Instabiler Grund

13. Mai 2013 18:37; Akt: 14.05.2013 07:53 Print

Die Schweiz rutscht ab

von Deborah Sutter - An mehreren Orten in der Schweiz rutschen zurzeit die Hänge ab. Am Wochenende ist in Beckenried NW eine grössere Menge Erde abgebrochen. Experten warnen vor einem Risikojahr.

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Mai 2013: Im Gebiet Bodenberg oberhalb von Beckenried im Kanton Nidwalden haben sich seit April die Hangverschiebungen verstärkt und es bilden sich Risse bis zu 20 cm Breite. An der Flanke der Hangrutschzone ist am Samstag, 11. Mai, ein erster grösserer Abbruch erfolt. Es dürfte nicht der letzte gewesen sein. Mai 2013: Im Sarner Gemeindeteil Hintergraben ist eine Fläche von rund 30 Hektaren ins Rutschen geraten, wie der Gemeinderat schreibt. Die Obwaldner Regierung erklärte die Region zum Notstandsgebiet und sprach für Sofortmassnahmen 200'000 Franken. Häuser, Strasse und Strommasten wurden beschädigt. November 2012: Auf der SBB Linie Lausanne-Payerne zwischen Ecublens-Rue (FR) und Moudon (VD) rutsche der Hang in der Nacht auf die Bahngeleise. Die Strecke war längere Zeit unterbrochen. Juni 2012: Gesteinsmassen liegen in Bissone auf einem Haufen. Starke Regenfälle verursachten einen Erdrutsch. Die Kantonsstrasse zwischen Bissone und der italienischen Enklave Campione d'Italia ist in Mitleidenschaft gezogen. Der Verkehr ist auf einer Fahrspur gesperrt. Oktober 2011: Die Kantonsstrasse zwischen Wiler und Blatten im Lötschental ist nach heftigen Unwettern zerstört. September 2011: Ein Erdrutsch ging auf der Axe Grand-St-Bernard auf der Höhe von Bourg-St-Bernard nieder. Infolge einer Überschwemmung des Baches ereignete sich der Erdrutsch bei der Kreuzung des Tunnels und des Passes des Grossen St-Bernard. Die Strasse wurde demzufolge total verschüttet mit Schutt, Schlamm und Felsbrocken. Die Stützungsmauern sind eingebrochen. Juli 2011: Ein Feuerwehrmann kämpft sich auf der A2 durch den Schlamm. Die Autobahn A2 zwischen Mendrisio und Capolago wurde durch einen Erdrutsch verschüttet. Februar 2011: Ein gewaltiger Hangrutsch bedroht das Bachbett der Lorze in Baar, ZG. Der erste Rutsch befindet sich in Allenwinden auf der obersten von zwei Ebenen weit oberhalb der Lorze. April 2010: Eine Schlammlawine verursachte Beschädigungen an zwei Wohnhäusern in Iserables im Wallis. November 2008: Die Lokomotive eines Güterzuges ist im Bahnhof San Nazzaro am Lago Maggiore wegen eines Erdrutsches entgleist. Verletzt wurde dabei niemand. Die Bahnlinie Luino - Bellinzona bleibt für rund 24 Stunden gesperrt. August 2009: Bei einer Gerölllawine wird die Strasse zwischen Riemenstalden und Sisikon im Kanton Uri verschüttet. Mehrere Fahrzeuge werden dabei mitgerissen. Die Axenstrasse zwischen Brunnen und Sisikon war bis am Mittag gesperrt. April 2009: Eine grosse Nassschneelawine mit viel Geröll vemischt, ist bei Gurtnellen über die Autobahngalerie sowie über die Kantonsstrasse abgegangen. Die Lawine forderte keine Opfer, die Kantonsstrasse blieb jedoch für eine ganze Woche für den Verkehr gesperrt. Februar 2008: Beim Erdrutsch im Calancatal sind die Räumungsarbeiten oberhalb von Grono FR voll im Gang. Auch hier blieb die Strasse eine Woche lang gesperrt. Dezember 2000: Eine Luftaufnahme der von einer Schlammlawine gebeutelten Gegend bei Nendaz (VS). Mehrere Chalets wurden weggeschwemmt, im einen Haus sollen laut Dorfbewohnern noch drei Menschen drin gewesen sein. Oktober 2000: Eine Schlammlawine zerstörte das Dorf Gondo im Wallis beinahe vollständig, dreizehn Menschen wurden in den Tod gerissen. Mai 1999: Flugaufnahme des Rutschgebietes Fliwald, mit Alp, oberhalb von Weesen SG. Dort hat sich am Pfingstmontagmorgen eine weitere Schlammlawine gelöst. Die einzige Brücke zwischen Weesen und Amden konnte knapp gerettetwerden. 400 Menschen aus 100 Häusern wurden evakuiert. Mai 1994: Der rutschende Hang hat sich eine Schneise durch den Wald geschlagen und reisst die Ferienhaussiedlung Falli-Hoelli oberhalb von Plasselb FR mit. Anfang Mai kam das Erdreich in Falli-Hoelli ins Rutschen und erreichte Geschwindigkeiten bis zu 1.20 Meter pro Tag. Mitte Juni 1994 wurden die Ferienhäuser wegen der Hangrutsche evakuiert. Weil die Hangrutsche kaum gestoppt werden konnten, beschränkten sich die Gegenmassnahmen vorab auf die Entwässerung instabilen Untergrunds, der zum grössten Teil aus dem in den Freiburger Voralpen häufigen Flysch, einem Tongestein, besteht. Doch die Lage verschlimmerte sich in der Folge: Die Häuser mussten aufgegeben werden.

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An der Flanke der Hangrutschzone im Gebiet Bodenberg oberhalb von Beckenried im Kanton Nidwalden ist am Samstag ein erster grösserer Abbruch erfolgt. Es dürfte nicht der letzte gewesen sein. Anfang Monat haben sich bei Sarnen OW rund acht Millionen Tonnen Erdmasse in Bewegung gesetzt.

Dies sind nur zwei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit – und es dürften nicht die letzten Rutsche sein. «Aufgrund des langen und nassen Winters sowie des verregneten Frühlings sind wir dieses Jahr vermehrt mit Hangrutschen konfrontiert», sagt Reto Baumann, stellvertretender Leiter der Sektion Rutschungen, Lawinen und Schutzwald des Bundesamtes für Umwelt (Bafu).

2013 – Risikojahr für Erdrutsche

Es gebe Gebiete, die rein geologisch schon gefährdet seien, wie etwa die Flyschgebiete in den Voralpen oder der Bündnerschiefer im Kanton Graubünden. «Wenn dort dann über Monate hinweg Regen fällt, saugt sich der Boden wie ein Schwamm mit Wasser voll», so Baumann. So wusste man zwar, dass das Beckenried oder auch Sarnen gefährdet seien. Die tief greifenden, grösseren Rutschungen kündigten sich stets an. «Doch dagegen tun kann man eigentlich wenig. In einer aktiven Phase kann man die Gebiete bloss überwachen, Notmassnahmen ergreifen und nötigenfalls die Menschen evakuieren», so Baumann.

Man sei solchen Ereignissen gegenüber im Prinzip machtlos. Nebst den langsamen und sich ankündigenden Erdrutschen gibt es auch spontane, flachgründige Rutsche: «Zu diesen kommt es aber eher bei starken Unwettern und Regenfällen.»

Trockener Sommer nötig

Wenn das Wetter weiterhin so nass bleibe wie bisher, könnte es auch in weiteren Gebieten zu Abrutschen kommen. «Wir brauchen jetzt einen trockenen und warmen Sommer und Herbst, damit das Wasser wieder aus den Böden verschwindet und sich die Situation entspannen kann.» Denn rund 6 Prozent der Fläche der Schweiz besteht aus instabilen Hängen. «Es sind aber nicht die alpinen Regionen, die am meisten betroffen sind – sondern die Voralpen und Graubünden», sagt Bernard Loup, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bafu, gegenüber «24 heures».

Die Erdrutschgebiete seien derweil schon lange Zeit besiedelt gewesen. «Es ist nicht so, dass man einfach die Augen vor möglichen Gefahren verschlossen hat und die Regionen bebaute», so Baumann. Was sich allerdings geändert habe, sei die Infrastruktur. «Diese wurde im Laufe der Zeit immer wertvolle und verletzlicher. Früher war die Besiedelung weniger dicht und es gab weniger Verkehrswege.»

Obwohl nie genau vorhergesagt werden könne, wann und wo sich der nächste Erdrutsch ereigne, erstellen die Kantone Karten ihrer Gefahrenzonen. Dabei geht es vor allem darum, zu bestimmen, wo besiedeltes Gebiet bedroht sein könnte. Im Moment sind 85 Prozent der Karten realisiert, die ausstehenden werden voraussichtlich bis Ende Jahr fertig gestellt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Adolf Leemann am 13.05.2013 18:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Netz fellhlt

    kein Wunder, die Bauern fällten auch in Hanglagen die Obstbäume gefällt. Ohne Ersatz, weil angeblich die Bewirtschaftung einfacher und rentabler damit ist. Jetzt fehlen die Wurzeln und somit das natürliche Netz zur Stabilisierung. Unsere Vorfahren waren eben nicht blöd!

  • Bockbier am 13.05.2013 22:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Regen ist das Hauptproblem

    gibt noch viel mehr orte z.b Arth und Goldau usw. wenn es die ganze Zeit regnet und somit den Nagelfluh (Gesteinart) auflockert gibt es eine Kettenreaktion und der ganze Hang kommt mit.. Deswegen werden immer kontrollen in den Bergen gemacht.

  • schaff im ländla am 13.05.2013 18:41 Report Diesen Beitrag melden

    Landschaft

    Selber Schuld! Die Politiker geben lieber das Geld dem Asylwesen (1,4 Milliarden) statt dem Landschaftsschutz etwas zu machen! Pfui

Die neusten Leser-Kommentare

  • fredi 14,05,13 am 14.05.2013 12:26 Report Diesen Beitrag melden

    Hang Rutsch

    Einfach Verrückt, und es Regnet weiter. Am Wochenende hab ich in der Wohnung an den Arsch Gefroren, und das bald ende Mai. Ja der Züri Bög hatte bis jetzt Recht. Noch 3 Monate die es heiss und schön sein kann. Es kann dann auch sehr heiss werden ist meistens so.

  • Saladin Krcic am 14.05.2013 06:22 Report Diesen Beitrag melden

    Geologie einfach erklärt

    Das Alpmassiv ist sehr schwer,es entstand eine Mulde um das Massiv..Dort rutschten wir jetzt hinein!Und es ist ein Irrtum,dass die Alpen immer noch wachsen,genau das Gegenteil ist der Fall.Ursprünglich waren die Alpen etwa so hoch wie der Himalaya..ungefähr!!

    • Interessante Vorgänge am 14.05.2013 10:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Alpenwachstum vs Erosion

      Hmm, das mit der "Mulde" durch Gewicht etc. ist durchaus so, jedoch "wachsen" die Alpen wirklich nach wie vor! > (--> Wikipedia) Effektiv höher werden die Alpen natürlich nur, wenn sie schneller "wachsen", als erodieren, wobei wir wieder beim Ursprungsthema wären...

    einklappen einklappen
  • Humorgasmus am 14.05.2013 03:27 Report Diesen Beitrag melden

    Bei der Governance

    die wir in Bern haben, versinken wir schon lange .....

  • Hans am 13.05.2013 23:31 Report Diesen Beitrag melden

    Es wird noch mehr kommen

    Und es wird noch mehr kommen.... früher merkte man das weniger, da man nicht bis in den "letzten Krachen" ein "Teppich" gelegt hat. Heute hat man Strassen wie Teppich bis zu hinterst zum letzten Stadel. Ich fahre eine Enduro und da spielt es mir nicht wirklich eine Rolle, ob ich nun eine Strasse oder Schotter unter mir habe - Schotter macht erst recht noch mehr Spass. Zum Glück kann man die Natur nicht mit Geld kaufen!

    • m.w. am 14.05.2013 12:47 Report Diesen Beitrag melden

      Geil

      Aber mit einem Endurreo rumbolzen schon

    einklappen einklappen
  • Bockbier am 13.05.2013 22:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Regen ist das Hauptproblem

    gibt noch viel mehr orte z.b Arth und Goldau usw. wenn es die ganze Zeit regnet und somit den Nagelfluh (Gesteinart) auflockert gibt es eine Kettenreaktion und der ganze Hang kommt mit.. Deswegen werden immer kontrollen in den Bergen gemacht.