Waffenschutz-Initiative

15. Februar 2011 07:32; Akt: 08.03.2012 10:58 Print

Der «Güllengraben» wird noch breiter

von Lukas Mäder - Am Abstimmungssonntag zeigte sich ein Graben zwischen Stadt und Land. Dieser wird zunehmen, hat aber nichts mit Parteipolitik zu tun, sagt Politologe Golder.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Früher sorgte der Röstigraben für Diskussionen, heute zeigt sich eine Art «Güllengraben» zwischen Stadt und Land. Was ist passiert?
Lukas Golder: Wir sehen, dass sich zwischen den Grossstädten und der restlichen Deutschschweiz zunehmend ein Graben auftut. Bei der Abstimmung über die Waffenschutz-Initiative dürfte er bisher am markantesten gewesen sein. Wir haben ihn aber auch schon bei der Ausschaffungs- und der Anti-Minarett-Initiative sowie bei der Vorlage zu Schengen/Dublin beobachtet.

Sehen Sie den Stadt-Land-Graben nur bei bestimmten Themen?
Er zeigt sich bei europapolitischen Themen, aber fast noch deutlicher bei Migrationsfragen. Früher galt die Regel, dass Verschärfungen im ausländerpolitischen Bereich nur Zustimmung finden, wenn Regierung und Parlament dahinterstehen. Inzwischen gibt es aber auch bei Initiativen Mehrheiten, wie sich bei der Ausschaffungs- und der Minarettfrage gezeigt hat.

Was ist Ihre Erklärung dafür?
Ausserhalb der Grossstädte findet eine Rückbesinnung auf die Tradition, die Nation und ihre Stärken statt. Das sehen wir beim jährlichen Sorgenbarometer. In den letzten Jahren haben einige markante Ereignisse diese Entwicklung befördert.

Welche?
Die Finanzkrise und die Situation der Banken haben Abhängigkeiten gezeigt. Die Wahrnehmung der Bedrohung gegenüber der Schweiz hat sich verändert. Hinzu kommt noch die Eurokrise. Das hat den Eindruck erweckt, man müsse nur hart genug sein, dann könne man sich auch behaupten. Das Selbstbewusstsein wurde gestärkt, obwohl sich grosse Risiken gezeigt haben.

Aber diese Entwicklung hat schon vor den jüngsten Wirtschaftskrisen eingesetzt.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war die EU-Debatte in den 1990er-Jahren geprägt von Tendenzen zur Entnationalisierung. Die EU wird heute nicht mehr als Teil eines globalen Friedensprojekts gesehen. Der politische Teil der EU hat an Strahlkraft verloren.

Die konservativen Kräfte um die SVP waren aber bereits in den 1990er-Jahren gegen die EU.
Das Projekt EU wurde lange als möglicher Katalysator für Reformen gesehen, denn die Schweiz zeigte in den 1990er-Jahren wirtschaftliche Schwäche. Als Höhepunkt führte das Grounding der Swissair 2001 vor Augen, dass nicht mehr alles Schweizerische funktioniert. Inzwischen haben die bilateralen Verträge Stabilität gebracht, wir erleben seither einen Wachstumsschub. Die Form der Rückbesinnung auf traditionelle Schweizer Werte kam von der SVP aus und wurde parallel mit dem Aufstieg der Partei attraktiv.

Der Stadt-Land-Graben ist eine Folge des SVP-Erfolgs?
Das Klischee von SVP-Anhänger gegen die Linken funktioniert hier nicht. Der Stolz auf die Schweiz hat sich auch bei politisch links Stehenden verstärkt. Gleichzeitig gab es beispielsweise in der Stadt Zürich wohl auch FDP-Anhänger, die Ja zur Waffenschutz-Initiative gestimmt haben. Vielmehr hat sich in den Grossstädten, insbesondere in Zürich, eine Lebensform entwickelt, die von globalen Trends getrieben ist. Diese Personen haben in keiner Weise das Gefühl, sie müssten etwas verteidigen. Sie sehen beispielsweise auch Migration als etwas Positives.

Und der gegensätzliche Lebensentwurf auf dem Land ist von Abschottung geprägt?
Nein, nicht unbedingt. Es ist zwar ein bürgerlich-konservativer Lebensentwurf mit Einfamilienhaus und Familie. Aber das können Personen sein, die auf dem Land wohnen, in die Stadt pendeln und beispielsweise im Marketing für einen internationalen Konzern arbeiten. Sie können zu den Gewinnern der globalisierten Welt gehören, aber trotzdem die Schweiz als Erfolgsmodell sehen. Sie können vielleicht gerade wegen der Globalisierung deren Vor- und Nachteile abschätzen und der Meinung sein, die Schweiz habe das in den letzten Jahren gut gemacht.

Welche Parteien wählen diese Personen?
Die SVP steht voll im Trend der Rückbesinnung auf die Tradition. Deshalb ist es keine Überraschung, dass auch CVP und FDP im Wahlkampf auf das Thema Schweiz setzen. Sie wollen in dieser ländlichen Lebenswelt Wähler abholen. Die traditionelle Haltung der SVP scheint aber auch neue Leute zu mobilisieren, die bisher eher unpolitisch waren und beispielsweise abstimmen, aber nicht wählen gingen.

Die SVP könnte in diesem Umfeld also weiterwachsen?
Ja. Die SVP kommt auch bei den Jungen gut an. Es ist beeindruckend, wie stramm bürgerlich die Jugendlichen heute denken. So erhält beispielsweise der bilaterale Weg von den Jungen immer weniger Unterstützung.

Der Graben zwischen Stadt und Land wird also weiter wachsen?
Es gibt keine Anzeichen, dass sich dieser Trend stoppen lässt.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Der Zauberer am 15.02.2011 07:56 Report Diesen Beitrag melden

    Der Experte mit Zylinder und Galskugel

    Na und? Nur weil Claude "die Fliege" Longchamps darin etwas erkennen will ist dies einen Artikel wert!? Die Abstimmung ist vorbei, Entscheid gefällt, jetzt gibts wichtigeres worüber man schreiben sollte... *Puff* Und sofort ist wieder ein Experte aus dem Zylinder gezaubert, welcher NACH der Abstimmung sofort beurteilen kann warum wer wie gestimmt hat... Hört doch bitte mal auf damit. Es ist langsam etwas müssig, immer die Weisheiten erzählt zu bekommen, welche diese so genannten "Expterten" aus der Glaskugel haben. Wenn der Trend so offensichtlich, warum haben sie es denn nicht voraus gesagt?

  • Robert Vogel am 15.02.2011 09:51 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts Neues der Unterschied

    Unterschiede zwischen Stadt und Land gab es immer. Seit Jahrhunderten. Darum trennten sich zum Beispiel Basel in einen Stadt-Teil und Land. Züriland hatte immer Probleme mit den Stadtherren. Das ist selbstverständlich aus der unterschiedlichen Umgebung. Oder man wählt die Region zum Wohnen wo man sich daheim fühlt. Und wird immer so sein.

    einklappen einklappen
  • Rennrad am 16.02.2011 10:29 Report Diesen Beitrag melden

    Bauern? Wirklich?

    Ist doch total romantisch von allen Ländlern die hier ihren Kommentar abgeben, sich so vollständig mit den Bauern zu identifizieren. Das die Schweiz keine Selbstversorgung betreibt, geschweige denn betreiben kann, ist statistisch erwiesen und auf der Homepage des Bundes jedem offen zu recherchieren. Die meisten Landbewohner arbeiten nicht auf einem Bauernhof, sondern in Betrieben anderer Art. Selten wahrscheinlich in der Rohstoffgewinnung. Davon hat die Schweiz nämlich keine. Länder welche ihre Wirtschaft heute auf Landwirtschaft basieren finden sich nur noch in Afrika.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ueli am 19.02.2011 21:51 Report Diesen Beitrag melden

    zuviel Smog erwischt

    Rückbesinnung auf die Tradition, was für ein Schwachsinn. Wir auf dem Lande haben unsere Heimat und Traditionen immer respektiert und gepflegt. unsere Art ist manchmal etwas ruppig aber jeder darf seine Meinung sagen und es wird auch zugehört. Ihr in der Stadt sprecht immer von Integration wo ist die bei wir kennen unsere Ausländer mit Namen und respektieren Ihre Arbeit und sprechen nicht nur davon.

  • Troll am 17.02.2011 09:43 Report Diesen Beitrag melden

    Tradition?

    Die tradition die wir heute Leben, ist die Tradition der Globalisierung. Unsere alten Werte Sind Verschwunden und nur noch ein Kümmerlicher rest von dem grossen Kuchen ist übrig.Die rechte Bürgerliche ansicht labt sich an dieser Ilusion um Wähler zu erreichen. Ich lebe auf einem Bauernhof weit ab einer grossen Stadt, dass was man Politisch mitbekommt ist von den Rechtsbürgerlichen Parteien und genau das integriert man auch in sein Denken. Selber nach Lösungen/Meinungen suchen ist schwierig für die Ländliche Bevölkerung wenn nur rechte Parteien auf einem zukommen.

    • Franz W. Seibold am 17.02.2011 14:53 Report Diesen Beitrag melden

      Gehässige Wortwahl

      Weil den Journalisten das Abstimmungs-Resultat betreffend "Waffenschtz-Initiative" offenbar nicht passt, spricht man nun abschätzig von einem Güllengraben. Diese "Gülle" haben die Medien und deren Journalisten im Vorfeld der Abstimmung selber ausgetragen.

    einklappen einklappen
  • Rennrad am 16.02.2011 10:29 Report Diesen Beitrag melden

    Bauern? Wirklich?

    Ist doch total romantisch von allen Ländlern die hier ihren Kommentar abgeben, sich so vollständig mit den Bauern zu identifizieren. Das die Schweiz keine Selbstversorgung betreibt, geschweige denn betreiben kann, ist statistisch erwiesen und auf der Homepage des Bundes jedem offen zu recherchieren. Die meisten Landbewohner arbeiten nicht auf einem Bauernhof, sondern in Betrieben anderer Art. Selten wahrscheinlich in der Rohstoffgewinnung. Davon hat die Schweiz nämlich keine. Länder welche ihre Wirtschaft heute auf Landwirtschaft basieren finden sich nur noch in Afrika.

    • Franziska am 17.02.2011 12:25 Report Diesen Beitrag melden

      CH - BAUERN - SCHLäUE IST GEFRAGT

      und nicht Abzocker.

    einklappen einklappen
  • Bob am 16.02.2011 04:45 Report Diesen Beitrag melden

    Lächerliche...

    Diskussion. Als ob die Stadt besser sei als das Land oder umgekehrt. Ich brauche beides für ein ausgewogenes Leben.

  • GMP am 15.02.2011 23:38 Report Diesen Beitrag melden

    Halb so wild

    Hier geht es doch nicht um Stadt-Land Gegensätze, das ist und bleibt ein Parteien-Gezänke.