«Wie bei Flüchtlingskindern»

12. März 2019 10:39; Akt: 12.03.2019 10:49 Print

Das kommt jetzt auf die entführten Mädchen zu

Zwei nach Ägypten entführte Mädchen sind wieder bei ihrer Mutter. Kinderpsychologe Philipp Ramming sagt, was es für sie heisst, zurück zu sein.

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Zwei nach Ägypten entführte Mädchen (7 und 9) sind wieder bei ihrer Mutter. Sie haben fast fünf Jahre bei ihrem Vater in Kairo gelebt. Wir wollten wissen, was es für die beiden heisst, in die Schweiz zurückzukommen. Philipp Ramming, Kinderpsychologe und Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP), sagt, was es für die beiden heisst, zurück in der Schweiz zu sein. Das Foto zeigt die beiden entführten Mädchen. Kinderpsychologe Ramming: «In solchen Fällen ist es immer schwierig, generelle Aussagen zu treffen. Ob und wie die Mutter eine Fremde wurde, kommt auch sehr darauf an, welcher Kontakt bestand, während die Mädchen in Ägypten waren, und ob das Umfeld in Ägypten überhaupt – und, wenn ja, wie – von der Mutter sprach.» Philipp Ramming: «Es kommt sicherlich eine belastende Zeit auf die beiden und ihre Familie zu. Den Mädchen stehen grosse Anpassungsleistungen bevor, die Anstrengung, aber auch viel Zeit erfordern. Deshalb ist es besonders wichtig, wie das Umfeld mit dieser Situation umgeht. So brauchen nicht nur die Mädchen professionelle Hilfe, sondern auch die Mutter und ihr Umfeld.» «Prinzipiell gilt: Um an einer Mutter-Kind-Beziehung zu arbeiten und sich wieder kennen lernen zu können, muss man sich Zeit nehmen. Dabei ist der zentrale Punkt der Wiederaufbau des gegenseitigen Vertrauens», so Ramming weiter. «Die Kinder verlieren nicht nur einen Vater, sondern ein ganzes Umfeld. Ich nehme an, sie wurden in Ägypten mehrheitlich von Frauen erzogen und geprägt. Somit lassen sie eine ganze, ihnen vertraute Welt hinter sich. Dieses Umfeld muss in der Schweiz nun neu aufgebaut werden.» Ramming äussert sich weiter: «Die Kinder müssen sich in der Schweiz komplett neu orientieren und unter anderem wieder die Sprache lernen. Ihre Ausgangslage ist deshalb gut mit derjenigen von Flüchtlingskindern vergleichbar, die sich plötzlich in einer neuen Umgebung und Kultur zurechtfinden müssen.»

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Herr Ramming*, nach fast fünf Jahren leben die Mädchen plötzlich wieder in der Schweiz bei der Mutter. Was erwartet sie und ihre Familie?
Es kommt sicherlich eine belastende Zeit auf die beiden und ihre Familie zu. Den Mädchen stehen grosse Anpassungsleistungen bevor, die Anstrengung, aber auch viel Zeit erfordern. Deshalb ist es besonders wichtig, wie das Umfeld mit dieser Situation umgeht. So brauchen nicht nur die Mädchen professionelle Hilfe, sondern auch die Mutter und ihr Umfeld. Dabei wird es für beide Seiten hauptsächlich darum gehen, die vorgestellte beziehungsweise erträumte Welt mit der realen Welt möglichst gut in Übereinstimmung zu bringen. Eine solche Anpassung geht nicht ohne Frust und Enttäuschung über die Bühne. Deshalb ist es wichtig, dass man nicht aufgibt.

Ist die Mutter für sie eine Fremde geworden?
In solchen Fällen ist es immer schwierig, generelle Aussagen zu treffen. Ob und wie die Mutter eine Fremde wurde, kommt auch sehr darauf an, welcher Kontakt bestand, während die Mädchen in Ägypten waren, und ob das Umfeld in Ägypten überhaupt – und, wenn ja, wie – von der Mutter sprach. Prinzipiell gilt: Um an einer Mutter-Kind-Beziehung zu arbeiten und sich wieder kennen lernen zu können, muss man sich Zeit nehmen. Dabei ist der zentrale Punkt der Wiederaufbau des gegenseitigen Vertrauens.

Wie kann sich eine solche Entfremdung äussern?
Sobald sich die Situation stabilisiert hat und das erwachsene Umfeld denkt, dass Schwierigste überstanden zu haben, kann es sein, dass Kinder anfangen, sich schlecht zu benehmen. Zum einen möchten sie austesten, ob die neue Lebensweise von Dauer ist. Zum anderen trauen sie sich erst zu zeigen, was sie alles durchgestanden haben, sobald der grösste Trubel vorbei ist. Jedes Kind macht das auf seine eigene Art: Manche benehmen sich schlecht, andere werden traurig.

Wie beurteilen Sie eine mögliche Entwurzelung der Kinder im Bezug auf Land, Kultur und Sprache?
Die Kinder müssen sich in der Schweiz komplett neu orientieren und unter anderem wieder die Sprache lernen. Ihre Ausgangslage ist deshalb gut mit derjenigen von Flüchtlingskindern vergleichbar, die sich plötzlich in einer neuen Umgebung und Kultur zurechtfinden müssen. Eine solche Veränderung hinterlässt deshalb Spuren, die wertvoll, aber teils auch sehr schwierig sein können. Eine solche Ent-Wurzelung verlangt deshalb neue Ver-Wurzelung.

Ist eine Integration nach so einer Geschichte überhaupt möglich?
Ja, eine Integration ist möglich. Dabei soll das Erlebte Teil der Biografie der Mädchen und somit Teil ihres neuen Lebens in der Schweiz werden. Wie diese Integration jedoch vonstattengeht, kommt auch auf die Erfahrungen an, die die Mädchen in Ägypten gemacht haben.

Wie werden die Mädchen mit dem «Verlust» des Vaters umgehen?
Die Kinder verlieren nicht nur einen Vater, sondern ein ganzes Umfeld. Ich nehme an, sie wurden in Ägypten mehrheitlich von Frauen erzogen und geprägt. Somit lassen sie eine ganze, ihnen vertraute Welt hinter sich. Dieses Umfeld muss in der Schweiz nun neu aufgebaut werden.

*Philipp Ramming ist Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP).

(mm)