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12. Februar 2020 20:36; Akt: 12.02.2020 20:41 Print

Deutschland bezahlte Iran 1 Mio. für Crypto-Geisel

Jüngste Enthüllungen bestätigen jahrzehntealte Gerüchte: Der BND holte für eine Million Dollar einen Crypto-Mitarbeiter aus einem iranischen Gefängnis.

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Gestern enthüllte ein Rechercheteam einen Spionage-Skandal rund um die Zuger Firma Crypto AG. Diese sei bereits 1970 von der CIA und dem BND gekauft worden. Mit manipulierten Chiffriergeräten hätten die beiden ausländischen Geheimdienste während Jahrzehnten über 100 Staaten ausspioniert – und damit mutmasslich die Weltpolitik entscheidend beeinflusst.

Ein Blick in die Archive zeigt: Vorwürfe gegen die Zuger Firma gab es immer wieder. Bereits 1994 publizierte Journalist Res Strehle ein Buch über den «Fall Hans Bühler». Im selben Jahr nahm sich auch die «Rundschau» des SRF des Falls an.

Im Iran wegen Spionage verhaftet

Der «Fall Hans Bühler» könnte einem Spionage-Thriller entspringen. Am 18. März 1992 wird Bühler in der iranischen Hauptstadt Teheran verhaftet. Er war im Auftrag der Firma Crypto AG dort, um Militär und Regierung Chiffriergeräte zu präsentieren. Seine Verhaftung hält er für ein Missverständnis. «Ich war überzeugt, dass sich am nächsten Morgen alles aufklärt», sagte Bühler in der «Rundschau» von 1994.

Doch es kommt anders: Geschlagene neuneinhalb Monate sitzt Bühler in einem Gefängnis im Iran. Schon im ersten Verhör wird ihm vorgeworfen, ein Spion zu sein, Schlüsselcodes der Geräte an ausländische Geheimdienste zu verkaufen. «Für mich brach eine Welt zusammen», sagt Bühler später. Als er im Gefängnis nichts sagen will – nichts sagen kann – drohen ihm die Iraner damit, ihm die Augen auszubrennen. Bühler muss vor der Folterkammer warten, hört das Geräusch von Schlägen und Schreie.

Eine Million Dollar für die Freilassung bezahlt

Erst am 5. Januar 1993 kommt Bühler wieder in der Schweiz an. Sein Arbeitgeber, die Crypto AG, hatte in Teheran eine Kaution von einer Million Dollar hinterlegt. Bühler bedankt sich in einer eilends einberufenen Pressekonferenz bei den Schweizer Behörden, seiner Familie und der Firma.

Schon bei seiner Ankunft in der Schweiz mutmasst Bühler, dass er Opfer einer «Geheimdienstintrige» geworden sei. Was er damals nicht weiss und durch die jüngsten Recherchen bewiesen ist: Er hatte Recht. Der BND bezahlte die Million für Bühlers Freilassung und stieg in der Folge aus der Zusammenarbeit mit der CIA aus.

Kündigung und Klage

Doch das darf niemand wissen: Wenige Tage nach seiner Rückkehr erhält Bühler die Kündigung der Crypto AG. Das Vertrauensverhältnis sei «schwer gestört», für eine Weiterbeschäftigung bestehe kein Bedarf.

Und nicht nur das: Die Crypto AG verlangt von Bühler die Rückzahlung der Millionenkaution, da seine Verhaftung im Iran nichts mit der Crypto AG zu tun gehabt habe. Bühler bemüht sich um eine Aussprache mit der Direktion, blitzt aber ab. Später wird er wegen Verleumdung verklagt. Nach einem aussergerichtlichen Vergleich und einer Abfindung schweigt er fortan.

Kronzeuge fürchtete um sein Leben

Doch Bühlers Entlassung bringt andere zum Reden: In der «Rundschau» von 1994 wird ein anonymer Kronzeuge interviewt. Er habe Beweise für die Manipulationen an den Geräten gesammelt und die Firma bereits 1977 verlassen. Gespräche mit einem Mitarbeiter der Bundesanwaltschaft hätten stattgefunden. Doch plötzlich habe dieser ihm mitgeteilt, sein Chef habe ihn zurückgepfiffen. «Ich kann mir gut vorstellen, dass da entsprechende Leute aus den USA interveniert und gesagt haben: Hände weg!», sagt der ehemalige Crypto-Mitarbeiter der «Rundschau».

Die gesammelten Beweise wollte der Informant der «Rundschau» damals nicht vorlegen. Er fürchtete um sein Leben. Die Frage, ob Bühler nicht doch von den Vorgängen wusste, blieb offen. Das ist der Unterschied zu den neusten Enthüllungen: Dem Rechercheteam sind 280 Seiten Geheimdienst-Unterlagen zugestellt worden (siehe Box), die die Gerüchte, die bereits Mitte der 90er-Jahre kursierten, beweisen. Sie rehabilitieren Bühler. Er selber kann sich zu den jüngsten Enthüllungen allerdings nicht mehr äussern. Er verstarb laut CH-Media 2018.

(dgr)