Swissness in der Politik

11. Februar 2011 23:00; Akt: 11.02.2011 23:01 Print

Die Schweiz wird wieder konservativ

von Nicolas Hehl, SDA - In ihren Wahlslogans überbieten sich die bürgerlichen Parteien mit Liebeserklärungen an die Schweiz. Aber die Rückbesinnung auf Schweizer Werte ist älter als die politischen Kampagnen.

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Die Schweizer Werte im Fokus bürgerlicher Parteien. (Bild: Keystone)

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Werber haben die neue Swissness längst entdeckt. Mit seinem Ethno-Look landete Michel Jordi 1989 einen Coup. Die mit Edelweiss, Kühen und Wappen verzierte Produkte gingen damals weg wie warme Weggli. Inzwischen haben Heidi und der Bernhardiner Barry die Warenauslagen kolonisiert, und die Jugendlichen jubeln handörgelnden Rappern zu.

Swissness sells

«Swissness ist ein wichtiges Marketinginstrument für viele unserer Mitglieder», sagte Caroline de Buman vom Wirtschaftdachverband Economiesuisse gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Über alle Branchen hinweg sei die damit verbundene Qualität, die Präzision und das Know-how ein grosser Pluspunkt.

Eine einzelne Ursache für den Trend gibt es nicht. Roland Huber, Geschäftsführer des Markt- und Sozialforschungsinstituts Demoscope, sieht einen Ursprung der neuen Swissness in der Öko-Bewegung der 1980er Jahre. Plötzlich war gutes, gesundes Essen aus der Region gefragt.

Den Marketing-Abteilungen blieb dies nicht verborgen. Unter dem Label Naturaplan verkaufte Coop bald Bio-Produkte aus der Schweiz. Für die Migros musste Heidi herhalten. «Heidi ist eine Kombination aus Öko, Swissness und Gesundheit», sagte Huber. Selbst die deutschen Detailhandels-Riesen Aldi und Lidl schmücken sich heute mit «Suisse Garantie».

Auf die Befindlichkeit der Schweizerinnen und Schweizer drückt aber nicht nur die Sorge um die Umwelt. Die Studie «Psychologisches Klima der Schweiz» von Demoscope zeigt bis 2001 eine progressive, nach aussen offene Bevölkerung. Ab 2001, dem Jahr der Anschläge von New York, richtet sich der Blick wieder nach innen. 2009 dreht der Wind dann definitiv: Die Schweiz wird wieder konservativer.

Angst und Stolz

Die Selbstzweifel waren verschwunden. «Nach der gut überstandenen Finanzkrise hat man gemerkt, dass man offensichtlich doch vieles richtig macht», sagte Huber. Seither beobachten die Meinungsforscher den Steigflug von Werten wie Bescheidenheit, Verwurzelung und Realismus. Aber auch Ängste spielen laut Huber eine Rolle. «Früher hatten junge Leute vor nichts Angst. Heute ist es erschreckend, wie viele Jugendliche von Ängsten geplagt werden.»

Angst und Stolz identifiziert auch Claude Longchamp vom Forschungsinstitut gfs.bern als prägende Einflüsse. Unter dem Eindruck der Terroranschläge von New York, der Banken- und Steuerdebatte und nicht zuletzt der protektionistischen Tendenzen innerhalb der EU habe sich die Schweiz zunehmend abgeschottet.

Begonnen hatte alles mit einem in den 1980er Jahren vom Bundesrat eingeleiteten Öffnungskurs. Im Zuge der Marktöffnung wurde die Marke Schweiz aktiv bewirtschaftet. Mit Erfolg: Schweizer Produkte genossen im Ausland einen ausgezeichneten Ruf. Die Schweiz blickte stolz auf ihre Unternehmen. Longchamps Untersuchungen zeigen, dass sich dieser Stolz auf die Leistungen der Schweiz in der Finanzkrise noch verstärkt hat.

Neue Politisierung

«Die soziokulturelle Grundlage war vorhanden, die Politisierung der Swissness ist aber erst 2010 entstanden», sagte er. Nach der Ausschaffungs-Initiative hätten die FDP und CVP zur Kenntnis nehmen müssen, dass viele ihrer Wähler in diesen Fragen SVP-Positionen vertreten. Den neuen Kurs der bürgerlichen Parteien bezeichnet Longchamp als «national-liberal».

Daraus haben die Politberater inzwischen «Aus Liebe zur Schweiz», «Meine Schweiz, meine Familie, unser Erfolg» oder «Schweizer wählen SVP» gedrechselt. Die SP verweigert sich als einzige Bundesratspartei dem Swissnes-Hype. Parteipräsident Christian Levrat sieht darin nichts als «plumpes Polit-Marketing».

Die Wählerinnen und Wähler gingen davon aus, dass alle Parteien nur das Beste für die Schweiz wollten, sagte er. «Sie erwarten konkrete Lösungen für konkrete Probleme und nicht Liebeserklärungen an die Schweiz». Auch im Wahlkampf vergisst die SP darum die gut 1,7 Millionen Ausländerinnen und Ausländer nicht. «Die ausländische Wohnbevölkerung ist Teil des Schweizer Erfolgs», sagte der SP-Chef.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tomy am 13.02.2011 11:12 Report Diesen Beitrag melden

    Die CH will keine EU-Diktatur in der CH

    Die Einwanderungs-Politik der SP darf so nicht mehr weiter geführt werden, sonst gibt es eine CH-Revolution.

  • steffi am 14.02.2011 09:24 Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz

    Wir Schweizer sind langsam wieder stolz auf unser Land und fangen an alle an einem Strang zu ziehen. Es ist nicht mehr "peinlich" wenn man auf Schweizer Produkte und auf "jodelmusik" stolz ist! Die SP sieht in der Verbundenheit zur Schweizer kultur ein Fremdenhass, doch wer sagt denn dass nicht auch Ausländer stolz auf das Schweizer Land sein können?! Durch die Verlorenen Abstimmungen muss auch langsam die SP einsehen dass sie etwas falsch macht und etwas Grundlegendes falsch versteht.

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  • angel am 12.02.2011 08:37 Report Diesen Beitrag melden

    Fahnen im Wind

    Na ja, die SP dreht sich wenigstens nicht wie die Fahne im Wind. Vor wenigen Jahren war es der Umweltschutz. Alle Bürgerlichen Parteien stellten sich als grüner als grün dar (sogar die FDP und SVP, ha, ha). Umgesetzt haben sie dann doch weniger als das Minimum. Nun hecheln sie halt dem nächsten Thema hinterher.

Die neusten Leser-Kommentare

  • B. Kerzenmacher am 29.06.2011 18:21 Report Diesen Beitrag melden

    Das dürfte doch daran liegen

    dass immer mehr Menschen in der CH spüren welche Folgen das ungebremste Wachstum und die ungebremste Einwanderung haben. Es bringt eben nichts nur auf Wachstum zu setzen wenn im Gleichschritt die Lebensqulität stetig abnimmt und die Umwelt zusehends drangsaliert wird. Offenbar haben die Menschen in der CH doch noch ein gesundes Gespür für den Zusammenhang zwischen Mensch und Umwelt und erkennen dass man es jetzt schon übertrieben hat in der CH.

  • Urs Andermatt am 15.02.2011 09:07 Report Diesen Beitrag melden

    Braucht es eine SP? Nein!

    Die SP und die Linken machen sich doch immer über alles und alle Gedanken. Sie hintefragen angeblich alles und sind kritisch. Nur sich selber stellen sie nie in Frage. Das beeidruckt mich irgendwie. Sie laufen unbeeidruckt und selberherrlich in den Abgrund. Auch wenn sie unter 10% fallen werden, die SP selbst wird weiter unbeirrt und ôhne sich zu hinterfragen agieren. Die Sozialisten sind ein Relikt aus der Vergangenheit. Von der Arbeiterpartei des kleinen Mannes ist heute nichts mehr übrig. Deshalb hat die SP ihre Berechtigung auch verloren. Sozial kann ich auch sein ohne ein Sozialist zu sei

    • Peter Hirt am 20.02.2011 14:01 Report Diesen Beitrag melden

      Ja, stimmt

      Diesere Aussage stimme ich zu. Die Sp schafft sich sozusagen selber ab. Dass ist gut so für die Schweiz.

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  • Sepp am 15.02.2011 07:59 Report Diesen Beitrag melden

    rechts ist einfach

    die schweiz war schon immer rechts-konservativ und wird es in unsicheren zeiten auch sicher weiter bleiben. nehmen ist seeliger denn geben...

  • RF_SG am 15.02.2011 07:52 Report Diesen Beitrag melden

    ist doch logisch

    Schweizer wählen SVP? Ja klar doch! Denn nicht Schweizer dürfen ja in der Schweiz auch nicht wählen. Schweizer wählen aber auch FDP, CVP oder BDP. Und dann gibt es ja noch die SP Wähler. Aber das sind dan zuerst mal Komunisten und erst dan Schweizer.

  • Maria Sah am 15.02.2011 07:37 Report Diesen Beitrag melden

    die heile alte Welt

    Alles soll so bleiben wie es ist. Die heile alte Welt. Dumm nur, dass es diese so nie gab. Immer gab es nicht nur die Gewinner. Dieses Heraufbeschwören von Schweiz-Mythen ist für mich daher nichts als eine inhaltslose Hülle. Dass Traditionen wichtiger sind als Wahrheiten ist ein Unding, das auch ein anderes Wort für Diskriminierung sein kann. Es blieb mir deswegen nichts anderes übrig als eine neue Gesellschaft zu suchen.