Selbstoptimierung

30. Juni 2018 22:27; Akt: 30.06.2018 22:27 Print

Deshalb sind wir uns nicht gut genug

Jeden Winkel des Lebens zu durchleuchten und zu optimieren liegt im Trend. 20 Minuten zeigt in einer Serie die Chancen und Risiken.

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Die Selbstoptimierung ist ein gesellschaftlicher Mega-Trend. Doch weshalb wollen wir gesunder und produktiver werden? 20 Minuten analysiert das Thema in einer Artikelserie. Zahlreiche Gadgets sollen uns dabei helfen, noch fitter, intelligenter und perfekter zu werden. Der Vessyl Cup erkennt automatisch, wie viel man trinkt. Er erinnert einen auch daran, mehr zu trinken, und lobt einen, wenn man sein Ziel erreicht hat. Preis: ca. 65 Franken. Der Sleep Dot verfolgt die Schlafphasen und Körperbewegungen. Anschliessend kann man mit der App die Schlafqualität analysieren und sich für eine persönliche Schlafberatung anmelden. Preis: ca. 50 Franken. Die Fitnesstracker von Fitbit sind nur ein Beispiel. Es gibt unzählige Anbieter. Hier ist ein Fitbit Alta HR zu sehen, der die Herzfrequenz misst und Aktivität, Schlaf und Trainingsdaten aufzeichnet. Preis: ab 150 Franken. Der Fitbit Ionic ist eine . Sie zeichnet nicht nur alle Daten zur Gesundheit und Fitness auf, sondern motiviert und unterstützt auch. Ein Personal Coach als Armband. Preis: ab 350 Franken. Das Fitbit Flex 2 ist die Grundvariante des Anbieters. Das wasserdichte Armband fällt kaum auf und zeichnet verbrannte Kalorien, zurückgelegte Distanz, Aktivität, Herzschlag und Schritte auf. Preis: ab 80 Franken. Muse ist ein persönlicher Meditations-Coach. Man verbindet das Gerät mit der App auf seinem Smartphone und startet eine ausgewählte Meditationssession. Preis: 350 Franken. Der Muse misst dabei die Hirnströme, ebenso wie ein Pulsmesser die Herzfrequenz misst. In der App sind anschliessend die Auswertungen zu sehen. Der Wecker von der Schweizer Firma Axbo soll helfen, erfrischter aufzuwachen. Preis: 270 Franken. Dazu analysiert die Schlafphasen mittels eines Armbands, das man während des Schlafens trägt. So kann der Wecker einen zu einem optimalen Zeitpunkt wecken. Die Gabel HapiFork erkennt die Bewegung vom Teller zum Mund und misst, wie oft und wie schnell man isst. Anschliessend kann man sich die Auswertung auf dem Smartphone anschauen und analysieren, wie man sein Essverhalten anpassen kann. Preis: ca. 65 Franken. Der MiCoach Smart Ball von Adidas ist mit Dutzenden Sensoren ausgestattet. Damit erfasst er Geschwindigkeit, Drall, Stärke und Flugbahn. Mit diesen Daten soll es dem Fussballspieler möglich sein, seine Technik zu verbessern. Preis: 120 Franken (zurzeit ausverkauft). Das Pavlok-Armband wurde entwickelt für Personen, die zu faul sind für Sport. Es bringt seinen User dazu, sein Ziel zu einer Gewohnheit zu machen. Preis: ab 130 Franken. Am Ende des Tages wertet den Abschluss der Ziele aus. Hat der Anwender seine Pläne erfüllt, erhält er eine Belohnung, die von kleineren Preisen bis hin zu Geldgewinnen reicht. Schafft er es jedoch nicht, seine Aufgaben abzuschliessen, gibt er unter anderem zeitweilig sein Handy ab, bezahlt eine Strafe oder erhält einen kleinen Elektroschock. Die SmartMat verfügt über zahlreiche Drucksensoren im Inneren der Matte. Die erkennen die Pose, die Haltung und die Balance des Nutzers und analysieren diese, um dem Sportler Tipps zu geben. Preis: ca. 450 Franken (noch in Entwicklung). Der Tao Chair verfügt über speziell geformte Armlehnen, die zahlreiche Druck-Sensoren im Inneren tragen. Man setzt sich in diesen Stuhl und übt mit seinen Armen oder Beinen Druck auf die Lehnen aus. Die Tracker ermitteln die Kraft, die der Sportler aufbringt, und nutzen diesen Wert, um die verbrannten Kalorien auszurechnen. Preis: offen (noch in Entwicklung) In der App von Moodpanda kann man täglich seine Stimmung anhand von Smileys und kurzen Beschreibungen angeben. Preis: gratis Die tägliche Bewertung im ist öffentlich einsehbar und andere App-User reagieren mit Kommentaren oder virtuellen Umarmungen («Hugs») darauf. : Mit Somnox, dem kuscheligen Schlafroboter, soll das Einschlafen, Durchschlafen und Aufwachen einfacher werden. Der Roboter spielt verschiedene Schlaflieder ab, simuliert Atembewegungen und ist weich wie ein Kissen. Preis: ca. 690 Franken. : Mit dem HiMirror soll das Schminken einfacher werden. Das Gadget passt sich an die Lichtverhältnisse an und sorgt für die richtige Beleuchtung während des Schminkens. Preis: ab 260 Franken. Weiter analysiert der die Haut, macht Vorschläge zur Behandlung und gibt Auskunft über Hautveränderungen. Die Selbstoptimierung macht aber nicht bei den Erwachsenen halt. Auch Babys und Kinder werden mit verschiedenen Gadgets überwacht, getrackt und analysiert. Das Gadget Snuza Hero überwacht die Bewegungen des Babys und benachrichtigt die Eltern, wenn sich das Baby nur wenig bewegt. Preis: ca. 110 Franken. Mit Snuza Pico kann man den Schlafrhythmus, die Bewegungen, die Temperatur und die Schlafposition des Babys tracken. Preis: ca. 200 Franken. Mit dem Schlaf- und Fitnesstracker von X-Doria kann die Aktivität von Kindern gemessen und analysiert werden. Das Ziel soll sein, die Kinder zu mehr Bewegung zu animieren. Preis: ca. 140 Franken. Mit dem Baby GLGL von Slow Control kann das Trinkverhalten des Babys gemessen, überwacht und analysiert werden. Der elektronische Flaschenhalter achtet etwa darauf, wie die Flasche gehalten wird oder ob das Kind die Nahrung zu schnell aufnimmt. Preis: offen (noch in Entwicklung) Neben den frei erhältlichen Gadgets werden laufend Technologien erweitert, mit denen der Mensch über sich hinauswachsen kann. Kritiker sagen, diese Geräte machen den Menschen zu Cyborgs, also einem Mischwesen aus Mensch und Maschine. Diese Kontaktlinsen von Google tragen den Namen Verily. Die Novartis hat die Technologie mittlerweile lizenziert. Die Linse soll bei Diabetikern die Blutzucker-Werte messen und bei Schwankungen warnen können. Mit VEST (Versatile Extra-Sensory Transducer) soll Hören möglich sein. In der Weste sind 32 Motoren eingebaut, die auf verschiedene Tonfrequenzen ansprechen und vibrieren. Dadurch sollen Töne über die Haut wahrgenommen werden können. Die Technologie wurde von David Eagleman entwickelt. Der Cyborg-Künstler Neil Harbisson ist seit Geburt farbenblind. Um das zu ändern, liess er sich eine Antenne implantieren. Er sagt: «Damit kann ich Farben wahrnehmen, auch solche, die sich ausserhalb des sichtbaren Bereichs befinden – von Infrarot bis Ultraviolett.»

Zum Thema
Fehler gesehen?

Garfield ist fett, faul und beliebt. Der Kater hat so viele Anhänger, dass seine Comics in die Print-Ausgabe von 20 Minuten gewählt wurden. Dabei ist das zwischen Fressen und Schlafen pendelnde Tier komplett aus der Zeit gefallen. Garfield hat keine Smartwatch, die seine Herzfrequenz misst, keine App, die seine Schritte zählt, und keine Gabel, die ihn mit Vibrationen beim Essen bremst.

Garfield ist ein Exot. Immer mehr Menschen versuchen, das Ungesunde und Unproduktive aus ihrem Leben zu verdrängen und sich selbst zu optimieren. Der Umsatz mit sogenannten «Wearables», also Fitnessarmbändern, Aktivitätstrackern oder Kleidern mit Sensoren, betrug laut «CE Portal» in den ersten elf Monaten des Jahres 2017 etwa 60 Millionen Franken.

«Selbstoptimierung zeichnet uns aus»

Gut 1200 Fitnesscenter buhlen um Kunden – 450 mehr als noch vor fünf Jahren. Die Branche dürfte über eine Milliarde Franken im Jahr umsetzen. Laut Zahlen des Fitness-Verbands bezeichnen sich mittlerweile 700'000 Menschen in der Schweiz als Fitness-Sportler oder fitnessafin – Tendenz steigend.

Wieso versucht der Mensch, sich selbst zu optimieren? «Die Fähigkeit, an sich selbst zu arbeiten und sich dadurch zu entwickeln, zeichnet den Menschen aus», schreiben die Macher einer Ausstellung zum Thema im Vögele Kultur Zentrum in Pfäffikon SZ. Ein anderer Erklärungsansatz ist die Bedürfnispyramide des US-Psychologen Abraham Maslow. Sie beschreibt, welche Bedürfnisse es gibt und in welcher Reihenfolge wir sie befriedigen.

Die Vorteile des Optimierens

Am Anfang stehen physiologische Bedürfnisse – etwa der Hunger –, danach folgen Sicherheit, Sozialbedürfnisse, das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung und schliesslich die Selbstverwirklichung. Dazu gehört das persönliche Wachstum und damit die Selbstoptimierung. Weil sich in einer hochentwickelten Gesellschaft wie der Schweiz sehr viele Menschen auf dieser Stufe befinden, haben entsprechend viele die Zeit und das Geld, sich dieser Bedürfnisse anzunehmen.

Die Selbstoptimierung hat Vorteile. Wer viel Sport treibt und sich ausreichend bewegt, leidet weniger häufig an Übergewicht – ein Risikofaktor für viele Krankheiten. Die richtige Ernährung sorgt nicht nur für ein besseres Befinden, sondern gemäss verschiedensten Studien auch für eine bessere Gesundheit. Wer sich Laster wie das Rauchen oder das Alkoholtrinken abgewöhnt, dürfte sogar mit einem längeren Leben rechnen. Gemäss dem Fachblatt «The Lancet» verkürzt schon der Konsum von wöchentlich 100 Gramm Alkohol – das entspricht etwa 2,8 Liter Bier – das Leben eines 40-Jährigen um sechs Monate.

Sind Beziehungen in Gefahr?

Der Trend zur Selbstoptimierung hat aber auch seine Schattenseiten. Sogar Beziehungen zerbrechen an ihr. Michael Nast, Autor von «Generation beziehungsunfähig», sagt der «Welt», Beziehungen seien Teil des Optimierungswahns. Viele suchten den perfekten Partner und hätten das Gefühl, dass es «immer noch einen geben könnte, der doch besser passt». In seinem Buch beschreibt er die Trennung eines Freundes, der sich mit den Worten «Ich will jetzt noch mal so richtig durchstarten, und du bist nicht die richtige Frau dafür» von seiner Partnerin verabschiedete.

Selbstoptimierung kann Menschen auch zu Zweiflern an sich selbst machen. Svend Brinkmann, der das Buch «Pfeif drauf! Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn» geschrieben hat, weist darauf hin, dass aber nicht jedes Problem durch einen Einzelnen gelöst werden könne. Es gebe auch soziale oder strukturelle Probleme, für die der Einzelne nichts könne. Der Zwang, positiv sein zu müssen, führe aber dazu, dass jeder die Ursache für Probleme bei sich selbst orte. Dabei lasse erst die Auseinandersetzung mit der eigenen Unvollkommenheit und den eigenen Problemen das Gute schärfer hervortreten, das im Positivitätswahn sonst verschwinde, sagte Brinkmann der NZZ.

Ein Problem mit dem Positivitätswahn hat Kater Garfield nicht. Was andere von ihm denken, ist ihm egal. Seine Lebensphilosophie formuliert er so: «Es muss doch im Leben etwas anderes geben ausser Fressen und Schlafen – ich hoffe aber nicht.»

In einer Serie befasst sich 20 Minuten mit den verschiedenen Aspekten der Selbstoptimierung. Welche Möglichkeiten gibt es, was sind die neusten Trends und wer profitiert davon? Die Artikel zum Thema lesen Sie diese Woche auf 20min.ch (siehe Box).

(ehs)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bürger am 01.07.2018 00:19 Report Diesen Beitrag melden

    Viva la vida

    Ihr Narren, glaubt ihr ihr könnt eurer Körper ewig durchtrainiert halten ??? vor der biologischen Uhr ist keiner geschützt, vergeudet eure kostbare Lebenszeit für eures Äusseres nur um anderen zu gefallen oder akzeptiert zu werden, dabei vergisst ihr was es heisst wirklich zu Leben, denn ab einem Punkt werdet ihr feststellen wenn ihr mal alt werdet und euch fragt " Oh Gott ich hab mich die ganze Zeit Fit gehalten aber vergessen zu Leben " Und wenn ein Mensch dich nicht nimmt so wie du bist, dann ist er/sie es nicht wert dem was anzufangen zu können. Ihr lebt nur einmal

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  • EMMM am 30.06.2018 22:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sorry

    Aber Carfield wäre mir Symphatischer, weil es für mich ehrlicher rüberkommt, als andere Perfektionisten.....

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  • anna am 01.07.2018 08:16 Report Diesen Beitrag melden

    Selbstoptimierung bis zum erbrechen !

    Der Zeitgeist, der momentan herrscht ist mir zuwider. Diese Selbstoptimierung und der Zwang überall und immer ...beruflich wie privat.. das beste aus sich zu machen und zu optimieren, entmenschlicht die Gesellschaft zusehens. Ich fühle mich da nicht mehr wohl. Wie muss es erst Menschen gehen die keine Chancen auf Perfektion haben???Immer mehr Verlierer gibt es ... eine andere Form der Selektion findet statt. Die Macht des Stärkeren wird wieder mehr betont in unserer Gesellschaft. Die Schwachen stören da nur.....aber dafür wird überproportional viel über Humanität geschwafelt...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • TOM T. am 25.07.2018 18:31 Report Diesen Beitrag melden

    PERFECT YOUR LOVE

    Es gibt einen international bekannten Lehrer der sagte immer: perfektioniere nicht dich selbst, perfektioniere deine Liebe, für dich und für andere (JACK KORNFIELD)

  • Grossis best am 03.07.2018 11:21 Report Diesen Beitrag melden

    Wie man 100jährig wird ...

    ... nicht vorher sterben.

  • Gregor mit Militärvelo am 03.07.2018 11:17 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Nachbar

    verstarb vor zwei Jahren. Herzinfarkt beim Joggen. Dabei schwörte er auf sein Joggen - es stärke sein Herz. R.I.P. Und täglich ab 06:30 sehe ich die Germanbanker und High-Tech verklebten Runner zwischen Bellevue und Tiefenbrunnen.

    • Der Andere am 17.07.2018 22:11 Report Diesen Beitrag melden

      Wir werden es nie erfahren

      Vielleicht wäre er auch ohne das Joggen schon vor 10 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben?

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  • Zürcher Ex-Pat am 02.07.2018 15:11 Report Diesen Beitrag melden

    Die 10 Regeln eines Faupelzes

    Als Student hatte ich einen Aufkleber: "Die 10 Regeln eines Faupelzes"! Die die mir am besten gefiel war: "Wenn du Jemanden siehst der sich ausruht, halte an und hilf ihm". Ich arbeite viel und lange, mache Sport und bewege mich viel. Aber ab und zu geniesse ich das Leben, stehe um 10 Uhr auf und mache nichts, den ganzen Tag. Selbstoptimierung wieso nicht? Aber das Leben geniessen ist viel wichtiger!!

  • Fäbu am 02.07.2018 13:15 Report Diesen Beitrag melden

    Erfolglose Pausenclowns

    Am liebsten habe ich diejenigen die orientierungslos und getrieben versuchen mit Fleiss andere zu kopieren weil sie meinen überall vorne mit dabei sein zu müssen.