Räubergeschichten

01. April 2018 15:10; Akt: 01.04.2018 15:10 Print

Das Protokoll einer Love-Scam-Attacke

von Anielle Peterhans - Die Schweizerin L. F. ist Opfer eines Internetbetrügers geworden. Der Chatverlauf zeigt, wie moderne Heiratsschwindler die Gutgläubigkeit liebesuchender Damen ausnutzen.

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Die attraktive Internetbekanntschaft schickte Bilder, die sie zeigen sollen. Er sei Ingenieur, jetzt aber Kapitän auf einem Schiff. Die Facebook-Freundschaft zwischen Mirco Blaser und L. F.* nahm eine Woche vor Heiligabend des vergangenen Jahres ihren Anfang. Ihm habe das Bild gefallen, schreibt er in gebrochenem Deutsch. Er will Brücken an Bauunternehmen verkauft haben. «Sie sind das exakte Modell und eine perfekte Frau.» Blaser mag das Abenteuer und Musik. Ein hartes Los: Seine Frau soll an Krebs gestorben sein. Die beiden wechseln die Sprache. Blaser stellt sich als gottesfürchtiger Familienmensch dar. Das Blatt wandte sich, als er und seine Schiffsbesatzung angeblich plötzlich in Gefahr waren. Er klagte über Verletzungen auf dem Schiff und berichtete von Problemen mit der Besatzung. Seine Storys wurden immer verworrener und skurriler. Er erzählte plötzlich von Piraten, die angeblich vor der Küste in Italien lauerten, sie bedrohten. Dann wollte er ihr angeblich Geld schicken und so die wertvolle Fracht retten. Er bittet L. F., ihm beizustehen. «Es gibt keine Bank für mein Geld hier, lass mich nicht mein hart erarbeitetes Geld verlieren», forderte er sein Opfer auf. Dann forderte er die Adresse ultimativ ein. L. zieht die Reissleine, bevor Geld fliesst oder gewaschen wird. Sie findet heraus, dass Blaser mit anderen älteren Damen schreibt. Wenig später ist sein Account gelöscht. Zurück bleibt eine grosse Enttäuschung. «Er hat mir so gutgetan, aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.»

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Die Facebook-Freundschaft zwischen Mirco Blaser und L. F.* nahm eine Woche vor Heiligabend des vergangenen Jahres ihren Anfang. Er, ein angeblich attraktiver, selbstständiger Ingenieur, kontaktierte die 20 Jahre ältere Frau über Facebook. Ihr Bild sei ihm sofort aufgefallen, sie sei schön und liebenswert, schrieb er. Danach folgte ein monatelanger, vorerst harmloser, aber immer intensiver werdender Chat über Facebook-Messenger.

Er: «Ich bin ein überaus ehrlicher, liebenswerter und rechtschaffener Mann.»
Sie: «Ich glaube an das Schicksal.»

Zunächst wurden nur Interessen und Schmeicheleien ausgetauscht – erst schrieb er in gebrochenem Deutsch, dann plötzlich auf Englisch. Er war ein Romantiker, sensibel und hörte ihr zu. Er geizte auch nicht mit Komplimenten:

Er: «Sie schön sind. Gehen Sie zu Ihrem Spiegel und sehen Sie selbst. Sie sind das exakte Modell, eine perfekte Frau.»

Seine romantische Ader liess die geschiedene 62-Jährige nicht kalt. «Er gab mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Ich glaubte ans Schicksal, verliess mich auf mein Bauchgefühl.»

Fesselnd waren seine Geschichten: Seine Eltern starben angeblich in Deutschland, wo auch er viele Jahre gelebt haben wollte. Seine Frau habe den Kampf gegen den Krebs im Jahr 2006 verloren, er sei darum kinderlos. Jetzt war er Kapitän eines Schiffs. Damit hatte er die Verantwortung über eine Besatzung und über wertvolle Waren an Bord. Er befand sich erst in Australien, einige Monate später in der Nähe von Europa. Wenn F. nach einem Foto fragte, schickte er dieses, ohne zu zögern. Skypen konnte er nicht – dies sei nicht erlaubt. Und immer wieder überbot er sich mit Komplimenten:

«Du hast die grösste Seele, die nobelste Natur und das süsseste und wärmste Herz, das ich kenne.»

Vom Romantiker zum Hilfsbedürftigen

Das Blatt wandte sich, als er und seine Schiffsbesatzung angeblich plötzlich in Gefahr waren. Er klagte über Verletzungen auf dem Schiff und berichtete von Problemen mit der Besatzung. Seine Storys wurden immer verworrener und skurriler. Er erzählte plötzlich von Piraten, die angeblich vor der Küste in Italien lauerten, sie bedrohten.

Er: «Piraten aus Agrigento blockieren die See, sie sind etwa 312 Kilometer von uns entfernt, und der nächste Ankerplatz für unser Schiff ist die Insel Lampedusa.»

Dann der Schock: Er wollte ihre persönlichen Angaben. Er verlangte Adresse, Telefonnummer, Bankangaben – natürlich nur, um ihr Geld zu überweisen und die wertvolle Fracht zu schicken, die auf dem Schiff nicht mehr sicher sei. «Es gibt keine Bank für mein Geld hier, lass mich nicht mein hart erarbeitetes Geld verlieren», forderte er sein Opfer auf.

«Emotional ausgenutzt»

Die Mitleidskarte spielte er bewusst aus: L. F. sei die Einzige, der er noch vertrauen könne. Seine Eltern seien vor langer Zeit verstorben, und sein bester Freund habe ihn betrogen.

Er: «Aber ich vertraue dir, du bist gutmütig, du würdest alles für mich tun, und ich gebe dir mein ganzes Herz.»

Nun zögerte L. F. und begann auf Facebook zu recherchieren. Als sie Frauen kontaktierte, die mit Mirco Blaser befreundet waren, stellte sich heraus, dass er ihnen die gleichen Räubergeschichten erzählte. Wenig später wurde das Profil des mutmasslichen Romance-Scammers von Facebook gesperrt. Obwohl sie die Notbremse gezogen hatte, bevor Geld floss, fühlt sich L. F. emotional hintergangen: «Er hat mir so gutgetan, aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.» Während eines halben Jahres tauschten sie täglich Nachrichten aus.

Über 100 Meldungen pro Jahr

Mit ihrer Story ist L. F. nur eine von vielen, die in der Schweiz an moderne Heiratsschwindler geraten, die Verliebte ausnehmen. Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) kennt das Romance-Scam-Phänomen: 2016 gingen bei der Melde- und Analysestelle Informationssicherung (Melani) des Bundes deswegen 140 Meldungen ein. 2015 waren es 81 Meldungen, 2014 88. Die Zahlen von 2017 folgen mit dem Jahresbericht Ende April. Dabei fliesst oft auch viel Geld: Bei einem Fall in der Innerschweiz ergaunerten sich die Betrüger sagenhafte 400'000 Schweizer Franken.

Laut Fedpol-Sprecherin Lulzana Musliu folgt die Vorgehensweise der Betrüger einem klaren Muster: Die Kontaktaufnahme geschieht meistens über die üblichen Plattformen wie Facebook, Instagram oder die verschiedenen Dating-Apps. Durch intensiven Kontakt in einer ersten Phase wird ein gewisses Vertrauenslevel geschaffen. Diese Phase kann sich über Wochen und Monate ziehen. Dahinter stecken organisierte Banden. Viele dieser Netzwerke sitzen in der Karibik oder in Nordafrika.

Die Geschichten von Frauen und Männern, die sich bei Fedpol melden, sind unterschiedlich. Sie seien aber vor allem «nur die Spitze des Eisbergs», sagt Musliu, «sie bilden nicht das Gesamtmass des Phänomens ab, weil sie auf Freiwilligkeit beruhen.» Beim Romance-Scam müsse wie bei Sextortion – der Erpressung mit erotischen Bildern – von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden, da die Scham gross sei, solche Fälle zu melden. Laut Musliu gelangen Betroffene oft erst an die Polizei, wenn der finanzielle Schaden bereits zu gross ist. «Eine strafrechtliche Verfolgung, wenn es um die Liebe geht, hat auf Ebene der Kantone zu geschehen.»

* Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thoms am 01.04.2018 16:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    naiv

    Wie naiv kann eine Frau sein? Er 30ig und Sie 62? Wohl sonnenklar das er kein wahres interesse hat.

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  • Clooney am 01.04.2018 15:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verschiffungsingenieur

    Vor Jahren war ich bei Parship und hatte ebenfalls einen 'Verehrer', der mich als schönste Frau ever bezeichnete! Er schrieb auf Englisch, das 'ich' schrieb er immer mit kleinem i, unüblich für Amerikaner. Er hatte eine Tochter, die in London lebte und war in Südafrika als Verschiffungsingenieur tätig. Seine Frau sei vor einigen Jahren gestorben. Er schickte viele Fotos von sich - ein attraktiver Mann. Plötzlich hatte sein Englisch einen französischen Touch beim Schreiben und plötzlich war er geschieden - Zeit für mich, auf Nimmerwiedersehen zu sagen.... Parship informierte ich darüber, der Typ hatte sich anscheinend auch bei anderen Frauen eingeloggt!!

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  • Haasi am 01.04.2018 15:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Räubergeschichten

    Wieviele solcher Hinweise braucht es noch bis endlich alle wissen, dass es gefährlich ist sich im Netz rumzutreiben? Ich meinerseits bin überhaupt in keinen sozialen Medien dabei. Somit habe ich Ruhe! Sozial ist ein Gespräch inter vier Augen oder in der Beiz am Stammtisch. Computer ist doch nicht sozial.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kein Heuchler am 01.04.2018 23:03 Report Diesen Beitrag melden

    Selberschuld meine Damen

    Tut mir Leid aber diese Frauen sind selberschuld kein Mann wird sich für eine 20 Jahre ältere Frau einfach so interessieren (Männer ticken anders als Frauen). Da frage Ich mich wo bleibt da der gesunde Menschenverstand ?

  • nebelig&mehlig am 01.04.2018 22:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So was ähnliches...

    passierte letztens auch meiner Mutter. Die erzählt mir regelmässig von ihm. Auch ich habe nicht direkt durchschaut um was es geht da dieser wirklich geschickt vorgegangen ist. Schlussendlich schwenkte die Konversation dann jedoch ins finanzielle um und endete in einem Scamversuch ganz nach Lehrbuch.

  • Klaus Wolfgang France am 01.04.2018 22:20 Report Diesen Beitrag melden

    Der Prinz macht doch sowas !!!

    Wollen Sie nicht reinfallen auf einen Prinzen, solle er im jeweiligen Land auf die Schweizer Botschaft gehen und die Papiere Beglaubigen lassen, wenn die Liebe doch so gross ist macht der Geliebte doch sowas mit links ;-)

  • Markus E. am 01.04.2018 20:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ernsthaft?

    Macht Sie es einem dahergelaufenen Bewunderer aus einem 3. Welt Land so einfach? Wie naiv seid Ihr den bitte? Erst der Altersunterschied, endlose Märchengeschichten, Geld und Bankdaten, ooooohhhje. Weiss nicht ob ich lachen oder weinen soll!

    • Meier am 01.04.2018 21:57 Report Diesen Beitrag melden

      Nur Quatsch

      Kenne eine Frau die angeblich über PC in Senegal ein Araber Hegst Gekauft hat und auch das Geld dorthin Geschickt hat, auf der Foto wahren Saftige Weide und voller Blumen usw. da ist doch nur Staub man ;-)

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  • brro am 01.04.2018 19:37 Report Diesen Beitrag melden

    Sweet little lies

    Tell me sweet little lies, eine Konstante beim Paarungsverhalten; gut, wenn man weiss dass Flirten ein schönes Erleben ist, das auf Wolke 7 stattfindet. Latin Lovers können ein Liedchen davon singen, mit oder ohne Gitarre unter dem Balkon ;)