Tod vor laufender Kamera

14. November 2019 16:33; Akt: 14.11.2019 18:17 Print

Das spricht für und gegen die SRF-Sterbeszene

Heute Abend zeigt das SRF in der Sendung «Mona mittendrin», wie ein Mann vor laufender Kamera stirbt. Ein Medienethiker sagt, es reiche nicht, den Sterbenden zu verpixeln.

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In der SRF-Sendung «Mona mittendrin», die heute Abend um 21.05 Uhr ausgestrahlt wird, muss Moderatorin Mona Vetsch zusehen, wie ein Mann vor ihren Augen und vor laufender Kamera stirbt. Für die Sendung hat Vetsch die Basler Berufsfeuerwehr während 24 Stunden bei ihrer Arbeit begleitet. Dabei kam es zum Einsatz in der Toilette eines Supermarkts, bei dem die Feuerwehrleute einem Mann auch nach minutenlanger Reanimation nicht mehr helfen konnten. Er verstarb vor laufender Kamera. Und genau diese Szene wird am Donnerstagabend live im Fernsehen gezeigt.

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Sollte SRF die Szenen vom Todesfall ausstrahlen?

Das polarisiert, selbst wenn sich SRF mittlerweile dazu entschieden hat, die Szene grosszügig zu pixeln. «Der Verstorbene ist in der Sendung selbstverständlich anonymisiert und nicht erkennbar», sagt der Produzent der Sendung, Markus Storrer, auf Anfrage.

Lesermeinungen sind gespalten

Auch bei den 20-Minuten-Lesern sorgt die geplante Sendung für viel Diskussionsstoff. Ein Leser findet es «pietäts- und respektlos gegenüber den Angehörigen», dass die entsprechende Szene ausgestrahlt werde. Leserin Cinderella schreibt: «Ich habe selbst einen tödlichen Autounfall miterlebt und konnte danach über eine Woche nicht mehr schlafen. Nein, solche Szenen sollte man nicht ausstrahlen, auch wenn es zum Leben gehört. Denkt doch auch mal an die Hinterbliebenen.»

Doch das SRF stösst auch auf viel Zustimmung. In der nicht repräsentativen Umfrage von 20 Minuten gibt ein Drittel der Leser an, die Szenen sollten ausgestrahlt werden. Weitere 21 Prozent befürworten die Ausstrahlung bei ausreichender Anonymisierung. «Wenn etwas pietätlos ist, dann sind das die Kommentare hier. Tod, sterben, Leid: noch immer ein grosses Tabu in vielen Köpfen. Es geht hier um Realität, um das echte Leben. Manche schauen lieber weg und meinen, dass der Tod sie nichts angehe», schreibt etwa Leserin Daniela. Ein weiterer Leser pflichtet ihr bei. So sei es die tragische Realität, dass Todesfälle geschehen würden. «Dass man diese Szenen sendet, kann kontrovers diskutiert werden, doch das Ergebnis ist keinesfalls reisserisch, sondern einfach die Realität.»

«Verpixelung reicht nicht aus»

Dominique Strebel, Studienleiter und Medienethik-Dozent am MAZ, sagt, die im Nachhinein vorgenommene Verpixelung des Sterbenden sei aus persönlichkeitsrechtlicher Sicht sehr wichtig, löse aber nicht alle ethischen Fragen, die die Szene aufwerfe: «Einerseits muss der Schutz der Angehörigen gewährleistet werden. Dazu gehört, ihnen keine Details über Umstände des Todes des betroffenen Mannes vor Augen zu führen.»

Auch müsse an die Betrachter der Sendung gedacht werden, so Strebel. Diese dürften nicht durch Szenen überrascht werden, die sie eigentlich gar nicht sehen wollten. «Dem könnte man zum Beispiel mit einem Disclaimer, der vor den Bildern warnt, vorbeugen. Auf jeden Fall sollte die Empfindlichkeit der Betrachter geschützt werden.» Schliesslich spreche der sogenannte Abstumpfungsmechanismus gegen die Ausstrahlung der Szene. Dafür können hingegen laut Strebel allfällige öffentliche Interessen sprechen. Hier werde etwa der teils heftige Alltag der Feuerwehrleute mit der Szene dargestellt und der Tod werde enttabuisiert.

«Ein kurzer Einblender des Mannes würde reichen»

Nun gelte es abzuwägen zwischen den beiden Seiten und eine verhältismässige Lösung zu finden – also nur so viel Schaden zuzufügen, wie im öffentlichen Ineresse unbedingt nötig sei.«Im Sinne des öffentlichen Interesses und unter Berücksichtigung der Totenruhe sowie dem Schutz der Angehörigen und Beobachter sollte SRF den am Boden liegenden Mann nur ganz kurz und nicht erkennbar einblenden», sagt Strebel.

Wie emotional der Alltag der Feuerwehrleute sein könne, könne mit der Reaktion von Mona Vetsch und den Gesprächen mit den Feuerwehrleuten gut wiedergegeben werden. Strebel begründet dies damit, dass das öffentliche Interesse an der Szene gering sei: «Die Sendung ist rein dokumentarisch, es werden keine Missstände aufgezeigt, die zum Handeln bewegen sollen. Es geht nicht etwa darum, mit den Bildern die Öffentlichkeit aufzurütteln, sondern einzig darum, den Alltag der Feuerwehrleute zu zeigen.»

«Zum Alltag der Feuerwehrleute gehören tragische Fälle»

Ursina Wey, Geschäftsführerin des Schweizer Presserats, begrüsst die Verpixelung der Szene. «Bei Bildern von sterbenden oder toten Menschen ist besonders sorgfältig abzuwägen zwischen dem öffentlichen Interesse an der Publikation der Bilder und der Gefahr, die Privat- beziehungsweise Intimsphäre der abgebildeten Person und die Sensibilität der Betrachter zu verletzen.» Auch auf die Gefühle der Angehörigen sei speziell Rücksicht zu nehmen und es gelte das Recht des Abgebildeten auf Totenruhe zu respektieren.

SRF-Produzent Storrer erklärt die Ausstrahlung schliesslich wie folgt: «Wir begleiteten die Berufsfeuerwehr Basel bei ihrem Alltag. Dazu gehören leider auch tragische Fälle. Feuerwehrleute sind mit solchen Ereignissen immer wieder konfrontiert. In der Sendung wird ausführlich thematisiert, wie sie mit solchen Erlebnissen umgehen und sie verarbeiten. Dies zu thematisieren, erscheint uns wichtig.»

(jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • nia am 14.11.2019 12:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wollen das die Angehörigen

    Nirgendwo ist zu lesen ob die Familie des Verstorbenen gefragt wurde ob sie mit der Ausstrahlung einverstanden sei. Das wirft bei mir Fragen auf.

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  • Young am 14.11.2019 13:15 Report Diesen Beitrag melden

    Ganz einfach

    Es geht nicht um den Verstorbenen. Es geht um die Hinterbliebenen. Wenn die einverstanden sind, dann ist es ok. Wenn nicht, dann sollte es nicht gezeigt werden.

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  • Rettungskraft am 14.11.2019 13:30 Report Diesen Beitrag melden

    Kann man zeigen, denn

    Die Sendung beschreibt nun mal den Berufsalltag von uns Rettungskräften. In diversen deutschen Reportagen über Rettungsdienste etc. werden solche Szenen auch gezeigt - natürlich immer unkenntlich. Es geht hier schliesslich nicht um irgend ein Gaffer Video sondern um eine professionelle Reportage.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Stöffel der Echte am 14.11.2019 20:47 Report Diesen Beitrag melden

    Es passt zur Tabuisierung des Todes...

    ...dass jetzt alle schreien, die Szene dürfe nicht gezeigt werden. Wenn man aber eine authentische Doku über die Rettungskräfte machen und ausstrahlen will, gehört genau eine solche, alltäglich Szene in den Bericht. Man kann ja den Zuschauer vor der Szene darauf aufmerksam machen, womit jede Person für sich entscheiden kann ob er hinschauen oder wegschauen soll. Im übrigen, scheint es sich ja um einen "natürlichen" Tod zu handeln und nicht um einen durch Unfall entstellten Körper. Das würde ich auch nicht gut heissen.

  • Kali am 14.11.2019 19:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Privatsphäre

    Natürlich gehört das Sterben zum Leben. Aber gleichzeitig ist Sterben auch etwas sehr Privates und sollte nicht für alle zugänglich sein. Das kann jeder bezeugen, der schon einmal Leute während dem Sterbeprozess begleitet hat.

  • Hitshe07 am 14.11.2019 19:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Man sollte es Zeigen

    Ich bin dafür das diese Szenen ausgestrahlt werden. Nur schon deshalb weil man in der letzten Zeit vermehrt von tätlichen Angriffen gegenüber Rettungsorganisationen liesst. Ich finde es sollter der Öffentlichkeit wiedereinmal gezeigt werden das dies Personen keinen leichten Job haben und wir Ihnen dankbar sein sollten was Sie für uns alles auf sich nehmen.

  • realist am 14.11.2019 19:42 Report Diesen Beitrag melden

    Was heisst Sterbenden ...

    Ich meine er war bereits tot als sie mit der Reanimation begannen. Oder irre ich? Also sollte es kein Problem sein...

  • Peter am 14.11.2019 19:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Würdelos

    Hat der Tote die Erlaubnis erteilt, das man ihn im Fernsehen zeigen darf? Wo bleibt sein Recht am eigenen Bild?