SDA

24. Juni 2010 09:33; Akt: 24.08.2010 18:45 Print

Die Macht des Monopols

von Ronny Nicolussi - Seit knapp drei Monaten gibt es in der Schweiz nur noch eine Nachrichtenagentur. Zeit für ein erstes Fazit. Es fällt alarmierend aus.

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Langsamer, weniger, qualitativ schlechter: SDA-Redaktion in Bern (Bild: Keystone/Peter Schneider)

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Nachrichtenagenturen sind das Rückgrat der Medien. Ihr tägliches Brot ist es, Radiostationen, Fernsehsender, Zeitungen, Online-Medien und institutionelle Kunden wie Verwaltungen oder Banken rasch und korrekt mit den neusten Nachrichten zu beliefern. Garant für die Qualität dieser Dienste ist normalerweise eine gesunde Konkurrenz. Im Wettbewerb unter den Agenturen zählt jede Sekunde. Nicht so in der Schweiz.

Seit dem vergangenen 28. März ist der Schweizer Agenturenmarkt ein Sonderfall. Es gibt keine Konkurrenz mehr. Die Schweizerische Depeschenagentur (SDA) hat die Konkurrenz mit einem geschickten Winkelzug vom Markt gekauft. Seither gibt es keinen direkten Vergleich mehr. Redaktionen können nicht mehr die schnellere, die informativere oder die besser geschriebene Nachricht wählen. Gedruckt, vorgelesen oder aufgeschaltet werden zu Inlandthemen, wenn nicht Eigenberichte, ausschliesslich Meldungen der SDA.

Diese hatte seit jeher den Ruf, behäbig zu sein. Seit sie sich nicht mehr dem Wettbewerb stellen müsse, sei es noch schlimmer geworden, berichten Journalisten, die täglich mit ihr zu tun haben. Grosse Unzufriedenheit herrscht etwa in der Redaktion des «Tages-Anzeigers». Die beiden Nachrichtenchefs, der Inlandchef und die Wirtschaftschefin haben in den letzten Monaten «einen massiven Leistungsabfall bei Tempo und Qualität festgestellt». Sie halten fest: «Vielleicht war die Qualität schon früher nicht so toll, aber das hat man dank der Konkurrenz durch AP nicht so gemerkt.»

Sämtliche Fehlleistungen werden gesammelt

Auf eine öffentliche Kommentierung der Qualität der Neomonopolistin verzichten will Diego Yanez, Nachrichtenchef des Schweizer Fernsehens. Er sagt lediglich: «Wir beobachten die Entwicklung der SDA sehr genau.» Was das bedeutet, verraten interne Quellen, die ungenannt bleiben möchten: «Im Moment werden sämtliche Fehlleistungen der SDA gesammelt. Und das sind nicht wenige.» Hart mit der SDA ins Gericht geht Alain Bichsel, Sprecher der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma. Die meisten SDA-Journalisten hätten wenig bis gar keine Kenntnis über die Themen der Finma. «Das bedingt, dass wir oft reines ‹Schulfernsehen› betreiben müssen. Was mühsam ist und in den meisten Fällen eine fachliche Auseinandersetzung ausschliesst», sagt Bichsel. Auch habe die Finma bereits Falschmeldungen der SDA korrigieren müssen, was bei der AP nie der Fall gewesen sei.

Die AP zurück wünscht man sich auch beim Radio. «Radio 1»-Chefredaktor Iwan Santoro spürt klar, dass es die SDA-Konkurrentin nicht mehr gibt: «Aufmachung und Gewichtung der AP waren deutlich anders als bei der SDA, besonders bei der Berichterstattung aus Bundesbern.» Das Schweizer Radio DRS spürt die Abwesenheit der SDA-Konkurrenz bei «eigenen Themen, die AP immer wieder gesetzt hat», sagt der stellvertretende Chefredaktor Peter Bertschi.

Deutlich weniger Meldungen

Neben dem Leistungsabfall bei Geschwindigkeit und Qualität, herrsche der subjektive Eindruck, dass am Wochenende weniger Meldungen geschrieben würden als früher, heisst es zudem in der «Tages-Anzeiger»-Redaktion. Ein Blick auf die Zahlen der Schweizer Mediendatenbank (SMD) belegt diesen Eindruck. Die SDA versendete an den letzten sechs Samstagen (Sonntage sind wegen Abstimmungen und Wahlen schlechter miteinander vergleichbar) zwischen 72 und 100 Meldungen, durchschnittlich 83. Im Vorjahr hatte die SDA in den gleichen sechs Wochen Samstags noch zwischen 101 und 141 Meldungen versendet, im Durchschnitt 118. Das bedeutet einen Rückgang um fast einen Drittel. Ähnlich sieht die Situation auch im Vergleich zu den Vorjahresmonaten aus, wenn man sämtliche Meldungen zählt, die im März, April und Mai über den SDA-Ticker liefen. Jeden Monat waren es über 1200 Meldungen weniger. Durchschnittlich versendete die SDA heuer monatlich von März bis Mai 6405 Meldungen – im Vorjahr waren es 7640 Meldungen. Damit erhielten die Kunden 2010 für das gleiche Geld rund einen Sechstel weniger Meldungen.

Diese Zahlen könne er nicht bestätigen, sagt SDA-Chefredaktor Bernard Maissen. Sie seien nicht verlässlich. Als Vergleich nimmt er die Anzahl Meldungen des Dienstes «sda-basic» – laut Maissen der einzige Dienst, «zu dem AP eine Konkurrenz dargestellt hat». In derselben Zeitspanne kommt er heuer auf monatlich 4972 Meldungen, im Vorjahr auf 5064 Meldungen*. Auch die Ansicht, die SDA sei qualitativ schlechter geworden, lässt der SDA-Chefredaktor nicht gelten. Bei einer breit abgestützten Kundenumfrage im April habe die SDA gute bis sehr gute Noten erhalten. «Die Zahl der Berichtigungen ist sogar leicht zurückgegangen», so Maissen. Fraglich bleibt, weshalb im Vergleich mit der Vorjahresperiode lediglich der Basisdienst und nicht die Gesamtheit aller Meldungen zählen soll. Bei der SMD heisst es im Übrigen, sämtliche Agentur-Meldungen würden zuverlässig archiviert.

Exklusivrabatt gilt plötzlich nicht mehr

Zurückgegangen ist jedenfalls auch das Preis-Leistungs-Verhältnis, das die SDA bei neuen Verträgen anbietet. Um die AP aus dem Schweizer Markt zu verdrängen, hatte die SDA bis zuletzt mit einem 20-Prozent-Rabatt für Exklusivkunden geworben. Als das nicht zum Ziel führte, schloss die Depeschenagentur Ende Januar einen Vertrag mit den neuen Eignern der AP (zwei Finanzinvestoren aus Deutschland) ab, mit dem einzigen Ziel, «die Aktivitäten von AP Schweiz auf den frühstmöglichen Zeitpunkt einzustellen». Ende März wurde das Ziel erreicht. Seither will die SDA nichts mehr von einem Exklusivrabatt wissen. SDA-Chefredaktor Maissen wollte sich dazu nicht äussern.

Diese Praktiken nimmt nun die Wettbewerbskommission (WEKO) genau unter die Lupe. Im Rahmen einer Marktbeobachtung würden derzeit die betroffenen Parteien befragt, sagt WEKO-Vizedirektorin Carole Söhner-Bührer. In den kommenden Wochen will die WEKO entscheiden, ob sie ein formelles Verfahren gegen die SDA eröffnen will. Spannend könnte dabei die Frage werden, ob es zulässig ist, dass eine Zeitung den SDA-Dienst lediglich für die Online-Ausgabe abonniert. Laut informierten Kreisen soll die Monopolistin die Kunden neuerdings vor die Wahl stellen, entweder Online und Print oder gar nichts. Maissen wiederum sagt, das sei «völliger Blödsinn». Vielmehr gewähre die SDA den Kunden, die auch den Basisdienst abonniert hätten, einen Rabatt.

Stimmt das, bedeutet es gleichwohl, dass Kunden, die die SDA lediglich für die Online-Ausgabe abonnieren, für diesen Dienst mehr bezahlen müssen. Juristisch bewegt sich die SDA damit auf dünnem Eis. Vor Jahren ergab sich bereits eine vergleichbare Situation. Die SDA hatte vom «Walliser Boten», der lediglich die SDA-Tochter Sportinformation (SI) abonniert hatte, mehr Geld gefordert als von Kunden, die daneben auch SDA-Meldungen bezogen. Die Depeschenagentur scheiterte damals jedoch mit ihren Forderungen.

Anmerkung: 20-Minuten-Online-Redaktor Ronny Nicolussi arbeitete früher selbst zwei Jahre für AP Schweiz.

* SDA-Chefredaktor Bernard Maissen legte am 22. August Wert auf folgende Präzisierung: «Die SMD zählte im Jahr 2009 noch alle Übersichten, Auftakt-Meldungen und erste Fassungen. 2010 ist die Datenbank um diese Meldungen bereinigt. Die einzig aussagekräftige Zahl liefert das Archiv sda-direct.»

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hans Jürg am 24.06.2010 12:15 Report Diesen Beitrag melden

    Ausweichen auf andere (Print)Medien

    Wer sich nicht massenabgefertigten Kurznachrichten der SDA aussetzen will, soll die NZZ abonnieren, welche über ein beachtliches Korrespondentennetzwerk verfügt. Die Berichte sind zwar um einiges länger als die 10-Zeiler der SDA, was jedoch auch ganz klare Vorteile hat. So wächst zum Beispiel das Hintergrundwissen um ein Vielfaches.

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  • Rhiitaler am 26.06.2010 07:25 Report Diesen Beitrag melden

    Guckst du...

    ... wenn da nicht mal der schweizer Innlandnachrichtendinenst des Bundes mitmischt. Die sind ja seit Jahrzehten darauf ausgerichtet, dass das dümmliche schweizer Volk nur noch die Nachrichten erhält die es erhalten darf und soll...Alle Anzeichen deuten nach Bern und natürlich weiss der BR wieder nichts davon!

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  • Michael am 24.06.2010 10:48 Report Diesen Beitrag melden

    CH WACH AUF!

    Für jede Demokratie ist die Medienwelt die einzige Informationsquelle um sich ein Bild der "Realität" zu machen. Wenn die Nachrichten nun von einem Monopol schlichtweg manipuliert werden können, was heisst das für die Demokratie? Zum Glück gibt es das Internet und genug Sprachrohre die vom Bürger für den Bürger sind. Leider darf ich das hier nicht verlinken, aber wer sucht der findet. Kampf der Verdummung des Volkes, CH WACH AUF!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sandro am 29.07.2010 15:57 Report Diesen Beitrag melden

    WELTWOCHE

    Lest doch die Weltwoche. Die kommt ohne Agenturmeldungen (und Lektoren) aus. Und das merkt man.

  • Thomas Roll am 26.06.2010 17:47 Report Diesen Beitrag melden

    Die Mainstreammedien...

    ...werden aussterben. Die Blogs werden überhand nehmen. Bereits musste ein Rat wegen einer Berichterstattung eines Blogs zurücktreten. Wann geschah dies das letzte Mal bei den MSM? Die SDA ist nur ein kleiner Teil einer Meinungsbildungsmaschinerie, welche die Informationen nur noch nach eigenen Interessen veröffentlicht (s. Fotofälschung von Reuters). Kritische Journalisten gibt es in den MSM keine mehr... Es lebe das Internet!

  • Tschannen Werner am 26.06.2010 08:28 Report Diesen Beitrag melden

    na und?

    International gesehen gehören die ,,öffentlichen Medien,, 3, ich wiederhole , drei Personen. Da finde ich es nur Vorbildlich das in der Schweiz Geld gespart wird und die gefilterten Nachrichten aus einem Büro kommen. Journalismus ist Tod, sagte Paul Craig Roberts als er seinen Job an den Nagel hieng ind hatte Recht damit. Die Copy und Paste Journalisten kriegen keinen Lohn mehr sondern Schweigegeld.....

  • Rhiitaler am 26.06.2010 07:25 Report Diesen Beitrag melden

    Guckst du...

    ... wenn da nicht mal der schweizer Innlandnachrichtendinenst des Bundes mitmischt. Die sind ja seit Jahrzehten darauf ausgerichtet, dass das dümmliche schweizer Volk nur noch die Nachrichten erhält die es erhalten darf und soll...Alle Anzeichen deuten nach Bern und natürlich weiss der BR wieder nichts davon!

    • Susanne Walser am 19.08.2010 22:45 Report Diesen Beitrag melden

      Verschörungstheorien...

      ...auch wenn ich zugeben muss, dass die SDA einen sehr grossen Einfluss darauf hat, was wir (das Volk) lesen dürfen. Die SDA gibt uns vor, was wir zu denken haben von allem was im Ausland geschieht (USA, EU, naher und ferner Osten). Und das ist in den meisten Fällen nicht ausgewogen, sondern einseitig.

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  • Fritz Meyer am 25.06.2010 22:00 Report Diesen Beitrag melden

    Selber recherchieren

    Ich meine das ist doch eh alles Theater. Die anscheinend nun so träge SDA hat doch eh nur alles von Reuters abgeschrieben. AP auch. Richtig recherchiert hat da niemand und dazu gibt es viele gute Beispiele. Wieso sind denn diese Zeitungen nicht in der Lage eine eigene verlässliche Nachrichtenagentur aufzuziehen? Ah ja richtig, das Geld muss zu den Shareholdern. Das ist der Grund, weil ich mich schon lange von den Massenmedien distanziert habe und diese nur noch als Cross-Referenzen nutze. Das ist der Markt, denn das Internet bietet einem Informationen, welche keine Schweizer Zeitung bietet.

    • mina am 26.06.2010 19:09 Report Diesen Beitrag melden

      längst passiert

      Die SDA gehört den Schweizer Verlegern, sie habenb also längst das getan, was Sie hier empfehlen - nämlich eine eigene Agentur aufgebaut. Und da die SDA ausser einer Korrespondentenstelle in Brüssel keine Auslanbdsbüros unterhält, stammnen die Auslandsmeldungen fast alle von anderen Agenturen - von DPA über Reuters bis AFP. Die Inlandmeldungen dagegen werden selbst recherchiert, verfasst bzw. auf ihre Richtigkeit kontrolliert.

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