Vierfachmord

14. Mai 2016 12:41; Akt: 16.05.2016 16:03 Print

Der Fall Rupperswil
von A bis Z

von Stefan Hohler - Am 21. Dezember 2015 tötete Thomas N. vier Menschen. Der Fall erschüttert die Schweiz. Das A bis Z über Täter, Opfer und die Hintergründe zur Gräueltat.

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Thomas N. war Trainer einer Juniorenmannschaft in der Region. Sie verteidigt den Vierfachmörder von Rupperswil: Die Aargauer Rechtsanwältin Renate Senn. Matthias Fricker hat 2012 im Kanton Aargau den später verurteilten Mörder Daniel H. verteidigt. Er weiss, was seine Berufskollegin Renate Senn durchmacht. In einem Interview mit der «Aargauer Zeitung» äussert sich der Anwalt dazu. (29. Februar 2012) Hier wohnte der Täter: Blick in den Garten des Hauses in Rupperswil AG. Bekannte beschreiben ihn als Einzelgänger: In diesem Haus in Rupperswil wohnte der Täter. Der Täter ist gefasst: Barbara Loppacher, leitende Staatsanwältin, informiert in Schafisheim AG über den Vierfachmord von Rupperswil (13. Mai 2016). Hauptmann Markus Gisin, Abteilungschef Kriminalpolizei, und Barbara Loppacher (13. Mai 2016). In einem Rucksack, den die Polizei bei der Hausdurchsuchung fand, waren eine Pistole, Fesseln und Klebeband (13. Mai 2016). Die Spannung war gross vor der Medienkonferenz zu einem der grausamsten Verbrechen in den letzten Jahren: Mikrofone stehen bereit in Schafisheim (13. Mai 2016). Der Vierfachmord von Rupperswil gehört zu den grössten Fällen der Schweizer Kriminalgeschichte: Polizisten am Tatort (21. Dezember 2015). Die Tat: Am 21. Dezember 2015 werden in Rupperswil AG eine Mutter, ihre zwei jugendlichen Söhne und die Freundin des älteren Sohnes brutal ermordet. Ein Brand soll die Spuren der Tat verwischen. Ein Kriminaltechniker am Tatort. Spurensuche: Die Ermittler haben sich in Spitälern und Apotheken nach Verdächtigen erkundigt. Hier sind sie im Gespräch mit Anwohnern. (24. Dezember 2015) Hinweise: Diese Wohlener Apotheke sollen am Tag der Tat zwei Unbekannte mit Schnittwunden betreten haben. Zeugen gesucht: Die Polizei veröffentlichte ein Bild des 48-jährigen Opfers Carla S., das sie in der Filiale der Aargauischen Kantonalbank in Wildegg zeigt. (24. Dezember 2015) In der Kirche in Rupperswil wurde der Gedenkgottesdienst für die Opfer des Vierfach-Mordes abgehalten. (8. Januar 2016) Im Gedenken an die Nummer 9: Die C1-Junioren des FC Aarau widmeten ihrem ermordeten Team-Mitglied einen Sieg. Sein Trikot war immer dabei. Ernüchterung: Die gefundenen DNA-Profile erzielten keine Treffer in den Datenbanken. Aargauer Ermittler und Staatsanwälte informierten in Schafisheim AG. (18. Februar 2016) Die Aargauer Behörden setzen eine Prämie von 100'000 Franken für Hinweise aus, die zur Festnahme der Täter führen könnten. (18. Februar 2016) Eine Sonderkommission aus rund 40 Ermittlern bearbeitet den Fall. Barbara Loppacher und Markus Gisin, der Leiter der Aargauer Kriminalpolizei. (18. Februar 2016) Die Tat schockiert die Gemeinde Rupperswil: Bewohner gedenken der Opfer mit Kerzen. (24. Dezember 2015)

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A

Aufklärungsquote: Die Aufklärungsquote bei Tötungsdelikten ist hoch. Laut der Zürcher Kriminologin und Rechtsanwältin Nora Markwalder liegt sie bei Raubmord bei etwas über 80 Prozent. Dies ist aber deutlich geringer als bei Tötungsdelikten im familiären oder kriminellen Milieu, wo sie fast bei hundert Prozent liegt.

B

Brandstiftung: Ein Anwohner alarmierte am 21. Dezember 2015 um 11.20 Uhr die Feuerwehr, weil aus dem Einfamilienhaus der Familie S. dichter Rauch drang. Der Täter hatte Feuer gelegt, um die Spuren zu verwischen.

C

Charakter: Der Täter ist offenbar ein Sadist. Er hatte Lust am Töten, begnügte er sich doch nicht nur mit dem Geld und dem sexuellen Missbrauch des 13-jährigen Sohnes.

D

DNA: Obwohl die Ermittler am Tatort DNA-Spuren sicherstellten, konnten sie diese keiner Täterschaft zuordnen. Es gab keine Treffer in einer in- oder ausländischen Datenbank.

E

Erbverzicht: Gegen das Opfer Carla S. wurde ein Konkursverfahren eröffnet. Die Frau war aber nicht verschuldet, sondern die Eltern und der Bruder wollen nichts mit dem Haus, in dem der Mord geschah, zu tun haben. Sie hatten die Erbschaft ausgeschlagen und aus diesem Grund wurde ein vorläufiges Konkursverfahren eröffnet.

F

Facebook: Vier Stunden vor ihrem Tod postete Carla S. noch eine Nachricht auf Facebook. Um 7.01 platzierte sie ein Smiley mit Herzkuss an ihren Sohn Dion. Dies auf die Meldung, dass sie – exakt am Todestag – seit fünf Jahren auf Facebook miteinander befreundet seien.

G

Gedenkseite: Eine Freundin der Familie hat ein virtuelles Kondolenzbuch für die Familie S. eingerichtet. Unter einer Gedenkseite kann Bekannten und Verwandten kondoliert und Kerzen «angezündet» werden. Hier geht es zum Link.

H

Handydaten: Die Polizei war am Überprüfen von mehreren Zehntausend Handy-Nummern von Personen, die am Tatmorgen mit Handy unterwegs waren. Die Personen müssen kein SMS geschrieben oder telefoniert haben, das eingeschaltete Handy genügt. Die Nummern stammen von Handy-Antennen der Region.

I

Interpol: Der Mord beschäftigt nicht nur die Ermittler in der Schweiz, sondern auch Polizisten im Ausland. Die Aargauer hatten die internationale Polizeibehörde Interpol um Hilfe gebeten und wollten wissen, ob in anderen Ländern schon Taten nach ähnlichem Muster begangen worden waren.

K

Kirche: Rund 700 Menschen haben sich am Abschiedsgottesdienst Anfang Januar in der reformierten Kirche Rupperswil und im Gemeinderaum nebenan eingefunden, wo der Gottesdienst per Video übertragen wurde. Nicht dabei waren die beiden Trauerfamilien und der Partner von Carla S.

L

Leichen: Als die Feuerwehr ins Innere des Hauses drang, fand sie die vier Leichen mit Klebeband und Kabelbinder gefesselt, geknebelt und erstochen vor. Sie waren mit Brandbeschleuniger übergossen und angezündet worden.

M

Motiv: An der Pressekonferenz sprach die Polizei von einem finanziellen und sexuellen Motiv. Einerseits hatte der Täter die Mutter gezwungen, Geld von der Bank abzuholen, andererseits hatte er den 13-jährigen Sohn noch sexuell missbraucht.

N

Nachbarschaft: In der Nachbarschaft war der Täter als der nette junge Mann von nebenan bekannt. Er grüsste freundlich, hatte aber kaum Kontakt. Auch beim Fussballclub wird er als hilfsbereit, engagiert, aber auch als Einzelgänger beschrieben.

O

Opfer: Bei den vier Opfern, die am 21. Dezember 2015 tot im Einfamilienhaus im Spitzbirrliquartier gefunden wurden, handelt es sich um die 48-jährige Hausbesitzerin Carla S., ihre beiden 13- und 19-jährigen Söhne Davin und Dion sowie dessen 21-jährige Freundin Simona F. Die junge Frau war im Haus zu Besuch, sie wohnt ganz in der Nähe bei ihrer Familie im gleichen Quartier.

P

Profiler: Die Aargauer Kantonspolizei hatte neben ihren Spezialisten auch ein gemischtes Profilerteam aus Deutschland und der Schweiz beigezogen.

Q

Qual: Dass der Täter den Opfern die Kehlen durchschnitt, obwohl er auch eine Pistole bei sich hatte, sagt etwas über ihn aus. Wie der Gerichtspsychiater Thomas Knecht in der AZ sagt, ist das Töten mit einem Messer eine sehr intime Art, jemanden umzubringen. «Man sucht aktiv die Nähe des Opfers. Ein Täter, der sein Opfer widerwillig umbringt, würde eher auf Halbdistanz gehen und eine Schusswaffe benutzen.»

R

Rupperswil: Die rund 5000 Einwohner zählende Gemeinde in der Nähe von Lenzburg war in der Vergangenheit vor allem durch die Zuckermühle bekannt. Mit dem Vierfachmord vom 21. Dezember 2015 hat das Dorf landesweit eine traurige Berühmtheit erlangt.

S

Sonderkommission: So viele Polizisten waren im Kanton Aargau für einen Fall noch nie im Einsatz. Am Fall arbeitet eine Sonderkommission von 40 Personen. Sie arbeiten rund um die Uhr, sieben Tage in der Woche.

T

Täter: Der verhaftete Täter ist 33 Jahre alt, Schweizer, ewiger Student, Besitzer von zwei Huskys, ehemaliger Junioren-Fussballtrainer und wohnt rund 500 Meter vom Tatort entfernt.

U

Untersuchungshaft: Obwohl die Polizei über hundert Personen einvernommen hatte, wurde bis zur Verhaftung des Täters vorher niemand in Untersuchungshaft gesetzt.

V

Vierfachmord: Das brutale Tötungsdelikt sucht in den letzten Jahren seinesgleichen in der Schweiz. Der Fall ist vergleichbar mit dem Mordfall Seewen im Kanton Solothurn 1976 mit fünf Opfern. Dies gilt als grösstes ungeklärtes Verbrechen der Schweizer Kriminalgeschichte.

W

Wiederholungstäter: Offenbar plante der Täter weitere ähnliche Taten. Davon gehen die Ermittler nach der Hausdurchsuchung des 33-Jährigen aus. Ein Rucksack mit den Fesselutensilien und Aussagen des Täters bei der Einvernahme deuten darauf hin. Unmittelbar vor einer Wiederholungstat stand er aber nicht, denn er hatte die Utensilien nicht dabei, als er im Raum Aarau verhaftet wurde.

XY

XY: Es war geplant gewesen, in der Sendung «Aktenzeichen XY Ungelöst» vom 8. Juni den Fall Rupperswil zu zeigen. Die Sendung wäre ausnahmsweise auch in der Schweiz auf SRF 2 ausgestrahlt worden. Die Szenen wurden bereits gedreht, nicht am Tatort, sondern in Raum München/Fürstenfeldbruck in Deutschland.

Z

Zeugenaufruf: Mit einem Zeugenaufruf im In- und Ausland und einer Rekordbelohnung für die Aufklärung des Verbrechens in der Höhe von 100'000 Franken hoffte die Polizei, den entscheidenden Hinweis zu erhalten. Dies war aber nicht der Fall, die Polizei ermittelte den Täter alleine.