Pflegebusiness

22. Dezember 2011 11:13; Akt: 23.12.2011 09:01 Print

Das Geschäft mit den Problemkids

von Simon Hehli - Schwierige Jugendliche in Pflegefamilien zu platzieren, ist zum Millionen-Geschäft geworden. Und lange nicht alle Anbieter arbeiten seriös. Mit dem Wildwuchs soll jetzt aber Schluss sein.

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Mehrere Tausend Kinder in der Schweiz leben bei Pflegefamilien – nicht alle bekommen die Betreuung, die sie brauchen (Symbolbild).

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Der «Blick» packte im April 2006 die grossen Lettern aus und sprach vom «barbarischen Foltercamp». Im spanischen Dorf Sant Llorenç de la Muga hatte Armin S. ein Lager für schwierige Deutschschweizer Jugendliche aus zerrütteten familiären Verhältnissen eingerichtet. Die Verhältnisse waren haarsträubend: Die Teenager sollen in Wildschweinkäfige eingesperrt und mit Eisenstangen verprügelt worden sein. Mitverantwortlich für das Leiden: die Zürcher Vermittlungsfirma Time Out, welche die Problemjugendlichen ohne genauere Überprüfung der Zustände nach Spanien geschickt hatte. Die Medienkarawane zog nach ein paar Wochen der Empörung wieder weiter – doch das Problem ist geblieben: Es fehlt an Kontrollmechanismen beim Umgang mit Pflegekindern.

SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr befasst sich seit Jahren mit dem Thema. Sie stört, dass die Deutschschweizer Vormundschaftsbehörden die Platzierung von schwierigen Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien weiterhin – und zunehmend – an private Organisationen delegieren. «Dabei ist ein Markt entstanden, in dem sich zunehmend dubiose Akteure tummeln», kritisiert Fehr. Stossend sei vor allem, dass ein Grossteil dieser Vermittlungsfirmen gewinnorientiert arbeite – und damit die Aussicht auf den grossen Reibach mehr zähle als das Kindswohl. Letzte Woche hat Fehr deshalb den Bundesrat mit einer Interpellation zum Handeln gegen die Geschäftemacherei aufgefordert. Die Regierung soll die Kantone anhalten, nur noch mit nicht gewinnorientierten Vermittlungsorganisationen zusammenzuarbeiten. Darüber hinaus wünscht sich Fehr eine Qualitätsprüfung, die sicherstellen soll, dass künftig alle Organisationen das Wohl der Kinder und Jugendlichen wahren.

Auch Andrea Keller befasst sich seit längerem mit dem Pflegekinder-Problem. Sie ist bei Integras, dem Fachverband Sozial- und Sonderpädagogik, zuständig für die Familienplatzierungs-Organisationen. Der Staat, erklärt Keller, zahle solchen Organisationen pro Kind rund 220 Franken am Tag. Diese gäben den Pflegefamilien aber häufig nur 80 Franken weiter. «Es ist unverständlich, dass die staatlichen Stellen kaum kontrollieren, wie eine Organisation arbeitet und was sie mit den restlichen 140 Franken macht.»

Behörden haben keine Zeit für Abklärung

Der Markt für die Platzierungsorganisationen ist beachtlich: Rund 30 000 Kinder leben in der Schweiz nicht bei ihren Eltern. Ist es für ein Kind nicht mehr zumutbar, zuhause zu wohnen – etwa weil es geschlagen oder sexuell missbraucht wird –, müssen die zuständigen Stellen rasch handeln. Die Vormundschaftsbehörden oder Jugendstaatsanwaltschaften wenden sich dann an Platzierungsorganisationen, die sofort Plätze bei Pflegefamilien anbieten können. «Eine seriöse Abklärung vonseiten der Behörden ist unmöglich», sagt Andrea Keller. Nicht nur wegen des Zeitdrucks – sondern auch weil sich ein Beistand durchschnittlich um 120 «Fälle» und die Kinder und Familien, die dahinter stehen, kümmern müsse.

Keller zählt 60 bis 70 Organisationen und unzählige Privatpersonen, die auf eigene Rechnung Pflegekinder platzieren. Sie reissen sich um die rund 150 Millionen Franken, die sich der Staat die outgesourcte Dienstleistung jährlich kosten lässt. Wie gross die Anzahl der schwarzen Schafe ist, weiss Keller nicht genau, weil die Kontrolle fehlt. «Aber wirklich seriös und transparent arbeiten höchstens 20 Prozent.» So ist es oft «reine Glückssache», wo die Kinder landen. Lange nicht jede Familie sei der Aufgabe gewachsen, erklärt Keller. «Diese Kinder brauchen eine besondere Betreuung: Sie haben meist in misslichsten Bedingungen gelebt und sind traumatisiert.» Gerade Missbrauchsopfer müssen erst wieder lernen, Vertrauen zu ihren Mitmenschen aufzubauen. Solche Kinder sind anstrengend und überfordern Pflegeeltern, die nicht entsprechend ausgebildet sind. Dass die Pflegefamilie häufig nicht den erwünschten Wonneproppen erhält, kann zu Überforderung und Frustration führen – und letztlich zu gegenseitiger Gewalt.

Parallelen zu Verdingkindern

Solche Probleme rufen unschöne Erinnerungen an das Verdingwesen wach. Ein Teil der Problemjugendlichen landet auch heute auf Bauernhöfen. Viele Bauernfamilien kümmerten sich gut um die Teenager, sagt Andrea Keller. Dann könne der Aufenthalt auf dem Land eine sehr positive Erfahrung sein. Die Parallele zum Verdingwesen sieht Keller vor allem darin, dass es dem Zufall überlassen ist, wie geeignet die Pflegefamilie ist. Es gebe auch Landwirte, die auf das Geld angewiesen seien und gleich mehrere Kinder aufnähmen. «Das kann zu Überforderung führen.» Körperliche Züchtigungen seien heute zum Glück sehr selten, aber seelische Grausamkeiten kämen vor: «Ein Pflegekind, das den ganzen Tag alleine im Stall arbeiten muss, fühlt sich einmal mehr vernachlässigt», sagt Keller.

Vorsorge ist billiger als lebenslange Sozialhilfe

Für Andrea Keller ist klar, dass es sich für die Gesellschaft nicht lohne, auf dem Buckel der Pflegekinder zu sparen. «Aus Kindern werden Jugendliche. Wenn weder Eltern noch der Staat für sie Verantwortung übernehmen, kann das zu einer grossen Wut und zu dissozialem Verhalten führen.» Aus Jugendlichen würden Erwachsene, die kaum autonom leben könnten und ihr Leben lang auf staatliche Hilfe angewiesen seien – und im schlimmsten Fall im Strafvollzug oder in der Psychiatrie landeten, sagt Keller. «Dies könnte in vielen Fällen verhindert werden, würde man frühzeitig hinsehen und sorgfältig handeln.»

Jacqueline Fehr hatte bereits 2002 ein Postulat zum Schutz der Pflegekinder eingereicht – geändert hat sich seither nicht viel. Aufgrund der «gestiegenen Sensibilität für das Thema» und der Klagen verunsicherter Vormundschaftsbehörden ist die Zürcher Nationalrätin jetzt aber optimistisch, dass der Bundesrat ihr Anliegen ernst nimmt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dani am 26.12.2011 20:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles schwach

    Die Schweiz ist in Polizei Staat. Es wird alles ûberwacht wo Mann nur kann. Aber dort wo es sein sollte schauen alle weg. Hört doch endlich auf zu diskutieren und fängt an zu handeln. Stop ich vergaß der schweizer ist und bleibt ein bûnzlibürger. In diesem Sinne ihr zubemitleidenden bünzlis en guete Rutsch is neue johr

  • Reta Caspar am 22.12.2011 11:57 Report Diesen Beitrag melden

    Achtung vor religiösen Anbietern

    Nicht gewinnorientiert ist ok. Aber es sollten auch keine religiösen Organisationen zugelassen sein. Die Zeitschrift Beobachter hat kürzlich das Thema aufgegriffen.

  • Jürg Martiner am 22.12.2011 12:39 Report Diesen Beitrag melden

    Ohne Prüfung

    Mal ganz ehrlich.... wenn man sich einen Hund kaufen will muss man mittlerweile eine Prüfung ablegen.... Wenn man ein Kind will, dann bekommt man das, egal ob man dazu schauen kann oder nicht.... KRANK!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dani am 26.12.2011 20:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles schwach

    Die Schweiz ist in Polizei Staat. Es wird alles ûberwacht wo Mann nur kann. Aber dort wo es sein sollte schauen alle weg. Hört doch endlich auf zu diskutieren und fängt an zu handeln. Stop ich vergaß der schweizer ist und bleibt ein bûnzlibürger. In diesem Sinne ihr zubemitleidenden bünzlis en guete Rutsch is neue johr

  • Helli am 26.12.2011 07:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Überlegen....

    Immer wird nur über negative Vermittlungsstellen / Behörden und Pflegefamilien gesprochen ! Es gibt aber suuuuper gute Vermittlungsstellen und Pflegefamilien die ihre Aufgabe ernst nehmen ! Denen nicht das Geld wichtig ist, sondern dem Kind Liebe, Struktur und Geborgenheit zu geben ! Nur wer Pflegekinder begleitet kann erfahren was das bedeutet so ein Kind in der Familie aufzunehmen ! Man nimmt nicht nur das Kind bei sich auf sondern muss sich auch mit der Herkunftsfamilie und der Geschichte des Kindes beschäftigen !

  • Sanna Mainau am 23.12.2011 11:46 Report Diesen Beitrag melden

    2000.- Franken Verdienst pro Pflegekind

    Selbst 80 Franken am Tag gibt 2400.- im Monat. Ich kann es nicht verstehen, dass dies zuwenig sein soll. Selbst wenn man das Essen abzieht bleiben ja noch ca. 2000.- Verdienst im Monat für die Familie. Das ist doch mehr als genug, für ein eigenes Kind bekommt man schliesslich gar nichts, sondern muss noch bezahlen dafür.

  • Peschä am 23.12.2011 10:40 Report Diesen Beitrag melden

    Vom Regen in die Traufe

    Da gibt es Kinder und Jugendliche mit Problemen, dann kommt der Staat, mischt sich ein, verschwendet Steuergelder und macht für die Betroffenen erst noch alles schlimmer... Da gibt es allerdings viel aufzuräumen. Die Vormundschaftsbehörden tragen eine grosse Verantwortung, diese müssen sie auch wahrnehmen.

  • Bea Rohrer am 23.12.2011 10:09 Report Diesen Beitrag melden

    Genau so läuft's...

    Trifft den Nagel auf den Kopf!! Wir erleben im Moment genau so eine Situation! Hätte da so manches zu erzählen... dafür reicht der Platz nicht aus! Unser Staat macht aus unseren Kindern "Problem-Jugendliche", es gibt Gesetze, die dürfen einfache nicht sein. Ein/e Jugendlicher/Jugendliche hat heute viel zu viele Rechte und absolut keine Pflichten mehr. So kann keine gesellschaftsfähige Generation entstehen. Das Ergebnis sehen wir täglich auf den Strassen und eben an solchen Pflegeplätzen und in den Familien. In diesem Sinne fröhliche Weihnachten..

    • Peter am 23.12.2011 20:30 Report Diesen Beitrag melden

      An der eigenen Nase nehmen

      Wann merken eigentlich die "Erwachsenen", dass sich in den Kindern sowohl die schlechten Seiten der Gesellschaft, wie auch jene der Eltern spiegeln? Was für ein Vorbild geben wir denn ab?

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