Ausreissen

01. Dezember 2019 08:29; Akt: 01.12.2019 14:34 Print

Darum seid ihr von zu Hause abgehauen

Täglich werden in der Schweiz Minderjährige als vermisst gemeldet – meist kehren sie rasch zurück. 20-Minuten-Leser berichten über ihre Erlebnisse.

Was treibt Jugendliche dazu, von zu Hause wegzulaufen? 20 Minuten sprach mit Lesern über ihre Beweggründe sowie mit einem Jugendpsychologen. (Video: 20 Minuten/Inland)
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Am 13. September meldeten Angehörige einen 15-Jährigen in Altdorf UR als vermisst. Am Samstagabend fand ihn die Polizei wohlbehalten auf. Sieben Tage später verschwanden ein 13-jähriges und ein 16-jähriges Mädchen. Ihre Mütter meldeten sie in Basel als vermisst. Die 16-jährige Leandra* verschwand am 4. Oktober. Einen Tag später ist sie laut Tessiner Polizei wieder aufgetaucht.

Von den circa 4700 Menschen, die in der Schweiz pro Jahr verschwinden, sind laut «Sonntagszeitung» viele noch minderjährig. Im Tessin haben Vermisstmeldungen von Jugendlichen gemäss «RSI» in den letzten Jahren zugenommen. Florian Schneider, Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen, sagt, dass täglich mindestens eine Meldung über vermisste Minderjährige eintreffe. Die meisten dieser Fälle würden sich innerhalb weniger Stunden auflösen, indem sie von allein zurückkehren oder gefunden werden.

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Was treibt Jugendliche dazu, von zu Hause wegzulaufen? 20 Minuten sprach mit Lesern über ihre Beweggründe sowie mit einem Jugendpsychologen.

Drang nach Freiheit

In der dritten Primarklasse beschloss Michèle Wegmüller, (27) zusammen mit einer Freundin wegzulaufen. «Wir haben es zu Hause doof gefunden. Wir spürten einen Drang nach Freiheit und wollten irgendwohin, wo wir keine Regeln befolgen müssen, wie Zimmer aufräumen oder so.» Sie hätten Proviant eingepackt und seien in den Wald gegangen. Dort hätten sie ihr Nachtlager aufgeschlagen.

Als es eindunkelte, seien ihre ganzen Vorräte bereits gegessen gewesen. Hungrig hätten sie sich deshalb am selben Abend wieder auf den Heimweg gemacht. «Doch bevor ich zu Hause war, fand mich mein Vater. Er war ausser sich vor Sorge.» Die Polizei habe sie bereits gesucht. «Es war ein Schock, meinen Vater so zu sehen. Ich wusste gleich, dass ich so etwas nicht mehr machen würde.»

Flucht vor häuslicher Gewalt

Andere Gründe fürs Ausreissen hatte S. Z.* (29). «Meine Mutter war alkoholkrank und gewalttätig», erzählt sie. «Ich lief mit 14 Jahren das erste Mal weg und wohnte eine Woche bei einer Freundin.» Doch sie kehrte nach Hause zurück. Als es dann zu einem sehr groben Übergriff der Mutter auf sie gekommen sei, habe sie die Polizei gerufen und sei daraufhin in eine Pflegefamilie gekommen.

«Später zog ich zu meinem Vater», sagt Z. «Der war aber nie zu Hause, und ich musste mit meinem Lehrlingslohn alles selbst bezahlen.» Irgendwann habe es ihr gereicht. Sie brach die Lehre ab, lebte auf der Strasse. Sie habe sich mit Jobs im Service durchgeschlagen, mal hier, mal da bei Bekannten geschlafen. Eines Tages habe sie eine feste Anstellung gefunden und jemanden, der für sie bürgte, damit sie noch minderjährig eine eigene Wohnung mieten konnte.

Mit Pferd und Kaninchen

Ein anderer Leser berichtet, er sei mit 16 Jahren wegen einer Fernbeziehung von zu Hause weggelaufen. Die Eltern hätten ihm nicht erlaubt, seine Freundin in Deutschland zu besuchen. Deshalb sei er eines Nachts aufgebrochen und habe am Morgen den ersten Zug genommen. Erst drei Wochen später sei er wieder zurückgekehrt. Im Nachhinein, sagt er, würde er das seinen Eltern nicht mehr antun.

Eine weitere Leserin erzählt, wie sie und ihre Geschwister mit dem Pferdewagen vom Hof ihrer Eltern weggezogen seien. Denn während die Eltern sich auswärts betrunken hätten, hätten sie als Kinder alles Heu allein einbringen müssen. Da habe es ihnen gereicht. Sie hätten gepackt und seien mitsamt weiteren Hoftieren wie Kaninchen und Ziegen aufgebrochen. Eine ganze Woche seien sie unterwegs gewesen. Als sie wieder zurückkehrten, habe es ausnahmsweise keine Schläge gesetzt, weil die Nachbarn den Eltern ins Gewissen geredet hätten.

Weglaufen als einzige Lösung

Nicht lösbare Probleme in der Familie seien der Hauptgrund, weshalb Minderjährige weglaufen würden, sagt der Kinder- und Jugendpsychologe Philipp Ramming. Bei Kindern sei es nicht selten, dass sie bei Meinungsverschiedenheiten mit Weglaufen drohten. Dass sie ihre Drohung wirklich umsetzen würden, sei aber nicht sehr häufig.

«Unverrückbare Meinungsverschiedenheiten, grosse Verzweiflung und viel Druck im Elternhaus können dazu führen, dass Jugendliche sich nicht verstanden fühlen», so Ramming. Weglaufen könne einigen dann als einzige Lösung erscheinen. Das ist für die Eltern sehr belastend.

Mit der Situation umgehen

«Wenn die Jugendlichen zurückkehren, sind die Eltern oft sehr froh und dankbar. Allerdings kann sich in die Erleichterung auch Wut mischen. Die Erwachsenen müssen dies erst verarbeiten.»

Trotzdem sollten Eltern in diesem Moment für ihr Kind da sein, seine Situation ernst nehmen: «Am besten macht man ihm erst einmal einen warmen Tee. Und schaut dann gemeinsam, was man an der familiären Situation ändern könnte», sagt Ramming. Oft seien die Probleme aber innerhalb der Familie nicht lösbar. Dann sollten sich Eltern professionelle Unterstützung suchen.

*Namen der Redaktion bekannt

(ihr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Robby am 01.12.2019 12:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht's wie weg

    Schon in den 50. er Jahren war das weglaufen leider schon aktuell. War auch dabei mit 15 Jahren. Die Reise ging per Autostop bis nach Hamburg. Auslöser war Gewalt gegen mich am Arbeitsplatz und leider auch Zuhause. Schläge waren da an der Tagesordnung. Bei der Rückkehr nach 10 Tagen, war das Verhältnis wieder um einiges besser. Heute wenn ich zurück denke habe ich meinen Eltern schon einen grossen Schreck angelastet. Aber es war auch eine Lebenserfahrung. Heute geht es mir gut, habe Familie und sind 54 Jahre verheiratet. Habe einen Beruf erlernt mit gutem Abschluss.

  • Typhoeus am 01.12.2019 08:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    In den meisten Fällen fehlt

    elterliches Verständnis. Dafür regieren Einsamkeit und Gewalt.

  • Putzsportkungfu am 01.12.2019 11:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kinder können keine kinder mehr sein.

    Kein wunder überall verbote und druck. Sowas ist vorprogrammiert wenn jugendliche davon laufen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mutti am 01.12.2019 23:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erste Liebe, erste Erfahrung schlimmer

    Die Kinder tut nur schlimmer, wenn die Eltern so streng ist. Besonders wenn das Kind schon über beiden Ohren verliebt oder verknallt ist. Wenn die Kinder früh sehr Früh verliebt ist... Das Kind wird später erinnern, das Sie / Er falsche gemacht hast. Wenn die Kinder fest verliebt ist. Mutter hat keine Chance ihm / Ihr zu reden Wege Sie / Er verknall ist. Erste liebe schlimmer, die Kinder meint, sein LIEBE bleibt SCHON EWIG UND INNIG.

  • 8004 am 01.12.2019 21:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super Kindheit

    Hatte eine super Kindheit. Mein Vater musste uns hin und wieder "flättere" (zu recht). Wäre ich damals abgehauen, hätte er wahrscheinlich bei meiner Rückkehr spontan eine neue Kampfkunst erfunden. :-D Heute lachen wir darüber.

  • Lena D. am 01.12.2019 21:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    und was ist mit der Familie die zurückbleibt...

    ...und die, die zurückbleiben, haben einen grossen emotionalen Schaden. Geredet wird immer nur von den Ausreissern, nicht von der Familie, die so etwas durchstehen muss. Beleuchtet bitte mal diese Seite...

  • franziska am 01.12.2019 21:00 Report Diesen Beitrag melden

    gebt die KInder mehr ab

    ich frage mich ?jedes Paar das ein Baby bekommt macht ein Trara um sein Kinchen !aber wenn sie grösser werden müssen Sie böse sein?um die Kitz zu Erziehen? was läuft da einfach Falsch?hatte 3 Kinder aber auch eine Tolle Fam. die haben uns die Kinder buchstäblich viele mal Abgeluchst und wir 2 hatten Freien Tag oder Abend

  • loslassen will beiderseits geübt sein am 01.12.2019 19:21 Report Diesen Beitrag melden

    Pubertät und weglaufen gehört(fast) dazu

    Das Erwachsenwerden ist für die Jungen nicht einfach,. Da spielen die Hormone verrückt. Pubertäre Ausbrüche gab es früher schon, weglaufen auch. Ich liess sie los.. und siehe da, sie kamen beide gerne wieder zurück. Wichtig scheint mir, dass beiderseits der Respekt gewahrt wird. Meine Haus-und Herzenstür stand immer für sie offen.