«Ich dachte, das sei ein Witz»

15. September 2014 07:49; Akt: 15.09.2014 09:15 Print

Das sind die Bunker-Studis der ETH Zürich

von Gabriel Brönnimann - Wohnungsnot und teure Preise: Seit zwei Jahren beherbergt die ETH Zürich Studenten auf Wohnungssuche vorübergehend in einer Zivilschutzanlage. 20 Minuten hat sie besucht.

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Internationale Truppe im Bunker tief unter der ETH für 10 Franken pro Nacht: Die Studenten vom Untergeschoss Y-2. Willkommen zu Hause: Die Tür in der Mitte ist der Eingang zur Studenten-WG für ausländische Studierende. Das Schlafzimmer der Männer: Bedroom Boys. Nur ETH-Studenten können das Angebot nutzen. Sauberkeit muss sein: Die Dusche der Männer. Das WC (Frauen und Männer gemischt). Die Dusche für Frauen befindet sich in der Küche. Derzeit ist nur eine Frau im Bunker. Die Küche wäre gross genug um über 100 Menschen zu bekochen. Niccolo (18), gebürtiger Florentiner aus Frankfurt, studiert Elektrotechnik und Informationstechnologie: «Als die mir vom Bunker erzählten, dachte ich erst, das sei ein Witz.» Zichao (24) aus dem Nordosten Chinas studiert Klimawissenschaften: «Die Leute sind sehr freundlich hier. Aber ich mag die Luft und das Kunstlicht nicht, und es hat keinen Handy-Empfang.» Isidro (22) aus Mexico City hat zwar eine Wohnung gefunden - doch die kann er erst am 1. Oktober beziehen. «Ich hätte nie gedacht, dass ich in einem Bunker enden würde», sagt er. Er meint aber auch: «Das ist gut hier, ich möchte der ETH danken.» Die zweite Glückliche: Yanan (24) aus der Provinz Henan. Sie hat Dank eines ETH-Angestellten nun bald eine Wohnung. «Ich wusste nicht, dass ich in einem Bunker landen würde. Aber es ist okay, ich habe nette Leute kennengelernt.» Sucht verzweifelt: Architekturstudent Zhang (23) aus der Provinz Shanxi. Er spricht perfekt Deutsch und meint lakonisch: «Eigentlich möchte ich nicht hier im Untergrund leben. In China hatte ich eine kleine Wohnung. Hier lebe ich in der Garage. Irgendwie interessant.» Michal (24) aus Tschechien sucht verzweifelt eine Wohnung. Der Student in «Quantitative Finance» sagt: «Wir suchen nun überall, gehen auch über unser Limit - aber ich habe das Gefühl, wir haben keine Chance, etwas zu finden.» Martin (23) aus der Slowakei studiert mit Michal. Am liebsten würden sie zusammen wohnen, aber im Notfall auch alleine - mittlerweile nimmt er alles. Er beschreibt die Wohnungssuche so: «Es kommen immer ganz viele Leute. Und wir sind keine Schweizer, haben keine Empfehlungsbriefe - keine Chance.» Auch schon lange auf der Suche: Alexander aus Düsseldorf (26, l.) und Mattia aus Milano (24, r.). Die beiden sind im Bunker Freunde geworden und suchen seither eine Wohnung oder WG - bisher ohne Erfolg. Alexander: «Es ist schwierig, etwas zu finden.» Niels (23) aus Hannover studiert Mathematik. Er ist sehr dankbar für das Bunker-Angebot. Aber die Wohnungssuche ist hart: Obwohl er überall sucht - bisher hatte er keinen Erfolg, obwohl er «überall, auch weit ausserhalb» sucht.

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Tief unter einem ETH-Gebäude am Hang oberhalb des Zürcher Hauptbahnhofs geht eine schwere Türe auf. Ein junger Mann blinzelt in die dunkle Tiefgarage. Hinter ihm leuchtet Neonlicht. Er heisst Niccolo, gebürtiger Italiener, aufgewachsen in Frankfurt. Am Montag beginnt sein Studium in Elektrotechnik und Informationstechnologie an der ETH.

Seit einigen Stunden haust der 18-Jährige hier in der Zivilschutzanlage mit derzeit neun anderen Studenten aus aller Welt. Sie alle wohnen hier, weil sie sonst nirgends etwas finden – es ist ein Angebot der ETH. Seit 2012 bietet die Hochschule den Luftschutzkeller jeweils im September bis am 3. Oktober an. Bis dann sollten alle Bewohner ein eigenes Zimmer gefunden haben. «Zuerst dachte ich an einen Witz, als die mir im Mai von der Möglichkeit, im Bunker zu übernachten, erzählt haben», sagt Niccolo, der in Zürich seinen Bachelor machen will. Er lacht, und erinnert sich: «Bei der ETH-Wohnungsvermittlung wussten die auch nichts davon – deshalb ging ich davon aus, dass es ein Scherz war.»

Doch nun ist auch er einer der Studenten vom Stockwerk Y-2. Seit einigen Tagen sucht er vor Ort. «Meine Ansprüche habe ich längst gesenkt, und mit dem Finanziellen ist es umgekehrt», sagt Niccolo. In Zahlen: «Ich kann mir nicht mehr als 600 bis 700 Franken pro Monat leisten. Aber für die ersten sechs Monate muss ich wohl 800 Franken hinblättern.» Gefunden hat er bisher trotzdem nichts. Er grinst und deutet auf die dicken Wände und Luftschutzvorrichtungen: «Immerhin sind wir hier sicher, wenn die Welt untergeht.»

Chinesen sind düpiert

Zhang sitzt – wie alle im mattgelb lackierten Aufenthaltsraum – vor seinem Laptop und browst Wohnungs-Seiten. Der 23-jährige Chinese kommt aus der Provinz Shanxi, und wird hier Architektur studieren. Er schaut sich um, lächelt, und sagt: «Eigentlich möchte ich nicht hier im Untergrund wohnen.» Wusste er denn nicht, dass ihn das erwartet? Zhang verneint. Er ist der Ansicht, eine gute Uni müsste den Studenten auch genügend Wohnungen anbieten können. Dann grinst er: «In China gibt es mehr Menschen, aber dort hatte ich eine kleine Wohnung. Hier lebe ich unter der Tiefgarage. Das ist interessant.» Gelächter.

Zichao (24) aus dem Nordosten Chinas – er wird am Institute for Atmospheric and Climate Science studieren – sagt: «Ich mag es hier wegen der netten Leute. Aber dieses Kunstlicht, die Luft, und nicht einmal Handyempfang – nicht gut.»

Käseluft, Schweizer Bier und Wohnungsnot

Michal (24) aus Tschechien und Martin (23) aus der Slowakei haben bereits zusammen in Prag studiert. Michal: «Wir suchen seit Anfang September. Eigentlich wollen wir gerne zusammen in eine WG.» Er zuckt mit den Schultern: «Aber bis jetzt haben wir kein Glück.» Martin erklärt das Problem: «Der Wettbewerb im Wohnungsmarkt hier ist brutal. Egal, wohin du gehst: Es hat immer mindestens zehn andere Leute. Manchmal bis zu 50. Ich habe das Gefühl, wir haben keine Chance.» Michal pflichtet bei: «Obwohl wir mehr ausgeben wollen.» Martin nickt: «Weit über unserem Limit.»

Die Luft riecht nach ungewaschenen Socken, abgestandenem Bier, Duschmittel und frischem Kaffee. Es ist kurz nach 12 Uhr Mittags, in der Küche setzt jemand Wasser für Pasta auf. Alexander (26) aus Düsseldorf und Mattia (24) durchsuchen gemeinsamt das Internet. Sie wollen, wenn irgendwie möglich, ebenfalls zusammen in eine WG ziehen.

«Das ist ein super Service»

«Es ist schon schwierig», sagt der Deutsche, «vor allem, wenn ich an meine 49-Quadratmeter-Wohnung in Düsseldorf für 420 Euro im Monat zurückdenke.» Er schätzt das Bunker-Angebot der ETH: «Das ist ein super Service, der mir erlaubt, für 10 Franken pro Nacht in aller Ruhe eine Wohnung zu finden.» Er vermisse bloss die Sonne – «Vitamin D gibt es hier wahrlich nicht genug», sagt Alexander. Mattia lächelt. «Das stimmt. Aber wir sind Freunde geworden, und für die Wohnungssuche ist das hier ideal – mitten im Zentrum und gleich beim Bahnhof.»

Isidro (22) aus Mexico City kann es kaum erwarten, auszuziehen – er ist neben Yanan (24) aus der Provinz Henan der einzige, der bereits fündig wurde. Während der einzigen Frau im Bunker eine Lehrperson bei der Suche half, hat der Architekturstudent in Zürich Seebach ein Zimmer gefunden. «Gute Leute hier unten – und ich bin glücklich, dass ich hier sein konnte während der Suche.»

Niels aus Hannover ist ebenfalls froh, hier im Bunker eine vorübergehende Bleibe gefunden zu haben. «Ich war in der Jugendherberge», sagt er. «Unglaublich teuer – und es hatte nicht einmal eine Küche». Niels sah seine Finanzen rasch dahinschmelzen – eine Wohnung fand er nicht. Er schaut er zur Decke, wo das Neonlicht leuchtet, und lächelt: «Aber ich bin zuversichtlich, dass ich noch was finde bis am 3. Oktober.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • D. Buchli am 15.09.2014 08:31 Report Diesen Beitrag melden

    Made in Switzerland

    Für Immigranten "nicht zumutbar" aber für ausländische Studenten reicht dieser Bunker?

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  • ironie am 15.09.2014 08:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    asyl

    aber Hauptsache die armen Asylbewerber müssen nicht in so unwürdigen Bunkern wohnen...

  • Natja am 15.09.2014 09:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja ok..

    Ist sicher nicht so spassig in einem Bunker zu hausen, aber wenn die erst seit anfang September suchen, dann erstaunt mich das nicht. Es ist halt schon auch sehr knapp, erst 2 Wochen vor Studienbeginn auf die Idee zu kommen, eine Bleibe zu suchen ^^

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Roman Bachmair am 16.09.2014 10:17 Report Diesen Beitrag melden

    Ist kein Weltuntergang

    Wie sagt man so schön, Herr Wermuth: Besser als nichts! Aber das ist ein Credo, welches man bei der SP nicht finden wird. Und ich pflichte da den Kommentatoren bei, welche dies auch mit der Militärzeit verbinden. Sechs Wochen allein habe ich nur schon in der RS in einem Bunker verbracht, wir haben es überlebt. Als wirklich echter, verfolgter Flüchtling wäre mir ein Bunker mehr als nur genehm. Und so finden wir relativ schnell heraus, wer die echten Flüchtlinge sind.

  • Pendler am 15.09.2014 19:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pendeln

    Mal ausserhalb der City schauen, da sieht es gleich ganz anders aus. ist noch keiner ab 20-30 min ÖV pendeln gestorben ;) Gruss von einem Pendler

  • Rico Pasta am 15.09.2014 19:39 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Propaganda!

    Das ist eine Wohnsituation die sich keiner Wünscht,aber in der Not,auch für Asylsuchende wie für Studenten,wo ist da der Unterschied in der Menschenwürde? Der Wohnungsmarkt zielt definitiv an den Mietbedürfnissen vorbei,auch für Schweizer!

  • Phil am 15.09.2014 16:23 Report Diesen Beitrag melden

    Die SP und der teure Wohnraum......

    Früher zu Grossvaters Zeiten, Lohn 600.- EFH 75'000.- (Baukosten inkl. Steuern und Gebühren) Land 5.-/m2. Heute Lohn 6'000.- EFH 750'000.- (Baukosten inkl. Steuern und Gebühren) Land (an gleicher Lage) 350-400.-/m2. Wobei zu Grossvaters Zeiten die Abgaben und Gebühren, sowie versteckten Steuern einen Bruchteil dessen ausgemacht haben was diese heute kosten. Was sind also die Hauptgründe für teuren Wohnraum? Landpreis und Staatliche Intervention. Wäre verdichtetes Bauen wirklich eine Option und die Steuern und Abgaben nicht derart Teuer, so hätten die Studis auch heute keine Wohnungsprobleme.

  • J. Meyer am 15.09.2014 16:18 Report Diesen Beitrag melden

    Schon Paradox

    Eine verkehrte Logik, die sich die Frage erlaubt, ob Studenten etwa noch eine Stufe tiefer stehen, als all die Flüchtlinge? Für solche sind Bunkerwohnungen menschenunwürdig u werden in teils moderne Wohnungen einquartiert, wo zuvor noch Mieter lebten, die hinauskomplimentiert wurden oder gar nicht erst die Chance erhielten, eine solche Whg. zu mieten. Studenten hingegen mutet man aber Bunker zu? Als Zwischenlösung sicher besser, als unter Brücken zu nächtigen, aber trotzdem keine feine Art, welche am Image der Schweiz kratzen dürfte. Verstehe einer diese Logik.