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05. April 2015 21:45; Akt: 05.04.2015 21:45 Print

Das sind die hässlichsten Schweizer Wappen

von R. Neumann - Wenn Gemeinden sich zusammenschliessen, kreieren sie ein neues Wappen. Das gelingt nicht immer wunschgemäss.

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Heraldiker Hans Rüegg: «Hier wurde offensichtlich versucht, ein Logo auf einen Schild zu adaptieren, um es als Wappen auszugeben.» «Was hier die Gemeinde gewählt hat, ist niemals ein Wappen! Es hat zwar die Form eines Wappenschildes, ist aber nichts anderes als ein Logo ohne jeden Bezug zur Heraldik.» «Einmal mehr ist im Tessin ein neues Gemeindewappen geschaffen worden, das jeden Heraldiker in Entsetzen versetzt.» «Das von der Gemeinde geführte Wappen hat mit Heraldik nichts zu tun. Es ist eine topografische Darstellung des Flusses Brenno, der die Gemeinde durchfliesst.» «Das neue Wappen präsentiert sich denkbar schlecht. Die drei Motive konkurrenzieren sich gegenseitig und verlieren dadurch ganz massiv an Aussagestärke.» «Als Logo könnte diese Darstellung akzeptiert werden, keineswegs aber als Wappen! Da ist einmal der Verstoss gegen die heraldische Farbregel, denn ein blaues Motiv auf grünem Grund ist auf Distanz kaum mehr zu unterscheiden.» «Der massive Farbregelverstoss des schwarzen Baumstumpfes im blauen Feld springt sofort ins Auge.» «Der Mont Noble wird als bekanntes Skigebiet auch im Gemeindewappen werbewirksam vermarktet. Ein Berg in natürlicher oder abstrahierter, aber immer noch erkennbarer Darstellung gilt seit jeher als unheraldisch.» «Heraldisch werden Wasserfälle als weisse, gewellte Pfähle dargestellt, denn ein Wasserfall erscheint nie blau. Was im Luchsinger Wappen dargestellt ist, ist eine unter einem grösseren Druck hervorschiessende, beachtliche Wassermasse.» Dieses Wappen erhielt die Wertung «sehr gut»: «Der von der neuen Gemeinde gewählte Name Sauge bedeutet übersetzt Salbei. Dementsprechend wurde ein redendes Wappen mit drei Salbeiblättern gewählt. Der rote Schild mit dem gelben Schrägbalken zeigt auffallend die Zugehörigkeit und Verbundenheit zum Kanton Bern.»

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Gemeindefusionen gab es in den letzten Jahren einige: Höfen, Nieder- und Oberstocken wurden zum Beispiel zur Gemeinde Stocken-Höfen. Oder die Gemeinden La Heutte und Péry schlossen sich zu Péry-La Heutte zusammen. Das gab Arbeit für die Grafiker: Ein neues Wappen musste her – eines, auf dem möglichst alle Bezüge zu den alten Gemeinden zu sehen sind.

Doch nicht alle Gemeinden sind sich bewusst, dass es für Wappen eigentlich strenge Regeln gibt. Mit diesen Regeln befasst sich Heraldiker Hans Rüegg (70) seit 40 Jahren. Er ist entsetzt, wenn er zusehen muss, wie einige Gemeinden ihre Wappen verhunzen. «Da gibt es teilweise Schülerwettbewerbe, damit die ein Wappen zeichnen und dann wird darüber abgestimmt!» Jedem Heraldiker laufe es da kalt den Rücken runter.

Strenges Bewertungssystem

Für die Stiftung «Schweizer Wappen und Fahnen» hat er alle Wappen von neu fusionierten Gemeinden unter die Lupe genommen und bewertet. Dabei ging Rüegg nach einem strengen Bewertungssystem vor: Punkte gab es etwa, wenn nur zwei Farben verwendet wurden oder ein neues Motiv geschaffen wurde. Abzüge hingegen, wenn heraldische Farbregeln verletzt wurden oder er wenn er andere gestalterische Mängel bemerkte. Die Resultate veröffentlicht er laufend auf der Homepage der Stiftung und gab zusätzlich noch ein Buch heraus. Die erste Ausgabe der Fusionen umfasst die neuen Wappen der Kantone Aargau, Bern, Freiburg und Glarus. Die weiteren Kantone folgen in späteren Ausgaben.

16,2 Prozent der Wappen, 27 Stück, erreichten die Bewertung «Sehr gut», doch 13 Wappen erhielten das Prädikat «miserabel». Zum Beispiel Serravalle TI oder Monte Ceneri TI. Rüegg schreibt zu diesem Wappen fast verzweifelt: «Es lässt sich in der Fachsprache mit den üblichen Begriffen kaum beschreiben. Es ist sehr bedauerlich, dass in den letzten Jahren mehrere schlechte Wappen geschaffen wurden.»

Tessiner oft mit negativen Beispielen

Ein Kriterium für ein gelungenes Wappen ist die Möglichkeit der sogenannten Blasonierung, also die Beschreibung des Wappens in wenigen Worten – damit Heraldiker das Wappen zeichnen könnten, ohne es zu sehen. Ein gutes Beispiel der Gemeinde Sauges: «In Rot gelber Schrägbalken, belegt mit drei grünen Salbeiblättern.» Bei einigen Wappen musste Rüegg in dieser Hinsicht die Segel streichen – eine Blasonierung war schlicht nicht möglich.

Auffallend: Mehrere dieser Wappen mit schlechter Bewertung stammen aus dem Kanton Tessin. Oder wie es Rüegg in seinem Kommentar zum Wappen schreibt: «Einmal mehr ist im Tessin ein neues Gemeindewappen geschaffen worden, welches jeden Heraldiker in Entsetzen versetzt.» Doch davon lässt sich Rüegg nicht entmutigen: Er bleibt Heraldiker aus Leidenschaft. Und sagt lachend: «So lange es noch geht.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • DZ aus U am 05.04.2015 22:06 Report Diesen Beitrag melden

    Intresting

    Interessanter Beitrag. Wenn schon Wert auf ein neues Wappen gelegt wird, sollten schon gewisse Regeln eigehalten werden. Eine Auf listung der wichtigsten Regeln wäre ein interessanter Anhang gewesen.

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  • Jester am 05.04.2015 22:06 Report Diesen Beitrag melden

    komisch

    "Darum haben wir beschlossen, die Einwände zu ignorieren und halt mit einem hässlichen Wappen zu leben." Sagt auch viel über über sie aus.

  • Mark am 05.04.2015 22:15 Report Diesen Beitrag melden

    Sagt sehr viel über Gemeindefusionen aus

    Ein Wappen zeigt immer auch die Einigkeit einer Gemeinschaft aus. Wenn Gemeinden sich jedoch nur aus Gründen der Kostenersparnis bei der Verwaltung zusammenschliessen, ist es nur folgerichtig, wenn man auch bei der Gestaltung des neuen Wappens spart. Man könnte gerade so gut auf ein Wappen verzichten.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • So Schön am 08.04.2015 12:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So schön

    Das schönste ist und bleibt das Walliser Wappen.

  • eifdemitsmolgseitwird am 06.04.2015 23:05 Report Diesen Beitrag melden

    Wo ist Eschenbach SG?!

    Die haben eindeutig das neue Wappen der Gemeinde Eschenbach SG vergessen.... !! Aus den schönen Gemeindewappen von Goldingen, St. Gallen Kappel und Eschenbach wurde eine grauenhafte Mischung!! Einfach nur schade, einfach nur traurig.. Nicht der einzige Grund gegen die Fusion!

  • Tek Berhe am 06.04.2015 22:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heraldik

    Ein wichtiges Merkmal von heraldisch korrekten Wappen ist die präzise Beschreibung. Z.B. (Wikipedia) Das Wappen der Stadt St. Gallen: Es zeigt einen aufrecht stehenden, männlichen Bären mit einem goldenen Halsband.

    • Tek Berhe am 06.04.2015 22:49 Report Diesen Beitrag melden

      Familienwappen

      Habe zur späten Stunde noch meine Bibliothek durchwühlt und das Heftlein von Ernst W. Alther "Heraldik auf der Stube" herausgesucht. Er schreibt: jedermann hat das Recht ein Wappen zu führen. Wenn noch keines vorhanden greift man auf die Farbein seiner Bürgergemeinde oder Landes zurück. Das Schildbild richtet sich dabei oft nach beruflicher Tätigkeit seiner Vorfahren oder nach seiner Herkunft... Also ans Werk: Wie sieht Dein Wappen aus?

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  • Reto Hadorn am 06.04.2015 22:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Beispiele von Gemeindefahnen

    Es gibt auch viele schöne und gelungene Gemeindewappen toll wenn diese Fahnen einen Bezug zur Geschichte oder den Gegebenheiten der Gemeinde aufweisen. Gelungene und auch weniger gute Beispiele findet ihr unter unter der Rubrik Gemeindefahnen.

  • Damals Sprayer, heute Abteilungsleiter am 06.04.2015 20:42 Report Diesen Beitrag melden

    FCKW

    Wir haben Wappen auf Wänden immer in der Nacht verschönert ;) Das waren noch Zeiten.