Plastikstücke und Listerien

21. April 2019 20:38; Akt: 21.04.2019 20:38 Print

Darum werden so viele Produkte zurückgerufen

von B. Zanni - Händler riefen in den letzten Monaten regelmässig Lebensmittelprodukte zurück. Was bedeutet das für den Konsumenten?

Zwischen 2015 und 2018 hat sich die Zahl der Rückrufe mehr als verdoppelt. Video: bz
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Allein im April rief der Handel fünf Lebensmittelprodukte zurück. Auch in den vergangenen Monaten wurden Produkte regelmässig eingezogen. Woher kommt diese Häufung? 20 Minuten beantwortet die wichtigsten Fragen:

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Welche Produkte wurden zurückgerufen?

Am Dienstag rief die Migros den Pastasalat Caprese von Anna’s Best zurück. Am selben Tag warnte (siehe Box) das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV vor dem Verzehr des Weichkäses Brillat Savarin von Claude Luisier Affinage, der von der Manor AG und Luisier verkauft wurde. Eine Woche zuvor hatte die Migros das M-Classic Pouletbrust-Geschnetzelte im Duo-Pack zurückgerufen.

Am 2. April bat Coop, die «Bretzel»-Milchschokolade von Lindt & Sprüngli nicht zu konsumieren. Gleichzeitig warnte das BLV vor einem Bärlauchprodukt des Grosshändlers Aligro.

Auch in den Monaten zuvor waren Produkte zurückgerufen worden. Im März wies die Migros beim Verzehr des Zwiebacks «Original B-Vitamine + Eisen» auf Verletzungs- und Erstickungsgefahr hin. Im Februar bat die Migros ihre Kunden, das «Alnatura Kinder Bircher Müsli» Kindern nicht mehr zum Verzehr zu geben.

Häufig riefen Grossverteiler Produkte auch wegen krankheitserregender Listerien zurück. Im März etwa betraf es Lachsprodukte, die Coop, Migros und Volg verkauften.

Warum wurden die Produkte zurückgerufen?

Die Grossverteiler begründeten die Rückrufe damit, dass sich in den Produkten gesundheitsgefährdende Inhalte befinden konnten.

Pastasalat Caprese von Anna’s Best: weisse Plastikstückchen
Käse der Société Fromagère de la Brie: Listerien
M-Classic Pouletbrust-Geschnetzeltes im Duo-Pack: kleine Metallstücke.
«Bretzel»-Milchschokolade von Lindt&Sprüngli: kleine Plastikteilchen.
Bärlauch Aligro: Verunreinigung mit Pflanzenteilen von Aronstab
«Zwieback Original B-Vitamine + Eisen»: Durchsichtige Plastikstücke
«Alnatura Kinder Bircher Müsli»: Teile von Apfelstielen

Hat die Anzahl zurückgerufener Produkte zugenommen?

Aus den erfassten Rückrufen des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen zeichnet sich eine Zunahme ab. Zwischen 2015 und 2018 (das Jahr 2017 wurde nicht erfasst) hat sich die Zahl der Rückrufe mehr als verdoppelt. Die Migros begründet die Häufung bei ihren Produkten mit einem Zufall, da die Produkte in den meisten Fällen von unterschiedlichen Herstellern mit unterschiedlicher Wertschöpfungskette stammten. Bei der Migros sei die Anzahl der Rückrufe in den letzten Jahren zurückgegangen.

Sprecher Patrick Stöpper macht zudem darauf aufmerksam, dass der Lachsrückruf vorsorglich gewesen sei. «Zum Zeitpunkt des Rückrufs lag der Listerien-Wert bei keinem der getesteten Lachsprodukte über den gesetzlich festgelegten Grenzwerten.» Coop registriert pro Jahr im Schnitt zwischen einem und sechs Rückrufen und teilt mit, man stelle keine Zunahme fest.

Wie gelangen Plastikstücke oder Listerien in Lebensmittel?

Die Migros verweist bezüglich Fremdkörper auf unterschiedliche Gründe. Möglich ist ein maschineller Defekt oder menschliche Unachtsamkeit. Die Migros hält aber fest, die Maschinen regelmässig zu warten und streng zu kontrollieren. Auch würden die in den Produktionsablauf involvierten Personen nach strengen Protokollen agieren, um höchste Hygienestandards zu gewährleisten.

Listeriose-Bakterien kommen laut dem Bundesamt für Gesundheit BAG weltweit vor und werden meist durch Lebensmittel übertragen. In der Schweiz werden jährlich bis zu 80 Fälle gemeldet. Selten kann es zu einem Ausbruch kommen.

Produkten sieht man beim Verzehr die Verunreinigung selten an. Sollen Konsumenten ihren Einkaufskorb vor dem Essen besser ins Labor schicken?

«In aller Regel sind die Konsumenten gut geschützt vor verunreinigten Produkten», sagt Alex von Hettlingen, Sprecher der Stiftung für Konsumentenschutz SKS. Die Detaillisten seien sich bewusst, dass die Produkte sicher sein müssten, und träfen dementsprechend Vorkehrungen.

Die Migros etwa ruft lieber einmal mehr ein Produkt zurück, selbst wenn die Behörden dies nicht als nötig einstuften. «Ein grosser Teil der Migros-Kundinnen und -Kunden schätzt unsere Rückrufe sehr», sagt Migros-Mediensprecher Patrick Stöpper.

Ein Problem sieht die SKS in den Verpackungen. Verpackungen können auf den Inhalt schädliche Auswirkungen haben. Die SKS fordert deshalb schon lange, dass Behörden das Problem der verpackungsbedingten Verunreinigungen energischer angehen.

Warum bemerken die Händler gesundheitsgefährdende Produkte manchmal erst, wenn sie schon in den Verkaufsregalen stehen?

Die Migros macht darauf aufmerksam, dass in jedem Herstellbetrieb strenge qualitätssichernde Massnahmen und Kontrollen verankert sind. Dies ist sowohl während der Herstellung als auch bevor das Produkt den Betrieb verlässt der Fall. Da es sich aber um Stichproben handelt, kann es passieren, dass Produkte mit Mängeln trotzdem in den Verkauf gelangen.

Wie gefährlich ist es, wenn man ein Produkt mit Plastikstücken im Magen hat?

Dies hängt laut Migros von der Grösse der Fremdkörperstücke ab. Normalerweise werden kleine Plastikteile über die Verdauung wieder ausgeschieden. Ab einer gewissen Grösse der Stücke besteht Erstickungs- und Verletzungsgefahr.

Was passiert, wenn man ein mit Listerien befallenes Produkt gegessen hat?

Laut dem BAG verläuft die Infektion bei Personen mit normalen Abwehrkräften meistens milde in Form einer fieberhaften Erkrankung mit grippeähnlichen Symptomen oder Durchfall. Oft treten auch gar keine Symptome auf.

Bei Personen mit verminderten Abwehrkräften besteht das Risiko einer Hirnhautentzündung, Blutvergiftung oder Lungenentzündung. Sind schwangere Frauen infiziert, ist eine Fehlgeburt möglich. 2018 kam es in der Schweiz zu einer ungewöhnlichen Häufung von Listeriose-Fällen. Zwölf Menschen erkrankten, zwei starben.

Wie bemerken die Händer, dass ein bereits im Verkauf angebotenes Produkt gesundheitsgefährdend ist?

Die Händler führen eigene Kontrollen mittels Stichproben durch. Aber auch aufmerksame Kunden weisen auf Mängel hin.

Wie soll man vorgehen, wenn man durch ein zurückgerufenes Produkt einen Schaden erlitten hat?

Die Migros rät betroffenen Konsumenten, einen Arzt aufzusuchen und sich an ihre Krankenkasse beziehungsweise Unfallversicherung zu wenden, damit diese auf die Versicherung der Migros Regress nehmen kann. Die Stiftung für Konsumentenschutz empfiehlt unbedingt, sofort die Kaufquittung, Verpackung, das Lebensmittel (oder ein Bild davon), allfällige Teile, die sich darin befanden, die Arztdiagnose und Krankenkassenbelege aufzubewahren. Zudem soll der Betroffene schnellstmöglich den Kundendienst informieren.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • josipovic z. am 21.04.2019 21:02 Report Diesen Beitrag melden

    Fertigprodukte

    selber schuld, kauft keine Fertigprodukte, Industriewaren, so einfach ist das.....

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  • Dumby am 21.04.2019 21:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Billig ist billig

    Tja immer billiger haben wollen und Qualität passen nun mal nicht zusammen..

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  • Mido am 21.04.2019 21:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sehr gut

    Da wird ja sauber kontrolliert wenn es dieses Essen bis in die Verkaufsregale sogar schafft. Hauptsache überall Personal sparen. Das darf nicht passieren. Diese Betriebe sollten mit fetten Bussen bestraft werden. Ein Chirurg darf sein Werkzeug auch nicht im Körper des Patienten vergessen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • JackMac am 23.04.2019 00:00 Report Diesen Beitrag melden

    Rückrufaktionen mit Mehrwert

    Rückrufaktionen sind, keiner wird es zugeben, auch Werbeaktionen. Das Unternehmen stellt sich in ein hervorragendes Licht, ach wie nett. Gerade solchen Quatsch wie Apfelstil im Birchermüsli. Und leider gibt's noch die Angst des Unternehmers von Klagen (US-Amerikaner in der Schweiz, verschluckt sich, ohje ohje). Anwälte hat's ja auch mehr als vor 20 Jahren und die wollen arbeiten. Fazit: Marketing, Anwälte und Versicherungen sind die Treiber im Hintergrund plus ein anständiger Konsumentenschutz.

  • M.N.Z am 22.04.2019 23:24 Report Diesen Beitrag melden

    Dreck macht Dick

    Kaufte Käse, der wurde zurück gerufen, habe bereits 2/3 gegessen. Entweder hatte sie früher nichts gesagt, oder heute hat es so viele ungeniessbares auf dem Markt!

  • Fit Und Gesund am 22.04.2019 21:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja es geht

    Als Witwe mit Kindern und hohem Arbeitspensum ist mir die gesunde Ernährung wichtig. Prioritäten setzen und es gibt täglich frisch gekochte Menüs auf den Tisch

  • Einer der es sah am 22.04.2019 21:00 Report Diesen Beitrag melden

    Sauen

    Der Plastik kommt von der Verpackung von abgelaufenen Produkten die weiter verarbeitet werden ohne sie auszupacken

  • nein danke am 22.04.2019 19:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    pfffff

    Wer kauft schon Fertiggerichte? Spätestens nach dem zweiten "Frosch im Salat"-Bericht sollte es jedem klar sein. Meine Schwester isst fast nur Tiefkühlpizza, ich muss jedes mal würgen wenn ich sehe wie sie reinbeisst..