Verluderung der Mundart?

21. Juni 2012 13:56; Akt: 21.06.2012 14:36 Print

Coop grillt, Sprachpuristen kochen

von Antonio Fumagalli - In der Stadt Zürich werden die Abfallcontainer auf Hochdeutsch umgerüstet, beim Coop «grillt» man neuerdings. Verludert die schweizerdeutsche Sprache? Näi, sagt ein Sprachforscher.

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«Chame das ‹tsch tsch›?», fragt der Herr mittleren Alters, Typ Durchschnittsschweizer, im TV-Spot von Coop und zeigt auf einen Salatkopf. Nein, kann man nicht. Auch beim Sandwich und der Sashimi-Rolle wird er enttäuscht. Erst das saftige Stück Fleisch lässt sein Herz höher schlagen. «Das chame grille», sagt er zufrieden und legt sich das Plätzli auf den Teller. Doch während den einen das Wasser im Mund zusammenläuft, treibt es den anderen ob des Wortes «Grillen» die Zornesröte ins Gesicht. «Unter Grillen versteht man hierzulande Heuschrecken, ein Schweizer nennt die Tätigkeit ‹grillieren›. Diese Verluderung der schweizerdeutschen Sprache nervt mich gewaltig», sagt Leser-Reporter M. B.* aus Zürich.

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Er hat Coop seinen Unmut über die Werbekampagne schriftlich mitgeteilt. Und er ist nicht der Einzige: Der Grossverteiler bestätigt, dass sich rund ein Dutzend weitere Personen beschwert haben. Dort versteht man die Aufregung aber nur bedingt: «Der gewählte Slogan kann aufgrund der Vielfalt an Dialekten in der Deutschschweiz keinem einzelnen gerecht werden. Er wird aber überall verstanden», sagt Pressesprecher Urs Meier. Die Kampagne sei von einer Schweizer Agentur konzipiert worden, gleichwohl nehme man sich zu Herzen, sprachliche Befindlichkeiten bei zukünftigen Werbeaktionen stärker zu berücksichtigen.

Sauber oder suuber?

Nicht nur Coop will seine Botschaft mit deutschen Ausdrücken an den Mann bringen. Die Stadt Zürich ermahnt die Bevölkerung mit dem Container-Spruch «Nur Züri-Säcke – Für ein sauberes Zürich» an die Regeln des geordneten Abfalltrennens. So weit, so verständlich. Früher hiess der Slogan auf den baugleichen Abfall-Containern allerdings «Nur Züri-Säcke – Für e suubers Züri».

Kommt man damit der in den letzten Jahren stark angewachsenen deutschen Bevölkerung entgegen? Karin Leemann, Pressesprecherin von Entsorgung und Recycling Zürich, winkt ab: «Der Entscheid wurde schon vor sechs oder sieben Jahren gefällt und fügt sich in die Gesamtstrategie der Stadt ein. Weil aus Kostengründen aber nicht alle Container gleichzeitig umgerüstet werden, merkt man die Umstellung nur schleichend.» Zürich sei eben eine Stadt mit internationaler Ausstrahlung und man wolle vom grösstmöglichen Teil der Bevölkerung verstanden werden.

Hochdeutsch ist erzieherischer

Der inoffiziell oberste Hüter unserer Mundart, «Idiotikon»-Chefredaktor Hans-Peter Schifferle, kann das Vorgehen der Stadt nachvollziehen. «Hochdeutsch wird automatisch mit etwas Formellem in Verbindung gebracht. Ein erzieherischer Spruch ist so wirksamer», sagt der Sprachforscher.

Schifferle mag nicht in den Tenor einstimmen, dass Schweizerdeutsch immer mehr vom Hochdeutschen verdrängt werde. Vor dem Ersten Weltkrieg sei der linguistische Einfluss des «grossen Kantons» grösser gewesen. Für eine lebendige Sprache sei es normal, dass sie sich im Kontakt mit anderen Sprachen verändere. Aber er sagt auch: «Ein Wort wie ‹grillen› ist ein sogenannter Teutonismus, wir würden es derzeit noch nicht in unser Wörterbuch aufnehmen.»

Leser-Reporter M. B. hat sich für einen radikaleren Schritt entschieden. Er geht bis auf Weiteres nicht mehr in den Coop einkaufen.


Hier sehen Sie den Grill-Werbespot von Coop:


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hugo Hecht am 21.06.2012 14:08 Report Diesen Beitrag melden

    Verdeutschung

    Es ist lewider so, unsere schweizerischen Sprachlichen Eigenheiten die im Ausland immer wieder schmunzel auslösen verschwinden. Auch das CH-TV sucht neu 100 Dinge die die Schweiz charakterisieren. Das sind doch 100 Sachen und nicht Dinge.

  • Phips am 21.06.2012 18:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Werbung

    Mich nervt das "Verdeutschen" auch. Das Schwiizer Düütsch ist sympatischer und hat mehr charme. Ich arbeite ebenfalls im Marketing und würde in diesem Zusammenhang eher die CH-Version nehmen, da man die emotionale Nähe des SchweizerIn eher trifft.

  • Susanne Heyer am 21.06.2012 18:16 Report Diesen Beitrag melden

    Eindeutig

    grillieren, eine Grille ist ein Insekt!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Philippe Trachsel am 22.06.2012 19:57 Report Diesen Beitrag melden

    zum Glück

    kann man sich über so ein Schwachsinn unterhalten:-) Wir haben ja nichts besseres zu tun.

  • Tobias am 22.06.2012 18:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sommerzeit ist Grillzeit

    Was ist nir mit der Schweiz los wenn man sich über so einen Mist aufregt. Lasst sie doch einfach machen, denn grolle wird auch in der Schweiz gesagt. Es gibt für Schweizerdeutsch keine Rechtschreibung und schon gar nicht mit den vielen Dialekten. Also hört am besten auf euch darüber aufzuregen, geniesst das Wetter und geht schön grilliere/grille/griliärä. ;)

  • E Schwiizer am 22.06.2012 18:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Probleme 

    Schön das wir keine anderen Probleme haben in der Schweiz!

  • Marie am 22.06.2012 13:19 Report Diesen Beitrag melden

    @Hanspeter Eberle - Da hämmer's!

    Das wird die Schaffhauser aber nicht freuen. Die sagen nämlich "Chind z'sii" und "schrubbe". Schweizerdeutsch kann man schon schreiben, und wir verstehen es auch, wenn verschiedene Dialekte geschrieben werden. Wir könnten doch einfach jeder in seinem Dialekt schreiben. Wäre total in Ordnung.

  • Steve Meyer am 22.06.2012 12:50 Report Diesen Beitrag melden

    Braten oder zirpen

    Wir sind ja keine Grillen so tun wir auch nicht grillen sondern grillieren.