Managed Care

09. Mai 2012 17:39; Akt: 09.05.2012 18:17 Print

Denken die Spezialärzte nur an sich?

von Simon Hehli - Billigmedizin! Knebelverträge! Das Aus für die freie Arztwahl! So bekämpfen die Kritiker die Managed-Care-Vorlage. Was ihre Argumente taugen.

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FDP-Nationalrat Ignazio Cassis kämpft für die Managed-Care-Vorlage, SP-Gesundheitsexpertin Jacqueline Fehr ist ins Nein-Lager gewechselt. (Bild: Keystone)

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Ein chronisch Kranker bekommt es heute mit zahlreichen Spezialisten zu tun. Sprechen sich diese untereinander nicht ab, kann es lebensgefährlich werden – etwa wenn zwei Ärzte, die jeweils nichts vom anderen wissen, einem Patienten nicht miteinander verträgliche Medikamente verschreiben. Zudem ist ein solches System teuer: Geht ein Patient von Experte zu Experte und lässt sich jedes Mal neu untersuchen, kommt es zwangsläufig zu Doppelspurigkeiten.

Hier setzt das Managed-Care-Modell an, über welches das Volk am 17. Juni abstimmt. Die freie Arztwahl, die ein Hüpfen von Spezialist zu Spezialist erlaubt, soll damit zur Ausnahme werden. Stattdessen würde nur noch ein Arzt – normalerweise der Hausarzt – den Grossteil der medizinischen Betreuung steuern. Dieser «Gatekeeper» muss Teil eines integrierten Versorgungsnetzes sein, in dem die Betreuung des einzelnen Patienten klar geregelt ist. Frauen- und Augenärzte würden weiterhin ausserhalb solcher Netze bleiben und könnten frei konsultiert werden. Auch in Notfällen muss der Patient nicht den Umweg über seinen Hausarzt in Kauf nehmen.

Erhöhung des Selbstbehalts als Kernstück

Bereits heute verzichtet fast jeder zweite Schweizer auf die freie Arztwahl, weil die Krankenkassen das mit tieferen Prämien honorieren. Die Managed-Care-Vorlage soll diese Entwicklung vorantreiben – und zwar freiwillig und wiederum mit finanziellen Anreizen. Derzeit bezahlen die Versicherten für jede Behandlung einen Selbstbehalt von 10 Prozent, pro Jahr über die Franchise hinaus maximal 700 Franken. Wer sich bei einem Ja zur Vorlage weiterhin die freie Arztwahl leisten will, muss künftig 15 Prozent Selbstbehalt berappen, gedeckelt bei jährlich 1000 Franken. Das heisst, der «Luxus» der freien Arztwahl würde maximal 300 Franken mehr kosten als heute.

Patienten hingegen, die sich einem Ärztenetzwerk anschliessen, kriegen ein Zückerchen: Ihr Selbstbehalt beträgt noch maximal 10 Prozent und höchstens 500 Franken pro Jahr. Ärztenetzwerke könnten den Selbstbehalt neu auch selbständig heruntersetzen oder ganz darauf verzichten. Verfechter der Vorlage erhoffen sich, dass so ein kostensenkender Wettbewerb entsteht. Die Ärztenetzwerke sollen sich gegenseitig unterbieten nach dem Motto: «Lassen Sie sich bei uns behandeln, hier zahlen Sie nur 5 Prozent selbst!»

Opposition von Spezialisten und SP

Es waren die Spezialärzte, die gegen das neue Gesetz das Referendum ergriffen. Sie befürchten, dass ihnen ein Teil ihrer Arbeit abhanden kommt, wenn die meisten Leute nicht mehr direkt zu ihnen gehen dürfen. Ignazio Cassis, FDP-Nationalrat und vehementer Verfechter von Managed Care, findet die Opposition der Spezialärzte selbstsüchtig: «Sie werden es verkraften, wenn sie statt 900 000 nur noch 800 000 Franken im Jahr verdienen.» Der Mediziner ist wie der Verband der Hausärzte der Meinung, dass sich dank Managed Care die Zunahme der Gesundheitskosten eindämmen liesse. Mit dieser Haltung unterlag er jedoch bei einer Urabstimmung innerhalb des Ärzteverbandes FMH.

Ebenfalls gegen die Vorlage spricht sich eine Mehrheit der Sozialdemokraten aus. SP-Gesundheitsexpertin Jacqueline Fehr hat im Parlament bis zuletzt für eine Reform gekämpft, da sie Managed Care prinzipiell für eine gute Sache hält. Doch der jetzt vorliegende Kompromiss ist für sie nicht ausgewogen genug. Es gebe nur zwei schlechte Varianten für die Patienten: Entweder sie bezahlten mehr, um die gleichen Leistungen wie heute beziehen zu können. Oder sie bezahlten praktisch gleich viel wie bisher – und kriegten weniger Leistung.

Was machen die chronisch Kranken?

Es ist die Angst vor sinkender Qualität, die viele Kritiker der Vorlage umtreibt – während die Befürworter betonen, mit integrierten Versorgungsnetzen würden die medizinischen Behandlungen gar besser. Entscheidend ist diese Frage für die chronisch Kranken. Sie machen zwar nur rund 10 Prozent der Versicherten aus, verursachen aber 70 Prozent der Kosten. Gerade für diese Leute blieben Managed-Care-Modelle unattraktiv, bemängelt Jacqueline Fehr. Sie hätten sich über Jahre hinweg ein persönliches Netz an Fachärzten aufgebaut – und bekämen jetzt ein Problem, wenn diese Vertrauensärzte nicht alle mit demselben Netzwerk zusammenarbeiteten. FDP-Nationalrat Cassis kontert: Der Hausarzt habe kein Interesse daran, die für den Patienten bewährte Zusammenarbeit mit den Spezialisten zu kappen.

Die Angst vor Qualitätsverlust schlägt sich auch im Schlagwort «Billigmedizin» nieder, mit dem die Gegner den Budgetzwang ins Visier nehmen. Die Netzwerk-Ärzte sollen neu eine Mitverantwortung für ihre Behandlungskosten tragen. Doch deswegen werden sie kaum auf dem Buckel eines Patienten sparen und diesen mit ungenügenden Therapien abspeisen. Denn das Budget gilt nicht für jeden einzelnen Patienten, sondern für den ganzen Kundenstamm des Netzwerkes. Unzufriedene Kunden könnten zudem zu Beginn des nächsten Jahres zu anderen Anbietern abspringen. Und fast nichts ist für ein Netzwerk teurer als eine verpfuschte Behandlung, die weitere Kosten nach sich zieht.

Mehrjahresverträge werden möglich

Die Vorlage sei generell zu Krankenkassen-freundlich ausgefallen, kritisieren weiter viele Linke. So müssten die Versicherer nicht mit allen Netzwerken zusammenarbeiten. Und sie könnten neu Versicherungsmodelle über zwei oder drei Jahre hinweg anbieten. Aus diesen müssen sich die Versicherten mit einer Austrittsprämie freikaufen, wenn sie vorzeitig die Kasse wechseln wollen. Die Gegner sprechen deshalb von «Knebelverträgen». Doch das Gesetz sieht vor, dass die Versicherten zu einer anderen Krankenkasse wechseln dürfen, wenn ihre eigene die Prämien überdurchschnittlich stark erhöht. Ausserdem müssen die Krankenkassen für die Mehrjahresverträge Rabatte gewähren.

Bleibt die Frage, ob die Versicherten ihren heutigen Hausarzt behalten können, wenn sie in ein günstigeres Managed-Care-Modelle wechseln. Ja, sagt Ignazio Cassis. Er geht davon aus, dass nach einem Abstimmungssieg der Druck auf die Ärzte wachsen würde, sich einem Netzwerk anzuschliessen. «Und wenn es mein Arzt nicht schafft, von einem Netzwerk aufgenommen zu werden, würde ich mir ernste Sorgen um seine Kompetenz machen», sagt der frühere Tessiner Kantonsarzt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Simona am 09.05.2012 18:23 Report Diesen Beitrag melden

    Wehrt euch endlich

    So ein quatsch mit Selbstbehalt. Bin privatversichert bei einer deutschen Krankenkasse. Ich zahl 195 chf im Monat. Hatte im Februar 2 Herzoperationen, 5 Wochen Spital in Konstanz in renommierter Herzklinik inkl. Intensivstation, danach 3 Wochen Luxus Reha am Bodensee. Gesamtpreis 48.000 chf. In der Schweiz hätte man mir mehr als 120.000 chf berechnet.Ich hatte das all inklusive Paket und musste 120 chf zuzahlen. Das schweizer Gesundheitswesen ist zu TEUER und nichts als Abzocke wie der Detailhandel auch. Nehmt eine deutsche Krankenkasse, das ist erlaubt als Obligatorium.

  • Stephanie Sta am 09.05.2012 18:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Naja

    Managed care ist schrott! Es wird etwas versprochen das für Laien attraktiv tönt, es aber nicht ist!!! Tönt lukrativ sollte aber mit Vorsicht genossen werden!

  • Gregor am 09.05.2012 18:04 Report Diesen Beitrag melden

    Hohn

    Blanker Hohn. Die meisten Ärzte (auch spezialisten) verdienen niemals 900000 im Jahr. Wenigstens gibt er zu, dass es zu Lasten des Pflegepersonals und auch des Patienten geht. Jetzt fängt die KK-Meinungsmache wieder an.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Büttiker Urs am 10.05.2012 17:32 Report Diesen Beitrag melden

    Nein Managed Care

    Die Aerztenetwerke werden die freie Arzwahl einschränken und die Aerzte dazu zwingen den Patienten Leistungen vorzuenthalten, damit Sie das Budget unterschreiten, um einen Gewinn zu bekommen und nicht bestraft werden, wenn Sie mehr für den Patienten verbrauchen. Spezialärzte wie Neurologen und Psychiater verdienen deutlich weniger als Hausärzte. Die Einkommen der Spezialärzte sind irrelevant, es ist nur ein Ablenkungsmanöver der Befürworter.

  • J. Meyer am 10.05.2012 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    Krasser gefährlicher Fall

    Eine Frau musste wg. Herzbeschwerden vom Hausarzt zum Herzspez. überwiesen werden(HM-Modell). Dieser stellt Diagnose beim Händewaschen= Angina Pectories. Frau bekommt starke Medikamente u 3 Monate später Nachkontrolle auf dem Laufband=keine Angina Pectories mehr?? Was ist das für ein Spezialist? Rechnung für diese Unters. exorbitant, doch kürzlich eine andere Spezialisin aufgesucht, Herz in Ordnung, war nur psych. Stress! Ob HM oder MC, alles Käse, wenn Spez. Pfuscher sind, aber Profis beim Rechnung schreiben...

  • Sonja Gürber am 10.05.2012 07:46 Report Diesen Beitrag melden

    Immer dieser Kampf

    Im Limmattal gibt es seit Jahren das Limmimed (dem ich angehöre) und es funktioniert wunderbar. Ich kann jederzeit meinen Hausarzt wechseln, wenn ich Gründe dafür habe und ansonsten hat es doch nur Vorteile für den Patienten, wenn er all seine gesundheitlichen Probleme mit einem Arzt besprechen kann. Sollte es notwendig werden einen Spezialisten aufzusuchen, ist dies über den Hausarzt immer möglich. Wenn das Managed-Care-Modelle genau so funktioniert ist es das Richtige. Patient und Krankenkasse sparen Geld.

  • MichaelZH am 09.05.2012 23:34 Report Diesen Beitrag melden

    Ärzte müssen bessere Qualität liefern

    Dann sollten Ärzte erst mal generell eine bessere Qualität liefern, Meine Mitarbeiterin musste am Samstag eine Notarzt rufen wegen Bauchschmerzen, Diagnose Darmgrippe. Sonntag dann Spital mit geplatzten Blinddarm. Oder mein Lebenspartner Dreimal durch die Röhre wegen starker Kopfschmerzen, plus eine Woche Spital gesamt kosten fast 25 000 Franken und am Schluss wars eine Gesichtsrose die einfach mit Zovirax zu behandeln gewesen wäre, dann hätte es keine drei Tage gedauert. Ich glaube der Standard Grundversicherte beliebt so und so auf der Strecke

  • Alexander Bernard am 09.05.2012 20:56 Report Diesen Beitrag melden

    Managed-Care: NEIN

    Die Managed-Care-Initiative ist ein Betrug an der Schweizer Bevölkerung. Vor Jahren hat Frau BR Dreyfuss die KVG-Vorlage mit ähnlichen Argumenten einführen können. "Für weniger Geld bekommt Ihr mehr Leistung"... Die Argumente klangen damals (für's KVG) wie heute (für Managed-Care) verheissungvoll. Sie werden süffig und verfänglich präsentiert. Es sind aber nur unnütze und unwahre Schalworte. Die FMH ist gegen die Initiative. Nicht weil alle Ärzte Verbrecher sind, sondern weil die allermeisten für ihre Patienten einstehen, sich für sie verantwortlich fühlen und ihr Bestes wollen. Deshalb NEIN