Widersprüche nach Horror-Crash

17. September 2015 12:35; Akt: 17.09.2015 13:52 Print

Das sind die offenen Fragen im Fall Müller

von Qendresa Llugiqi - Nach dem Unfall von Philipp Müller gibt es viele Ungereimtheiten. Ein Überblick über die offenen Fragen zum Fall.

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Lenzburg, 17.15 Uhr: FDP-Präsident Philipp Müller ist letzten Donnerstag mit seinem Mercedes S 63 AMG Coupé unterwegs. Auf einer geraden Strecke auf der Seonstrasse, Höhe Schwimmbad, gerät er aus noch ungeklärten Gründen über die Strassenmitte. Es kommt zu einem Horror-Crash mit einer 17-jährigen Töff-Fahrerin. Die junge Frau kommt zu Fall und zieht sich dabei schwere Verletzungen zu – er selbst bleibt unverletzt.

Seither hat Müller zwar mehrmals Stellung genommen. Doch viele Fragen bleiben offen, und gewisse Informationen sind widersprüchlich.

Die Erinnerungslücke

Müller sagte, dass er den Unfall als weit entfernten Knall wahrgenommen und keine Erinnerungen habe. Dennoch weiss er, dass er nicht am Handy war. Zudem gibt er an, dass er sich fit und ausgeruht gefühlt habe und nicht betrunken gewesen sei.

Letzteres bestätigt der negative Alkoholtest. Müller sagte der «Aargauer Zeitung» , dass die Vermutungen von Fachleuten in Richtung eines Sekundenschlafs gehen. Er kündigte an, sich von einem Arzt untersuchen zu lassen.

Die mögliche Rolle des Handys

Philipp Müller hat den Unfall mit seinem Mercedes S 63 Coupé AMG verursacht. Er sagte, er sei nicht am Handy gewesen. Doch: In diesem Auto muss keiner sein Handy in der Hand halten.

Mercedes wirbt damit, dass per Bluetooth-Schnittstelle vieles gesteuert werden kann. Ausserdem besteht die Möglichkeit, auch SMS im Head Unit anzuzeigen. Ob das Handy vor dem Unfall benutzt wurde, wird die Polizei überprüfen: Sie hat es beschlagnahmt.

Das Hochsicherheitsauto

Gemäss Mercedes-Experten hat es in der Grundausstattung zumindest einen Attention Assist sowie einen Collision Prevention Assist drin. Zusätzlich kann man weitere Features gegen einen Aufpreis einbauen lassen.

Grundsätzlich sind die beiden Systeme auf unterschiedliche Gefahrenquellen ausgelegt: Der Attention Assist soll den Fahrer darauf aufmerksam machen, dass er müde oder unaufmerksam ist. Der Collision Prevention Assist soll die Gefahr eines Auffahrunfalls verringern.

Auch soll das Auto von Müller laut «Le Matin» getunt gewesen sein. Gemäss der «Aargauer Zeitung» haben sowohl Müller als auch sein Kundenberater Leo Wieland, der Verkaufsleiter bei der Mercedes-Garage Schmid in Unterentfelden, angegeben, dass das Auto nicht aufgemotzt worden sei. Es sei ohne irgendwelche Veränderungen ab Werk geliefert worden, so Wieland. Doch: Je nachdem, wie man das Wort «tunen» gebraucht, ist Müllers Auto getunt oder nicht. Denn: Laut Experten kann bei diesem Auto die Leistungssperre deaktiviert werden, wodurch das Auto noch leistungsfähiger wird.

Die Kamera in der Windschutzscheibe

Müller selbst gab gegenüber der «Aargauer Zeitung» an, er habe eine Dashcam in seinem Auto installiert. Diese filme alles, was vor dem Auto passiert und müsse somit den Unfall aufgezeichnet haben. Gemäss Martin Killias, Strafrechtsprofessor an der Universität St. Gallen, sind vor Gericht alle tauglichen Beweismittel zulässig, die nicht auf illegale Weise entstanden sind oder beschafft wurden.

Killias ist der Ansicht, der zuständige Staatsanwalt oder Richter dürfe das Videomaterial aus Müllers Dashcam beiziehen. «Zweifellos sind die Aufnahmen für die Klärung der Unfallursache relevant, und solange keine Persönlichkeitsrechte von Dritten oder andere sensible Daten betroffen sind, sehe ich keinen Grund, weshalb man nicht darauf zurückgreifen sollte», sagt Killias zur «Aargauer Zeitung».

Das Problem bei der Dashcam ist jedoch, dass sie lediglich ein eingeschränktes Sichtfeld und sonst keinerlei Daten liefert, um den Unfall zu rekonstruieren.

Die «verlorenen» Autoschilder

Gemäss «Blick» waren die Autoschilder von Müllers Mercedes bereits entfernt, als der Staatsanwalt eintraf. «Es gibt von der Staatsanwaltschaft keine Weisung oder Praxis, was die Abnahme von Nummernschildern nach Verkehrsunfällen anbelangt», sagte Sprecherin Fiona Strebel zum «Blick» und bestätigte: «Im konkreten Fall waren die Schilder beim Eintreffen der Staatsanwaltschaft am Unfallort bereits entfernt.»

Von wem die Schilder entfernt wurden, ist unklar. Sollte es aber Müller gewesen sein, stellt sich die Frage, wieso er das tat. Wollte er verhindern, dass bekannt wird, dass das Unfallauto ihm gehört?

Der Kommunikations-Dschungel

Obwohl der FDP-Sprecher am Sonntag gegenüber 20 Minuten angab, dass Philipp Müller sich nicht äussern werde, tat der Betreffende es doch. Auffällig ist jedoch, dass er immer nur dann kommuniziert, wenn weitere Informationen oder Aussagen zum Fall bekannt werden. Dieses widersprüchliche Verhalten haben auch Kommunikationsexperten registriert. «Philipp Müller fiel mir schon vorher bei einer Präsentation in Schaffhausen auf; er spricht schneller, als er denkt», sagt Marcus Knill. «In diesem Fall zeigt sich: Je mehr Informationen Müller herausgibt, desto widersprüchlicher werden seine Aussagen und er verheddert sich.»

Er wisse nicht, ob Müller schlecht beraten sei oder gar keine Beratung in Anspruch genommen habe. Doch: «Eine Krise bewältigen heisst, auch die Chancen zu nutzen», so Knill. «Herr Müller hätte sich überlegen müssen, wie und was er kommunizieren will. Denn in einer Krisensituation sind widersprüchliche Aussagen Gift.» Transparent kommunizieren heisse, eindeutige Aussagen zu machen.

Laut Knill besteht immer mehr die Gefahr, dass die verschiedenen Neuigkeiten zum Unfall sowohl Müllers Person als auch der Partei schaden könnten: «Das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit sinken mit jedem neuen Widerspruch.»