«Black Box»

19. März 2012 07:34; Akt: 19.03.2012 09:14 Print

Das E-Voting des Bundes ist nicht mehr zeitgemäss

von Lukas Mäder - Am Abstimmungssonntag vor einer Woche ist es zu einer Panne beim E-Voting gekommen. Der Fehler konnte behoben werden. Experten kritisieren die Systeme in der Schweiz aber grundsätzlich.

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Das E-Voting in der Schweiz entspricht nicht den aktuellen Standards der Wissenschaft: Bund und Kantone prüfen eine Verbesserung. (Bild: Keystone)

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Bei der Auszählung von Stimmen kommt es immer wieder zu Fehlern. Und Nachzählungen der Stimm- oder Wahlzettel ergeben manchmal verschiedene Resultate. Am letzten Sonntag ist es auch beim elektronischen Abstimmen, dem E-Voting, zu einem Fehler gekommen. Ein im Kanton Luzern angemeldeter Auslandschweizer hat laut dem Kanton Genf, der das Informatiksystem für mehrere Kantone betreibt, zweimal seine Stimme abgegeben. Der Fehler sei erkannt und behoben worden, teilten die Genfer Staatskanzlei und die Bundeskanzlei bereits am Sonntag mit. Der Vorfall hat jedoch Kritik hervorgerufen.

In einem offenen Brief, den die Piratenpartei initiiert hat, fordern die Unterzeichner, die Versuche mit dem E-Voting einzustellen. Das System sei intransparent und offensichtlich fehlerhaft; weitere Sicherheitsmängel seien zu befürchten. «Es darf nicht vorkommen, dass die Wähler doppelt abstimmen können, und die Bundeskanzlei danach einfach Stimmen verändert», sagt der abtretende Präsident der Piratenpartei, Denis Simonet. Weiter verlangen die Absender des Briefs, den auch die Nationalräte Toni Brunner (SVP), Lukas Reimann (SVP), Antonio Hodgers (Grüne) Balthasar Glättli (Grüne) unterzeichnet haben, die Offenlegung des Quellcodes des Systems sowie eine unabhängige, öffentliche Aufsichtskommission.

Stimmgeheimnis blieb gewahrt

Bei der Bundeskanzlei weist man die Kritik aufgrund des Vorfalls in Genf zurück. Eine Konsistenzprüfung habe die doppelte Stimme erkannt. Die überzählige Stimme sei daraufhin entfernt worden - ohne zu wissen, wer der Stimmberechtigte war und wie er abgestimmt hatte. Das Stimmgeheimnis war jederzeit gewahrt, betont die Bundeskanzlei. Die Ursache des Problems, der zur zweimaligen Stimmabgabe führte, konnte zudem rasch behoben werden.

Zwar hat das Monitoring-System im Fall vom letzten Sonntag sofort Alarm geschlagen. Dennoch gibt es keinen Beweis, dass diese Überwachungsfunktion alle möglichen Fehler des E-Voting-Systems erkennt. Weil es schwierig ist, ein sicheres System zu entwickeln, beurteilt Simonet E-Voting grundsätzlich kritisch. «Es geht dabei auch um die Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung.» Um genau dies zu erreichen, fordert die aktuelle Forschung in diesem Bereich Systeme, deren Resultate verifizierbar sind. Dies bedeutet, dass die Korrektheit der Abstimmung mathematisch belegt werden kann - selbst wenn der Quellcode nicht bekannt ist.

Jeder kann Resultat überprüfen

In der Schweiz sind alle drei kantonalen E-Voting-Systeme nicht verifizierbar - und entsprechen damit nicht dem aktuellen Forschungsstand. Dabei sei diese Frage europaweit ein grosses Thema, sagt ein Mitarbeiter der Berner Fachhochschule, die mit der Bundeskanzlei zusammenarbeitet. «Die Empfehlungen der EU gehen in Richtung vermehrter Transparenz.» Systeme ohne Verifizierung seien eine Black Box, bei dem der Stimmberechtigte nicht absolut sicher sein kann, dass seine Stimme angekommen ist, sagt der Experte. Bei einem verifizierbaren System würden die Abstimmungsdaten hingegen in verschlüsselter Form öffentlich gemacht. Die Korrektheit der Stimmabgabe könne theoretisch jedermann kontrollieren, zum Beispiel mit unabhängiger Drittsoftware.

Dass die schweizerischen Systeme anders aufgebaut sind, liegt daran, dass zum Zeitpunkt ihrer Entwicklung das Konzept der Verifizierbarkeit noch unbekannt war, heisst es bei der Bundeskanzlei. «Die Forschung hat dieses Konzept erst in den letzten Jahren entwickelt», schreibt die Bundeskanzlei. Norwegen gilt diesbezüglich als Vorzeigebeispiel, weil das dortige elektronische Abstimmungssystem erst kürzlich eingeführt und verifizierbar ist. Die Vorteile sieht auch die Bundeskanzlei. Es sei allerdings weniger eine Frage der Sicherheit als vielmehr der Nachvollziehbarkeit. Diese wiederum ist laut Expertenmeinung wichtig für das Vertrauen der Bevölkerung in das E-Voting. Deshalb ist die Verfizierbarkeit auch in der Schweiz ein Thema, wie die Bundeskanzlei bestätigt. Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern von Bund, Kantonen und der Wissenschaft prüft derzeit, die bestehenden Systeme entsprechend nachzurüsten.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Da die Schweiz eines der ersten Ländern mit e-voting ist, kann es noch gar nicht veraltet sein. Zudem steckt hier viel Populismus dahinter: Letzte Woche hatten die Nationalräte Zeit, mit den Entwicklern von kantonalen e-voting Spezialisten zu sprechen. Keiner, der den Brief der PP unterschrieben hat ist erschienen! – David Albrecht

Sollte das E-Voting abgeschafft werden, werden viele Stimmen verloren gehen. Wenn ich wieder an die Urne gehen muss, oder den Papierkrieg per Post versenden muss, werde ich nicht mehr stimmen. Das E-Voting war schnell und unkompliziert. – Marc

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter am 19.03.2012 09:24 Report Diesen Beitrag melden

    Ausbau statt Abbau

    Ich kann als Auslandschweizer seit ca 1/2 Jahr online abstimmen. Aber wie im Text geschrieben, da man soo lange daran rumbastelt, ist es veraltet. Da basteln unsere schlauen Beamten rum, seit Jahren... Man sollte es forcieren, damit auch in der Schweiz so abgestimmt werden kann...das würde sicher mehr Stimmen geben.

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  • Sandro am 19.03.2012 11:49 Report Diesen Beitrag melden

    Wie in den USA

    Wie in den USA, dort fallen schon seit Jahren Unregelmässigkeiten bei Wahlmaschinen auf. Die Dokumentation "Hacking Democracy" zeigt schier unglaubliche Zustände auf! Unbedingt sehenswert.

  • Alan am 19.03.2012 16:29 Report Diesen Beitrag melden

    E-Voting ist nicht sicher

    Vielleicht sollte es den Befürwortern zu denken geben, dass praktisch sämtliche IT Fachleute und insbesondere IT Security Spezialisten (ich zähle mich auch dazu) E-Voting für gefährlich halten (mit Ausnahme derjenigen natürlich, die einen fetten Auftrag vom Bund für ein E-Voting System bekommen). Ein elektronisches System kann einfacher manipuliert werden und zwar so, dass die Manipulation nicht nachgewiesen werden kann.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Balthasar Glättli am 19.03.2012 19:21 Report Diesen Beitrag melden

    Kein eVoting ohne Verifizierbarkeit

    Lieber David Albrecht, die Überlegungen zur Offenlegung des Source-Codes und zur Verifizierbarkeit sind prinzipiell. Dazu musste ich nicht an der von Ihnen erwähnten Veranstaltung teilnehmen... manchmal denke ich gerne selbst und ohne Händchenhalten ;-)

  • Mart am 19.03.2012 16:38 Report Diesen Beitrag melden

    pro E-Voting

    Wieviele Bäume können wir uns durch E-Voting wohl sparen?

  • Alan am 19.03.2012 16:29 Report Diesen Beitrag melden

    E-Voting ist nicht sicher

    Vielleicht sollte es den Befürwortern zu denken geben, dass praktisch sämtliche IT Fachleute und insbesondere IT Security Spezialisten (ich zähle mich auch dazu) E-Voting für gefährlich halten (mit Ausnahme derjenigen natürlich, die einen fetten Auftrag vom Bund für ein E-Voting System bekommen). Ein elektronisches System kann einfacher manipuliert werden und zwar so, dass die Manipulation nicht nachgewiesen werden kann.

  • Anian Liebrand am 19.03.2012 13:28 Report Diesen Beitrag melden

    E-Voting ist gefährlich

    Der Chaos Comupter Club, die bekannte Hacker-Organisation brachte es auf den Punkt: "Wir kennen die Computer zu gut, um ihnen die letzten Reste der Demokratie zu überlassen". E-Voting wird immer manipulationsanfällig sein. Zudem führte es erwiesenermassen nicht zu einer Erhöhung der Stimmbeteiligung!

  • Hans B. Etter am 19.03.2012 13:00 Report Diesen Beitrag melden

    Nie und nimmer E-Voting!

    Unsere Demokratie darf nie und nimmer auf E-Voting basieren. Erstens kann nur von einem kleinen Expertenkreis verstanden werden, ob diese Maschinen wirklich korrekt funktionieren. Und auch nur dann, wenn man ihnen Einblick gewährt. Bei Papierabstimmungen hingegen sind in jeder Gemeinde Wahlhelfer anwesend, denen Unstimmigkeiten auffallen müssten. Zweitens gibt es bei einer Manipulation keinerlei sichtbare Spuren. Ganz im Gegensatz zu Papierabstimmungen. Einerseits müssen da Wahlzettel physisch manipuliert werden, andererseits müssten ganze Wahlhelfer-Teams unterwandert werden.

    • Denis Simonet am 19.03.2012 16:13 Report Diesen Beitrag melden

      Es geht gleich sicher wie Briefwahlen

      Bei den heutigen Systemen: Korrekt. Es ist aber möglich, das System so zu gestalten, dass jeder einzelne die Stimmen nachzählen und sogar die eigene Stimme überprüfen kann. So fällt es auf, wenn jemand schummelt. Gleich sicher wie briefliche Abstimmungen wäre es auf jeden Fall. Es ist also schlussendlich eine Frage des Vertrauens durch die Bevölkerung.

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