Auto mit Keyless geknackt

29. Januar 2019 11:35; Akt: 29.01.2019 11:52 Print

«Mein Foto-Equipment für 34'000 Franken ist weg»

Diebe knackten den A-Klasse-Mercedes eines Lesers. Dank eines vermeintlich modernen Keyless-Systems war das kein Problem. Experten fordern die Industrie zum Handeln auf.

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«Ich fühle mich ein bisschen verarscht», sagt Leser-Reporter Alexander Palacios (36). Der Basler Fotograf war Ende Dezember für rund eine Stunde mit Freunden in Frankfurt am Main unterwegs. Als er nach dem Treffen mit seinem neuen Auto zum nächsten Termin fuhr und danach den Kofferraum öffnete, traf ihn fast der Schlag: «Mein gesamtes Foto-Equipment im Wert von rund 34'000 Franken war weg. Zuerst überlegte ich, ob ich es vielleicht bei meinem Vater hatte liegen lassen. Irgendwann realisierte ich, dass Diebe am Werk gewesen waren.»

Den Mercedes A 200 Modell 2018 habe er erst rund zehn Tage zuvor in Pratteln gekauft, ein Auto mit den neusten Features. Dazu gehört auch ein Keyless-Go-System. Palacios: «Da investiert man in eine der neusten Technologien auf dem Markt der Autoindustrie, doch in Bezug auf Einbruch und Diebstahlschutz scheinbar in eine sehr alte.»

Schlüssel in Alufolie packen

Den Vorfall meldete er der Polizei in Frankfurt am Main. «Sie nahm nicht einmal Fingerabdrücke. Und am Auto war nichts zu sehen.» Am nächsten Tag sei er zum Mercedes-Händler nach Darmstadt gegangen. «Ich wollte ihn fragen, ob vielleicht das Auto aufgrund der Technik irgendwas aufgezeichnet hatte.» Dort sei er überrascht worden: «Eine Servicemitarbeiterin erklärte mir, dass mein Schlüssel leicht zu knacken sei und wunderte sich darüber, dass mir das nicht bewusst gewesen war, schliesslich hätte man in verschiedenen Medien sehen können, wie einfach das ist. Es gebe sogar auf Youtube Videos dazu. Sie empfahl mir, meinen Schlüssel am besten in Alufolie zu packen oder zu Hause in ein Alu-Case legen, damit dieser keine Funkstrahlen mehr sendet.»

Und der Verkäufer von Mercedes in Pratteln habe ihm per Mail erklärt, dass man den Schlüssel deaktivieren könne. «Dazu bekam ich eine Anleitung geschickt. Dies geht aber nur bedingt.» Auch die Polizei habe keinen weiteren Rat gewusst: «Sie meinte, ich solle nichts mehr im Auto liegen lassen.»

«Versicherungen sollen Druck machen»

Seither hat sich Palacios über die Keyless-Go-Systeme informiert. «Ich habe mir wirklich überlegt, wie der Diebstahl abgelaufen ist, und hätte nie gedacht, dass es im Prinzip so einfach ist. Vielleicht hilft meine Erfahrung anderen, wenn sie es lesen.» Er habe herausgefunden, dass es die Probleme mit dem Keyless-Go-System schon länger gebe und dass diese unabhängig vom Hersteller oder Preis des Autos seien. Bisher sei aber kaum etwas dagegen gemacht worden. «Ich finde, dass die Versicherungen Druck auf die Autoindustrie ausüben sollten. Da am Ende wir alle für die Schäden mit erhöhten Prämien zahlen müssen. Das teure Häkchen für das Keyless-Go-System sollte beim Kaufvertrag lieber nicht gesetzt werden.»

Dem TCS ist das Problem mit den Keyless-Systemen bekannt, wie Erich Schwizer, Experte für Mobilitätsberatung erklärt. Bereits 2017 forderte der TCS, dass die Autohersteller den Diebstahlschutz verbessern. Beispielsweise, indem sie ab Werk einen Chip mit Zeitmessung einbauen. Die ETH Zürich hat einen solchen Chip entwickelt. Damit und mit einer intelligenten Programmierung kann das Auto erkennen, wenn das Signal des Schlüssels umgeleitet wurde. Da der Schlüssel so unmöglich in Türnähe sein kann, bleibt das Auto geschlossen.

100 von 100 Keyless-Autos geknackt

Wie der TCS auf der Homepage schreibt, konnten in einem Test mit dem deutschen ADAC zusammen alle 100 mit Keyless ausgestatteten Fahrzeuge mit einer selbst gebauten Funk-Verlängerung sekundenschnell geöffnet und sogar weggefahren werden. Um das Auto zu öffnen, brauche es zwei Personen, wie es weiter heisst. «Die eine Person begibt sich mit einem kleinen Empfänger in die Nähe des Autoschlüssels – die andere Person muss mit einem kleinen Sender in der Nähe der Autotür stehen. So werden die Signale mehr als 100 Meter ‹verlängert› und das Auto lässt sich öffnen und starten. Beim Test zeigte sich, dass die Überbrückung der Signale auch dann noch funktioniert, wenn die Person mit dem Empfänger mehr als 100 Meter vom Schlüssel entfernt war.»

Schwizer erklärt: «Um nächtliche Diebstähle zumindest vor dem eigenen Haus zu vermeiden, kann man versuchen, den Schlüssel in eine Blechdose einzulegen. Vorher sollte man aber noch testen, ob die Dose wirklich abschirmt.» Technische Abhilfe gebe es inzwischen unter anderem bei den 2018er-Modellen von Range Rover, Range Rover Sport und Jaguar E-Pace. «Beim neuen Land Rover Discovery funktioniert das Autoknacken per Funkverlängerung nicht mehr. Grund dafür ist die Verwendung eines Funkmoduls, das mit Ultrawideband arbeitet», erklärt Schwizer. «Das dabei genutzte Verfahren ermöglicht es, die Laufzeit der Funksignale – und damit die Entfernung des Schlüssels zum Auto – genau zu ermitteln. Dadurch funktionieren Funkbrücken nicht mehr.»

So schnell können Diebe ein Auto aufbrechen.

(qll)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mirko am 29.01.2019 11:47 Report Diesen Beitrag melden

    Eine Sauerei

    eigentlich ein Skandal. Aber das ist man ja mittlerweile gewöhnt von den Autoherstellern.

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  • P.T. am 29.01.2019 11:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tja

    Tja die moderne Technik.

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  • fintehausi am 29.01.2019 11:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kritik einseitig

    Klar sollte die Autoindustrie das Problem angehen. Anderseits sollte aber Diebstahl härter bestraft werden. Zwischen den Zeilen im Artikel steht, dass das unsichere System die Erlaubnis ist, sich von fremdem Eigentum zu bereichern.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dr Waggis am 29.01.2019 20:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Omnia mego portum

    Also uns wurde noch beigebracht, dass ein Auto kein Tresor ist und man deshalb Wertsachen besser nicht da drin lassen sollte.

  • Andy K. am 29.01.2019 20:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Lösung ist so einfach.

    Wieso noch kein Hersteller auf die Idee gekommen ist, einfach einen Ein/Aus Schalter am Schlüssel zu montieren, ist mir bis heute ein Rätsel.

  • Thildy H. am 29.01.2019 20:27 Report Diesen Beitrag melden

    Was ich aus dem Artikel gelernt habe ist

    dass auffällig viele Mercedes Fahrer Amateur Fotografen sind und oft wertvolle Fotausrüstungen mit sich führen. Die potenziellen Einbrecher haben das jetzt sicher auch gemerkt. Es ist also damit zu rechnen, dass diese Delikte nun erheblich zunehmen.

  • Roger am 29.01.2019 20:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tresor

    Das auto ist kein tresor. Mann weis das nann im auto nichts lagert was wert hat sondern das immer mitnimmt. Sonst ust mann selber schuld.

  • Polen Schlüssel am 29.01.2019 20:23 Report Diesen Beitrag melden

    Selbst schuld!

    Ein Auto ist kein Safe! Wenn jemand was stehlen will dann wird zur Not einfach eine Scheibe eingeschlagen. Dazu brauchts kein Keyless. Aber klar, erstmal die Schuld natürlich bei anderen suchen oder bei der Technik, ist der Trend der Zeit...