Waffenschutzinitiative

14. Februar 2011 17:49; Akt: 14.02.2011 18:03 Print

Der fehlende Nebensatz

von Ronny Nicolussi - Kriminologe Martin Killias wirft dem Bundesamt für Statistik vor, im Abstimmungskampf mit falschen Zahlen operiert zu haben. Dieses schlägt derweil neue Töne an.

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Laut Thomas Reisch, Verfasser des BAG-Faktenblatts, stimmt diese BFS-Statistik nicht. Aus dieser geht hervor, dass 2009 lediglich bei neun Prozent aller Suizide durch Erschiessen Armeewaffen eingesetzt wurden. «Da nicht in allen Kantonen die gleichen Waffen-Kategorien erhoben wurden, muss davon ausgegangen werden, dass sich auch unter den Kategorien Faustfeuerwaffe, Pistole, lange Feuerwaffe, Gewehr, Sturmgewehr und bei den Suiziden durch Erschiessen «ohne Angabe des Tatmittels» Armeewaffen befinden» so Reisch. Das BAG-Faktenblatt zeigt auf, dass Waffen besonders bei Suiziden von Männern eine grosse Rolle spielen. Über 95 Prozent aller Schusswaffensuizide betreffen Männer. Insgesamt ist seit 1995 bei rund einem Viertel aller Suizide eine Schusswaffe eingesetzt worden. Etwa gleich häufig haben Lebensmüde Erhängen als Methode gewählt, gefolgt von Medikamenten (20,4 Prozent) und dem Sprung in die Tiefe (10,9 Prozent). In 6,5 Prozent der Fälle haben sich Selbstmörderinnen und Selbstmörder vor fahrende Gegenstände gelegt – zumeist vor Züge. Bei den 20- bis 29-Jährigen – also den dienstpflichtigen Jahrgängen – ist Erschiessen mit über 35 Prozent der Fälle jedoch deutlich die häufigste Suizidmethode. Je nach Lebensalter werden unterschiedliche Suizidformen gewählt. Während sich 40- bis 59-jährige Lebensmüde am häufigsten erhängen, wählen Menschen im hohen Alter zunehmend Medikamente zur Selbsttötung. Insgesamt sterben in der Schweiz jährlich etwa 1300 Menschen durch Suizid. Gemäss Studienverfasser lässt die Korrelation zwischen Schusswaffensuiziden und dem Effektivbestand der Armeewaffen auf einen aussergewöhnlich starken Zusammenhang schliessen. Während im Zeitraum von 1995 bis 2002 bei einem Armeewaffenbestand von über Armeewaffen noch rund 250 Schusswaffensuizide. Die Einführung der Armee XXI hatte zu einer deutlichen Reduktion des Armeebestandes und damit gleichzeitig auch zu einer Reduktion der Anzahl verfügbaren Armeewaffen geführt. Die Suizidrate ging bei sämtlichen Alterskategorien unter 60 Jahren zurück, am stärksten bei den 30- bis 39-Jährigen. Das BAG führt das darauf zurück, dass unter 50-Jährige durch die Reduktion des Armeebestandes weniger Kontakt zur Armeewaffe hatten als die Generation vor ihnen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Nach dem Nein zur Waffenschutzinitiative übt der Zürcher Strafrechtsprofessor Martin Killias harte Kritik am Bundesamt für Statistik (BFS): «Wenn eine Gemeinde derart falsch informiert wie das BFS vor dem Abstimmungssonntag, wird das Abstimmungsergebnis in vielen Fällen annulliert.» Konkret geht es um den prozentualen Anteil von Armeewaffen bei Suiziden mit Schusswaffen des BFS. Laut dem Bundesamt lag dieser im Jahr 2009 bei neun Prozent. Ein Faktenblatt aus dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) legte hingegen den Schluss nahe, dass bei jedem zweiten Suizid mit einer Schusswaffe eine Armeewaffe eingesetzt wird.

Welche Statistik eher der Realität entspricht, bleibt vorerst offen. Das BAG nahm Anfang Februar nach der Berichterstattung über den eklatanten Unterschied der beiden Statistiken das Faktenblatt bis zur Klärung der Umstände vom Netz, da die statistische Oberhoheit beim BFS liege, wie eine BAG-Sprecherin damals auf Anfrage sagte. Für Killias der falsche Entscheid: «Die Zahlen des Bundesamts für Statistik sind ja nicht einfach ein bisschen quer, sondern krass falsch.»

Dass dem so sein könnte, darauf deutet auch die heutige Stellungnahme des BFS hin. Nach langen Abklärungen hält das Bundesamt zwar an den eigenen Daten fest. Jedoch nicht mehr in der Absolutheit wie noch Mitte Januar. Damals hiess es, «dass von allen diesen Schusswaffensuiziden 9 Prozent gemäss Meldung der Polizei mit einer Armeewaffe verübt wurden». Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement und in der Folge auch die Initiativgegner verwiesen im Abstimmungskampf immer wieder auf diese neun Prozent.

Neun Prozent sicher - und der Rest?

Erst heute räumt BFS-Sprecherin Verena Hirsch auf Anfrage von 20 Minuten Online ein, dass 2009 in neun Prozent der Fälle «sicher» Armeewaffen bei Schusswaffensuiziden zum Einsatz kamen. Dieses eine, kleine Wort macht den Unterschied. Anders als bis zur Abstimmung stellt sich das BFS damit nicht mehr auf den Standpunkt: neun Prozent Armeewaffen - ergo 91 Prozent keine Armeewaffen. Sondern: neun Prozent sicher Armeewaffen - in 91 Prozent der Fälle keine Information darüber, ob es sich um eine Armeewaffe handelte oder nicht.

Hirsch versteht die Aufregung nicht. Sie erinnert daran, dass das BFS keine Abstimmungspropaganda betreibe und keine Meinung publiziere, sondern Fakten. Und dass die Faktenlage für das Bundesamt für Statistik auch heute noch unverändert sei. «Wir haben gemäss gängiger Praxis die Zahlen publiziert, die die Kantone dem BFS zur Verfügung gestellt hatten», so Hirsch. Was im ganzen Abstimmungskampf jedoch fehlte, war der klärende Nebensatz.

Kein Kontakt mit Forschern

Kriminologe Killias ärgerte sich aber nicht nur über den fehlenden Nebensatz, sondern auch darüber, dass das BFS Zahlen publizierte, ohne mit den verschiedenen Forschern Kontakt aufzunehmen, die übereinstimmend Werte um 40 bis 50 Prozent erhoben hatten. «Wann immer bei einer unserer Studien etwas völlig Ungewöhnliches herauskommt, probiere ich durch Rücksprache mit Kollegen zu verstehen, wie es dazu gekommen ist», sagt Killias. Ganz im Gegenteil das BFS. Dieses hielt unbeirrt an den eigenen Zahlen fest und reagierte während des Abstimmungskampfs weder auf ein Schreiben Killias' noch auf eine damalige Anfrage von 20 Minuten Online.

Besonders schlimm findet der Strafrechtsprofessor, dass das BFS nicht bereit war, im Nachhinein die eigenen Zahlen zu relativieren. «Diese Fehlinformation der Stimmbürger durch eine Amtsstelle ist krass und einmalig», so Killias. Das BFS müsse jetzt offiziell Stellung nehmen, wie die «falschen Zahlen» zustandegekommen seien und welche Konsequenzen daraus gezogen würden. Zudem erhofft er sich, dass die BFS-Fehlinformation auch politisch diskutiert wird. Schliesslich habe diese auch Einfluss auf das Abstimmungsresultat gehabt.

Relevanz von Falschinformationen

Eine Annullierung des Volksentscheids zu verlangen, das ginge aber auch dem Kriminologen zu weit. Einerseits sei das bei Abstimmungen auf Bundesebene bisher nie geschehen und andererseits stelle sich wie immer bei Falschinformationen die grosse Frage, wie relevant diese für den Ausgang einer Abstimmung waren. Bei der gestrigen Abstimmung, ist Killias überzeugt, dürften die falschen Zahlen kaum ausschlaggebend gewesen sein. Er moniert jedoch, in Zukunft müsse im Umgang mit solchen Fehlinformationen kritischer umgegangen werden.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hampe Siegrist am 15.02.2011 11:26 Report Diesen Beitrag melden

    Sapere aude!

    Als Schweizer fühle ich mich zunehmend unwohl in meiner Heimat... Fängt an, wieder selber zu überlegen und zu hinterfragen! Findet aus eurer selbstverschuldeten Mündigkeit!

  • Gabriel am 14.02.2011 18:56 Report Diesen Beitrag melden

    Brutalisierung der Gesellschaft

    In der Schweiz es gibt viel zu viele psychisch-unstabile Menschen die bei Auseinandersetzungen oder Krisensituationen die Waffen greifen damit diese gegen sich selber oder gegen Anderen richten und Probleme "LÖSEN". Diese Abstimmung wirft Schatten über die emotionale Gesundheit des Landes und stimmt überein mit dem Tendenz "Brutalisierung der Gesellschaft" der vergangenen 3 Jahren. Waffen statt Bildung. Super!

  • Ruedi Meier, Kloten am 15.02.2011 09:55 Report Diesen Beitrag melden

    Lügen oder Demokratie?

    Egal ob ich für oder gegen die Initiative - Daten des Bundes müssen ehrlich und klar sein. Bei 2 so unterschiedlichen Zahlen müssen die beiden Ämter zusammen raufen und sich auf 1 Zahl einigen. Wie sollen wir sonst dem Bund für die nächsten Abstimmungen glauben? Das hat nichts mit Rechts- oder Linksdenken zu tun, das ist Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Wenn wir nicht bereit sind, aus diesem Vorfall zu lernen, müssen wir uns nicht wundern, wenn das Volk den Beamten und den Politikern noch weniger vertraut.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Anke am 17.02.2011 15:49 Report Diesen Beitrag melden

    komische Sachen

    naja es ist ja immer noch nicht geklärt, wer jetzt die falschen Zahlen brachte oder hab ich im Artikel was überlesen? Es könnte doch auch sein, dass die Zahlen vom BAG komplett falsch waren. Abgesehn davon, wer sich umringen will, kann auch ein Strick nehmen, von der Brücke springen etc. Dazu braucht es keine Waffe.

  • Ostschweizer am 17.02.2011 13:41 Report Diesen Beitrag melden

    Tabletten =Waffe

    Was ist mit Tabletten, Wie viele Menschen bringen sich mit Tabletten um?

  • Schütze am 17.02.2011 10:04 Report Diesen Beitrag melden

    Wo waren sie den Herr Killias

    Uns die Sportgeräte stehlen wollen (nach Auskunft der Initianten war entschädigung nicht geplant)ud wenn sie Und nicht mas wenn sich jemand unter Beobachtung des SF1 fast öffentlich umbringt in der Lage das zu verhindern. Und obendrauf der senile Sieber der gleich alles Bibelfremde verbieten will während er sich als grosser Gönner beim Ausgeben von Spenden sieht.

  • Monique am 16.02.2011 16:05 Report Diesen Beitrag melden

    Statistiken sollen die Wähler nach Gusto beeinflus

    Na bitte. Ich sage immer wieder, dass für mich die Statistiken absolut irrelevant sind. Neulich hat BFS wieder mal eine Umfrage (obligatorisch selbstverständlich) gestartet u. man kann sich wahrlich wundern über den angegebenen Zweck, geschweige denn von gestellten Fragen. Bei der Wa ffen-Inistiative hat die Gehirnwäsche nur in Westschweiz, BL-Stadt u. kein Wunder, Stadt Zürich funkrioniert. Die bittere Enttäuschung über das Abstimmunsresultat äusserte sich in dem von Medien neu geschaufelten Graben zw. Stadt und Land.

  • asdf am 15.02.2011 23:12 Report Diesen Beitrag melden

    Hmm...

    Wenn 17% der Suizide mit Schusswaffen erfolgen... dann beziehen sich z.B. die Suizide mit Pistole = 21% auf die 17% (also Suizide mit Pistole bezüglich aller Suizide = 0.21*0.17*100 = 3.57%). Ergibt dann ca 1.5% Suizide mit Armewaffen bezogen auf alle Suizide. Oder seh ich was falsch ? Hilft mir jemand auf die Sprünge ?