Mietwucher

20. Oktober 2015 10:34; Akt: 20.10.2015 13:32 Print

Die Horror-Wohnungen des Peter S. von Küsnacht

Vier Personen wurden in Zürich verhaftet, 120 Mieter in teils desolaten Wohnungen befragt. Der Liegenschaftsbesitzer ist kein Unbekannter.

Bildstrecke im Grossformat »
Er wurde festgenommen: Liegenschaftsbesitzer Peter S. aus Küsnacht. Vorwurf: Mietwucher. S. wehrte sich Anfang 2014 gegen Vorwürfe der Zeitschrift «Beobachter» wegen angeblich problematischer Zustände: Es werde immer alles sofort in Ordnung gebracht, sagte er dem «Tages-Anzeiger». Die Polizei ist am Dientagmorgen, 20. Oktober 2015, mit einem Grossaufgebot an der Neufrankengasse aufgekreuzt und nahm insgesamt drei Mehrfamilienhäuser unter die Lupe, die allesamt Peter S. gehören. Die Neufrankengasse wurde abgesperrt und rund 120 Bewohner befragt. Und so wohnt Peter S. in Küsnacht. Unter anderem geht es um die Neufrankengasse 6 (rechts) und 14. Beide Häuser wurden Anfang der 1970er Jahre gebaut und gehören seit einigen Jahren Peter S. In den Kleinwohnungen leben praktisch ausschliesslich Randständige - vor allem Sozialhilfeempfänger, Drogensüchtige und Prostituierte. Und zwar zu horrenden Mieten. Die Mieter haben hier selbst an der Haustüre unten nur Nummern. Auf sieben Etagen sind über 30 Kleinwohnungen untergebracht. Schon im Treppenhaus riecht es nach Urin - überall liegt Abfall herum, die Türen, auch jene des Lifts, sind teils demoliert. Angeblich soll es einen Hauswart geben. Der 43-jährige Grulovic Ljubisa wohnt seit vier Jahren in einer angeblichen Eineinhalbzimmer-Wohnung mit rund 15 Quadratmetern im dritten Stockwerk und bezahlt dafür 1100 Franken im Monat. Die Wohnung ist vermutlich Teil einer einst grösseren Wohnung - daraus wurden später zwei. Denn die Küche hier scheint nachträglich eingebaut und verfügt bloss über zwei Herdplatten und nicht einmal ein Spülbecken. Auf der anderen Seite des Gangs, der die Küche sein soll, gibt es lediglich dieses kaputte Lavabo. Dieses gehört aber eigentlich... zur Dusche und dem WC daneben. Die Duschkabine ist voller Essensreste, da ja das Lavobo kaputt ist. Blick in das Badzimmer einer anderen Wohnung. Andreas Widmer ist einer der Mieter, die im Gammel-Haus wohnen. In seinem Badezimmer ist das Lueftungsrohr zum Schutz vor Ungeziefer zugeklebt. Im Treppenhaus liegen Zigarettenstummel und an den Wänden sind Urinspuren zu sehen. «Mietwucher ist juristisch komplex», sagt Niklaus Scherr, Stadtzürcher AL-Gemeinderat und Ex-Chef des Mieterverbands: Alles müsse dokumentiert sein. Der Verband war vor über 20 Jahren bei mehreren Mietwucher-Fällen vor Gericht abgeblitzt - obwohl der Tatbestand vordergründig vorhanden war. Ein Polizist sperrt die Treppe zum 6. Stock an der Neufrankengasse 6. Auch im Keller sind Polizisten präsent. Draussen quellen die Müllcontainer über.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Manche seiner Mieter wohnen in 1-Zimmer-Wohnungen von ca. 12 Quadratmeter im Zürcher Kreis vier – oft ohne Küche, WC und Dusche – und bezahlen dafür oft über 1100 Franken Miete pro Monat. Der Vermieter wohnt in bester Lage in Küsnacht. Es ist Peter S.* (49), Immobilien-Investor. 20 Minuten weiss: S. ist der Eigentümer und Vermieter, der von der Polizei festgenommen wurde. Der Vorwurf: Wucher.

Der «Beobachter» machte die Vorwürfe gegen den Rennpferdebesitzer von der Goldküste letztes Jahr publik. S. habe in den vergangenen Jahren mehrere Liegenschaften im Quartier gekauft – darunter «drei der besonders problematischen Häuser», wie die Sozialen Dienste und die Stadtpolizei gegenüber der Zeitschrift bestätigten. Drogenhandel, unhaltbare hygienische Zustände, undichte Fenster, vollkommen überrissene Preise – und viele Sozialhilfebezüger. Von ihnen, so die Vorwürfe, profitiere jemand wie S. ganz besonders. Auf Kosten der Menschen, auf Kosten der Steuerzahler.

S. gab sich als Opfer

Ein Mieter einer Liegenschaft von S. sagte im «Beobachter»: «Mit meinen Betreibungen kann ich es schlicht vergessen, eine andere Wohnung zu finden» – das sei auch der Grund, warum sich kaum jemand über die Zustände beschwere. Und falls man es doch tue? «Weder der Vermieter noch der wenig engagierte und überforderte Hauswart kümmert sich ernsthaft um eine Verbesserung. Hier wird abkassiert», so der Mieter.

Peter S. sagte dem «Beobachter», er profitiere gar nicht von der Situation: «Ich bin vielmehr ein Opfer, weil ich ja all die Kosten für Beschädigungen tragen muss.» Im «Tages-Anzeiger» wehrte sich S. gegen den von verschiedener Seite vorgebrachten Vorwurf, er lasse die Häuser verlottern: «Sobald ein Mieter einen Schaden reklamiert, handle ich umgehend.»

«Daran habe ich null Interesse»

Die beiden Wohnblöcke an der Neufrankengasse lässt S. nicht zuletzt deshalb verlottern, weil diese mehrere Meter in die Baulinie hineinragen. Das heisst, sie würden einer allfälligen Verbreiterung der Strasse im Weg stehen. Deshalb hat er schon vor acht Jahre in einem Zeitungsbericht verlauten lassen, nichts mehr zu investieren: «Daran habe ich null Interesse.» Nur: Die Stadt hat die Pläne für eine neue Allee mitsamt Tramlinie längst auf die lange Bank geschoben.

Auch gab er im Frühling 2014 an, keine neuen Sozialhilfebezüger mehr aufzunehmen: «Sie sind keine attraktiven Mieter.» Die von ihm verlangten Mieten nannte er vergleichsweise günstig: «Bei Neuvermietungen verlange ich in den Häusern zwar vergleichsweise tiefe Mieten, aber sie sind höher als die 1100 Franken, die das Sozialamt für einen Einpersonenhaushalt höchstens zahlt.»

(gbr/rom)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Städtler am 20.10.2015 09:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Big up!

    Danke Kapo&Stapo, solche Einsatze gefallen!

    einklappen einklappen
  • S. Sommer am 20.10.2015 09:21 Report Diesen Beitrag melden

    geht gar nicht!

    Sehr gut, wird da etwas gegen die Vermieter unternommen!! Weiter so!

    einklappen einklappen
  • Heinrich Zimmermann am 20.10.2015 09:36 Report Diesen Beitrag melden

    Mich überkommt Hoffnung...(zu recht?)

    Na endlich mal eine positive Meldung, danke

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Veilchenblüte am 20.10.2015 19:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Empörend...

    ...und wieso kann bei solchen unzumutbaren Zuständen schwierig etwas machen? Unglaublich!!!!!

  • Thomas Winkler am 20.10.2015 18:35 Report Diesen Beitrag melden

    Verhaftet wie ein Gewaltverbrecher

    Was kann der Vermieter dafür wenn die Mieter ihre Wohnungen zumüllen und nicht reinigen? Natürlich müssen Wasserversorgung, Heizung etc. funktionieren. Wenn aber Insatllationen zerstört werden müssen diese vom Mieter selbst repariert werden. Dass der Hausbesitzer deswegen verhaftet und wie ein Gewaltverbrecher behandelt wird ist ein Skandal! Welche Idee hat die Stadt Zürich mit samt der Staatsanwaltschaft, wo diese Leute wohnen sollen? Etwa auf der Strasse so wie dies in vielen anderen europäischen Städten zu beobachten ist?

  • willy wiesel am 20.10.2015 18:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gammelhäuser in der Schweiz

    gammelhäuser was ich in den letzten 20.jahren als servicetechniker erlebt habe, möchte ich wirklich nicht in dieses portal schreiben. wenn man in treppenhäuser, mit überziehschuhe und handschuhen nur betreten kann,besonders im kreis 4. kann man mit wenig phantasie vorstellen wie die wohnungen aussehen.

  • malino am 20.10.2015 18:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer Ermöglicht solche Verträge

    Es müsste doch ein leichtes sein, wenn das Bauamt ein Nutzrecht per sofort entziehen kann. Die Leute ins Hotel auf Kosten des Verursacher verlegen. Bis der Zustand erstellt ist. Ich Glaube nicht dass es noch wucherer gäbe. Manchmal könnte man Glauben dass betrug erwünscht ist so die Gesetzte.

  • geschockt am 20.10.2015 18:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kaum

    ...zu glauben, dass diese Bilder in Zürich oder besser gesagt in der Schweiz geschossen worden sind