Lehrstellen-Trendwende

20. Juni 2011 12:23; Akt: 20.06.2011 14:28 Print

Der Kampf um die jungen Talente beginnt

Gab es in den letzten Jahren stets zu wenig Lehrstellen, ist dies 2011 anders. Ende April waren sogar noch 20 000 Lehrstellen offen. Es fehle an gut ausgebildeten Schülern, warnt der Bund.

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Das Lehrstellenbarometer des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT) weist 81 000 Lehrstellen aus, die Unternehmen in der Schweiz für 2011 ausgeschrieben haben. Das sind 5000 mehr als noch vor einem Jahr. Die Zahl der Jugendlichen, die eine Lehrstelle suchen, blieb aber gegenüber dem Vorjahr unverändert bei 77 000.

Erstmals seit es das Lehrstellenbarometer gibt, interessieren sich damit weniger Leute für Lehrstellen, als es Lehrstellen gibt, wie das BBT am Montag mitteilte. Im April waren noch rund 20 000 Lehrstellen offen. «Die Entwicklung gibt Anlass zur Sorge», sagte BBT-Direktorin Ursula Renold am Montag vor den Medien in Bern.

Mechaniker und Techniker gesucht

Der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver stellte eine grundlegende Änderung am Lehrstellenmarkt fest: Während vor einigen Jahren noch Betriebe ermuntert werden mussten, Lehrstellen anzubieten, hätten die Unternehmen heute Mühe, gut ausgebildete junge Leute für ihre Ausbildungsplätze zu finden, sagte er.

Prekär ist die Situation vor allem bei den anspruchsvollen technischen Berufen. Dort ist das Angebot laut Lehrstellenbarometer deutlich höher als die Nachfrage: 20 500 Lehrstellen stehen 15 000 interessierten Jugendlichen gegenüber. In anderen Branchen liegen Nachfrage und Angebot zumeist näher beieinander.

Eine immer grössere Rolle spielt aber auch die Demografie. Die Zahl der Schulabgänger nimmt ab, so dass weniger Leute Lehrstellen suchen, während die Zahl der Lehrstellen steigt.

Lehrlinge sind gefragt

Am Lehrstellenmarkt bricht wegen der demografischen Entwicklung mehr und mehr der Kampf um die Talente aus, wie Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes (sgv), festhielt. Die Schweizer Volkswirtschaft sei aber auf die Praktiker mit Lehrabschluss angewiesen.

Ein Dorn im Auge ist Bigler deshalb die steigende Maturitätsquote. Er forderte die Kantone auf, Gymnasialklassen nicht mit schlecht qualifizierten Schülern zu füllen, die ebenso gut eine Lehre absolvieren könnten. Die Akademisierung verwässere schleichend das Niveau der Berufsbildung. Bigler fordert daher eine Begrenzung der Maturitätsquote auf 24 Prozent.

Bigler wies auch darauf hin, dass laut einer Studie aus dem Kanton Bern ein Fünftel der Lehrlinge ihre Lehre abbrechen. Die Gründe dafür seien häufig Überforderung oder falsche Vorstellungen zu einem Beruf, weil die Berufswahl nicht sorgfältig getroffen wurde.

Andere Seite der Medaille

Angebot und Nachfragen entsprechen sich auf dem Lehrstellenmarkt häufig nicht: Trotz dem Überangebot an Lehrstellen haben schlecht ausgebildete Schüler oft Mühe, den Einstieg zu finden.

Im Kanton Bern, der als typisches Beispiel für die Deutschschweiz gilt, besucht jeder fünfte Jugendliche ein Brückenangebot. Dort landen Jugendliche, weil sie sich beispielsweise auf ihren Wunschberuf konzentrierten und dort keine Lehrstelle fanden oder weil sie ihr schulisches Niveau noch verbessern müssen.

Angebote für Schlechtqualifizierte

Damit diese Jugendlichen nicht zwischen Stuhl und Bank fallen, setzen Bund, Kantone und Wirtschaft auf eine Reihe von Massnahmen, wie etwa niederschwellige Angebote oder ein Fall-Management, mit dem gezielt mit Jugendlichen gearbeitet wird, die Probleme haben, eine Lehrstelle zu finden.

Dennoch lauert aus Sicht des Luzerner Nationalrats Otto Ineichen (FDP) eine «Sozialbombe», weil immer mehr Jugendliche aus der Arbeitslosenkasse ausgesteuert werden und deshalb in die Sozialhilfe abdriften. Der Präsident der Stiftung Speranza, die sich gegen die Jugendarbeitslosigkeit engagiert, schätzt die Zahl auf derzeit 25 000 Ausgesteuerte im Alter von 18 bis 25 Jahren.

BBT-Direktorin Renold konnte die Zahl nicht bestätigen, räumte aber ein, dass viele Gemeinden Mühe hätten, Problem-Jugendliche in die Arbeitswelt zu vermitteln.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Liam am 20.06.2011 13:54 Report Diesen Beitrag melden

    Wundert mich nicht

    ich glaube nicht das die Schüler zuwenig gut ausgebildet sind, sondern dass die Messlatte der Firmen viel zu hoch ist. Man wil ja nur noch Sek A Schüler mit einem Durchschnitt ab 5.0. Dazu kommt noch, dass alle eine kaufmännische Ausbildung machen wollen und kein handwerklichen Beruf, da man in diesen Berufen sowieso immer schlechter verdient. Es gibt auch heute schon handwerkliche Berufe, wo Sie Sek A verlangen, dann muss man sich nicht wundern, wenn diese Schüler das nicht machen wollen. etc.

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  • Mike am 21.06.2011 07:51 Report Diesen Beitrag melden

    Talentiert aber faul

    Dann findet man einen der Talent hätte. Dieses stellt sich dann als faul, frech und völlig verzogen heraus. So mühsam teilweise. Jemandem reicht es nicht, obwohl er alles dafür tut, der andere hat die Gabe, aber tut alles um gefeuert zu werden. Es ist nicht mehr einfach einen passenden talentierten Lehrling zu finden.

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  • D. Mograf am 21.06.2011 01:45 Report Diesen Beitrag melden

    Jetzt kehrt's

    Jetzt wird den geburtenschwachen Jahrgängen ein schöner roter Teppich ausgerollt.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Daniel am 27.06.2011 09:06 Report Diesen Beitrag melden

    Soviel zum Thema Deutsche in der Schweiz

    Man sollte sich weniger Gedanken darüber machen, ob man Deutsche mag (bin selbst Deutsch), sondern wo sich die Schweiz Gesamt-Volkswirtschaftlich befindet. Auf jeden Fall kann man sich nicht auf der einen Seite beschweren, es gibt zu viele Ausländer, wenn man auf der anderen Seite sie in die Schweiz bittet!

  • Saskia am 21.06.2011 09:28 Report Diesen Beitrag melden

    Einstellung

    Ich denke es liegt an der Einstellung der Jugendlichen. Sie schreiben 3, 4 Bewerbungen und wenn keine Zusage kommt sind sie nacher deprimiert und haben keine Lust mehr. Oder wollen es erst garnicht probieren eine zu finden. Meiner Meinung nach gehört einfach mehr dazu. Mann sollte die Lehrstellensuche motiviert angehen, natürlich gehören auch guete Schulnoten dazu. Aber es gibt solche Unternehmungen welche bei den Noten ein Auge zudrückt weil sich der/die Jugendliche beim Schnuppern vollen Einsatz gezeigt hat.

  • Martin am 21.06.2011 08:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ja

    Ich gehe selber in die 8.Klasse und ich kann dies bestätigen, jedoch habe ich noch mehr Prüfungen als hier gennant wurden. Ich habe ca.15 Prüfungen pro Semester, in einem Fach! Ich bin auch auf Lehrstellensuche und muss noch den Multicheck absolvieren gehen - Ohne den Multicheck geht heute garnichts mehr!

    • Andrea am 24.06.2011 15:19 Report Diesen Beitrag melden

      Multicheck?! - reinste Abzocke!

      Der Multicheck ist reinste Abzocke! Die Resultate stimmen ebenfalls nicht!! Als ich ihn machen musste, hat mehr als die Hälfte der Gruppe genau 39% erreicht - und mit 40% hat man bestanden. Seltsam - nicht? Dann denkt man, wegen 1% nicht bestanden, also gibt man WIEDER Geld aus und macht den Test erneut... Als ich aber den Kompass-Test (ähnlich wie der Multicheck, einfach viel schwieriger, mehr Aufgaben etc.) in ZH machen musste, habe ich diesen mit erstaunlich gutem Ergebnis bestanden! Wieder seltsam, nicht wahr? ....

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  • Mike am 21.06.2011 07:51 Report Diesen Beitrag melden

    Talentiert aber faul

    Dann findet man einen der Talent hätte. Dieses stellt sich dann als faul, frech und völlig verzogen heraus. So mühsam teilweise. Jemandem reicht es nicht, obwohl er alles dafür tut, der andere hat die Gabe, aber tut alles um gefeuert zu werden. Es ist nicht mehr einfach einen passenden talentierten Lehrling zu finden.

    • Steffi,SO am 21.06.2011 18:54 Report Diesen Beitrag melden

      Talentiert aber faul

      Ist auch nicht einfach talentierte Lehrmeister zu finden.

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  • Fizzi am 21.06.2011 07:05 Report Diesen Beitrag melden

    Schlecht ausgebildete Schüler?

    Was soll das senn heissen? An der Ausbildung in der Schule kann es wohl kaum liegen. Und wieder soll der Steuerzahler diejenigen unterstützen, die das Leistungsprinzip immer noch nicht begriffen haben. Hätschelkurs für Schüler mit Migrationshintergrund, nichts anderes. Warum sollten die sich in der Lehre plötzlich anstrengen was sie vohrer in Jahren der Schule nicht fertig gebracht haben?