Psychische Leiden

26. Juni 2019 21:46; Akt: 26.06.2019 21:46 Print

Deshalb stehen Promis nun zu ihren Depressionen

9 Prozent der Schweizer leiden an einer Depression, mitunter auch Prominente, die ihre Erkrankung vermehrt publik machen. Was bedeuten solche Outings für die Gesellschaft?

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«Dr Grund isch, i liide sit ich 14 bin ah Depressione», erklärte die Schweizer Sängerin Tina Umbricht (20) ihre Social-Media-Auszeit im letzten Herbst. Zu 20 Minuten sagte sie, sie habe sich von Insta vorübergehend verabschiedet, weil sie die Fassade einer heilen Welt nicht mehr habe aufrechterhalten wollen. Die Abwesenheit von Umbricht, die durch die Castingshow «Deutschland sucht den Superstar» bekannt wurde, hatte bei ihren rund 18'000 Followern für Spekulationen gesorgt. Schliesslich entschied sie sich dazu, ihre Krankheit vor Tausenden von Insta-Fans öffentlich zu machen.

«Ich wollte die Fassade einer heilen Welt nicht mehr aufrechterhalten»

Auch Rapper Stress machte auf Instagram seine psychischen Probleme publik. In seinem Video-Statement sprach er erstmals darüber, womit er in letzter Zeit zu kämpfen hatte: Er habe schlechte Tage. Manchmal fühle er sich antriebslos, deprimiert, sei aggressiv gegenüber Mitmenschen.

Als einer der erfolgreichsten Schweizer Musiker geht Stress noch einen Schritt weiter als Umbricht: Im neuen Song «Terre brûlée» verarbeitet er sein persönliches Tief, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Vor allem jüngere Menschen betroffen

Stress und Umbricht sind nicht allein: Laut dem Bundesamt für Statistik haben 9 Prozent der Schweizer mit einer Depression zu kämpfen. Besonders häufig betroffen sind Frauen zwischen 15 und 24 Jahren, rund 14 Prozent von ihnen leiden an Depressionen, bei den Männern unter 25 Jahren sind es rund 12 Prozent.

Niklas Baer, Leiter der Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation an der Psychiatrie Baselland, sagt, es sei gut, dass Prominente zu ihrer Depression stünden. Das könne anderen dazu verhelfen, es ihnen gleichzutun. Das sei wichtig, denn: «Psychische Probleme gehören zum Leben und darüber sprechen hilft.» Depressionen seien heute weniger tabuisiert. «Das ist jedoch nicht bei allen psychischen Erkrankungen der Fall. Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörungen wie etwa die Borderline-Krankheit oder Narzissmus sind in der Gesellschaft noch immer mit Vorurteilen behaftet.»

«Psychische Probleme gehören zum Leben und darüber zu sprechen, hilft»

Symptome der Depression kennen viele

Promis wie Stress hätten eine Vorbildfunktion, die sie wahrnehmen würden, sagt der Psychotherapeut Roland Weber. Es sei wichtig, dass über psychische Leiden gesprochen werde. Er sieht aber auch negative Aspekte. «Wir haben es mit der bald zweithäufigsten Volkskrankheit zu tun. Viele berichten von Erschöpfungssymptomen. Das ist der Spiegel unserer übertriebenen Leistungsgesellschaft.» Es sei wichtig, dass jeder, der sich psychisch angeschlagen fühle, Hilfe bekomme. Ein Experte könne rasch erkennen, ob es sich tatsächlich um eine Major Depression handle.

Ein Grund dafür, dass Depression im Gegensatz zu Persönlichkeitsstörungen enttabuisiert sei, seien die Symptome. Bei einer Erschöpfungsdepression gingen etwa viele davon aus, dass vorher viel geleistet wurde – ein für die meisten Menschen nachvollziehbares Problem. Zudem kenne es jeder, mal ausgelaugt zu sein. «Bei akuter Schizophrenie hingegen verhält man sich komisch, sagt unrealistische Dinge. Das kann anderen Angst einjagen. Bei einer Persönlichkeitsstörung hat man Schwierigkeiten mit Beziehungen, was für Mitmenschen anstrengend ist», so Baer.

«Ich sag jedem, er soll eine Therapie machen»

Der Haken an der Sache: Symptome, wie sie bei einer Depression auftreten, kommen laut Baer auch während Krisen vor, die psychisch gesunde Menschen durchleben. «Werden die Symptome dieser Krisen sowie jene von tabuisierten Persönlichkeitsstörungen einfach als Depression abgetan, birgt das mittelfristig die Gefahr, dass Depressionen irgendwann nicht mehr ernst genommen werden.» Schlimmstenfalls würde das zu einer Banalisierung der Erkrankungen führen – verheerend, denn eine Major Depression sei eine schwere, ernst zu nehmende Krankheit.

«Wir sind eben keine Mega-Maschinen, wie es die heutige Zeit teils verlangt»

Psychotherapeut Weber hingegen sieht auch die Schattenseiten der psychiatrischen Diagnosen und deren Gefahren. Zwar seien sie gute Orientierungshilfen: «Was wir benennen können, macht uns weniger Angst.» Er anerkenne den Wert von Diagnosen, sie würden aber einen tendenziell zu grossen Raum einnehmen. Die zwischenmenschliche Situation von psychisch Angeschlagenen solle unabhängig davon analysiert werden. «Und wir müssen lernen, achtsamer zu sein. Wir sind eben keine Megamaschinen, wie es die heutige Zeit teils verlangt.»

Rapper Stress bringt es in seinem Insta-Video auf den Punkt: «Wenn es jemandem so geht, wie mir, ist das nicht schön für alle, die einem nahestehen.» Daher habe er sich professionelle Hilfe geholt: «Ich sage jedem und jeder: Mach eine Therapie!»

(jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Schlitzer McGörk am 26.06.2019 22:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    zum chörblen

    ja und wenn man dann nach grosser überwindung dazu steht, wird man fertig gemacht. vom umfeld, arbeitgeber und von versicherungen. man könnte meinen im krankheitsfall in der schweiz für alles versichert zu sein. kommt es dann soweit, steht man alleine mit abgesägten hosen da und kann selber schauen. man fällt zwischen die maschen und das soll in unserem land nicht so sein gopferdeckel! an allen möglichen stellen fragt man an, wird abet zurück gewiesen ganz nach dem motto: lieber du als ich, möchte nichts damit zu tun haben. aber gross werbetrommel schwingen...

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  • Opfer am 27.06.2019 03:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Depression, ein Krankheit der Leistungsgesellschaf

    Meine Depression kam schleichend über mehrere Jahre. Ich sehe heute den Grund in der Leistungsgesellschaft. Mein ex. Arbeitgeber sah nur die Börsenquoten, die mussten hoch sein. Der Mensch muss mehr als 100% liefern, doch das genügt nicht. Stress über mehrere Jahre. Meine Familie, mein höchstes Ziel, zerbrach, da ich nicht mehr glücklich war. Alkohol war eine Lösung, doch es endete in einem Suizidversuch. Wir müssen unsere Gesellschaft ändern, damit der Mensch wieder Mensch sein darf.

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  • Mr.Blue am 27.06.2019 05:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurige Welt

    Im Grunde ist nur wichtig das man funktioniert und sich nicht auffällig verhält. Es beginnt ja schon bei den Kindern, kaum ist ein Kind unruhig wird es zum Arzt geschleppt und mit Ritalin voll gestopft bis es nich mehr aus der Reihe tanzt. Als Angestellten hat man sowieso das Gefühl nur soviel wert zusein wie man arbeiten kann, passts nicht sich der Betrieb ein neuen. Deswegen werden viele Menschen nicht über psychische Probleme reden.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Bodenständiger am 27.06.2019 13:07 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Wunder.

    Immer mehr leisten, mehr arbeiten, mehr verdienen, mehr weiterbilden, mehr mehr mehr... Karriere kann mich mal, immer schön am Boden bleiben.

  • Unternehmer am 27.06.2019 12:41 Report Diesen Beitrag melden

    Je kürzer die Arbeitszeit

    umso mehr Stress. Früher mehr Arbeitszeit und kein Stress, weil der Verrechnungslohn relativ Niedrig war, und somit nur einen kleinen Druck betreffend Verrechnung.

  • Depro am 27.06.2019 12:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Me too

    Bin auch jung, von Gott mit toller Familie und Gesundheit gesegnet und eigentlich erfolgreich. Trotzdem hat mich der Stress durch meinen eigenen Perfektionismus in eine Erschöpfungsdepression getrieben. Bin bspw. jetzt seit Stunden wach aber liege immer noch im Bett, während ich diesen Kommentar schreibe. Ich mag einfach nicht mehr. Arbeit habe ich gekündigt, werde nun allen Besitz veräussern und in ein buddhistisches Kloster nach Südostasien gehen, bis ich mich wieder fit fühle und evt. mit neuer Energie einen zweiten Anlauf machen werde. Bis dann liebe Schweizer, gebt Acht auf unser Land.

    • Autoexperte am 27.06.2019 18:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Depro

      gibt super Kliniken und Antidepressiva. da sind sie in ein paar Wochen wieder 100% fit

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  • P. Cunia-Nonolet am 27.06.2019 12:31 Report Diesen Beitrag melden

    Depros interessieren nur bei Promis

    Bei Normalsterblichen ist dass Verhältnis von Interessierten zu Nichtinteressierten in dem Fall 9 zu 91. Auf 9 Betroffene kommen 91 Nichtbetroffene, die uns für Simulanten, faule Säcke, Miesepeter, Sozialschmarotzer, Hypochonder, durchgeknallte Soziopathen oder Misanthropen, uncoole Leute, Spassbremsen, Arbeitscheue usw. halten, je nach der Situation, in der wir den Nichtbetroffenen begegnen. Wir sind wohl die am meisten diskriminierte Gruppe dieser Gesellschaft. Frauen UND Männer, Junge UND Alte. Alle.

  • J. Moser am 27.06.2019 12:05 Report Diesen Beitrag melden

    Pensionierung

    Die Grafik zeigt ja, dass man einfach nicht mehr arbeiten soll und dann geht's einem besser. Wir sind nicht für diese Art von Druck gemacht. Heute ist jeder ersetzbar, beantwortet 50 - 100 Mails am Tag, ständig klingelt das Telefon und man weiss nie, ob man in einem halben Jahr die Stelle noch hat. Unsere Grosseltern mussten auch hart anpacken, aber damals gab es noch keine Internettechnologie.