Alpthal SZ

15. Februar 2011 12:28; Akt: 08.03.2012 10:49 Print

Das Dorf der Unbeugsamen

von Felix Burch - 92 Prozent stimmten in Alpthal gegen die Waffeninitiative. Eine Reportage aus einem Ort, wo man Veränderungen nicht mag.

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Nach Einsiedeln wird die Strasse schmaler und das Tal enger. Links und rechts erheben sich steile, bewaldete Hänge. Zehn Minuten später sind die ersten Häuser des Ortes Alpthal sichtbar. Auf einer überdachten Holztafel, auf der Kinder Skis, Tannen, einen Fluss sowie eine riesige Sonne gemalt haben, steht «Willkommen». Daneben die Orts- sowie eine Generell-50-Tafel. Das Dorf ist klein. 568 Menschen leben hier. Rasch erreicht man den Kern. Die Kirche, das Schulhaus und die Mehrzweckhalle bilden ihn. Hinter der Gemeinde erhebt sich der Grosse Mythen.

Hier wohnen sie also, die Waffenschutzinitiativ-Gegner. Am vergangenen Sonntag stimmten in Alpthal über 92 Prozent gegen die Initiative. 17 Ja-Stimmen standen 204 Nein gegenüber. Dass hier Nein gestimmt werden würde, ahnten die Einwohner. Über das Resultat ist niemand wirklich überrascht – auch nicht in dieser Deutlichkeit. Darüber reden möchten aber nur die wenigsten. Das Dorf ist fast menschenleer am Montag nach der Abstimmung. «Fremde» Autos fahren ab und zu durch die Gemeinde. Zürcher, St. Galler und Luzerner Nummernschilder sind auszumachen. Ein Mann überquert die Strasse. «Ich bin nicht von hier, kann nichts dazu sagen.» Am Ende des Dorfes möchte eine Frau keine Auskunft geben, weil sie nur hier arbeite.

«Die Abstimmung lief sehr gut»

Im Poscht-Kafi sitzt eine Schulklasse mit Lehrer und zwei Frauen. Man kennt sich. Die Bedienung weiss den Namen aller Gäste, der Umgang ist herzlich. Das Poscht-Kafi ist Restaurant, Bar, Kiosk, Bäckerei und Post in einem. Einen Lebensmittelladen gibt es nicht in Alpthal.

Nachdem die Schulklasse den Dorf-Treffpunkt verlassen hat, sprechen die beiden Gäste über die Abstimmung. «Das Resultat der Waffenschutzinitiative ist sehr gut, sehr gut», beginnt die etwas ältere Frau das Gespräch. Die andere nickt. Man hätte sich das Ganze auch sparen können. Selbst wenn die Initiative angenommen worden wäre, hätten die Menschen im Tal die Waffen zuhause behalten. Die Frauen haben die Abstimmung deshalb von Anfang an sinnlos gefunden. Das alles habe nur wieder Geld gekostet.

«Hier auf dem Land sind die Menschen stolzere Schweizer»

Gibt es den «Güllengraben»? Warum wird der Unterschied zwischen Stadt und Land immer grösser? «Schauen sie doch mal aus dem Fenster», antwortet die eine auf die Frage. «Die Sonne scheint, die Kinder spielen, es ist ruhig.» «Der Unterschied zur Stadt ist riesig», sagt die andere. Auf dem Land seien die Menschen stolzer als in der Stadt. «Bei uns zählen Schweizer Werte noch mehr.» Fotografieren lassen sich die beiden nicht, auch wollen sie ihre Namen nicht in der Zeitung lesen.

Draussen macht der Arbeiter einer Sägerei Pause. Er raucht. Sägereien dominieren nebst dem Kirchturm das Dorfbild von Alpthal. Vielerorts liegen Baumstämme, zugesägtes Holz, im Wald fällen ein paar Männer Bäume. Der Arbeiter trägt einen geschwungenen grauen Schnauz und zieht genüsslich an seiner Zigarette bevor er spricht: «Wir lassen uns vom Staat nicht gerne alles verbieten.» Alles werde vorgeschrieben. Das Rauchverbot sei so ein Beispiel. Jetzt sei genug.

Sprengstoff im Schrank

Mit dem Naturschutz sei es auch so eine Sache. «Am Schluss verbieten die uns in unseren Wäldern spazieren zu gehen», so der Mann. Sein Vater habe schon immer eine Waffe im Haus gehabt. Er sehe nicht ein, warum sich das ändern sollte. «Früher hatten wir Sprengstoff im Schrank», er verstehe das Problem mit den Waffen nicht, deshalb habe er Nein gestimmt. «Der Alpthaler lässt sich nicht gerne massregeln.» «Schreiben Sie, was Sie wollen», fügt er an. Ablichten lässt er sich auch nicht.

Einer, der sich hinstellt, mit Namen und Bild, ist Urs Beeler. Beeler ist der Gemeindepräsident von Alpthal, arbeitet aber 100 Prozent als Postautochauffeur. Dass Alpthal die Waffenschutzinitiative ablehnen werde, das sei ihm schon klar gewesen. Die 92 Prozent überraschten ihn aber schon, obwohl Alpthal bereits bei der Ausschaffungsinitiative mit rund 84 Prozent Ja-Stimmen auffiel. Einige Schützen wohnen laut Beeler im Dorf, auch Jäger. Sie alleine genügen aber nicht, um das wuchtige Nein zu erklären. «Alpthal hat gemischt Nein gestimmt», sagt Beeler. Jung, Alt und auch die Zugezogenen. Einen speziellen Bezug seiner Bürger zur Waffe könne er nicht ausmachen. Und auch wenn einige der SVP sicher nahe seien; «Parteien gibt es keine im Dorf, alle Gemeinderäte sind parteilos.»

Kritisch gegenüber Veränderungen

An der Wand des Sitzungszimmers in der Gemeindeverwaltung hängt ein riesiges Kreuz. Beeler versucht den Graben zwischen Stadt und Land zu erklären. Der Alpthaler sei kein Hinterwäldler. Nach Zürich sind es knapp 45 Minuten, jeder sei schon einmal dort gewesen. «Aber im Gegensatz zu den Städtern wissen die Leute hier noch, woher die Milch kommt, dass eine Sau geschlachtet werden muss, bevor sie gegessen werden kann.» Man habe nichts gegen die aus der Stadt, lebe durch die Wander- und Skimöglichkeiten zu einem Teil von denen. Aber die Menschen hätten eine klare Meinung. «Wir lassen uns nicht gerne dreinreden.»

Veränderungen mögen die Alpthaler nicht und wenn, dann nur zu ihrem Vorteil, fügt der Gemeindepräsident augenzwinkernd an. Alpthal sei kritisch gegenüber Neuem. «Bei uns fliesst das Wasser immer noch vorwärts», sagt Beeler abschliessend, greift nach seinem Schlüsselbund und macht sich bereit für seinen Einsatz. In 15 Minuten hat er Dienst als Postautochauffeur.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Stadtschweizer am 15.02.2011 14:09 Report Diesen Beitrag melden

    Hütet Euch am Morgarten!

    Statt sich dauernd von selbsternannten "Intellektuellen" und "Publizisten" Stilnoten erteilen zu lassen, würden unsere Bundesräte mal lieber ein Schuelreisli ins Alpthal machen. Dort ist nämlich die Eidgenossenschaft entstanden und sicher nicht in einem Zürcher Trendquartier. Wenn es nach uns Stadtidioten ginge, wären wir heute wohl Franzosen oder Deutsche und würden mit der Nato zusammen in Afghanistan & Co. herumstolpern. Dann lieber Alpthal!

    einklappen einklappen
  • Christoph B. am 17.02.2011 06:48 Report Diesen Beitrag melden

    Jawoll!

    Wäre ich ein Alpthaler, hätte ich noch Grund stolz auf meinen Schweizer Pass zu sein. Leider eine aussterbende Spezies! Gleicht eigentlich unser rote Pass dem Parteibüchlein der Linken?

  • henri 19.2.2011 Bern am 19.02.2011 14:02 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist Music in meinen Ohren !!!

    Ich hatte schon geglaubt , ich sei eine austerbende Spezies !! Jetzt lese ich sowas !! Spitze ....weiter so , es ist Zeit dass es noch Leute gibt die sich nicht alles gefallen lassen , und egal mit welchen Konsequentzen noch für Ihre Freiheit kämpfen ...!!!! Ich bin Stolz auch euch ....!!!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • henri 19.2.2011 Bern am 19.02.2011 14:02 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist Music in meinen Ohren !!!

    Ich hatte schon geglaubt , ich sei eine austerbende Spezies !! Jetzt lese ich sowas !! Spitze ....weiter so , es ist Zeit dass es noch Leute gibt die sich nicht alles gefallen lassen , und egal mit welchen Konsequentzen noch für Ihre Freiheit kämpfen ...!!!! Ich bin Stolz auch euch ....!!!!

  • Toni am 18.02.2011 10:50 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schweizer rücken näher zusammen

    Wenn es um die Wurst / Sache geht, halten die Schweizer-Patrioten eben doch noch zusammen. Toll, weiter machen, nur so werden Ziele erreicht.

  • peter am 18.02.2011 08:46 Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz pur

    Gut so bleibt stark

  • Sarina am 17.02.2011 17:36 Report Diesen Beitrag melden

    Mein nächster Wohnort

    Ich bin begeistert von diesem Ort! Sollte ich jemals umziehen, so wird dieses Dort mein neuer Wohnort! :-) Es ist schön, dass es noch Ort gibt, wo Schweizer noch wissen, wohin sie gehören und die Werte leben. Weiter so! :-)

  • WalSch am 17.02.2011 14:16 Report Diesen Beitrag melden

    Vielleicht ist es anders, als es scheint!?

    Politiker berufen sich oft auf Statistiken. Seit Schengen verzeichnet die Schweiz eine Zunahme der Kriminalität in den Grenzregionen und des illegalen Waffenbesitzes. Das Gegenteil dessen, was die EU-Befürworter versprachen ( Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts). Das dient in der EU-Debatte nicht den EU-Pros. Was tun? Schränke den legalen Waffenbesitz ein. Von ca. zwei Mio. Waffen würden einige sicher nicht für kriminelle Zwecke missbraucht. Fazit: Positiv für die Statistik. Wohlgemerkt, den Hilfs- und Opferorganisationen attestiere ich redliche Absichten. Den Politikern nicht.