Quarantäne und schulfrei

28. Februar 2020 04:47; Akt: 28.02.2020 15:21 Print

Coronavirus verunsichert Eltern von Schulkindern

«Soll ich mein Kind noch in die Schule schicken?» Solche Fragen beschäftigen Eltern, nachdem in mehreren Kantonen Coronavirus-Fälle bestätigt wurden.

Die Bündner Kantonsärztin im 20-Minuten-Interview.
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Das Coronavirus breitet sich in der Schweiz aus: Nach dem Tessin meldeten am Donnerstag verschiedene Kantone bestätigte Fälle. Insgesamt zählt der Bund neun isolierte Patienten. Die Zahl steigt ständig. Darunter sind auch zwei italienische Kinder, die im Bündnerland in den Ferien waren. Daneben steckte sich eine Kita-Betreuerin im Basel-Land an. Schweizweit gibt es mehrere Hundert Verdachtsfälle, wie der Bund mitteilte.

Schicken Sie ihr Kind noch in die Kita, den Kindergarten oder in die Schule – oder nicht? Schreiben Sie uns.

Diese Entwicklung hat auch Folgen für die Schulen: Die Aargauer Schule Niederlenz rief etwa für Donnerstag schulfrei aus, weil die Familie einer Schülerin im Kantonsspital auf das Virus getestet worden war. Da das negative Resultat erst spätabends vorlag, ergriff die Schule die radikale Massnahme.

Petition zur Schulschliessung im Tessin

Die Schulleiterin sagte zu 20 Minuten: «Was wir Schulen brauchen, sind direkte Informationen und Anweisungen durch das BAG und vom kantonsärztlichen Dienst. Da wurden wir jedoch hängen gelassen.» Im Tessin wurde gar eine Petition auf Change.org lanciert, die fordert, die Schulen im Tessin am Montag nach den Ferien nicht wieder zu öffnen. Innert kürzester Zeit unterschrieben 1000 Personen.

Auch Kindertagesstätten sind verunsichert. «Wir haben zurzeit sehr viele Anfragen von besorgten Geschäftsleitungen von Kindertagesstätten und Tagesfamilienorganisationen», sagt Prisca Mattanza von Kinderbetreuung Schweiz zu Nau.ch. Man sei dringend auf Empfehlungen des BAG angewiesen, erhalte aber keine Ratschläge.

«Soll ich mein Kind noch in die Schule schicken?»

Die Frage, wie Schulen mit der Situation umgehen sollen, beschäftigt die Eltern. «Ab wann darf ich mein Kind aus der Schule nehmen, ohne strafrechtliche Konsequenzen zu erwarten?», fragte etwa ein 20-Minuten-Leser. «Wenn Schulen geschlossen werden, ist es ja vermutlich bereits zu spät und der Virus bereits vor Ort.» Auch eine Zürcher Mutter sagt: «Ich weiss nicht, ob ich mein Kind noch in den Kindergarten schicken soll.» Zwar gehörten Kinder nicht zur Risikogruppe. Aber Gspänli ihres Kindes seien in Südtirol in den Ferien gewesen. Rechtlich ist die Lage klar: Die Angst vor dem Coronavirus ist kein Grund, die Kinder von der Schule zu nehmen. Das kann gar mit Busse bestraft werden (siehe Interview).

Cornelia Märchy-Caduff, Primarlehrerin und Vizepräsidentin der Bildungskommission des Bündner Grossen Rates, hat Verständnis für die Sorgen der Eltern. «Die Schulen müssen Vorbereitungen treffen.» Derzeit sind im Kanton Graubünden noch Schulferien, am Montag finde aber eine schulinterne Sitzung statt, sagt Märchy. Gebe es in einer Schule einen Verdachtsfall, müsse die betreffende Klasse unter Quarantäne gestellt werden, bis das negative Resultat eintreffe, findet sie. Auch Schulschliessungen sollten bei einem positiven Test eine Massnahme sein.

Sololäufe nicht erwünscht

Der Bündner Regierungsrat Peter Peyer sieht beim Schulbetrieb derzeit keinen Handlungsbedarf. «Die Erforderlichkeit von Schulschliessungen wird in die laufende Situationsüberprüfung regelmässig miteinbezogen und somit konstant überprüft.»

Auch Simone Strub, Sprecherin des Aargauer Bildungsdepartements, erklärt, der Schulbetrieb finde grundsätzlich statt. Allfällige Schulschliessungen oder andere
Massnahmen würden wenn nötig durch die kantonalen Behörden angeordnet. Lokale Massnahmen müssten mit den kantonalen Stellen abgesprochen werden. «Es ist nicht zielführend, wenn einzelne Schulen schon bei Verdachtsfällen selbst schulfrei beschliessen», sagt sie mit Blick auf die Schule in Niederlenz. Denn so würden andere Schulen unter Druck gesetzt, nachzuziehen, ohne die genauen Umstände des Falles zu kennen. Es brauche eine koordinierte Abstimmung der Massnahmen.

Strub betont, der Kanton habe am Mittwoch alle Schulen im Kanton mit einem Merkblatt informiert (siehe Box). Strub sieht deshalb den Informationsfluss sichergestellt: «In Notfällen sind wir für Schulen erreichbar.» Elisabeth Abbassi, Präsidentin des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands, warnt vor panischer Überreaktion. «Ich kann die Reaktion der Niederlenzer Schule verstehen – die Aufregung um das Virus ist gross und konkrete Weisungen fehlten.» Sie empfehle aber, sich jetzt an diese Weisungen der Behörden zu halten und keine Sololäufe durchzuziehen.

(pam/dk)

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Hört man eigentlich nur noch Corona.,Corona – Julchen

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Die Objektive am 28.02.2020 06:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Negative Folgen der Globalisierung

    Die negativen Folgen der Globalisierung werden uns hier mal anders vor Augen gehalten. Heute hier, morgen da! Die Menschheit ist ständig in Bewegung und der Raum wird immer enger. Da müssen wir schon akzeptieren, dass es Krankheiten einfach haben. Was wäre passiert, wenn mit den ersten Infektionen in China ein weltweites Reiseverbot (kein Flug, kein Zug) verhängt worden wäre? Nicht auszudenken! Bleibt ruhig und verhaltet euch rational. Es ist das vernünftigste, was wir im Moment tun können.

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  • Rolf am 28.02.2020 05:10 Report Diesen Beitrag melden

    Wintergrippe

    Hätte man diesen Virus "Wintergrippe" genannt, dann wäre alles beim alten. Sorgen macht man sich nur bei einem schwachen Immunsystem (analog der Wintergrippe). Darum viel Gemüse, Früchte, frische Luft... und schon hat man für sich wie auch die Kinder ganz viel Gutes getan.

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  • And1 am 28.02.2020 07:02 Report Diesen Beitrag melden

    Risikomanagement

    Ich würde eher keine Alten mehr ins Altersheim schicken, dort ist das Risiko um einiges höher.

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  • Alexander Hirzel am 29.02.2020 16:19 Report Diesen Beitrag melden
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  • Alexander Hirzel am 29.02.2020 13:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden
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  • Alexander Hirzel am 29.02.2020 13:26 Report Diesen Beitrag melden

    1000 Personengrenze

    Gilt die 1000 Personengrenze auch beim Fussballspiel mit GC? Gut das erreichen die sowieso nicht.

  • Alexander Hirzel am 29.02.2020 13:25 Report Diesen Beitrag melden

    1000 Personengrenze

    Gut der Bundesrat, Nationalrat und der Ständerat können weiter wursteln. Dort sind ja nie mehr wie 1000 Personen vor Ort.

  • Alexander Hirzel am 29.02.2020 13:24 Report Diesen Beitrag melden

    1000 Personengrenze

    Dürfen Pöstler noch zur Arbeit? Dort arbeiten doch mehr wie 1000 Personen.