Expertin gibt Tipps

03. Dezember 2019 09:52; Akt: 03.12.2019 09:58 Print

Das hilft, wenn das Kind einen zur Weissglut treibt

Laut Studien hat jeder zweite Elternteil bereits physische Gewalt in der Erziehung angewendet. Eine Expertin erklärt, wie man auch ohne Schläge die Oberhand behält.

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Viele Eltern geraten bei der Kindererziehung an ihre Grenzen. Das endet nicht selten in körperlicher Gewalt. (Symbolbild) Jeder vierte Elternteil nimmt an, dass ein Klaps auf den Hintern noch niemandem geschadet habe oder Ohrfeigen als Ausnahme erlaubt seien. (Symbolbild) 6 bis 11 Prozent aller Eltern wenden häufig oder sogar regelmässig physische Gewalt an. Besonders betroffen von körperlicher Gewalt sind Kinder bis 6 Jahre. (Symbolbild) Aufgrund dieser Zahlen sieht die Kommission «dringenden Handlungsbedarf». Neben mehr Prävention, Schulungen und Beratungsangeboten ist es für die Experten zentral, dass endlich im Gesetz die letzten Überreste des «Züchtigungsrechts» entfernt werden. (Symbolbild) Dieser Meinung ist auch SP-Nationalrätin Yvonne Feri: «Eltern müssen von der Vorstellung wegkommen, dass ein Klaps aufs Füdli nicht schade.» (Symbolbild) Laut ihr könnte eine Gesetzesanpassung zum Umdenken führen: «Eltern und Betreuungspersonen erkennen dann, dass Gewalt nicht in Ordnung ist. Das ist wie bei Verkehrsregeln.» (Symbolbild) Anders sieht es SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler: «Wir haben bereits genügend Strafartikel, aufgrund derer man jemanden wegen Gewalt an Mitmenschen anzeigen kann und im Falle von sichtbarer, wiederholter Gewalt an Kindern auch anzeigen sollte.» (Symbolbild) «Ich bin für gewaltfreie Erziehung und wir sollten alles dafür tun, dass diese erreicht wird», sagt Geissbühler. Ihrer Ansicht nach reichen hierfür aber Präventions- und Informationskampagnen.

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Jeder vierte Elternteil nimmt an, dass ein Klaps auf den Po noch niemandem geschadet habe und Ohrfeigen in Ausnahmesituationen erlaubt seien. Dies geht aus einem Forschungsbericht der Universität Freiburg hervor.

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Auch wegen solcher Ergebnisse fordert die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ), die sogenannte Züchtigung in der Erziehung auch per Gesetz explizit zu verbieten. Das wirft grundsätzlich die Frage auf, wie Eltern, die glauben, nur mit Schlägen den trotzenden Kindern Herr zu werden, reagieren können.

Doch gibt es Situationen, in denen nur noch Schläge helfen? «Nein», findet Uta Reutlinger, Leiterin Fachstelle Häusliche Gewalt bei der Kantonspolizei Thurgau. Sie zeigt anhand dreier fiktiver Situationen auf, wie Eltern besser reagieren können.

Situation 1: Das Kind quengelt und ignoriert die Eltern. Was tun man da am besten?
Kinder lernen, wie man zu einem Ziel kommt. Ein Beispiel: wenn das Kind unbedingt auf den Spielplatz will, schreit und an der Tür quengelt, bis es rausdarf. Statt gewalttätig zu werden, sollte man ihm aufzeigen, warum es nicht mehr draussen spielen darf – beispielsweise wegen der Uhrzeit. Zudem sollte man Ruhe bewahren und tief durchatmen. Wenn man mit ähnlichen Mitteln, etwa mit Schreien, reagiert, dann entfernt man sich von der Erwachsenenrolle und begibt sich auf die Stufe des Kindes.

Situation 2: Das Kind provoziert die Eltern, um seinen Willen zu bekommen. Es schreit nur noch. Die Eltern denken: Ein Klaps schadet doch nicht. Welche Alternative gibt es hier?
Vorneweg: Unsere Rollenbilder sind veraltet. Mit dem Satz «Das hat noch nie jemanden geschadet» spielen die meisten auf ihre eigene Kindheit/Jugend an. So wird alles an die nächste Generation weitergegeben und heruntergespielt.
Mit einer guten emotionalen Beziehung und einem respektvollen Umgang lassen sich klare Grenzen ziehen, die beidseitig respektiert und eingehalten werden. So kommt es am Abend auch nicht zum grossen Geschrei, beispielsweise beim Pyjamaanziehen. Hier sollten eine klare Haltung und Linie erkennbar sein. Im Provozieren sind auch die Bedürfnisse des Kindes enthalten. Diese sollten erkannt werden. Es muss nicht in diesem Moment sein, aber es hilft für die Zukunft. Kinder müssen spüren, dass sie ernst genommen werden.

Situation 3: Auch Kinder hauen ihre Eltern oder bewerfen sie mit Gegenständen. Da kann der Geduldsfaden reissen. Wie sollte man reagieren?
Bei grösseren Kindern könnte eine kurze Verschnaufpause angekündigt und durchgeführt werden. Zuerst sollte man dem Kind aufzeigen, was genau passiert ist und wie es einem selbst damit geht. Beispielsweise: «Ich habe mich erschrocken, es tut mir auch weh, aber nachher möchte ich mit dir nochmals darüber reden.» Das Kind darf keinen Beziehungsabbruch erleben. Wenn es ein jüngeres Kind ist, muss man sich selbst und das Kind beruhigen und es beispielsweise in den Arm nehmen. Man muss es abholen und eine Brücke bauen. Genau das ist die Schwierigkeit der Eltern: die Situation entschärfen. Das kann aber jede und jeder lernen. Reaktionen wie: «Du hast mir jetzt eine gehauen, daher schlage ich dich jetzt auch», sind absolut fehl am Platz. Das Kind lernt daraus für die Zukunft.

Was raten Sie Eltern, die bei der Erziehung an ihre Grenzen geraten?
Die Eltern sollten sich Hilfe und Unterstützung holen. Der soziale Druck, der auf Eltern liegt, ist enorm. Man erwartet, dass sie die besten Weihnachtsguetsli backen, das Kind sich immer und überall ruhig und perfekt verhält und man in einer «Bilderbuchfamilie» lebt. Da darf man sich erlauben, sich Rat zu holen. Egal ob bei Freunden, Lehrern oder auch bei der Familienberatung. Wenn es akut ist, gibt es auch den Eltern-Notruf. Dort kann man rund um die Uhr anrufen und es wird einem geholfen, in einer drastischen Situation runterzufahren. Auch eine Beratung ist nichts Schlimmes oder etwas, wofür man sich schämen muss.

(juu)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Frau Gwunder am 03.12.2019 10:54 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht ganz einverstanden

    Sorry, aber wenn ich mit dem/den Kind/ern anfange zu diskutieren, habe ich schon verloren. Dass Gewalt keine Option sein sollte, müsste jedem klar sein, jedoch braucht ein Kind auch klare Grenzen. Wenn ich das Kind noch mit einer Umarmung dafür"belohne", dass es die Grenzen überschritten hat, ist der Lernfaktor gleich Null. Meine Kinder wissen wenn es soweit ist. Ich warne sie immer vor und wenn sie nicht aufhören, gibt es Konsequenzen. Eltern in unserem Umfeld die gleich verfahren, haben anständige Kinder, und jene, die dem Kind alles erklären wollen und vor die Wahl stellen nicht. Komisch.

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  • Rabenmutter am 03.12.2019 10:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Fragen..

    Kleiner Gedanke: Gemäss Artikel nimmt die Gewalt gegen Kinder ja ab. Gleichzeitig nimmt die Gewalt gegen Eltern und unter Jugendlichen zu.. Fragt sich nun, ob eine Ohrfeige zum richtigen Zeitpunkt wirklich nicht schadet..

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  • H.J. Glättli am 03.12.2019 10:15 Report Diesen Beitrag melden

    Konsequenz ist die Mutter der Erziehung

    Ich 32 Jahre finde nicht, das der oben genannte Erziehungsstil mit hätscheln und "wir reden dann mal drüber" Zielführend ist. Dies zeigen die heutigen Jugendlichen klar auf, die mit der so genannten "antiautoritären Erziehung" gross geworden sind. Klar lehne ich Gewalt an Kindern ab. Jedoch sind jedem Kind und z.t. auch noch Erwachsenen klare Grenzen aufzuzeigen und ja es gehört zum Leben das gewisse Fehler oder Grenzverletzungen weh tun können. Die, die das im Kindesalter nicht lernen, müssen es dann halt im Erwachsenenalter noch dazu lernen wenn Sie dann noch können und wollen...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Böse Mietzekatze am 03.12.2019 13:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fies grins

    Ach, alles gut und schöne Tipps... Mein Tipp an alle, einfach beim nächsten Italienurlaub mit dem Auto an der Tanke zurück lassen... Am besten schon bei der Hinfahrt, da hat man auch noch einen entspannten Urlaub! :-))

  • Dario Wenger am 03.12.2019 13:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein Witz

    Wegen keinem dieser oben genannten Peanuts wurde ich als Kind je gehauen. Ich wurde gehauen weil ich die Couch und beinahe das ganze Haus angezündet habe oder mit einem Nagel Bilder in den Lack des neuen Autos meines Vaters gezeichnet habe. Ich hatte mal mit Sekundenleim die Katze an den Hund geklebt. Dazu gilt es zu sagen das bei jedem der oben genannten Beispiele meine Eltern viel mehr Gnade walten liessen als ich es bei mir selber gemacht hätte.

  • Drachen am 03.12.2019 13:05 Report Diesen Beitrag melden

    Erziehung Vorschreiben lassen?

    Hallo. selbst sind die Eltern. Wen ein Kind nicht kapiert was Sache ist, muss man etwas nachhelfen. Mir schreibt niemand vor wie ich meine Kinder zu erziehen habe, vor allem nicht von solchen möchtegern Erziehungs - Spezialisten, Gender Idijo. die nicht mahl Kinder haben, aber wissen wollen wie Erziehung geht. Meine Kinder sind super Erzogen, alle haben eine Lehre gemacht und verdienen mittlerweile mehr als ich. Meine kinder sind mir heute dankbar, das ich Sie nicht mit Samthandschuhen angefast habe. Gute Eltern spüren genau, wie sie Ihre Sprösslinge für das heutige geist freie Umfeld vorberei

  • Eva am 03.12.2019 13:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zeit haben und Zeit geben...

    Der Artikel bringt wirklich gar nichts! Keine praktische Hilfe! Jeder hat sein eigener Erziehungsstil und macht eigene Erfahrungen... Darum kann man gar nicht genau festlegen, wie man reagieren soll, und man muss auch bedenken , dass jedes Kind anders ist, und anders reagiert... Was für das eine gut ist, ist für das andere total daneben... Das ewige Erklären und Diskutieren ist nichts für Kinder..! Lieber Zeit haben und interessante Sachen mit ihnen machen, dann kommt ihnen nichts blödes in den Sinn...!

  • SG am 03.12.2019 13:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    .........

    Solche Experten haben selber meistens grosse Probleme mit Ihren Kindern.Kinder von Lehrern,Psychiater und Psychologen sind die Schlimmsten.Ein Bericht den ich letzthin gelesen habe,schreibt,dass solche Kinder viel häufiger in Gewalt und Selbstmorde verwickelt sind.Da ist gewaltig etwas schiefgelaufen.Ich wurde geschlagen mit einem 1 Meter Gummischlauch .Ich habe meine Kinder nie geschlagen,schon gar nicht mit Gegenständen.Aber dass Einem mal die Hand ausrutscht,das kann ich gut verstehen.