Containern & Co.

04. Dezember 2013 22:00; Akt: 04.12.2013 22:11 Print

Der neue Run auf alte Lebensmittel

von J. Büchi - Das Essen von abgelaufenen Lebensmitteln liegt im Trend. Während die Detailhändler zunehmend Mühe mit Mülltauchern haben, entdecken auch findige Geschäftsleute den Boom für sich.

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Mülltauchen boomt: Immer mehr Menschen durchwühlen Abfalltonnen von Supermärkten auf der Suche nach noch geniessbaren Lebensmitteln. In den USA, Deutschland und Österreich ist der Trend längst etabliert. In Wien etwa organisieren Aktivisten regelmässig sogenannte Waste-Cooking-Partys, veranstalten gemeinsame Müllsammel-Touren und produzieren Kochshows, in denen mit abgelaufenen Produkten gekocht wird. Selbst ein temporärer Supermarkt, der Fundstücke aus der Mülltonne verkauft, wurde in diesem Herbst ins Leben gerufen.

Nun bekommen auch die Schweizer Detailhändler den Trend zu spüren. Aldi bestätigt auf Anfrage, das Phänomen sei zwar nicht neu, habe aber in letzter Zeit massiv zugenommen. «Selbstverständlich ist das sogenannte Containern nicht im Sinn von Aldi Suisse», heisst es bei der Medienstelle.

Geldstrafen drohen

Für Schlagzeilen sorgt derzeit die «Containerwoche» der Jungen Grünen, in deren Rahmen sich rund 30 Personen ausschliesslich von Lebensmitteln aus Mülltonnen ernähren. Jeden Abend macht eine Schar von Mülltauchern die Container von Aldi, Lidl und Denner unsicher – denn die sind nach Angaben der Aktivisten am besten zugänglich.
Man beobachte die Entwicklung, heisst es bei Aldi dazu. «Entsprechende Massnahmen werden situationsbedingt und filialweise ergriffen.»

Für die Container-Aktivisten könnte das unangenehm werden. Ihr Vorgehen ist gemäss Strafrechtsexperte Peter Albrecht von der Universität Basel nämlich illegal, wenn sich die Mülltonnen auf einem Privat- oder Firmenareal befinden, umzäunt oder sogar mit einem Schloss gesichert sind. «In dem Fall wird Hausfriedensbruch begangen. Allenfalls macht sich eine Person, die an einem solchen Ort Lebensmittel aus dem Abfall mitnimmt, auch des Diebstahls schuldig.» Es drohen Geldbussen von maximal einigen hundert Franken.

Abgelaufene Lebensmittel als Lebensstil

Doch auch abseits von Containering-Kreisen hat das Teilen und Wiederverwerten von alten Lebensmitteln derzeit Hochkonjunktur. Die Website myfoodsharing.ch vermittelt seit rund zwei Wochen nicht mehr benötigte Lebensmittel. Bereits verzeichnet die Seite mehr als 750 Benutzer. Und im Zürcher Niederdorf hat letzten Monat die Äss-Bar ihre Tore geöffnet. Das Konzept: Gebäck und Patisserie vom Vortag werden zu vergünstigten Preisen angeboten. Mit dem Slogan «Frisch von gestern» und einem modernen Logo preisen die Initianten des Projekts die Waren aus Bäckereien an.

Das Geschäft sei gut angelaufen, freut sich Sandro Furnari, eines der vier Gründungsmitglieder der Äss-Bar. «Für viele Kunden ist es nur schwer nachvollziehbar, dass diese Lebensmittel sonst einfach weggeworfen worden wären.» Man spreche Leute mit einem nachhaltigen Lebensstil an, ohne dabei radikal zu sein. «Die Kunden sollen sich bei uns einfach wohlfühlen.» Trotzdem sympathisiere er persönlich mit der Containering-Bewegung, so Furnari. «Wenn auch auf einem anderen Weg, verfolgen diese Leute doch dieselben Ziele wie wir: Weniger Verschwendung, ein sinnvoller Umgang mit Lebensmitteln.»

Trend weg von Wegwerfgesellschaft

Laut Konsumpsychologe Christian Fichter von der Kalaidos Fachhochschule widerspiegeln die neuen Angebote einen Trend weg von der Wegwerfgesellschaft, der in der Schweiz seit der Finanzkrise 2007 und angesichts der Energiewende feststellbar sei: «Es muss heute nicht mehr alles perfekt und hochglanzverpackt sein.» Die Kunden wünschten sich wieder ein authentischeres Einkaufserlebnis, «wie früher auf dem Markt».

Politischer Protest, wie ihn etwa die Containering-Bewegung äussert, dürfte laut Fichter in der Schweiz zwar eine Randerscheinung bleiben. Dadurch, dass sich Nachhaltigkeit zu einem eigentlichen Lebensstil entwickle, werde die Kritik am Lebensmittelverschleiss aber zum Massenphänomen: «Ein Lifestyle transportiert eine soziale Norm von der Gruppe zum Individuum.» So könne es in der Gesellschaft zunehmend erwünscht sein, dass man auch abgelaufene Lebensmittel noch aufbraucht. «Die Kraft dieses sozialen Drucks ist nicht zu unterschätzen.»

Grossverteiler gefordert

Damit sich die Verhaltensänderung in breiten Bevölkerungsschichten durchsetzt, braucht es laut Fichter aber auch vonseiten der Grossverteiler noch weitere Angebote, die diesen Trend aufnehmen: «Bisher hat erst Coop mit seiner Unique-Serie den Trend aufgenommen. Bislang verkaufen sich die krummen Rüebli aber noch schlecht. Da braucht es viel Ausdauer, um bei den Kunden Akzeptanz zu schaffen.»

Dass der Bevölkerung das Thema unter den Nägeln brennt, scheint den Grossverteilern jedoch bewusst zu sein. Gegenüber 20 Minuten betonen alle Detailhändler, man reduziere die Entsorgung abgelaufener Lebensmittel auf ein Minimum.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • OsiWahn am 05.12.2013 07:11 Report Diesen Beitrag melden

    Das Problem ist nicht der Supermarkt,

    sondern der Käufer. Die meisten erwarten doch auch noch abends, kurz vor Ladenschluss, das noch alle angeboten wird. Wehe, es gibt kein frisches Brot mehr oder Gemüse wäre ausverkauft. Jeder Supermarkt, der so kalkuliert, dass möglichst wenig weggeworfen werden muss, könnte in kürzester Zeit dicht machen, weil ihm die Kunden weglaufen würden. "Früher" bin ich um 16 Uhr zum Bäcker gekommen und da gab es kein frisches Brot mehr. Wenn jemand ein tolle Idee hat, wie man bis Geschäftsschluss ein volles Sortiment hat und trotzdem nichts wegwirft: Meldet euch. Die Idee ist Gold wert.

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  • Ghino di Punta am 04.12.2013 23:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Diebstahl

    ist wenn man eine angebliche frische Bagette morgens kauft und am naechsten Tag locker als Baseballschlaeger benutzen kannst. Frueher konnte man 14 Tage locker essen mit minimalen Qualitaetsverluste. Frag mich was uns noch die Nahrungsmittelindustrie alles noch auftischht und als natuerlich und gesund anpreist.

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  • Anonym am 04.12.2013 23:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ha ha ha

    Auf ein minimum reduzieren???deswegen landen bei uns kistenweise clementinen,orangen usw.in der tonne,weil die oberen chefs der meinung sind wir bestellen zu wenig ,und hauen noch ein paar kisten drauf,weihnachtsschoggi wird nach ausverkauf zum halben preis,ebenfalls wegeschmissen was nach silvester noch da ist,und das soll keine verschwendung sein????

Die neusten Leser-Kommentare

  • arielle am 05.12.2013 11:23 Report Diesen Beitrag melden

    und en Guete..

    » Die Kunden wünschten sich wieder ein authentischeres Einkaufserlebnis, «wie früher auf dem Markt» Hahaha.. ja im Container rumwühlen kommt dem ja sehr nahe.

  • Daniel am 05.12.2013 10:58 Report Diesen Beitrag melden

    Joghurt + 1 Monat noch essbar

    Gestern hab ich ein Joghurt im Kühlschrank gefunden. Mindesthaltbarkeitsdatum 02.11.13. Aufgemacht, kein Schimmel, kein unangenehmer Geruch/Geschmack, also noch gut. Warum also immer alles wegwerfen? Günstiger verkaufen oder Bedürftigen schenken wäre klüger.

  • Obama am 05.12.2013 10:30 Report Diesen Beitrag melden

    THIJA

    Frankreich wühlen alle im müll rum niemand sagt was gehe in Paris sehe was ab geht

  • Henry am 05.12.2013 10:30 Report Diesen Beitrag melden

    Müll Abzocke

    Toll jetzt verkauft uns Coop bald noch Abfall, natürlich auch den noch 5-10x teurer als Lebensmittel im Ausland kosten. Ist ja schon bei Unique eine Frechheit: Gemüse das sie sonst einfach wegwerfen würden wird zu Preisen verkauft wie in Deutschland nicht mal das beste Bio-Gemüse kostet.

  • D. Jegge am 05.12.2013 09:17 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt da 1 Unterschied...

    Auf den Verpackungen steht ein MINDESTHALTBARKEITSDATUM. Das sagt aus, dass ein Lebensmittel bis zu diesem Datum uneingeschränkt haltbar ist. Dann gibt es ein ABLAUFDATUM - dieses meint, dass nach diesem Datum die Lebensmittel genau untersucht werden müssen ob sie noch geniessbar sind. (Betrifft meistens nur Fleisch und Milchprodukte) Aber Lebensmittel welche das Mindesthaltbarkeitsadtum überschreiten MUSS der Verkäufer entsorgen - warum also soll man dieses nicht mehr essen können ?? Containern sollte erlaubt werden, oder diese Lebensmittel generell gratis abgegeben werden....

    • Schenny am 05.12.2013 12:41 Report Diesen Beitrag melden

      kosten

      ich gebe dir so recht! vorallem weil einige sich vieles davon nicht leisten mal können... es ist schade so vieles ungenutzt wegzuschmeissen... aber das ist nun mal die heutige gesellschaft!

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