Gewalt gegen Spitalpersonal

03. Februar 2017 16:40; Akt: 03.02.2017 16:40 Print

Dauerts länger, ticken Notfall-Patienten aus

Mitarbeiter in der Notaufnahme werden immer häufiger Opfer von Gewalt. Laut Betroffenen ist oft Ungeduld der Grund für die Aggressionen.

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Gewalt gegen Ärzte und Pflegefachpersonen in den Notfallzentren Schweizer Spitäler nimmt zu. Eine Studie im Berner Inselspitals zeigt, dass im letzten Jahr die Securitas fast doppelt so häufig wegen aggressiven Patienten eingreifen musste. Bild: Screenshot «10vor10»/Inselspital Auch das Universitätsspital Zürich verzeichnete in den letzten Jahren mehr Fälle von Aggression, sagt Sprecherin Martina Pletscher. Zu den Gründen für aggressives Verhalten zählt laut Pletscher neben Alkohol- und Drogeneinfluss die Erwartung, in der Notfallstation auch bei leichten Fällen rund um die Uhr sofort behandelt zu werden. Das bestätigt Helena Zaugg, Präsidentin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachleute. «Die Hemmschwelle zur Gewalt ist gesunken und die Patienten üben sich nicht mehr alle in Geduld», sagt Zaugg. Gemäss Thomas Richter, Geschäftsführer des Schweizerischen Instituts für Gewaltprävention, führt unter anderem die Ungeduld in vielen Lebensbereichen vermehrt zu Gewalt: «Viele Menschen sind sich aufgrund der Erziehung und im Alltag nicht mehr gewohnt, zu warten.» Eine angespannte Situation des Ausharrens, wie in der Notfallaufnahme im Spital , ist darum für viele Leute mangels Training eine Überforderung. «Die meisten Menschen leben heutzutage ständig weit über ihrem Stresslimit. In herausfordernden Situationen brennt dadurch früher die Sicherung durch», sagt Richter. Die Pflegenden seien sich der Stresssituation der Patienten in der Notfallaufnahme bewusst, so Zaugg. Es sei deshalb wichtig, dass die Spitäler regelmässig Kurse für deeskalierende Kommunikation für ihre Mitarbeiter anbieten. Selbstverteidigungskurse, wie sie das Inselspital für seine Mitarbeiter organisiert, seien laut Zaugg zwar hilfreich, um das Selbstvertrauen des Pflegefachpersonals zu stärken, könnten aber auch dazu führen, dass sich dieses in falscher Sicherheit wiege. Bild: Screenshot «10vor10» Laut der Studie werden im Berner Inselspital heute nur etwa 20 Prozent der Angriffe angezeigt. Laut Sprecherin Susanne Bandi ist die Hemmschwelle, sich entsprechend zu exponieren, für viele Mitarbeitende, insbesondere für Frauen, zu gross. Gemäss Zaugg ist eine Anzeige für die betroffenen Pflegefachpersonen oftmals ein zu grosses Risiko. «Wir sind mit Name und Funktion angeschrieben. Der Täter weiss dann sofort, wer ihn angezeigt hat.» Oft würden die Angestellten während der Übergriffe auch massiv verbal bedroht. «Es ist aber auch so, dass manche Patienten sich am nächsten Morgen für ihre Tat schämen, wenn sie wieder bei klarem Verstand sind, und eine Entschuldigung aussprechen», sagt Zaugg. Dann zeigten die Pflegefachpersonen oftmals Verständnis.

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Gewalt gegen Ärzte und Pflegefachpersonen in den Notfallzentren Schweizer Spitäler nimmt zu. Eine Studie im Berner Inselspital zeigt, dass im letzten Jahr die Securitas fast doppelt so häufig wegen aggressiven Patienten eingreifen musste. Auch das Universitätsspital Zürich verzeichnete in den letzten Jahren mehr Fälle von Aggression, sagt Sprecherin Martina Pletscher.

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Insgesamt 2219 Teilnehmer

Zu den Gründen für aggressives Verhalten zählt laut Pletscher neben Alkohol- und Drogeneinfluss die Erwartung, in der Notfallstation auch bei leichten Fällen rund um die Uhr sofort behandelt zu werden. Dies bestätigt Helena Zaugg, Präsidentin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachleute: «Die Hemmschwelle zur Gewalt ist gesunken und die Patienten üben sich nicht mehr alle in Geduld.»

Stress senkt Impulskontrolle

Gemäss Thomas Richter, Geschäftsführer des Schweizerischen Instituts für Gewaltprävention, führt unter anderem die Ungeduld in vielen Lebensbereichen vermehrt zu Gewalt: «Viele Menschen sind es sich aufgrund der Erziehung und im Alltag nicht mehr gewohnt, zu warten. Diese Fähigkeit entfernt sich immer mehr aus unserer Kultur.»

Eine angespannte Situation des Ausharrens, wie sie in der Notfallaufnahme im Spital vorherrscht, ist darum für viele Leute eine Überforderung. «Die meisten Menschen leben heutzutage ständig weit über ihrem Stresslimit.» Der Körper sei laufend im Alarmzustand, was die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung reduziere. «In herausfordernden Situationen brennt dadurch früher die Sicherung durch», sagt Richter.

Risiko gehört zum Beruf

Die Pflegenden seien sich der Stresssituation der Patienten in der Notfallaufnahme bewusst, so Zaugg. Es sei deshalb wichtig, dass die Spitäler regelmässig Kurse für deeskalierende Kommunikation für ihre Mitarbeiter anbieten. «So lernt man, den Kontakt mit den Patienten so anzugehen, dass die Situation nicht bedrohlich wirkt.»

Selbstverteidigungskurse, wie sie das Inselspital für seine Mitarbeiter organisiert, seien laut Zaugg zwar hilfreich, um das Selbstvertrauen des Pflegefachpersonals zu stärken, könnten aber auch dazu führen, dass sich dieses in falscher Sicherheit wiege. «Die Pflegenden können nicht alle Situationen allein in den Griff bekommen. Deshalb ist es uns ein Anliegen, dass die Spitäler mit ausreichend Sicherheitspersonal ausgestattet sind.» Ein gewisses Restrisiko gehöre aber schlichtweg zum Berufsprofil.

Angst vor Anzeigen

Laut der Studie werden im Berner Inselspital heute nur etwa 20 Prozent der Angriffe angezeigt. Laut Sprecherin Susanne Bandi ist die Hemmschwelle, sich entsprechend zu exponieren, für viele Mitarbeitende, insbesondere für Frauen, zu gross. Der Arbeitgeber könne die Verzeigung nicht an ihrer Stelle durchführen.

Gemäss Zaugg ist eine Anzeige für die betroffenen Pflegefachpersonen oftmals ein zu grosses Risiko. «Wir sind mit Name und Funktion angeschrieben. Der Täter weiss dann sofort, wer ihn angezeigt hat.» Oft würden die Angestellten während der Übergriffe auch massiv verbal bedroht. «Es ist aber auch so, dass manche Patienten sich am nächsten Morgen für ihre Tat schämen, wenn sie wieder bei klarem Verstand sind, und eine Entschuldigung aussprechen.» Dann zeigten die Pflegefachpersonen oftmals Verständnis.

(lz)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Marisa am 03.02.2017 16:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Notfälle?

    Aha. Nun, ein echter Notfall wäre kaum in der Lage, auszuflippen. Soviel zu "Notfällen", die unsere Krankenkassen belasten.

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  • kraut am 03.02.2017 16:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hohe krankenkassenprämien

    ich finde es auch nicht normal, das man bei jeglicher bagatelle den notfall aufsuchen darf! das sollte underbunden werden! nur schon angesichts der viel zu hohen krankenkassenleistungen

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  • Sämi am 03.02.2017 16:52 Report Diesen Beitrag melden

    Abschaffen

    Jede nicht lebensbedrohliche Situation ist kein Notfall.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Angel in blue Jeans am 04.02.2017 13:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    7 Std. im Notfall mit Unfall

    Ich war mit mehrfachen Knochenrissen gerade mal 7 Std. im Notfall.. nach 3 Std.wollten sie mich Heim lassen. Ein anderer Arzt kam und meinte Nein. Dann war der Gips falsch und man musste ihn nochmals machen. Um 22h war ich endlich "befreit" bin Notfall

  • Denkpause am 04.02.2017 08:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zum Schutz ...

    ... des Personals in den Spitälern, deren Aufgabe es ist, Kranken und Verletzten zu helfen, sollten "Patienten", die für dieses Personal eine Gefahr darstellen, abgewiesen werden dürfen. Solchen Rüppel darf nicht zu viel Recht zugesprochen werden.

    • Xeno72 am 04.02.2017 15:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Denkpause

      Geht nicht (Behandlungspflicht).

    • Denkpause am 04.02.2017 21:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Xeno72

      eben leider ....

    • Denkpause am 05.02.2017 08:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Xeno72

      Eine Pflicht zu Respekt vor dem Personal gibt es leider nicht. Die Üblen haben offenbar mehr Rechte und weniger Pflichten.

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  • Sii, Äxgüsi am 04.02.2017 08:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Moment mal 

    Die Ungeduld wird Generell immer grösser. Wir sind ja auch in permanentem Wettbewerb ohne Start und Ziel! Die Solidarität und andere fürs Zusammenleben wichtige Sachen werden geopfert (Weltfriede, Sozialwerke, Rechtssicherheit, etc.). Der Egoismus flackert kurz vor dem Verglühen kurz auf... Jetzt wollen nicht einmal mehr die Chefs auf dich warten müssen, wenn dein Kind Krank ist.

  • Fisher am 04.02.2017 07:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wartezeit...... warum wohl? 

    Auch ich musste da bis zu 2 std warten, wo liegt da das Problem? Die Schmerzen werden gestillt, danach kommt einfach ein warten. Das weiss man aber wenn man dort hin geht. Für alle die wegen einer Bagatelle dort hin gehen , hab ich kein Verständnis, das sind nämlich die wo das ganze warten verursachen !!!!

    • Oliver Wetzikon am 06.02.2017 21:15 Report Diesen Beitrag melden

      Bekam kein Schmerzmittel

      Ich bin in der Nacht in den Notfall gegangen weil ich starke Schmerzen im Knie hatte. War offensichtlich nicht besonders gefährlich. Anstatt Schmerzmittel zu geben hat man mich zwei Stunden warten lassen und dann geröngt.

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  • Sandra am 04.02.2017 07:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Zeit

    Ist das nicht algemein ein Problem? Die Leute sind immer im Stress und wenn etwas mal nicht schnell geht rasten Sie gleich aus! Auf den Strassen, an Kassen und natürlich im Spital usw... alle denken nur noch an sich. Statt sich mal in Geduld zu üben und zu denken wie es den anderen geht, die eben zum Beispiel Arbeiten !