Illegaler Organhandel

29. Juli 2010 08:33; Akt: 29.07.2010 15:31 Print

Der unbequeme Zeuge

Jahrelang war Nijiati Abudureyimu dabei, als Hingerichteten in China die Organe zwecks Weiterverkauf entnommen wurden. Doch in Europa will ihn niemand hören. Jetzt wurde er in Neuenburg verhaftet.

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Ein sichtlich nervöser Nijiati Abudureyimu beim Interview mit «Le Temps» am Montag in Neuenburg. (Bild: Frédéric Koller/Le Temps)

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Nijiati Abudureyimu ist auf der Flucht. Nicht vor der Polizei, weil mehrere seiner Asylanträge in Europa abgelehnt wurden. Sondern vor dem chinesischen Geheimdienst, der ihm auf den Fersen ist. Abudureyimu fürchtet um sein Leben. Denn der Uigure weiss zu viel. Zu viel über die Machenschaften der kommunistischen Machthaber in der Provinz Xinjiang, wo die muslimische Volksgruppe der Uiguren von der chinesischen Staatsmacht seit Jahren unterdrückt wird.

Zehn Jahre war Nijiati Abudureyimu Teil dieses Staatsapparates. Er arbeitete für die Spezialpolizei von Urumqi, der Hauptstadt der Provinz Xinjiang. Gegenüber der Genfer Zeitung «Le Temps» erzählte der Ex-Polizist davon, wie er in den Jahren 1993 bis 1997 die Todeskandidaten vor das Erschiessungskommando führte. In dieser Position als Scherge des Unterdrückungsapparats kam er an hochbrisante Information darüber, wie gewissen Todeskandidaten Organe entnommen und anschliessend – für die lokalen Behörden höchst lukrativ – verkauft werden. Diese Praxis ist nicht unbekannt. 2009 schrieb sogar die englischsprachige staatliche Zeitung «China Daily», dass wohl zwei Drittel aller gespendeten Organe in China von Hingerichteten stammen. Dennoch sind kaum Details bekannt. Die könnte Nijiati Abudureyimu liefern.

Europäische Odyssee

Er will vor der UNO in Genf Zeugnis ablegen über die Machenschaften der Parteikader in seiner Heimat. Doch dazu wird es nicht kommen. Nijiati Abudureyimu hält sich illegal in Europa auf und wurde am Dienstagmorgen von der Polizei in Neuenburg verhaftet. Sein Gesuch um Durchführung des Asylverfahrens in der Schweiz ist abgelehnt worden. Denn Abudureyimu kam 2008 über Rom nach Europa. Laut dem Dubliner Abkommen muss somit Italien darüber entscheiden, ob er in Europa Asyl erhält. Im Juli 2009 wurde er bereits aus Norwegen nach Italien abgeschoben. Doch dort fühlt er sich nicht sicher.

Weil er nach seinem Austritt aus dem Polizeidienst in Xinjiang um sein Leben fürchtete, verliess Abudureyimu China 2007 mit Hilfe alter Kontakte bei der Polizei in Richtung Dubai. Dort kam er bei einem Verwandten unter. Doch dort sei er von chinesischen Agenten bedroht worden, sagte er gegenüber «Le Temps», und wollte deshalb nach Norwegen emigrieren. Es gelang ihm, von Italien ein Schengen-Visum zu erhalten. So kam es, dass er einen Flug via Rom buchte und dort im September 2008 eine Nacht verbrachte, bevor er nach Oslo weiterflog. Auch in Norwegen, wo er ein erstes erfolgloses Asylgesuch stellte, war er nicht sicher. In dem Lager, wo er Unterschlupf fand, bedrohten ihn andere Uiguren, die er für chinesische Agenten hielt. Zwei Monate später starb sein Vater in Xinjiang unter mysteriösen Umständen.

Schweiz nicht zuständig

Im Juni 2009 musste Abudureyimu Norwegen wieder verlassen. In Italien deponierte er ein zweites Asylgesuch. Dort wurde er während fünf Monaten von einem Lager ins andere geschickt. Auf Sizilien schliesslich beobachtete er, wie ein Chinese Handyfotos von ihm machte. Da entschloss er sich im November 2009, in die Schweiz einzureisen, wo er ein drittes Asylgesuch stellte. Wieder ohne Erfolg. Das Bundesverwaltungsgericht verwies auf das Dubliner Abkommen. Damit ist die Abschiebung nach Italien beschlossene Sache. Doch der Uigure ist überzeugt, dass er in Italien, wo 300 000 Chinesen leben, nicht sicher ist. Er weiss, wovon er spricht. Er war selbst zehn Jahre Teil des chinesischen Sicherheitsapparats und kennt dessen Machenschaften.

So bleibt Nijiati Abudureyimu weiter ein Gefangener des europäischen Asylsystems und seine Botschaft ungehört. Sehr zum Bedauern von Ethan Gutmann, von der amerikanischen Stiftung für die Verteidigung der Demokratien. Der angesehene Chinaspezialist hält Abudureyimu für einen zentralen Zeugen, was den Handel mit Organen von Hingerichteten betrifft. «Jede Zeugenaussage, die direkt aus dem Sicherheitsapparat kommt, ist äusserst wichtig, besonders aus einer Krisenregion wie Xinjiang. Umso mehr, wenn es dabei um ein so brisantes Thema wie die Entnahme von Organen geht», sagte der US-Forscher gegenüber «Le Temps». Er hält Abudureyimu für glaubwürdig, liegt ihm doch eine Aussage eines uigurischen Arztes aus Urumqi vor, der die Praxis der Organentnahme bei Hingerichteten bestätigt. Doch formelle Beweise bleiben rar. Ob Abudureyimus Aussagen jemals eine breite Öffentlichkeit finden werden, hängt nun von den italienischen Asylbehörden ab. Und die arbeiten sehr langsam, wie die Erfahrung zeigt.

(jcg)