Unbegleitete Flüchtlingskinder

23. Juli 2019 19:32; Akt: 24.07.2019 00:09 Print

Der Tag, an dem Ahmad bei Frau Strub einzog

von Désirée Pomper - Ein afghanischer Flüchtlingsbub, der sich jahrelang alleine durchgeschlagen hat, lebt plötzlich in einer Schweizer Familie mit Regeln und Struktur. Kann das gut gehen?

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Mira Strub legte einen Plüschesel auf Ahmads frisch bezogenes Kopfkissen, bevor sie an einem Dezemberabend vor über drei Jahren aufs Sozialamt Aarau fuhr. «Ich erwartete einen kleinen, von der Flucht ausgezehrten Jungen», erinnert sie sich. Stattdessen stand da ein hochgeschossener Bub. Sie erschrak. Wie, um Himmels willen, konnte sie das Vieh auf dem Bett noch rechtzeitig zum Verschwinden bringen? Auf der Heimfahrt legte Frau Strub eine CD mit arabischer Musik ein. Im Rückspiegel sah die 55-Jährige, wie Ahmad und ihr jüngster Sohn Nino Fussballbilder in ein Panini-Album einklebten und Spielernamen austauschten. Zu Hause stand ein afghanisches Reisgericht auf dem Tisch.

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Als Ahmad erstmals Frau Strubs Haus im bernischen Langenthal betrat, fielen dem damals 14-Jährigen die nackten Böden auf. Keine weichen Teppiche überall wie zu Hause. Ahmad wunderte sich über die Sprache, den Reis, der im Wasser statt im Öl gekocht wurde, und über die Post-its mit seltsamen Zeichen, die auf jedem Gegenstand klebten. Hätte Ahmad lesen können, hätte er die Wörter in der neuen Sprache entziffern können: Fenster. Stuhl. Gabel. Messer. Zahnbürste. Ahmad legte sich in das Bett, das nun seines war. Erstmals kein fremder Atem im Schlafzimer. Dafür Gitarrenklänge aus der Stube. «Ich war in einer anderen Welt gelandet», sagt Ahmad.

Drei Wochen nach seiner Ankunft sagte Ahmad «Mama» zu ihr.

«Ich dachte, vielleicht hat der Bub Angst und die Musik entspannt ihn», erinnert sich die 55-jährige alleinerziehende Mutter von vier Kindern zwischen 16 und 30 Jahren. Dass nun ein minderjähriger unbegleiteter Asylbewerber in ihrem Haus lebte, hatte sie Nino zu verdanken. Der Nachzügler hatte sich noch einen Bruder gewünscht. Als sie hörte, dass Pflegefamilien für junge Flüchtlinge gesucht wurden, meldete sie sich. «Das war auch meine Art, Verantwortung zu übernehmen für die Flüchtlingskrise, die wir mitverschulden», sagt die Kunsttherapeutin.


Mira Strub (55) hat vier eigene Kinder, arbeitet zu 60 Prozent als Kunsttherapeutin und ist alleinerziehend.

Nachts schlich sich Nino in Ahmads Zimmer. Sie spielten heimlich Playstation, schauten Fernsehen, quatschten bis nach Mitternacht. Tagsüber spielten sie Fussball. Als sich Ahmad beim Sport verletzte, setzte Frau Strub ihm nach Anleitung des Arztes regelmässig eine Spritze. Frau Strubs Hundedame legte sich auf sein Bett. Das verstiess zwar gegen die Hausregeln. «Aber bei Ahmad machte ich eine Ausnahme. Ich dachte, der Hund muntere ihn auf.» Zum Geburtstag schenkte Frau Strub Ahmad ein Handy. An seinem ersten Schultag machte sie ein Foto von ihm. Fand er nachts nicht in den Schlaf, streichelte sie dem Pflegesohn über den Arm. Drei Wochen nach seiner Ankunft sagte Ahmad «Mama» zu ihr.

Später sollte Ahmad seinen Freunden erzählen: «Ich habe eine Mutter, die mich auf die Welt gebracht hat. Und eine Mutter, die mir gezeigt hat, wie ich mich in dieser Welt zurechtfinde.» Frau Strub erinnere ihn manchmal an seine richtige Mutter. Auch sie sei einfühlsam, lustig und energisch. «Und beide lieben es, zu diskutieren.» Er vermisse sie irrsinnig, seine richtige Mutter. Ein- bis zweimal pro Monat telefoniert er mit ihr. Sobald er den Ausweis B hat, will er seine Eltern und Geschwister besuchen.

Als er sich einmal weigerte, den Abfallsack zu entsorgen, stellte ihn Frau Strub kurzerhand in sein Zimmer.

Wenn Frau Strub zur Arbeit ging, ass Ahmad nach der Schule beim Grosi zu Mittag. Sie lehrte den Jungen, der noch nie eine Schule besucht hatte, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Zahl für Zahl. «Gell Ahmad, wir haben es immer gut zusammen. Wir umarmen uns, wenn wir uns sehen. Wir haben nie Streit.» Ahmad nickt. «Ja, Grosi. So ist es.»

Die Spannungen begannen nach etwa einem Jahr. Ahmad sollte wie seine zwei Pflegebrüder, die noch zu Hause leben, regelmässig das Badezimmer putzen, staubsaugen, für die Schule lernen, das Handy um 23 Uhr abgeben. Doch auf Ämtli und Regeln hatte Ahmad keinen Bock. Als er sich einmal weigerte, den Abfallsack zu entsorgen, stellte ihn Frau Strub kurzerhand in sein Zimmer. Richtig wütend wurde Ahmad, als er das Handy nicht ins Sommerlager mitnehmen durfte, so wie es die Leitung vorschrieb. «Ich dachte, Ahmad wolle sich aus kulturellen Gründen einfach nichts von einer Frau sagen lassen. Da habe ich erst recht den Chef markiert.» Sie würde lügen, wenn sie sagte, sie habe nie mit dem Gedanken gespielt, das Projekt abzubrechen. Doch sie verwarf den Gedanken schnell: «Ahmad gehörte bereits zu unserer Familie. Wir konnten ihn nicht wie einen nassen Regenschirm einfach in die Ecke stellen.» Und da war auch ihr Sohn Nino. «Wenn du ihn wegschickst, gehe ich auch», sagte er. Ahmad blieb.

«Manchmal fühlte ich mich hier wie im Gefängnis. Früher machte ich, was ich wollte.»

Auch der Flüchtling spielte mit dem Gedanken, die Schweizer Familie zu verlassen und in ein Asylheim zu ziehen. «Manchmal fühlte ich mich hier wie im Gefängnis. Ich war es nicht gewohnt, dass mir jemand sagt, wann ich zu Hause sein muss, dass wir zusammen essen sollen, dass ich nicht rauchen darf», sagt er rückblickend.


Ahmad (17) wird nach nur dreieinhalb Schuljahren im August eine Lehre als Logistiker beginnen.

Er sei in einer Welt gross geworden, in der jeder das machen konnte, was er wollte. Gemäss Ahmads Erzählungen lebte er zwischen dem 8. und 14. Lebensjahr alleine ohne seine Familie mit Jugendlichen zusammen in einer Fabrik im Iran. Dorthin war seine afghanische Familie aus politischen Gründen geflüchtet. In der Fabrik nähte Ahmad Taschen und Rucksäcke und schlief mit den Jugendlichen in einem grossen Schlafsaal.

Er sei auf sich alleine gestellt gewesen, als er verprügelt wurde. Als er während seiner späteren Flucht nach Europa Dutzende Kilometer laufen musste. Als er an der iranisch-türkischen Grenze vom Militär beschossen wurde. Frau Strub habe gedacht, er sei noch ein Kind. «Dabei war ich in meinem Kopf schon ein alter Mann.» Trotz den Familienregeln beschloss Ahmad durchzuhalten.

«Da war erstmals dieser Gedanke. Dass ich nicht alles alleine schaffen muss. Dass ich nicht alleine bin.»

Im Februar dieses Jahres klingelte Frau Strubs Telefon. Ahmad lag nach einem Streit mit gebrochener Nase im Spital. Sie raste ins Krankenhaus und verbrachte die ganze Nacht an seinem Bett. Seine Pflegebrüder und -schwestern brachten ihm Schokolade und eine Zimmerpflanze. «In zwei Monaten wirst du wieder der Alte sein», ermunterten sie ihn.

In diesen Tagen im Spitalbett änderte sich etwas: «Da war erstmals dieser Gedanke, wie wunderschön es ist, eine Familie zu haben. Dass ich mich fallen lassen kann und aufgefangen werde. Dass ich nicht alles alleine schaffen muss. Dass ich nicht alleine bin», sagt Ahmad. Eine Familie verlange viel, aber sie gebe noch mehr zurück. Unterstützung, Zuversicht, Gemeinschaft. «Geld kommt und geht. Freunde kommen und gehen. Frau Strub und meine Geschwister dagegen bleiben. Sie sind einfach da.» Er habe Frau Strub bisher nie richtig für alles gedankt. Die Worte kämen ihm einfach nicht über die Lippen. «Aber eines Tages will ich meiner Schweizer Mutter helfen, so wie sie mir geholfen hat.»

«Ich will in einigen Jahren in einer Aula sitzen und klatschen, wenn Ahmad sein eidgenössisches Lehrabschluss-Diplom in den Händen hält.»

Bald wird Ahmad 18. Dann erhält Frau Strub kein Geld mehr für Kost, Logis und Betreuung von der Gemeinde und vom Kanton, sondern nur noch einen kostendeckenden Betrag. Sie könnte sagen: «So, jetzt bist du erwachsen» und Ahmad weiterziehen lassen in ein Asylheim. Doch sie kann es nicht. Obwohl die Bernerin müde ist und manchmal das Gefühl hat, dass ihr jüngster Sohn Nino mehr Aufmerksamkeit braucht.

Im August beginnt Ahmad eine Lehre als Logistiker. «Ich will in einigen Jahren in einer Aula sitzen und klatschen, wenn Ahmad sein eidgenössisches Lehrabschluss-Diplom in den Händen hält und ein selbstständiges Leben beginnen kann. Diesen Traum, für den wir alle gekämpft haben, will ich nicht aufs Spiel setzen.»

«Als Kind in der Fabrik dachte ich, entweder bin ich mit 18 tot oder im Gefängnis.»

Ahmad mit dem Lehrabschluss: Es wäre der Verdienst aller. Von Frau Strub, die gelernt hat, afghanisch zu kochen und stundenlang mit Ahmad für Prüfungen gebüffelt hat. Den Pflegegeschwistern, die sich auf einen Fremden eingelassen und sich ohne zu murren ein Stück zurückgenommen haben. Und von Ahmad. «Als Kind in der Fabrik dachte ich, entweder bin ich mit 18 tot oder im Gefängnis. Jetzt lebe ich in Freiheit, beginne eine Lehre und habe eine zweite Familie. Mein Ziel ist es, meine Lehre erfolgreich abzuschliessen: «Für meine richtige Mutter, meine Schweizer Mutter, aber vor allem für mich selber.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Realist am 23.07.2019 21:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vor Ort helfen!

    Mit den 2-4000 SFr monatlich (ja, man bekommt auch mehr Steuergelder als die 2500), mit dem Geld könnte man 10 Familien helfen wenn man vor Ort helfen würde. Wir können schlicht nicht die ganze Welt retten. Es geht nicht. Wir können aber viel mehr retten wenn wir VOR ORT helfen.

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  • Laimigs am 23.07.2019 19:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch unsere Kinder haben Humanität verdient

    Ich bin auch dafür, dass wir uns alle mehr um die Schwächeren in der Gesellschaft kümmern. Das Problem ist einfach, dass wir nicht das ganze Elend dieser Welt in unserem kleinen Land aufnehmen können. Ich möchte, dass auch meine Kinder mit ihren Kindern dereinst über Wiesen tollen können. Die ungezügelte Einwanderung läuft leider eher Richtung Betonwüste hinaus.

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  • Muni am 23.07.2019 20:06 Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz zuerst

    Schön wenn man sich auch für benachteiligte Schweizer Jugendliche einsetzen würde!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Wildheuer am 24.07.2019 08:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke und ...

    Chapeau ! Mehr gibts da nicht zu sagen !

  • Andreas Nobel am 23.07.2019 22:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso afghanisches Essen?

    Wieso arabische Musik und afghanisches Essen? Egal ob Flüchtling oder nicht, die müssten sich von Anfang an auf unsere Gegebenheiten einstellen. Gut gemeint, aber schlecht gedacht.

  • Tommy am 23.07.2019 22:49 Report Diesen Beitrag melden

    Mitschuld

    Die Idee, dass man mitschuldig am Leid der Welt ist, nur weil man privilegiert genug war in der Schweiz geboren zu sein, ist völlig abwegig. Dies ist gewissermassen das Prinzip der Erbsünde im weltlichen Rahmen und steht im totalen Widerspruch unserer geistigen Werte und Errungenschafen. Gut ist wer gutes tut und dies ohne Zwang und moralischen Zeigefinger.

  • Unternehmer am 23.07.2019 22:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch wir haben es probiert

    Auch wir haben in unserem Unternehmen zwei Asylbewerber für Arbeit aufgenommen. Leider hatten wir die Geduld und das Geld für Betreuung nicht! Die kulturellen Unterschiede - einfache schweizerische Lebens Umständen hat leider nicht mit denjenigen übereingestimmt!

  • Ramona am 23.07.2019 22:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unterschied ?

    Mit 12 Jahren wurde ich Vollwaise. Keine Geschwister, Verwandtschaft bereits ausgestorben. Alles was ich hatte war ein Vormund und Heimplatz. Warum hatte mir dsmals niemand geholfen als Schweizerkind ?