13. März 2007 12:56; Akt: 13.03.2007 14:27 Print

Der grosse Durst der Mädchen

In Grossbritannien trinken Mädchen laut neuesten Zahlen doppelt so viel wie noch 1990 und kippen inzwischen fast soviel wie die Jungs. Und auch in der Schweiz ist Kampftrinken keine Männer-Domäne mehr.

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Das Land von Pubs, Pints und Lager ist in Sorge. Immer mehr Britische Mädchen verfallen dem exzessiven Alkoholkonsum. Sogar die seriöse britische Tageszeitung «Independent» warnte Ende Februar: «Die Alkopop-Generation säuft sich selbst zu Tode, wie neueste Zahlen zeigen.»

Die Zahlen stammen vom britischen Office for National Statistics (ONS) in Newport und zeigen den Wandel der Trinkkultur bei den Heranwachsenden seit den 1990-Jahren: Trinker im zarten Alter von 11 bis 15 Jahren tranken demnach im Jahr 2004 doppelt so viel Alkohol in der Woche wie noch 1990. «Seitdem hat sich der Konsum bei Jungs stabilisiert und nimmt bei Mädchen weiterhin zu», schreiben die ONS-Experten in ihrer Studie. Aus dieser besonders jungen Altersgruppe gaben sowohl 23 Prozent der Mädchen als auch der Jungen bei einer Befragung an, in der Vorwoche Alkohol getrunken zu haben. Vor dem Jahr 2004 sei dieser Anteil bei Jungen stets höher gewesen als bei Mädchen. Doch diese holen offenbar kräftig auf.

Emanzipation ist beim Rauschtrinken erreicht

Eine Tendenz, die Gerhard Gmel von der Universität Lausanne auch in der Schweiz feststellt. «Die Mädchen nähern sich den Jungen», sagt der Forschungsleiter auf Anfrage. Auch die eben veröffentlichten Zahlen der HBSC-Studie zeigen: Der Alkoholkonsum bei Jugendlichen in der Schweiz ist seit den gemessenen Rekordwerten von 2002 zwar leicht zurückgegangen, bei den Mädchen aber weniger stark als bei den Jungs. Gemäss den neuesten Schweizer Zahlen konsumieren 25 Prozent der Knaben und 18 Prozent der Mädchen im Alter von 15-Jahren mindestens einmal wöchentlich Alkohol. Bei den 13-jährigen liegt die Zahl bei 8 Prozent (Knaben) respektive 5 Prozent (Mädchen). Und 28 Prozent der Knaben und 19 Prozent der Mädchen waren in ihrem 15-jährigen Leben bereits mindestens zweimal betrunken. Beliebteste Getränke sind Bier und Alcopops. Allerdings ist der Alcopops-Konsum zurückgegangen, was auch auf die eingeführte Sondersteuer zurückzuführen sein dürfte.

Für Aufsehen sorgten zudem Zahlen der Spitäler, die in der Schweiz alle eingelieferten jugendlichen Patienten aufführt. Resultat: 3 bis 4 Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren werden täglich wegen ihres exzessiven Alkoholkonsums in Spitälern behandelt. «Diese Jugendlichen sind die absolute Spitze des Eisberges», sagt Holger Schmid, Vizepräsident der Schweizerischen Fachstelle für Alkoholfragen. Trotzdem wollen weder Schmid noch Gmel Vergleiche mit Grossbritannien ziehen. Auch, weil die Zahlen nicht vergleichbar seien. Vielmehr stützt man sich auf die insgesamt rückläufigen Zahlen, die aber immer noch auf «hohem Niveau» seien, wie sie bestätigen.

Eine Debatte ist mittlerweile aber auch in Deutschland entbrannt. Lokalpolitiker und Drogenexperten zeigen sich schockiert von einem Vorfall, der sich in Berlin abspielte. Dort fiel ein 16-jähriger Gymnasiast ins Koma, nachdem er 52 Gläser Tequila getrunken hatte. Der junge Mann ringt mit dem Tod und könnte im Überlebensfall bleibende Schäden durch das Saufgelage davontragen. Bundespolitiker von Koalition und Opposition haben nun ein generelles Alkoholverbot für Minderjährige gefordert.

Auch Holger Schmid bestätigt: «Es gibt heute auch in der Schweiz diese Extremfälle, wo bereits 15-Jährige wegen Alkohol-Abhängigkeit behandelt werden müssen.»

Marius Egger