Selbstversuch – das Fazit

18. August 2015 11:43; Akt: 18.08.2015 11:43 Print

Das Problem ist, dass alle anderen ein Handy haben

von J. Büchi - ... und nicht, dass ich keines habe. So lautet die – zugegeben wenig selbstkritische – Bilanz von meinem Experiment «Handyentzug».

storybild

Jacqueline Büchis Bilanz zum Handy-Verzicht: man lebt erstaunlich gut ohne. (Bild: 20 Minuten/rom)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Acht Minuten! Acht Minuten lang fluten die Push-Nachrichten, die sich während des zweiwöchigen Experiments «Handyentzug» in meinem Smartphone angestaut haben, den Bildschirm. Während sich die Zahl der SMS und Whatsapp-Nachrichten in Grenzen hält, da fast mein gesamtes Umfeld vom Selbstversuch unterrichtet war, kommen die Eilmeldungen unerbittlich weiter rein. Hunderte von News, von denen ich später erfuhr als alle anderen um mich herum.

Rückblickend muss ich sagen: Ich lebte erstaunlich gut damit. Es war ausgesprochen angenehm, das Handy nicht ständig checken oder in der ganzen Wohnung danach suchen zu müssen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte ich auch bald in jeder Lebenslage das richtige Ersatzgerät griffbereit. Trotzdem bin ich erleichtert, mein Telefon wieder zu haben. Kennen Sie das Gefühl, nach den Ferien nach Hause zu kommen und einfach froh zu sein, wieder Wasser direkt vom Hahn trinken zu können? Irgendwie so fühlt sich das an. Es geht auch ohne, aber es ist irgendwie mühsam.

Der Vergleich ist dekadent, ja. Es ist falsch, ein technisches Gadget mit einem lebenswichtigen Element gleichzusetzen. Da dieser Gedanke aber der erste war, der mir nach Ende des Selbstversuchs durch den Kopf schoss, entschied ich mich, ihn trotzdem mit Ihnen zu teilen. Denn irgendwie zeigt er, wie absurd unser Verhältnis zum Smartphone geworden ist. Eine Umfrage kam unlängst zum Schluss, dass jeder Zweite bei einem Brand das Mobiltelefon vor der Katze retten würde. Zu meiner Verteidigung: So schlimm stand es zu keinem Zeitpunkt um mich – weder vor noch nach dem Experiment.

Allerdings hätte ich mir vom Selbstversuch mehr erhofft. Mehr Ruhe, mehr Entspannung. Dass ich milde lächelnd die Schönheit des Augenblicks geniesse, während andere im Strudel von Push-Nachrichten, Nachrichten und Stress gefangen sind. Doch da sich das Rad der Zeit nun einmal nicht zurückdrehen lässt, ist das Offline-Leben im Gegenteil ziemlich nervenaufreibend. Und dass es «früher auch ohne Smartphone ging», ein schwacher Trost.

Denn das Problem, wenn du kein Handy hast, ist nicht, dass du kein Handy hast. Es ist, dass alle anderen eines haben. «Nein, wir können nicht spontan schauen, wann wir uns am Abend treffen», wollte ich schreien, als die Floskel zum x-ten Mal fiel, obwohl das jeweilige Gegenüber wusste, dass ich gerade nicht mobil war. Die Gewohnheit war einfach stärker: Mehrere Tage im Voraus einen festen Termin und Treffpunkt vereinbaren? Fehlanzeige. Dasselbe bei der Arbeit. «Was macht ihr eigentlich zu Thema XY?», tönte es mir am Morgen entgegen, sobald ich einen Fuss in die Redaktion setzte. «Entschuldigung, ICH HABE KEIN HANDY UND DESHALB KEINE AHNUNG, WOVON DU SPRICHST.»

Trotz latenter Aggressionen – die letzten Wochen hatten durchaus auch positive Auswirkungen auf mein Sozialleben. Es ist fast schon ergreifend, wie sich Kollegen freuen, wenn man ihnen zum Geburtstag nicht einfach in der Eile ein SMS schickt, sondern sie persönlich in einer ruhigen Minute anruft. Wobei ja heute schon ein Glückwunsch per SMS eigentlich beinahe schon ein Luxus ist – flüchtige Bekanntschaften müssen sich in Zeiten von Facebook oft mit einem «Happy Bday» auf der Pinnwand begnügen. Mindestens diesen Vorsatz will ich aus dem Selbstversuch mitnehmen. Unpersönliche Glückwünsche in den sozialen Medien, auch wenn sie mehr als zwei Wörter umfassen, gehören definitiv der Vergangenheit an. Und auch sonst schadet es wohl nichts, Dinge öfter mal wieder unter vier Augen zu besprechen, anstatt zwischen Büro und Zug hastig ein paar Zeilen zu tippen. All der hilfreichen Emojis zum Trotz.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ohne-Handy-Frau am 18.08.2015 11:47 Report Diesen Beitrag melden

    es geht ohne ...

    Ich lebe seit drei Jahren ohne Handy und es geht mir blendend. Ich weiss gar nicht, wo das Problem ist. Privat geht bestimmt auch ohne!

    einklappen einklappen
  • El Ray am 18.08.2015 12:02 Report Diesen Beitrag melden

    Orakel

    Jetzt macht man aus einer Maus wider einen Elefanten. Ist alles nur Einstellungssache und der Mensch gewöhnt sich an alles. Aber ihr dürft gerne weiterhin euer Leben vom Handy abhängig machen... auch wens nicht so ist... Alles nur Strategie... So wie es ausieht kann in 5 Jahre fast niemand mehr sein Auto selbst einparkieren und in 10 Jahren überhaupt noch fahren... Aber wenigsten sehen wir dann dabei gut aus und haben ein Selfie von dem Moment ;-)

    einklappen einklappen
  • Stefan W. am 18.08.2015 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    Klartext

    Tausend Däumchen Hochdrücker auf Facebook, Twitter und Co. sind in Tat und Wahrheit keine echten Freunde. Die schafft man sich nur "Face to face" und wenn man bereit ist Zeit echte zu investieren.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Penumbra Noctis am 19.08.2015 12:00 Report Diesen Beitrag melden

    Fast wie Telepathie!

    So ein Mobiltelefon ist doch fast ein bisschen wie Telepathie. Faszinierend!

  • Costa am 19.08.2015 00:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine nächsten Ferien

    stehen vor der Tür. Lasse mein Handy zu Hause, denn ich möchte alles life erleben. Ja, genau wie vor ein paar Jahren noch. Alle filmen und fotografieren jede Kleinigkeit, anstatt dass sie es life erleben. Natürlich muss dann alles sofort auf FB, damit es auch jeder sehen kann. Meine Freundin macht auch mit. Habe das Gefühl, das werden unsere schönsten Ferien.

    • SentA am 19.08.2015 05:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Besser nicht

      Vorsicht, wie gestern gelesen könnte einPhone sogar Leben retten!

    einklappen einklappen
  • Arno am 18.08.2015 22:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mit handy zufrieden

    Also ich komme mit dem handy gut aus. Habe durch den handy viele leute kennengelernt da ich mich nicht getraue sie anzusprechen. Oder wenn mir langweilig ist oder info brauche ist das handy sehr nützlich.

  • Elo am 18.08.2015 19:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Handy frei

    Ich habe mich vor ein paar Wochen grad entschieden mein Handy tagsüber nicht mehr mitzunehmen. Ich fühl mich freier! Die Treffen mit meinen Mitmenschen sind wieder pünktlicher weil man mir nicht spontan absagen kann und ich fühl mich unglaublich erleichtert.

  • Marc am 18.08.2015 16:52 Report Diesen Beitrag melden

    Selbstentscheidung

    Ich selbst habe seit Anfang dieses Jahres aufgehört mit diesen schnellen Kommunikationswegen. Das heisst nicht, dass ich sie eingestellt habe sondern heruntergefahren. Informationen und Nachrichten welche ich nicht als "dringend" betrachte, erhalten einfach nicht sofort eine Rückmeldung. Das kann dann schon mal 2-3 Tage dauern bis da eine Nachricht von mir kommt. Fazit bis jetzt: Meine Mitmenschen haben aufgehört mich per Whatsapp und sowas zu erreichen und rufen einfach kurz an wenn sie Fragen haben. Es ist sehr entspannt. Jeder entscheidet selbst wie stark man bei diesem Spiel mitmacht.