Affäre um Hans Bühler

19. Februar 2020 17:23; Akt: 20.02.2020 01:10 Print

Crypto AG zahlte 250'000 Franken Schweigegeld

Ein Ex-Angestellter der Crypto AG wollte gegen die Firma vorgehen. Schliesslich einigte man sich jedoch ausserhalb des Gerichts.

Bildstrecke im Grossformat »
Die Zuger Firma Crypto AG verkaufte über Jahre hinweg von der CIA und vom BND manipulierte Verschlüsselungsgeräte. Bruno von Ah hat im Jahr 1967 als Entwicklungsingenieur bei der Firma angefangen. Er sagt zu 20 Minuten, dass die normalen Angestellten nichts von den eingebauten Hintertüren gewusst hätten. «Die Algorithmen, die wir einbauen mussten, waren dermassen komplex, dass sogar wir nur sehr schwer herausfinden konnten, dass eine Hintertür eingebaut wurde.» Jetzt verdichten sich die Hinweise, die neutrale Schweiz die Spionage über die Zuger Firma tolerierte: Der deutsche Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer, laut dem die Operation die «Welt sicherer gemacht hat», sagt in der SRF-«Rundschau»: «Ich nehme an, dass die Schweizer Dienste nicht uninformiert waren.» Die Sendung zitiert auch aus einem CIA-Dossier: «Die ausländische Kontrolle der Crypto AG war ein Geheimnis, über das Schlüsselpersonen in der Regierung nicht sprechen wollten. Sie wussten aber eindeutig darüber Bescheid.» So soll der frühere FDP-Bundesrat Kaspar Villiger über die Vorgänge in der Crypto AG informiert gewesen sein. «Villiger wusste, wem das Unternehmen gehörte, und fühlte sich moralisch verpflichtet, dies offenzulegen.» Jedoch habe Villiger nichts unternommen. Der Alt-Bundesrat bestreitet diese Darstellung in der «Rundschau» vehement: Handlangerdienste für Drittstaaten hätte er niemals gedeckt. Auch im «Tages-Anzeiger» dementiert er die Vorwürfe: «Ich war in diese nachrichtendienstliche Operation nicht eingeweiht.» Beim Nachrichtendienst des Bundes laufen gemäss der Rundschau derzeit interne Abklärungen. Der Bundesrat hat eine Untersuchung der Vorfälle angeordnet, um die Faktenlage zu klären. Bis Ende Juni 2020 sollten die Ergebnisse vorliegen. Hans Bühler, ein Angestellter der Crypto AG, wurde am 18. März 1982 wegen Spionageverdacht in Teheran verhaftet und in ein Militärgefängnis gesperrt. Dort sass er neuneinhalb Monate fest. Nach Bezahlung einer Kaution von einer Million Dollar kommt Bühler frei und landet am 5. Januar 1993 am Flughafen Kloten. Die Crypto AG zahlte ihrem ehemaligen Exportmitarbeiter Hans Bühler offenbar Schweigegeld, damit er sich nach seiner Freilassung aus dem Iran nicht weiter zu Firmenangelegenheiten äusserte.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Crypto AG zahlte ihrem ehemaligen Exportmitarbeiter Hans Bühler 250'000 Franken, wie die «Handelszeitung» in ihrer neuen Ausgabe schreibt. Im Gegenzug durfte sich Bühler laut Vereinbarung von 10. Dezember 1993 nicht mehr zu Firmenangelegenheiten äussern.

Die Vereinbarung liegt der «Handelszeitung» vor. Der Deal war ein Versuch, Bühler, der wegen Spionagevorwürfen 292 Tage in Teheran im Gefängnis sass, zum Schweigen zu bringen. Anfänglich weigerte sich die Crypto, die von den Iranern geforderte Kaution in Höhe von 1 Million Franken zu zahlen.

Die Zuger Firma willigte erst nach längeren Verhandlungen ein und verlangte, dass Bühler nach der Freilassung und vor der Rückkehr in die Schweiz den Chef der Crypto im Geheimen in Istanbul treffen müsse, um von ihm über sein künftiges Verhalten instruiert zu werden.

Bühler von drei Beamten befragt

Grosses Interesse zeigte die Bundespolizei an Bühler. Zehn Tage nach seiner Ankunft in der Schweiz wurde er von drei Beamten empfangen, die am Wissensstand der iranischen Behörden interessiert waren. Dies geht aus Gesprächsunterlagen Bühlers hervor. Vermutlich wollten die Bundesbeamten herausfinden, wie die Iraner den manipulierten Crypto-Chiffriergeräten auf die Spur gekommen waren.

Die Zuger Firma Crypto, Herstellerin von Chiffriermaschinen, war über eine Tarnfirma in Liechtenstein seit Jahren faktisch im Besitz von CIA und BND. Nach der Affäre rund um Bühler stieg der deutsche Geheimdienst als Crypto-Grossaktionär aus und verkaufte seine Aktien an die CIA.


Die Geheimdienstaffäre

• Im Zentrum der Spionageaffäre (Cryptoleaks) steht die die Schweizer Firma Crypto AG, die laut Recherchen von ZDF, SRF und «Washington Post» jahrzehntelang manipulierte Chiffriergeräte verkaufte.


Ein Chriffriergerät der Firma Crypto. (Bild: Keystone)

• Über 100 Länder vertrauten auf die Verschlüsselungstechnik aus der neutralen Schweiz. Sie glaubten, so die Kommunikation zwischen Regierungs- oder Armee-Stellen sicher zu machen. Zu den Kunden zählten etwa Iran, Ägypten, Argentinien, Jugoslawien oder der Vatikan.

• Über die Chiffriergeräte konnten der US-Geheimdienst CIA und der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) jahrzehntelang mitlesen. Sie hatten die Crypto AG 1970 über eine Liechtensteiner Tarngesellschaft gekauft. Es sollen bis 2018 Hunderttausende Botschaften abgefangen worden sein. Das belegt ein 280-seitiges Geheimdienst-Dossier.

• Auch Schlüsselpersonen in der Schweiz sollen von der Spionageaktion gewusst haben. Das kratzt am Ruf der neutralen Schweiz. Der Bundesrat hat eine Untersuchung eingeleitet.

• Der Informationsvorsprung der USA hat die Geschichte beeinflusst: 1978 konnten die Amerikaner bei den Camp-David-Verhandlungen für den Frieden im Nahen Osten die Ägypter abhören. Im Falklandkrieg leiteten Deutsche und Amerikaner entschlüsselte Funksprüche der argentinischen Marine an Grossbritannien weiter.

(sda)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • apfelschuss am 20.02.2020 02:06 Report Diesen Beitrag melden

    Belanglos

    Die CH-Behörden hätten auch sonst nichts unternommen. Das ist doch eigentlich der Skandal. Die CH-Behörde war und ist auch jetzt noch furchtbar nachlässig und naiv im Schutz von wichtigen Technologien. Verkauft, geklaut, verschoben, verloren...weg ist weg.

  • Ismir Übel am 20.02.2020 03:19 Report Diesen Beitrag melden

    Typisch Schweiz

    So sauber wie die schwarze Weste.

  • Jovi am 19.02.2020 22:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geld regiert...

    Ich hoffe, dass Geld nicht wieder alle und alles zur Ruhe setzt, sondern die Leute zur Rechenschaft gezogen werden.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rigoletto26 am 20.02.2020 17:46 Report Diesen Beitrag melden

    Mit Geld kann man in der CH ALLes!!

    Wichtig ist nur, dass diese Zahlung Steuer-Abzug-Berechtigt war!!

  • Shadow Ban am 20.02.2020 16:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hee Leute

    ...sonst glauben wir ja den US-Geheimdiensten ja auch nichts... und plötzlich baut man ein Riesenstory aufgrund eins mehr als dürftigen Papiers aus eben diesen Kreisen....

  • Marko0912 am 20.02.2020 16:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    !!!!

    so viel zur neutralen Schweiz die eigentlich nie neutral wahr!

  • Arievilo am 20.02.2020 07:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden
    Giphy Giphy
  • toni m. am 20.02.2020 07:07 Report Diesen Beitrag melden

    es geht immer um geld und macht

    nur so erobert man die welt. p.s. sicher wussten viele und haben ein stuck von kuchen erhalten