Splügen GR

15. Juni 2019 11:55; Akt: 15.06.2019 13:19 Print

«Unser Bus wurde von der Strömung mitgerissen»

von S. Ehrbar - Zwei deutsche Touristen schliefen in ihrem VW-Bus auf dem Parkplatz, als sie von den Wassermassen überrascht wurden. Die Geretteten sprechen von einem «ungeheuren Glück».

In Splügen GR berichteten die Anwohner von Überschwemmungen (Video: Leser-Reporter).
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Zwei deutsche Touristen, Philipp* und Jonas*, wurden letzte Woche von den Niederschlägen in Splügen GR überrascht. Die beiden nächtigten auf einem Bergbahnparkplatz in einem blauen VW-Bus, als sie am frühen Morgen aufgrund des Hochwassers in einer spektakulären Aktion gerettet werden mussten (20 Minuten berichtete). «Der Rand des Parkplatzes wurde von den Wassermassen mitgerissen – gemeinsam mit dem Fahrzeug», erklärt der Mediensprecher der Kantonspolizei Graubünden.

Philipp* und Jonas*, wie geht es euch im Moment?
Wir waren zuerst einmal sehr erleichtert, dass wir gerettet waren, gleichzeitig auch geschockt – die ganze Situation war irgendwie unwirklich und noch nicht ganz fassbar. Mit den Bildern und Berichten in der Presse wurde uns die Dramatik und Lebensgefahr und unser grosses Glück dann noch deutlicher vor Augen geführt. Wir sind zur Zeit im Kanton Aargau und sind dabei, das erlebte Schritt für Schritt zu verarbeiten und die Konsequenzen anzugehen.

Was habt ihr hier in der Schweiz unternommen?
Wir sind letzten Dienstag in die Schweiz eingereist und waren zu Kletterferien unterwegs zu einem Campingplatz ins Tessin.

Ihr habt dann euren VW-Bus auf den Bergbahnparkplatz in Splügen GR abgestellt. Wie kam es dazu?
Wir kamen mitten in der Nacht an. Auf der Durchreise ins Tessin kamen wir in ein Gewitter und entschieden uns daher, auf dem öffentlichen Parkplatz zu übernachten. Wir hatten den Bach bemerkt, vom Auto bis zum Bach waren es jedoch mehrere Meter. Nicht im Traum hätten wir daran gedacht, dass ein steigender Wasserspiegel den Parkplatz unterspülen und uns den Boden unter unseren Füssen wegreissen könnte...

Wie habt ihr reagiert, als ihr gemerkt habt, dass das Wasser kommt?
Ich habe im Schlaf eine Bewegung des Fahrzeugs wahrgenommen und bin dadurch aufgewacht. Das Gewitter hatte mich schon früher in der Nacht aus dem Schlaf gerissen. Ich richtete mich auf und schaute aus dem grossen Heckfenster des VW-Busses.

Zur linken Seite sah ich stark strömendes Gewässer und zur rechten Seite sah ich den Parkplatz, an dessen Kante wir standen. Ich war geschockt, dachte aber, wir hätten noch eine Chance, mit dem Bus schnell wegzufahren. Ich weckte meinen Cousin Philipp. Er sprang auf und wollte die Zündung des Wagens starten.

In diesem Moment passierte es: der Wagen rutschte rückwärts in den Fluss herein und wurde von der Strömung mitgerissen. Wir blickten uns an und wussten beide, dass die Situation soeben ernst geworden ist.

Der VW-Bus verfing sich nach einer halben Drehung im Gewässer an einem Stein – zum Glück. Allerdings war uns auch jetzt noch klar, dass wir alleine diese Situation nicht lösen konnten – wir brauchten Hilfe.

Wie ging es dann weiter?
Wir liessen sofort die Fenster herunter, um nicht im Fahrzeug gefangen zu sein und Philipp rief den Notruf an. Wir beide wussten nicht, wo genau wir in der Nacht zum Übernachten geparkt hatten. Der letzte Ortsname, der mir auf der Fahrt aufgefallen war, war «Sufers». Der Beamte des Notrufs fragte, ob wir aussteigen könnten. Wir entdeckten zwischen dem tobenden Gewässer eine Art kleine Kiesbank mit drei Felsbrocken, an der unser Auto hängengeblieben war.

Wir schnappten die auf dem Beifahrersitz liegenden Kletterhelme, die wir am Tag vorher noch für einen Klettersteig in Österreich genutzt hatten, und kletterten aus der Beifahrertür des Wagens. Die Gefahr war noch nicht gebannt, fühlte sich aber von nun an an wie beim Whitewater-Rafting, bei dem wir beide schon Erfahrungen mit stark reissenden Gewässern gemacht hatten. Wir versuchten, das Gewässer zu überqueren, aber schnell war klar, dass die Strömung viel zu stark war, um eine Chance auf eine sichere Überquerung haben zu können.


Was ging euch da durch den Kopf?
Da wir sehr unsicher waren, ob die alarmierte Hilfe uns irgendwie finden würde, berieten wir uns inmitten des Flusslärms, wie wir aus eigener Kraft zurück ans Flussufer kommen könnten. Philipp versuchte, durch das Werfen eines Steins die Fahrer des zweiten parkenden PKW’s auf uns aufmerksam zu machen, aber diese schienen noch zu schlafen.

Wir dachten an das Kletterseil, das in dem Kofferraum des VW-Busses lag. Dann entdeckten wir ein Auto auf der nicht weit entfernten Strasse, wir riefen nach Hilfe. Es fuhr vorbei. Kurz danach ein zweites Auto, zweiter Versuch. Es hielt an, parkte auf unserem Parkplatz und der Fahrer winkte uns zu. Wir waren ein wenig beruhigt, früher oder später würde Hilfe kommen!

Wart ihr erleichtert?
Ja, aber schnell wurde uns unser nächstes Problem klar: Die Kälte. Das eiskalte Wasser kühlte besonders unsere nackten Füsse schnell herunter. Auch das spritzende Wasser und die noch kühle Morgenluft machte vor allem Philipp, der nur im T-Shirt geschlafen hatte, zu schaffen. Wir setzten uns nah aneinander, um uns ein wenig gegenseitig zu wärmen und harrten aus. Bald hatte sich eine grosse Rettungsmannschaft auf der anderen Seite versammelt, die intensiv beriet, wie sie uns retten könnten. Währenddessen trugen die Fluten immer mehr von der ehemaligen Parkfläche ab und vergrösserten den Abstand von uns zum Ufer mehr und mehr. Das Rettungsteam spannte ein Seil und organisierte einen Kran, der zufällig in der Nähe war. So langsam wurden wir immer zuversichtlicher, dass wir relativ unversehrt davonkommen würden und einen Riesen-Glücksengel hatten!

Wie verlief die Rettungsaktion?
Nachdem wir rund eine Stunde auf den Steinen ausgeharrt hatten, begann die Rettungsaktion. Unsere beiden Lebensretter wurden an Gurten am Kran befestigt und zu uns herübergeschwenkt. Wie man im Bild sieht, ergriff ich das Bein eines Retters, um sie zu uns herüberzuziehen. Je ein Retter konnte uns dann sichern und wir konnten ans Ufer gezogen werden. Im Krankenwagen erhielten wir einen medizinischen Check. Unsere Unterkühlung wurde umgehend behandelt und wir wurden warm eingepackt - meine Körpertemperatur war auf 35 Grad und Philipps auf 33 Grad abgesunken.

Ansonsten sind wir mit einigen Schürfwunden und Philipp mit einer kleineren Fussverletzung und mit einem Schock davongekommen.

Was nehmt ihr aus dem Erlebnis mit?
Wir sind sehr dankbar und sehr beeindruckt, wie schnell und organisiert unsere Bergung vonstatten gegangen ist. Wir möchten dieses Interview vor allem nutzen, um allen Beteiligten ganz herzlich zu danken - dem Autofahrer, der uns entdeckte, den Ernst der Situation erfasste und Hilfe organisierte, dem Notfall-, Polizei- und Feuerwehrteam, das sehr professionell, kompetent und selbstlos unsere Rettung realisierte, der Baufirma und dem Kranführer, die ihren Kran zur Verfügung stellten, den aufmunternden Sanitätern, die unsere medizinische Versorgung sicherstellten.

Unser ganz grosser Dank gilt besonders den beiden mutigen und unerschrockenen Rettern, die uns vom Kran aus den Fluten gerettet haben. Der von Philipp geliebte und selbst umgebaute VW-Bus wurde nach unserer Rettung mit den Fluten mitgerissen und bis heute nicht wiedergefunden.

*Namen der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Einfach super am 15.06.2019 12:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hilfe zur rechten Zeit

    Glück im Unglück und die rechten Menschen zur richtigen Zeit vorort. Super und Danke!

  • Grosi am 15.06.2019 12:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Natur

    Die Schweizer Schutzengel waren wie ein Schweizer Uhrwerk pünktlich vor einer Katastrophe zur Stelle. Ich wünsche den beiden alles gute und das sie ihr nasses Abenteuer bald hinter sich lassen können. Die Natur ist vielmals stärker und unberechenbar. Da sind wir Menschen nur noch kleine Würmchen.

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  • Olermex am 15.06.2019 12:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie?

    Der Bus wurde bis heute nicht gefunden? Krass, wie ist das denn möglich?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Danke allen Beteiligten am 15.06.2019 22:19 Report Diesen Beitrag melden

    Schutzengel

    Hoffe, das der Schutzengel nach diesem Erfolg weiter seine Job mit Engagement ausübt.

  • Kareen am 15.06.2019 20:24 Report Diesen Beitrag melden

    Würde dort nie übernachten

    Kenne den PP wie kann man da nur übernachten? Sehr fraglich.

  • Luc H. am 15.06.2019 20:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fahrzeug finden

    Also dass das Fahrzeug nicht mehr gefunden wird, ist blabla. Ist ja normalerweise ein kleiner Bach und dann geht's weiter im Rhein... Einfach gucken Mann!

  • gärber am 15.06.2019 18:55 Report Diesen Beitrag melden

    Bei uns

    tut es wie verrückt, Donnern, Wasser en Masse. Mein Auto ist in der Garage und ich in der Wohnung. Alles paletti. Ich wollte es Euch nur Mitteilen. Damit ihr euch keine Sorgen um uns Berner macht.

    • Rosa am 15.06.2019 22:07 Report Diesen Beitrag melden

      Respektlos

      Das ist respektlos. Es war die Hölle los diese Woche in Splügen. Es ist ein Wunder, dass nicht mehr Schlimmes passiert ist.

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  • Theodor Tschoppli am 15.06.2019 18:49 Report Diesen Beitrag melden

    Haftung

    Ganz klar. Parkplatz wie Vieles in den Bergen zu nah am Fluss. Halt geldgier. Also Eigentümer vom Parkplatz verklagen. In den USA gäbe das 10 Mio. Hier wird der heimische SVP Richter den Deutschen 5000 Verfahrenskosten aufbrummen und Klage abweisen und dann mit den Eigentümern runde Golf spielen.