Urbane Selbstversorger

09. Juli 2014 14:58; Akt: 09.07.2014 15:50 Print

Den Salat holen sie sich auf dem Friedhof

von Florian Meier - Selber Gemüse anzupflanzen reicht den urbanen Sammlern nicht: Sie suchen sich ihr Grünzeug in städtischen Parks und bei Bahnhöfen. Gesundheitlich ist das jedoch nicht ohne Risiko.

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Maurice Maggi sammelt in der Stadt Zürich Bärlauch. Er ist einer der Vordenker der urbanen Sammler-Bewegung. (Bild: rom)

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Dass viele Städter ihre Tomaten gerne auf dem Balkon heranziehen, ist bekannt. Doch es gibt auch jene, denen das nicht genug Selbstversorgung ist: die modernen Sammler, die sich ihr Essen in der ganzen Stadt zusammensuchen. Eine von ihnen ist Andrea Rummel. Die Architektin, die in Zürich lebt, fährt jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit und hält dabei regelmässig nach geeigneten Zutaten für das Abendessen Ausschau: «Wenn mir auf dem Nachhauseweg etwas Gutes auffällt, steige ich ab und sammle die Kräuter ein. So entstehen immer wieder neue kreative Ideen.»

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Können Sie sich vorstellen, in der Stadt geerntete Wildpflanzen zu essen?
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Insgesamt 2682 Teilnehmer

Speziell an der Limmat und in den Parks im Kreis 2 findet sie immer wieder gute Ergänzungen für das Abendessen. Und auch den Kindern schmecken die städtischen Menus: «Meine siebenjährige Tochter übt bereits heute, welche Kräuter essbar sind und welche nicht.»

Kräuter vom Friedhof

Ein Vordenker dieser speziellen Unterströmung des «Urban Gardening» ist Maurice Maggi. Der 59-Jährige hat sogar ein Kochbuch geschrieben, das sich ganz dem Kochen mit Zutaten aus der Stadt widmet. «Die besten Plätze, um in Zürich auf Kräuterfang zu gehen, sind die grossen Flächen um den Bahnhof Stettbach, der Irchel-Park und das Limmat-Ufer», erklärt Maggi – «aber auch Friedhöfe eignen sich bestens für das Kräutersammeln.» Wegen der Hygiene macht sich Maggi keine Sorgen. Die Kräuter aus dem Handel seien schliesslich auch durch mindestens fünf verschiedene Hände gegangen. «Wenn man die Zutaten gründlich wäscht, besteht da kein Problem.»

Anders sieht das die Wildkräuterexpertin Evi Tschopp. Auch sie ist begeisterte Köchin von Menus, die Zutaten aus der freien Natur enthalten. In der Stadt würde sie jedoch keine Kräuter sammeln. «Bei den Abgasen und dem vielen Dreck, der überall herumliegt, kann ich mir nicht vorstellen, dass Kräuter und Wildgemüse aus der Stadt gesund sind.» Ausserdem geniesse sie das Sammeln in der freien Natur, in den Wäldern und auf den Bergen. Dieses Gefühl habe sie in der Stadt nicht.

Vergiftungen und Bandwürmer drohen

Tschopp betont zudem, dass es sehr wichtig sei, dass sich Hobbyköche gut mit den gesammelten Zutaten auskennen. «Es sollte jeder nur diese Kräuter verarbeiten, die er auch wirklich kennt.» Es gebe nämlich viele unbedenkliche Gewächse, die giftige Kollegen hätten. «Das sind andere Pflanzen, die sehr ähnlich aussehen, aber auf keinen Fall gegessen werden sollten.»

Eines von Tschopps Lieblingskräutern ist die Brennnessel. Das grüne Gewächs, das so unangenehm anzufassen ist, eigne sich nämlich besonders gut für eine Vielzahl von Gerichten. Zudem gilt es als sehr gesund – und soll Männer potenter machen.
Ganz unbedenklich ist aber auch der Verzehr von an sich gesunden Kräutern nicht. Der oberste Basler Stadtgärtner, Emanuel Trueb, warnt: «In unseren Wäldern und sogar in den grossen Städten treiben sich immer wieder Füchse umher. Diese können einen Bandwurm entwickeln, den sie über den Kot an den Menschen weitergeben können.» Selbst Pionier Maurice Maggi würde nicht alle grundsätzlich essbaren Gewächse für seine Menus verwenden. Rund um das Stadion Letzigrund würde er beispielsweise nie auf Kräuterjagd gehen. «An Orten, wo jedes Wochenende betrunkene Fussballfans urinieren, kann es keine guten Kräuter geben.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Karl am 09.07.2014 16:13 Report Diesen Beitrag melden

    Grussig

    Guten Appetit. Also ich würde sowas nicht essen. Sehe jeden Tag wo die Hunde überall hin machen. Gruusig ;-) Nach all dem kurriosen Geschichten von Krabbeltier essen, Abgaskräuter usw. frag ich was der nächste Trend sein wird. Zum Glück bin ich aus dem Alter raus wo man alles mögliche ausprobieren muss um cool zu sein :-D

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  • Silvano Baumgartner am 09.07.2014 16:51 Report Diesen Beitrag melden

    Gartenbau in den Schulen

    sollte, für Mädchen und Jungs ab Kindergartenalter , zum Pflichtfach werden.

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  • BauernhofGemüse am 09.07.2014 16:04 Report Diesen Beitrag melden

    Nerds

    Solche Nerds..geht doch einfach auf einen Bauernhof und holt euch das Gemüse dort, das ist deutlich einfacher und bestimmt gesünder.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Manuela M. am 10.07.2014 08:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schwamendingerin

    Liebe Frau Tschopp Sie waren wohl noch nie auf unserer Schattenseite des "Züriber" spazieren. Mir ist dort im Wald noch nie ein Auto entgegen gekommen;-) Es ist wunderschön und der Bärlauch gegeiht prächtig zwischen Wiesen und Waldwegen, ganz in der Nähe wunderbarer Brennesselbüsche;-)

  • carlos am 10.07.2014 07:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    expertin?

    was ist das für eine expertin, die sagt: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gesund ist." Das kann ja jeder Nicht-Experte auch sagen. Meiner Ansicht nach sollte eine Expertin mit Fakten argumentieren ("Es ist nicht gesund, weil XY. Untersucht wurde es nach YZ"). Wenn keine Fakten da sind, dann ist es Aufgabe eines Experten dies zu untersuchen oder sich halt von dem Thema enthalten. So sind es einfach nur Mutmassungen.

  • Christian am 10.07.2014 07:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Urban gardening

    Das ist doch keine zürcher erfindung... in england gibt es eine kleine stadt die fast vollflächig als garten benutzt wird von allen einwohnern...

  • Landei am 09.07.2014 22:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pfui

    Also ehrlich... Ich würde das meinen kindern nicht auftischen! Dann aber kaufen sie sicher bio äpfel! Das passt! Typisch städter!!!

  • Trampel-Toni am 09.07.2014 21:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fussballfans

    Tut endlich was gegen die Fussballfans. wo bleibt der WWF wenn man ihn braucht. Nicht nur dass sie überall hin urinieren, nein sie trampeln die feinen Kräuter auch zusammen. Im Ernst, wollt Ihr uns Fussballfans alles anhängen? Ja wir sind schuld am Klimawandel und an den Treibhausgasen. Braucht Ihr einen Sündenbock? Nehmt ruhig uns Fussballfans. Wir sind uns das gewohnt