Kamera hier, Kamera da

18. August 2011 07:45; Akt: 18.08.2011 09:01 Print

Der grosse Bruder hat einen Wachstumsschub

von Joel Bedetti - Kameras in Schulhäusern, Zügen und Stadien: Städte und die SBB planen einen massiven Ausbau der öffentlichen Videoüberwachung. Doch erhöhen die kleinen Spione die Sicherheit auch wirklich?

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Vor drei Jahren beschloss die Stadt St. Gallen, etwas für ihre Sicherheit zu tun, und stellte 44 Überwachungskameras bei der AFG-Sportarena, an Bahnhofsunterführungen und in der Innenstadt auf. Die Bilanz: «Die Bilder haben zu vielen sachdienlichen Hinweisen geführt», sagt Hein Indermaur, Stabschef Soziales und Sicherheit in St. Gallen.

St. Gallen ist nicht die einzige Schweizer Stadt, die in Sachen Sicherheit zunehmend auf Kameraüberwachung des öffentlichen Raums setzt. Fast jede grössere Stadt, aber auch Gemeinden planen derzeit einen Ausbau der elektronischen Augen.

Schulhäuser aufrüsten

In Zürich rüsten die Verkehrsbetriebe bis Ende Jahr sämtliche Cobra-Trams mit Kameras aus. Und eben hat die Stadt ein Projekt ausgeschrieben, um ab 2012 jährlich ein Dutzend Schulhäuser mit Überwachungssystemen auszurüsten.

In Bern ist eine Überwachung zwischen dem Bahnhof Wankdorf und dem Stadion geplant, sie muss allerdings noch vom Gemeinderat abgesegnet werden. Im Januar hat zudem mit Studen die erste Gemeinde Kameras installiert, Gesuche von drei weiteren Gemeinden liegen der Polizei vor.

Basel plant in der Innenstadt eine Überwachungsanlage mit 72 Kameras, die jedoch nur bei Fanaufmärschen und Demonstrationen laufen sollen.

Jeder Regiozug wird überwacht

Die SBB rüstet bis 2014 jeden Regionalzug sowie jeden neuen Waggon für den Fernverkehr mit Kameras aus.
Nachdem die neun grossen Railcity-Bahnhöfe bereits mit Kameras ausgerüstet sind, werden nun sämtliche Bahnhöfe einer Analyse unterzogen und bei Bedarf ebenfalls elektronisch überwacht, wie SBB-Sprecherin Lea Meyer gegenüber 20 Minuten Online sagt.

Der grosse Bruder breitet seine Arme aus. «Die Tendenz hin zur Videoüberwachung des öffentlichen Raums ist seit etwa zehn Jahren ungebrochen», sagt Kosmas Tsiraktsopoulos vom eidgenössischen Datenschutz. Quantitativ ist das Wachstum kaum zu fassen - die Zuständigkeiten liegen je nach Standort der Kameras bei Gemeinden, Kanton oder beim Bund. «Der Föderalismus spiegelt sich auch in den Verwantwortlichkeiten für Überwachungskameras: Es ist ein schwer überschaubares Wirrwarr an Zuständigkeiten», sagt Viktor Györffy, Anwalt und Präsident des Vereins grundrechte.ch.

Zwiespältiger Nutzen

So verworren die Kompetenzen, so ähnlich sind jeweils die Begründungen für die Installation der Kameras: Man will bei Straftaten Beweismaterial sammeln, vor allem aber abschrecken. Kritiker zweifeln dies an: «Kameras sind zwar sinnvoll, um Beweismaterial für begangene Verbrechen aufzubewahren – wenn beispielsweise ein Vergewaltigungsopfer erst nach Wochen zur Polizei geht», sagt Kosmas Tsiraktsopoulos.

Der Präventionseffekt hingegen sei sehr beschränkt. Vandalen vermummen sich oder weichen in nichtüberwachte Areale aus», sagt Tsiraktsopoulos und verweist auf diesbezügliche Untersuchungen in London, der Stadt mit dem dichtesten Netz an Überwachungskameras. Viel zu selten frage man nach dem konkreten Nutzen von Kameras, sagt Viktor Györffy. «Wenn ein Politiker meint, handeln zu müssen, stellt er einfach ein paar Kameras auf.»

Hilfe von Piraten

Zu einem kritischen Schluss kommt auch Francisco Klauser, der als Geograf den Nutzen von Überwachungskameras sowohl in der Schweiz als auch in London untersucht hat. Konkreten Nutzen, so kommt der international renommierte und zurzeit an der englischen Durham-Universität lehrende Forscher zum Schluss, hat man bei Überwachungsprojekten kaum je nachweisen können. Diverse Studien über die Wirkung der Videokameras in London, schrieb Klauser 2005 in der «NZZ», seien zu widersprüchlichen Schlüssen gekommen. «Die Videoüberwachung ist kein Wundermittel», erklärt er.

Die linken und grünen Politiker, die bei Videoüberwachungsgesetzen auf kantonaler oder kommunaler Ebene oft vergeblich das Referendum ergreifen, bekommen nun aber Schützenhilfe von einer frischen Kraft: Die Piratenpartei hat sich den Kampf gegen überbordende Überwachung gross auf die Fahne geschrieben. Die Winterthurer Sektion hat vor wenigen Tagen ihre erste Volksinitiative eingereicht: Nachdem der Stadtrat einen Ausbau der Videoüberwachung unter anderem auch in den Stadtparks erwägte, fordern die Piraten nun, dass künftig das Parlament und nicht die Exekutive entscheiden soll, wo Kameras platziert werden.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tomy am 18.08.2011 08:40 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr gut!

    Es ist an der Zeit, dass hier endlich aufgerüstet wird. Hier gilt das Motto, lieber zuviel als zuwenig! Die letzten Jahre haben gezeigt, dass dank Videoüberwachung diverse Gewalttaten aufgedeckt werden konnten und die abschreckende Wirkung ist auch nicht zu unterschätzen. Im öffentlichem Raum lebt man in einer Gesellschaft, wo Respekt und Rücksichtnahme angesagt ist. Das Thema Datenschutz ist einfach ein billiges Argument. Diese Aufnahmen werden i.d.R. automatisch nach 24h gelöscht. In der Öffentlichkeit werde ich auch von anderen Menschen beobachtet, wo also liegt der Unterschied zur Kamera??

    einklappen einklappen
  • Stefan Müller am 18.08.2011 08:10 Report Diesen Beitrag melden

    Kameras ersetzen (keine) Polizisten!

    Für die Politiker sind Kameras bloss billige Blechpolizisten. Wenn du in einer überwachten "Sicherheitszone" überfallen wirst, dann kannst du sicher sein, dass dir kein echter Polizist zur Hilfe eilen wird! Ich finde es traurig zu sehen, wie die Polizei mit dem ruf nach mehr Überwachung sich selbst aufgibt - irgendwann wird es keine Polizei mehr auf der Strasse brauchen. Kameras dienen höchstens der Rechtssicherheit gegen Sachbeschädigung. Für uns Menschen sind sie jedoch absolut nutzlos bis gefährlich, weil uns echter Schutz immer mehr fehlt!

    einklappen einklappen
  • Jasmin Heyse am 18.08.2011 08:23 Report Diesen Beitrag melden

    Überwachung mit Sinn?

    Meiner Meinung nach tragen diese Kameras nicht zu einer wirklichen Verbesserung bei. Im letzten Herbst war ich mit einem Bekannten in eine Schlägerei am Hauptbahnhof Winterthur verwickelt und um unsere Unschuld zu belegen forderten wir die Polizeibeamten auf die Überwachungsvideos auszuwerten. Diese wiesen uns darauf hin, dass die Situation zwar gefilmt wurde, die Qualität des Videos aber zu schlecht sei um vor Gericht verwendet werden zu können. Wir waren sehr enttäuscht. Hat die Stadt zwar ein grosses Überwachungssystem, nützen tut es jedoch wenig.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Christina am 20.08.2011 20:22 Report Diesen Beitrag melden

    Datenschutz ist ein Auslaufmodell

    Warum macht man Radarkontrollen im Strassenverkehr. Die Autofahrer können das Nummernschild überkleben oder auf Srassen rasen, wo nicht überwacht wird. Trotzdem haben sich Geschwindigkeitskontrollen durchgesetzt. Das wird bei diesem Thema hier nicht anders sein. Jedes Verbrechen weniger ist ein Riesennutzen. Es freut mich immer wieder, wenn ich von Verhafteten und bestraften Gewalttätern lesen kann.

  • GB am 18.08.2011 22:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Siehe Liverpool

    Alle, die hier aufheulen, sei gesagt| Informiertbeuch doch mal über die Situation in Liverpool vor und nach dem Einsatz von Videokameras. Die Ergebnisse sind extrem positiv!

    • Pirat am 21.09.2011 22:39 Report Diesen Beitrag melden

      Lesen GB, lesen

      Dann informier du dich über die Situation in London = Beinahe keine Positive Veränderung. Steht ja auch im Artikel - Widersprüchliche Resultate. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.

    einklappen einklappen
  • Querdenker am 18.08.2011 21:43 Report Diesen Beitrag melden

    Symptombekämpfung?

    Wann passieren all die Delikte? In der Dunkelheit, menschenleeren Strassen und Zügen? Nein, die meisten Vorfälle ereignen sich an durchaus frequentierten Plätzen. Das Problem: "die Guten", die fast immer in der Überzahl, räumen für wenige gewaltbereite oder destruktive das Feld. Sie ziehen sich aus der Verantwortung - die Polizei, der Staat, jemand anderer soll sich um das Problem kümmern. Was wäre wenn z.B. 3 im Zug pöbelnde Jungs sofort von 5 weitern Passagieren (die nicht zusammen reisten) vehement zurechtgewiesen würden? Wir alle schaffen uns die Umgebung und den Staat in der wir leben.

    • Pfeffer, Minz am 19.08.2011 01:36 Report Diesen Beitrag melden

      Das muss sich ändern!

      Das denke ich genau auch! Die Bevölkerung sollte wieder viel mehr Zivilcourage zeigen. Wenn nähmlich ein grosser Teil der Personen z.B. im Zug/Tram einschreiten würden, gäbe es viel weniger Pöbeleien. Das Problem ist einzig, dass die meisten Passanten sich nicht getrauen etwas zu sagen, aus Angst, selber Prügel zu bekommen (Was leider auch vorkommt)! Das muss sich einfach ändern! Viel Stärkere Polizeipräsenz in Zügen wäre z.B. eine Möglichkeit...

    einklappen einklappen
  • Fabrice Guignet am 18.08.2011 19:58 Report Diesen Beitrag melden

    Schöne neue Welt

    Bis der Mensch den Chip ins Hirn gesetzt bekommt dauerts hoffentlich noch ein paar Jahre

    • Marcella am 18.08.2011 21:24 Report Diesen Beitrag melden

      Schon Gegenwart

      Naja, im Gehirn haben wir noch keinen. Aber man kann sich einen GPS und sonstige Chips bspw. zum bezahlen in den Arm implantieren lassen...

    einklappen einklappen
  • Tamara am 18.08.2011 17:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eigenverantwortung

    Anstatt die Menschen immer mehr zu kontrollieren und einzuschränken sollte man vielleicht mal wieder versuchen, ihnen mehr Vertrauen zu geben und Selbstkontrolle zuzutrauen. Vielleicht gäbe es dann auch weniger Leute die das Gefühl haben, sie müssen aus diesem Käfig ausbrechen.