue GAV, der Mindestlöhne für gelernte, angelernte sowie ungelernte Mitarbeiter vorschreibe. «Um die Einhaltung des GAV besser überwachen zu können, würden 2019 in ausgewählten Salons 250 Überraschungskontrollen durchgeführt.»

Bisher hat sich laut Coiffure Suisse gezeigt, dass 55 Prozent der geprüften Salons gegen Lohnvorschriften verstossen oder die Versicherungen nicht korrekt abrechnen würden. Gidor hält fest, der eigene Betrieb zähle nicht zu den fehlbaren Salons. «Gidor steht zum GAV von 2018 und insbesondere zum deutlich verbesserten neuen Lohnsystem. Dieses honoriert die Berufserfahrung stärker.» Zudem begrüsse man entsprechende Kontrollen – nur so könne das unrechtmässige Lohndumping zulasten der Angestellten der ganzen Coiffeurbranche effektiv bekämpft werden.

(jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Maria Delgado am 23.08.2019 06:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur Coiffeusen verdienen wenig

    Langsam nervt dieses Thema. Ich bin gelernte Drogistin (vierjährige, anspruchsvolle Lehre) und habe nicht mehr verdient als Coifeusen. Wir hatten zudem nie Trinkgeld!!!

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  • Geiz ist geil am 23.08.2019 06:06 Report Diesen Beitrag melden

    Wir wollen nur das Billigste

    Liebe Frauen und Männer. Wenn die Coiffeuse mehr verdienen soll, dann muss der Kunde mehr bezahlen. Der Kunde will aber billig, billig, billig und noch billiger.

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  • Erfahrene Coiffeuse am 23.08.2019 06:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Billig-Coiffeure verbieten

    Dann noch den ganzen Tag stehen, dass die Beine und der Rücken schmerzt und das zu solchen Tiefpreislöhnen, das haltet man meistens nicht bis 65 aus. Und all die Billig-Coiffeure sollte man gleich verbieten. Dort kann die Rechnung auf legalem Weg niemals aufgehen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Papa Bär am 26.08.2019 06:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Richtig so

    Wehrt Euch gegen Vorurteile welche Tieflöhne zur Folge haben. Ihr tätigt einen guten Job für jene welche sich hübsch präsentieren wollen. Ihr werdet aufgrund vermehrter Egotrips aktueller denn je gebraucht. Macht etwas daraus und viel Glück.

  • Cornelia am 23.08.2019 17:10 Report Diesen Beitrag melden

    da läuft etwas schief...

    Lustige Kommentare. Jeder möchte eine perfekte Frisur, diese darf natürlich nicht Teuer sein, je billiger desto besser. Ja, liebe Leute wenn aber ein Handwerker verschiedener Berufsgattung nur schon unsere Türklinke in die Hand nimmt kostet mich dass sage und schreibe schon 80.- bis 120.- Franken. Dieser hat noch nicht mal etwas ausgeführt. Irgendwas läuft hier schief.

  • ACDC am 23.08.2019 17:09 Report Diesen Beitrag melden

    Was soll das eigentlich ?

    Diese Trinkgeld-Unsitte hat sich in so vielen Ländern festgesetzt. Es steht NIRGENDS, dass man Trinkgeld geben muss (bsp. Restaurants, Taxis, Coiffeure, Hotels, usw.). Viele Restaurants schlagen es direkt auf die Quittung. Das ist schlicht kriminell. Die sollen einfach die Löhne erhöhen, Punkt. Ich bin Elektriker, wenn ich eine Arbeit verrichtet habe, gibt mir auch keiner Trinkgeld.

  • Carmen am 23.08.2019 17:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ehemalige Coiffeuse

    Hallo ich finde es als ein Schlag ins Gesicht da das Tema schon seit Jahren Gespräch ist das alle sei es Coiffeuse Gastronomie ec. Unter dem Lebens Standard sind man hat keine Lebensqualität, ich finde alle die von den wenig Verdiener profitieren selber mindestens ein Jahr lang mit diesem geringen Lohn mal leben sollten.!!!!!!

  • Häärlitante am 23.08.2019 17:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    War nicht gut

    Ich ging einmal zu einem anderen Coiffeur, kostete über 200 SFr. Die Haare wurden luftig gefönt und mit Haarspray fixiert. Ich fand meine Frisur toll. Bis zum nächsten waschen. Als ich die nassen Haare kämmte, stellte ich fest, dass es lauter Hicke und ungewollte Stufen drin hatte. Meine Mutter, notabene keine Coiffeuse, musste nochmals dahinter. Für das sind mir 250 SFr. zu schade.