Grossstädte aussen vor

15. Dezember 2011 10:41; Akt: 15.12.2011 10:53 Print

Der A1-Bundesrat

von Simon Hehli - Keine Bergler, keine Grossstädter: Das Mittelland dominiert den Bundesrat. Droht ohne weltmännische Schöngeister à la Calmy-Rey und Leuenberger das Mittelmass?

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Eine Autobahn als Markenzeichen: Sechs der sieben Bundesräte wohnen in der Nähe der A1. (Grafik: 20 Minuten Online/Gabriel Anliker)

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Alain Berset für Micheline Calmy-Rey: Das bedeutet nicht nur, dass die Frauenmehrheit in der Regierung vorerst einmal Geschichte ist. Sondern auch, dass im Bundesrat kein Vertreter der grossen Städte mehr sitzt. Im Gegensatz zur Genferin Calmy-Rey und zum im Herbst 2010 zurückgetretenen Stadtzürcher Moritz Leuenberger stammt Berset aus der Provinz: aus der 2700-Seelen-Gemeinde Belfaux im Freiburger Saanebezirk.

Umfrage
Ist es ein Problem, dass die grossen Städte nicht mehr im Bundesrat vertreten sind?
23 %
77 %
Insgesamt 1931 Teilnehmer

Der neue SP-Bundesrat trifft auf drei Kollegen, die wie er das Land vertreten: Doris Leuthard aus Merenschwand AG, Ueli Maurer aus Hinwil ZH und Eveline Widmer-Schlumpf aus Felsberg GR. Der Neuenburger Didier Burkhalter und der Langenthaler Johann Schneider-Ammann kommen aus kleineren Städten. Einzig Simonetta Sommaruga lebt in der Nähe eines der grossen Zentren: in Köniz in der Berner Agglomeration. Ein ähnliches Profil hätte Pierre-Yves Maillard mitgebracht, der in Renens bei Lausanne aufgewachsen ist. Ein Blick auf die Karte offenbart Interessantes: Ausser Widmer-Schlumpf wohnen alle Magistraten nur einen Katzensprung von der wichtigsten Ost-West-Achse entfernt. Wir haben einen A1-Mittelland-Bundesrat.

SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr bedauert nicht die Wahl Bersets – wohl aber, dass die grossen Wirtschaftszentren vorerst aus dem Bundesrat ausgeschlossen sind. «Wenn man von Ausgewogenheit spricht, müsste man auch die Vertretung von Stadt und Land berücksichtigen», findet der Schaffhauser. Im letzten Jahr wollte Fehr mit einer parlamentarischen Initiative erreichen, dass die Städte Zürich, Genf, Basel, Lausanne, Bern und Winterthur je einen Ständeratssitz erhalten. Doch sein Anliegen war chancenlos. Die Bedürfnisse der Städte kämen im Parlament allgemein zu kurz, findet Fehr. Bei der aktuellen Bundesratskür habe es zwar kein bewusstes Abdrängen der Städter in der SP gegeben. «Aber wir sollten bei der Kandidatensuche künftig wieder darauf achten, Stadtvertreter zu berücksichtigen.»

Politisches Profil, Sprache, Geschlecht

Dass der Gegensatz Stadt-Land in der aktuellen Bundesratskür kaum eine Rolle spielte, überrascht Politgeograf Michael Hermann nicht. Das politische Profil, die Sprache und das Geschlecht seien heutzutage die entscheidenden Faktoren bei der Kandidatenauswahl. In den 90er-Jahren sei das noch anders gewesen. «Damals erst begannen sich die grossen Zentren in ihrer Selbstwahrnehmung von den kleineren Städten abzuheben. Bis dahin hatte sich die Schweiz als Land von Kleinstädten definiert.» Es war auch die Zeit, als viele Kernstädte eine linksgrüne Mehrheit bekamen. Insofern sei es symptomatisch, dass 1995 mit Moritz Leuenberger zum ersten Mal ein typischer SP-Grossstadtvertreter in den Bundesrat eingezogen sei und diese Identität auch betont habe.

Vor 15 Jahren habe es auch innerhalb der SP grosse Differenzen zwischen Stadt und Land gegeben, erinnert sich Hermann. «Pragmatisch-modernistische, intellektuelle Städter standen traditionellen, gewerkschaftlich orientierten Sozialdemokraten vom Land gegenüber.» Doch seither seien diese Gräben zugeschüttet worden. In der SP-Fraktion sind Politiker aus den Zentren Bern, Zürich, Genf oder Winterthur gut vertreten – und so stehen die Chancen nicht schlecht, dass Moritz Leuenberger dereinst einen waschechten Grossstädter zum Nach-Nachfolger erhält.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Roberto haag am 15.12.2011 11:05 Report Diesen Beitrag melden

    neuer Bundesrat

    Wuerde der neue Bundesrat "Mittelmass", so waere es eine deutliche Steigerung gegenueber dem Bisherigen. Die Chancen dafuer stehen aber nicht gut.

  • Sebastian Sieber am 15.12.2011 10:58 Report Diesen Beitrag melden

    Grösste Stadt muss vertreten sein!

    Zürich ist der Motor der Schweiz und wird trotzdem (oder gerade deshalb) vom Rest der Schweiz gehasst. Ein Grossteil der Randregionen lebt von der Zürcher Wirtschaftsleistung. Ein Bundesrat aus der grössten Stadt der Schweiz wäre eigentlich Pflicht. Ländliches Mittelmass und Spiessertum werden weiterhin zunehmen mit unserer Regierung.

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  • Peter Bürger am 15.12.2011 11:30 Report Diesen Beitrag melden

    Zum Thema Schöngeister

    Die im Artikel als "Schöngeister" benannten Exponenten Calmy-Rey und Leuenberger kann man je nach Standpunkt auch in einem ganz anderen Licht sehen. Speziell BR Leuenberger hat die Autofahrernation über ein Jahrzehnt unsäglich schikaniert und dringende Verkehrsprobleme bewusst nicht gelöst. Die Folgen spüren wir heute jeden Tag. Man kann in diesem Zusammenhang nun vielleicht gar sehr froh sein, einen "A1-Bundesrat" zu haben. Im BR braucht es ganz klar Realitätssinn und nicht selbstgefällige "Schöngeisterei".

Die neusten Leser-Kommentare

  • Markus am 15.12.2011 20:38 Report Diesen Beitrag melden

    Linie ohne Kurven =Ausweglosigkeit im BR

    Diese Schnellschuss-Linie hat was mit Unüberlegtheit zu tun - also kein gutes Ohmen für die CH-Regierung.

  • Wener K. am 15.12.2011 16:01 Report Diesen Beitrag melden

    Unmöglicher Ansatz

    Es kann nicht immer alles und alle bei 7 Mitgliedern vertreten sein. Sonst müsste man dann auch fragen, ob die Vegetarier genügend vertreten sind, die Atheisten, alle Berufsgruppen, die Bahnfahrer usw. usf.

    • Peschä am 16.12.2011 08:56 Report Diesen Beitrag melden

      Schade

      Nur blöd, dass die von Ihnen genannten Gruppen nicht wesentlich mehr Steuerlast tragen wie dies bei den Städten eben der fall ist. Ich finde diese Agglo Regierung schon etwas problematisch, keine der grossen 5 Städt ist vertreten!

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  • giovanni b. am 15.12.2011 13:37 Report Diesen Beitrag melden

    Mittelmass? Nein, Absolut Ohne Mass!

    Dieser BR vertritt weder die CH noch mich. Das Tessin ist wieder nicht vertreten und deshalb bin ich auch nicht vertreten.

    • Hans Meier am 15.12.2011 18:07 Report Diesen Beitrag melden

      dito.

      so wie die Innerschweiz

    • rolando o am 15.12.2011 23:30 Report Diesen Beitrag melden

      Aufteilen

      BR in sieben Regionen aufteilen und dann muss aus jeder Region ein BR kommen. Tessin, Genfersee(GE, VD), Westschweiz(FR,NE,JU,BS,BL), Bern(BE, VS), Zürich, Innerschweiz und Ostschweiz.

    • Daniel am 16.12.2011 22:42 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht der Sinn des Bundesrats

      Das Volk zu vertreten ist Aufgabe des Nationalrats und nicht des Bundesrats. Im BR sollten (!) die kompetentesten sein.

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  • broennimann marianne am 15.12.2011 12:41 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht immer alles kleinreden, bitte!

    Fribourg ist so international und Zürich muss nicht immer überall dominieren! Bern ist klein, vereint aber Bürger aus der ganzen Schweiz!

    • ueli am 15.12.2011 20:38 Report Diesen Beitrag melden

      klar wenn ich fribourger wäre

      also zürich und zug sind wohl die internationalsten städte gefolgt von genf

    • Peschä am 16.12.2011 08:59 Report Diesen Beitrag melden

      Zug, hää?

      Ich glaube Genf ist die wohl internationalste Stadt der Schweiz, gefolgt von Zürich und Basel, Lausanne und Zug meinetwegen

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  • Marc Giger am 15.12.2011 12:41 Report Diesen Beitrag melden

    Lieber Mittelmass

    Lieber Mittelmass als die bisherige Formatlosigkeit